Der Mann, der den Computer lächelnd machte
Der Geruch von Lötzinn in Cupertino
Cupertino, Kalifornien, irgendwann im Sommer 1975. In einer Garage in der Crist Drive, die eigentlich nur ein Abstellraum für Rasenmäher war, sitzt ein stämmiger Mann mit Brille über einer Platine. Es riecht nach Kolophonium und heißen Drähten. Um ihn herum: Oszilloskope, Spulen mit Lötzinn, leere Flaschen von Cramer’s Cream Soda. Der Mann heißt Steve, aber alle nennen ihn Woz. Neben ihm flimmert ein Röhrenfernseher, an den er gerade eine selbstgebaute Tastatur angeschlossen hat. Er tippt ein paar Zeichen. Auf dem Bildschirm erscheinen Buchstaben. Keine grünen Leuchtdioden, keine Kippschalter, keine Lochstreifen – einfach Buchstaben, direkt auf dem Schirm.
Für uns heute eine Selbstverständlichkeit. Für 1975 eine Revolution. Woz lehnt sich zurück und grinst. Er hat gerade den ersten Computer gebaut, der sich wie ein Werkzeug anfühlt, nicht wie ein Schaltkasten. Und er hat keine Ahnung, dass er damit die Welt verändern wird. Es geht ihm nicht ums Geld. Es geht ihm um das Grinsen.
Der Mensch – Der Junge, der wissen wollte, wie der Blitz funktioniert
Stephen Gary Wozniak, Jahrgang 1950, wächst in Sunnyvale auf, mitten in dem, was später einmal das Silicon Valley heißen wird. Sein Vater Jerry ist Ingenieur bei Lockheed, Raketen, Elektronik, harte Schule. Schon als kleiner Junge sitzt Woz am Küchentisch und kriegt von seinem Vater nicht einfach Antworten, sondern Fragen: „Wie funktioniert ein Transistor, Steve? Zeig’s mir.“ Also kramt er in Büchern, bis er es versteht. Mit elf baut er seine eigene Amateurfunkstation, mit dreizehn kriegt er die Lizenz. Er ist der Jüngste im ganzen County .
Doch Woz ist nicht nur der stille Nerd. Er ist ein Schelm. Er baut einen elektronischen Metronom in den Schulflur, der wie eine tickende Bombe klingt, bis der Rektor schweißgebadet das Gebäude räumt. Er konstruiert einen TV-Störsender, mit dem er seine Kommilitonen im Wohnheim zur Verzweiflung treibt, weil immer dann, wenn sie den Empfang einstellen wollen, das Bild verschwindet . Technik ist für ihn Spiel, und Spiel ist ernst. Diese Mischung – die Disziplin des Ingenieurssohns und die Lust an der Provokation – das ist der Kern seiner Genialität. Er nimmt die Dinge auseinander, nicht um sie zu zerstören, sondern um zu sehen, ob er sie besser, kleiner, eleganter wieder zusammensetzen kann.
Das Problem – Der Altair ist ein Schrank, kein Freund
Als Mitte der Siebziger der Altair 8800 auf den Markt kommt, ist die Aufregung im Homebrew Computer Club groß. Endlich ein Computer für den Mann im Keller! Aber Woz ist enttäuscht. Der Altair ist ein Kasten mit Lämpchen und Kippschaltern. Um ein Programm einzugeben, musst du Binärcode in den Speicher kippen, Byte für Byte, Schalter für Schalter. Das Ergebnis siehst du an einer Reihe von Lämpchen. Kein Bildschirm, keine Tastatur, kein Mensch-Maschine-Dialog. „Das ist doch kein persönlicher Computer“, denkt Woz. „Das ist ein Industrieregal für zu Hause.“
Das eigentliche Problem war nicht, eine CPU zu kaufen und ein paar LEDs anzustecken. Das Problem war: Wie kriege ich das Ding dazu, mit mir zu sprechen? Wie kriege ich Buchstaben auf einen Bildschirm, ohne einen Fernschreiber für tausend Dollar kaufen zu müssen? Die damaligen Mikrocomputer hatten dafür keine Grafik. Sie waren für Rechnen gebaut, nicht für Kommunikation. Woz aber hatte eine fixe Idee: Ein Computer muss sich an den Menschen anpassen, nicht der Mensch an den Computer. Er muss eine Tastatur haben. Er muss ein Bild haben. Er muss so einfach sein wie ein Toaster – nur viel cleverer.
Der Bau – Die Kunst des Weglassens
Woz ging das Problem an wie ein Puzzle. Er hatte kein Geld. Also musste er mit wenigen Teilen viel erreichen. Im Homebrew Computer Club sah er Datenblätter, traf Leute, schnappte Ideen auf. Er entschied sich für den neuen MOS 6502-Prozessor, der 25 Dollar kostete – ein Bruchteil des Intel- oder Motorola-Pendants. Und dann begann das eigentliche Meisterstück .
Die meisten Computer dieser Zeit nutzten für jede Aufgabe eine eigene Schaltung: Eine Platine für die CPU, eine für den Speicher, eine für die Videoausgabe. Woz fragte sich: Warum? Er studierte die Datenblätter, bis er jede Leitung, jeden Takt, jedes Timing im Kopf hatte. Und dann gelang ihm ein Coup: Er nutzte die Tatsache, dass der Speicher (Dynamic RAM) ständig aufgefrischt werden muss, sonst vergisst er. Dieses „Auffrischen“ frisst normalerweise Rechenzeit und braucht extra Logik. Woz aber synchronisierte die Auffrischung des Speichers mit der Erzeugung des Videosignals. Der Speicher wurde genau dann aktualisiert, wenn der Elektronenstrahl im Fernseher den Bildschirm neu aufbaute. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Kein Extra-Chip für die Speicherverwaltung nötig .
