Der letzte Drehwähler: Wie das System 55 die deutsche Telefonwelt eroberte – und warum es verschwand

von DerSchneider


Einleitung: Das Rasseln der Technikgeschichte

Wer heute einen Telefonhörer abhebt, hört Stille – oder einen digitalen Freiton. Vor vierzig Jahren war das anders. Da raschelte und klapperte es in der Leitung, ein rhythmisches Geräusch, das die meisten nicht zuordnen konnten: Es waren die Drehwähler in den Vermittlungsstellen, die sich auf die Suche nach dem gewünschten Gesprächspartner machten. Die Rede ist vom System 55, dem letzten großen elektromechanischen Wählsystem der Deutschen Bundespost.

Von 1955 bis weit in die 1980er Jahre war es das Rückgrat der Telefonkommunikation in der Bundesrepublik. Mit seiner Einführung begann das Zeitalter des Selbstwählferndienstes, erstmals konnte man ohne Vermittlerin quer durch die Republik telefonieren. Heute ist das System 55 ein Fall für die Technikarchäologie – eine weitgehend vergessene Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst, die in Museen und auf wenigen Dachböden überdauert. Dieser Artikel zeichnet ihre Geschichte nach, erklärt ihre Funktionsweise und fragt nach ihrem Erbe.


Vom Hebdrehwähler zum Motorwähler: Eine technische Revolution

Die Strowger-Ära

Die Geschichte des automatischen Telefonierens beginnt 1889 in einem Bestattungsinstitut in Kansas City. Der Erfinder Almon Strowger entwickelte den ersten Hebdrehwähler (auch Stangendrehwähler genannt), nachdem er glaubte, der Ehemann einer örtlichen Telefonistin würde ihm gezielt Anrufe vorenthalten . Das Prinzip war ebenso einfach wie genial: Ein Schaltarm hob sich durch einen Elektromagneten an, drehte sich in Schritten und fiel dann auf eine Kontaktbahn.

1901 erwarb die Deutsche Reichspost die Rechte an Strowgers Patenten, 1907 übernahm Siemens & Halske die Produktion für den deutschen Markt . Über Jahrzehnte prägten diese Hebdrehwähler die Vermittlungsstellen – in der Bundesrepublik wie in der DDR, wo sie bis kurz nach der Wende in Betrieb blieben .

Die Schwächen des Hebdrehwählers

Doch das Strowger-Prinzip hatte Nachteile. Die ruckartige Bewegung erzeugte starke Erschütterungen, der Verschleiß durch schleifende Kontakte war hoch. Vor allem aber wurde die Technik dem wachsenden Telefonverkehr der Nachkriegszeit nicht mehr gerecht. Die Schaltgeschwindigkeit war begrenzt, die Geräuschentwicklung erheblich.

Das System 55 brachte den entscheidenden Fortschritt: den EMD-Wähler (Edelmetallkontakt-Motor-Drehwähler) . Die Zahl „55“ stand für das Entwicklungsjahr 1955, das „v“ in der späteren Variante System 55v für „vereinfacht“ . Die Bundespost entschied sich für dieses System als Einheitstechnik – ein mutiger Schritt, der die Logistik vereinfachte und die Wartung standardisierte .


Technische Analyse: Wie der EMD-Wähler funktionierte

Der Motor macht den Unterschied

Der Kern des Fortschritts war der Antrieb. Statt eines ruckartigen Hebels setzte der EMD-Wähler auf einen schnell laufenden Gleichstrommotor. Der Schaltarmsatz wurde in Schritten – bis zu 170 Schritte pro Sekunde – über die Kontaktlamellen bewegt .

MerkmalHebdrehwähler (Strowger)EMD-Wähler (System 55)
AntriebElektromagnet, ruckartigGleichstrommotor, kontinuierlich
KontaktgabeSchleifend während BewegungErst nach Stillstand
KontaktmaterialMetall (hoher Verschleiß)Edelmetalle (Platin, Neusilber)
SchaltgeschwindigkeitLangsamBis 170 Schritte/Sekunde
GeräuschentwicklungHochGeringer
GesprächsgüteMittelHoch 

Die aufsetzende Kontaktgabe

Die eigentliche Meisterleistung war die „aufsetzende Kontaktgabe“. Der Schaltarm wurde erst nach dem Eindrehen auf die Zielposition durch einen Magneten an die Kontaktbahn gedrückt . Das hatte zwei Vorteile: Zum einen gab es kein ständiges Schleifen, was den Verschleiß drastisch reduzierte. Zum anderen waren die Kontakte aus Edelmetall (daher der Name), was für eine hervorragende Leitfähigkeit und Korrosionsbeständigkeit sorgte .

Die Folge war ein System, das mit hoher Gesprächsgüte und relativ geringem Betriebspegel arbeitete . Für die Telefonkunden bedeutete das: klarere Verbindungen und weniger Störungen.

Vier Wahlstufen zum Ziel

Ein Telefonat im System 55 durchlief mehrere Wahlstufen – vergleichbar mit den Hierarchien eines Verwaltungsapparats :

  1. Anrufsucher (AS): Der Teilnehmer hob den Hörer ab. Ein freier Anrufsucher „suchte“ sofort seine Leitung, legte den Wählton an und verband ihn mit dem ersten Gruppenwähler .
  2. 1. Gruppenwähler (GW): Dieser analysierte die erste gewählte Ziffer.
  3. 2. Gruppenwähler: Verarbeitete die zweite Ziffer.
  4. Leitungswähler (LW): Anhand der letzten Ziffern stellte er die Verbindung zum gewünschten Teilnehmer her .

Für Ferngespräche kamen weitere Wählerebenen hinzu: Richtungswähler (RW) und Zentralvermittlungsstellen-Gruppenwähler (ZGW) .

Bauformen und Varianten

Das System 55 gab es in verschiedenen Bauformen. Neben den großen Gestellreihen in zentralen Vermittlungsstellen entwickelte man die „kleine Bauweise 57“ (KleinVst 57v) . Diese kompakten Anlagen wurden in ländlichen Ortschaften eingesetzt, oft in privaten Wohnhäusern untergebracht, wo sich der Bau einer eigenen Vermittlungsstelle nicht lohnte .

Die fahrbaren Vermittlungsstellen der Bundespost waren ein weiterer Höhepunkt dieser Technik: Anhänger mit vollwertigen EMD-Vermittlungssystemen für 1200 Teilnehmer, die dort aufgebaut wurden, wo ein Mangel an Anschlüssen herrschte – etwa nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern .


Historischer Kontext: Warum das System 55 ein Meilenstein war

Der Selbstwählferndienst

Die Einführung des Systems 55 fiel in eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Bedarf an Telefonanschlüssen explodierte, das alte System stieß an seine Grenzen. Mit der neuen Technik wurde der Selbstwählferndienst erstmals flächendeckend möglich: Man konnte ohne Vermittlerin direkt in andere Städte telefonieren.

Das mag selbstverständlich klingen, war aber eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung. Die Telefonistinnen – ein klassischer Frauenberuf der Nachkriegszeit – verloren nach und nach ihre zentrale Rolle . Die Technik übernahm, was früher menschliche Arbeit war.

Die Hersteller

Das System 55 war ein Gemeinschaftswerk der großen deutschen Telekommunikationsfirmen. Siemens & Halske entwickelte den EMD-Wähler nach Vorgaben der Bundespost Standard Elektrik Lorenz (SEL) aus Stuttgart war ein weiterer Hauptproduzent . Auch DeTeWe (Deutsche Telephonwerke und Kabelindustrie AG) fertigte Komponenten für das System .

Die Produktion erstreckte sich von 1955 bis in die 1970er Jahre, die Anlagen wurden bis in die 1990er Jahre gewartet .

Langlebigkeit

Das System 55 war ein Paradebeispiel für Langlebigkeit in der Technikgeschichte. Ein einmal aufgebautes Gestell lief oft über 30 Jahre. Die Wartung war aufwendig – Monteure mussten die Wähler regelmäßig justieren, Kontakte reinigen, verschlissene Teile austauschen . Aber die robuste Konstruktion zahlte sich aus: Selbst als in den 1980er Jahren die Digitalisierung Einzug hielt, liefen die EMD-Anlagen vielerorts noch parallel weiter .


Der Niedergang: Warum die Digitalisierung das System 55 überflüssig machte

Die Grenzen der elektromechanischen Technik

So ausgereift das System 55 auch war – es hatte physikalische Grenzen. Jeder Wähler war ein mechanisches Bauteil mit beweglichen Teilen, die sich abnutzten. Die Schaltgeschwindigkeit war begrenzt, die Anzahl der gleichzeitig möglichen Verbindungen durch die Zahl der vorhandenen Wähler beschränkt. Und das alles bei einem enormen Platzbedarf: Eine Vermittlungsstelle für wenige tausend Teilnehmer füllte ganze Räume .