Gleichzeitig entwickelte er eine clevere Schaltung, um Zeichen auf den Bildschirm zu bringen, ohne einen teuren fertigen Zeichengenerator zu kaufen. Alles, was der Apple I brauchte, passte auf eine einzige Platine. Kein Bündel von Kabeln zwischen verschiedenen Boards, keine sperrigen Gehäuse. Eine Platine, die alle Funktionen vereinte: Prozessor, Speicher, Video, Tastaturanschluss .
Das Herzstück – Die Demokratie des Siliziums
Das Herzstück des Apple I war nicht der Prozessor. Das Herzstück war die Idee, dass der Computer offen ist. Dass er nicht im Gehäuse verschwindet, sondern als Platine sichtbar bleibt. Dass der Besitzer sehen kann, wo die Signale langlaufen. Dass er selber löten, erweitern, verstehen kann.
Woz baute keine Verschwörungstheorie in sein Design, aber eine tiefe Überzeugung: Ein Computer muss hackbar sein. Im Sinne von: Du musst ihn aufschrauben können. Er legte die Busleitung offen, sodass man Erweiterungskarten einstecken konnte, lange bevor IBM das zum Standard machte. Der Apple I hatte acht Steckplätze. Woz bestand darauf, auch beim späteren Apple II – sehr zum Ärger von Steve Jobs, der das Gerät lieber geschlossen und „sauber“ haben wollte. „Weniger Steckplätze wären billiger“, argumentierte Jobs. „Aber nicht besser“, konterte Woz. Der Ingenieur siegte über den Kaufmann .
Der Clou: Während der Altair-Besitzer sein Programm noch mit Schaltern eintippte, tippte der Apple-I-Besitzer auf einer richtigen Schreibmaschinentastatur und sah das Ergebnis sofort auf seinem Fernseher. Die Basic-Programmiersprache war im ROM gespeichert. Einschalten, tippen, loslegen. Das war das erste Mal, dass ein Computer nicht nach Rechenzentrum roch, sondern nach Werkbank.
Das Ende – Triumph, Tragödie und ein Flugzeugabsturz
Der Apple I wurde ein bescheidener Erfolg. Etwa 200 Stück wurden verkauft, zusammengelötet von Woz selbst, finanziert durch den Verkauf seines Taschenrechners HP-65 und Jobs‘ VW-Bus . Aber erst der Apple II, den Woz komplett neu entwickelte und der Farbe, Grafik und Sound mitbrachte, wurde der Kassenschlager. Er war der Computer, der Apple groß machte. Und er war der letzte Computer der Geschichte, der im Kern von einem einzigen Menschen entworfen wurde – von Woz .
Doch der Triumph hatte einen Preis. 1981 stürzte Woz mit seinem Privatflugzeug ab. Die Folgen waren schwer: Er verlor sein Gedächtnis für Wochen, wusste nicht mehr, wer er war, wer ihn im Krankenhaus besuchte. Langsam kämpfte er sich zurück, aber die Zeit bei Apple war danach nie mehr dieselbe . Er heiratete, verließ Apple, gründete Firmen für Universalfernbedienungen (weil er es hasste, drei Fernbedienungen auf dem Tisch liegen zu haben), wurde Lehrer – er unterrichtete jahrelang Fünftklässler in Computerkunde, ohne dass die Kinder wussten, wer da vor ihnen stand. Das war ihm wichtiger als jeder Börsengang .
Epilog – Was bleibt?
Was bleibt von Steve Wozniak? Nicht das Vermögen (er hat vieles verschenkt, an Museen, an Schulen, an gute Zwecke) . Nicht die Macht (er hat nie welche angestrebt). Was bleibt, ist eine Haltung.
Als er gefragt wurde, warum er nie so reich geworden sei wie Bill Gates oder sein alter Kumpel Steve Jobs, antwortete Woz mit einem Satz, der in jedes Ingenieursherz eingraviert gehört: „Ich wollte nie Präsident eines großen Konzerns sein. Ich wollte Ingenieur sein. Im Labor sitzen und die nächste geniale Schaltung bauen. Das ist mein Leben. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, denn ich habe immer das getan, was ich liebe.“
Woz hat uns gezeigt, dass Technik nicht aus dem Marketing entspringt. Sie entspringt der Neugier. Aus der Frage eines Zehnjährigen: „Papa, wie funktioniert das?“ Sie entspringt dem Drang, Dinge zu vereinfachen, nicht zu verkomplizieren. Der Apple I war keine Verkaufsstrategie. Er war eine Liebeserklärung an die Elektronik.
Heute, wo wir Computer in der Hand halten, die tausendmal mächtiger sind als Woz‘ erster Entwurf, aber oft so verschlossen wie eine Konservendose, ist sein Vermächtnis aktueller denn je. Er erinnert uns daran, dass die beste Schnittstelle nicht die mit den meisten Pixeln ist. Die beste Schnittstelle ist die, die uns einlädt, sie zu verstehen. Die den Schraubenzieher nicht wegsperrt, sondern danebenlegt.
Woz würde heute wohl sagen: „Kauft euch ein Lötkolben. Baut was. Nicht, weil es praktisch ist. Sondern weil es glücklich macht.“
Die Quellen dieser Geschichte liegen verstreut: in den Archiven des Homebrew Computer Club, in der Autobiografie „iWoz“, die sich liest, als würde der Nachbar von früher erzählen, und in alten Ausgaben der „Byte“-Magazine, in denen Woz noch als „The Wizard“ gefeiert wurde. Und natürlich in den Patenten. Die zeichnen die Linien nach – die Linien eines Mannes, der aus Silizium Poesie machte.
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