Das digitale Zeitalter

Mitte der 1980er Jahre begann die Bundespost mit der Einführung digitaler Vermittlungssysteme. Die neuen Systeme – bei der Deutschen Bundespost war es das EWSD (Elektronisches Wählsystem Digital) von Siemens – arbeiteten mit Computern, nicht mit Mechanik . Ein digitaler Vermittler konnte Tausende Verbindungen gleichzeitig herstellen, war winzig im Vergleich zu einem EMD-Gestell und praktisch wartungsfrei.

Parallel setzte sich auch das ISDN (Integrated Services Digital Network) durch, das Sprache, Daten und Fax über eine Leitung bündelte – etwas, wofür das analoge System 55 völlig ungeeignet war.

Das Ende einer Ära

Die letzten System-55-Anlagen wurden in den 1990er Jahren außer Betrieb genommen . Einige wenige liefen als Reservesysteme noch bis kurz nach der Jahrtausendwende. Dann war Schluss: Die Ära der elektromechanischen Vermittlungstechnik, die mit Strowger 1889 begonnen hatte, war nach über 100 Jahren zu Ende.


Vermächtnis: Was bleibt vom System 55?

In Museen

Heute ist das System 55 eine Rarität. Größere Bestände finden sich im Fernmeldemuseum Dresden, im Industriemuseum Region Teltow und in der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation . Dort sind die Gestellreihen mit ihren charakteristischen grauen Rahmen und den silbrig glänzenden Wählern zu sehen – oft funktionstüchtig und bei Vorführungen in Betrieb.

Bei Sammlern

Auch private Sammler haben sich der Technik angenommen. Auf Plattformen wie LinkedIn tauchen immer wieder Beiträge auf, in denen ehemalige Fernmeldetechniker ihre Erinnerungen teilen – oder ihre Schätze aus dem Dachboden holen . Ein Anrufsucher hier, ein Gruppenwähler dort. Für die einen ist es Nostalgie, für andere ein Stück Industriegeschichte, das bewahrt werden muss.

Ein Lehrstück für die Technikentwicklung

Das System 55 ist mehr als eine Kuriosität. Es ist ein Lehrstück für Technikgeschichte: Wie eine ausgereifte, perfektionierte Technologie durch eine neue, überlegene abgelöst wird – nicht weil sie schlecht war, sondern weil sie an ihre Grenzen stieß. Die Ingenieure des Systems 55 hatten das Beste aus dem Möglichen gemacht. Aber das Mögliche wurde durch die Digitalisierung neu definiert.

In einer Zeit, in der wir über Künstliche Intelligenz und Quantencomputer diskutieren, lohnt der Blick auf die Technik von gestern. Sie zeigt, wie schnell sich die Grundlagen verschieben – und wie vergänglich auch die größten Errungenschaften sein können.


Fazit: Die Technik stirbt, das Prinzip lebt

Der EMD-Wähler ist tot. Kein aktives Telefonnetz nutzt ihn mehr. Die Gestelle sind abgebaut, die Edelmetallkontakte recycelt oder verstauben in Museen. Aber das Prinzip, das ihn auszeichnete – Effizienz durch Spezialisierung, Robustheit durch durchdachte Mechanik, Standardisierung im großen Stil – lebt weiter. Die digitalen Systeme, die ihn ersetzten, verdanken ihm mehr, als ihnen bewusst ist.

Wer heute das Klacken einer Wählscheibe hört – in einem alten Film, einem Museum oder bei einem Sammler –, hört ein Stück deutscher Technikgeschichte. Das System 55 war die letzte Blüte der elektromechanischen Telefonie. Es war laut, klobig, wartungsintensiv – und eine Meisterleistung seiner Zeit.


Quellen

  1. Fernmeldemuseum Dresden: „Vermittlungssystem EMD 55v“, museum-digital:sachsen, 2023. 
  2. Industriemuseum Region Teltow: „Vermittlungstechnik – Drehwähler“, museum-digital:brandenburg, 2025. 
  3. Museumsstiftung Post und Telekommunikation: „Vermittlungssystem KleinVst 57v, Wählsystem 55 EMD“, Online-Sammlung. 
  4. Museumsstiftung Post und Telekommunikation: „Anhänger einer fahrbaren Vermittlungsstelle des Fernmeldedienstes der Deutschen Bundespost“, Online-Sammlung, 1966. 
  5. Fernmeldemuseum Aachen: „EMD-Vermittlung (Ortsvermittlungstechnik II)“, 2005. 
  6. Karsten Diedrichsen: Beitrag zu EMD-Wähler / System 55V, LinkedIn, Juni 2024. 

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