Der Mann, der die Käseglocke baute
Edwin Koenemann und das Rundhaus am Weyerberg
1. Der Prolog – Eine Kuppel im Wald
Worpswede 1926. Ein Waldstück am Weyerberg, irgendwo zwischen den Birken und Kiefern, die nach Regen riechen und nach Moor. Ein Mann steht auf einer Lichtung und betrachtet ein Gerippe aus Holz. Es biegt sich, rund wie eine aufgespannte Halbkugel, fremd in dieser Landschaft aus roten Backsteinhöfen und reetgedeckten Katen. Die Nachbarn, die Künstler vom Barkenhoff, die Malerinnen und Töpfer, sie nennen es längst hinter vorgehaltener Hand das „Iglu“, den „lächerlichen Bienenkorb“ . Aber der Mann, Edwin Koenemann, hört nur das Knarzen der Bohlen, die sich unter seinem Gewicht fügen, und denkt: Das wird mein Zuhause. Dass dieser Bau einmal als eines der wichtigsten expressionistischen Baudenkmäler Norddeutschlands gelten würde – und dass er es nicht selbst erfunden hat –, das ahnt an diesem Morgen niemand. Nicht einmal der Architekt, der in Berlin gerade an seinen Siedlungen zeichnet, hat eine Ahnung, dass sein Entwurf hier, tausend Kilometer entfernt, plötzlich Fleisch wird.
2. Der Mensch – Der ewige Außenseiter
Wer baut so ein Haus? Kein reicher Bauherr, kein etablierter Architekt. Sondern ein Gescheiterter. Edwin Koenemann, Jahrgang 1883, kommt aus Bonn, aus einer Textilfabrikantenfamilie. Er soll Ingenieur werden, studiert in Ilmenau, macht eine Kaufmannsausbildung in Bremen. Aber dann passiert etwas, das ihn aus der Bahn wirft: 1903 ein Sportunfall, doppelter Schädelbruch. Die Ärzte trepanieren, bohren ein Loch in seinen Schädel – eine Tortur, von der er sich nie ganz erholt . Die Malerei zieht ihn an, die Literatur. Er schreibt Gedichte, seitenlang, manchmal gut, oft zu viel.
1908 zieht er nach Worpswede, dem Sehnsuchtsort der Künstler. Aber das Talent zum Maler? Fehlanzeige. Er nimmt Unterricht bei Georg Tappert, aber es reicht nicht . Er wird Gebrauchsgrafiker, entwirft Werbung für ein Bremer Kaufhaus. Dann kommt der Krieg, die Musterung, die ihn für untauglich erklärt – und die Jahre in Heilanstalten. Koenemann ist der Mann, der immer danebensteht. Kein richtiger Künstler, aber auch kein Bürger. Er lebt in einer einfachen Waldhütte, die er 1915 gekauft hat, führt Touristen durchs Teufelsmoor und erzählt ihnen Geschichten über die großen Maler. Die Künstlerkolonie spottet: „Der Moorläufer“ nennen sie ihn . Er ist der erste Gästeführer Worpswedes – aber eben nicht einer von ihnen.
Und dann ist da noch die Liebe. Frieda Rogge, seine erste Frau, zerbricht an der Enge, landet in der Psychiatrie, die Ehe wird geschieden. Dann Grete Barleben, die zu ihm zieht, aber die beiden haben kaum Geld. Koenemann verkauft ihr sogar sein eigenes Grundstück, um an die staatliche Unterstützung zu kommen . Zwei Außenseiter, die in einer morschen Holzhütte hausen. Und die sich doch etwas Eigenes schaffen wollen. Ein Haus. Ein Zuhause. Einen Ort, der zeigt: Wir sind da.
3. Das Problem – Kein Geld, aber ein Traum
Das Problem ist simpel: Koenemann hat kein Geld. Und trotzdem will er bauen. Nicht irgendeinen Kasten mit Satteldach, wie sie überall stehen. Sondern etwas, das aus der Reihe tanzt. Etwas, das zu ihm passt – oder zu dem Bild, das er von sich haben will.
1925 blättert er in einer Zeitschrift. Sie heißt „Frühlicht“, herausgegeben von einem gewissen Bruno Taut, einem Berliner Architekten, der von Glas und Stahl träumt, von farbigen Siedlungen und expressionistischen Fantasien. In diesem Heft findet Koenemann eine Zeichnung: ein Rundhaus, Kuppelform, einfach in der Konstruktion, radikal in der Form. Taut hatte es 1921 für eine Ausstellung in Magdeburg entworfen, aber gebaut wurde es nie. Zu gewagt, zu seltsam, zu teuer für die Stadt . Aber für Koenemann ist es die Lösung. Taut schreibt dazu: „Die runde Form spart Außenwand und damit Geld. Sie vermeidet dunkle Ecken. Sie gibt Geborgenheit.“
Das ist es. Koenemann erkennt seine Chance. Er nimmt die Zeichnungen, so grob sie sind, und macht sich an die Arbeit. Wer fragt schon nach dem Urheber, wenn der Traum greifbar nah ist?
4. Der Bau – Aus der Not geboren
Im Januar 1926 beginnen die Arbeiten. Vier Monate später, im Mai, steht das Haus . Unglaublich schnell. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, warum.
Das Fundament ist Beton, aber der Rest? Holz, soweit das Auge reicht. Ein Gerüst aus gebogenen Bohlen, die sich zu einer Kuppel fügen. Die Außenhaut: keine Ziegel, kein Putz, sondern geteerte Pappe. Später wird es Dachpappe sein, die Koenemann sich irgendwie besorgt . Die Dämmung: Sand, einfach in die Hohlräume gefüllt – billig, aber schwer und klitschig, wenn Feuchtigkeit reinkommt . Die Fenster? Nicht rechteckig wie bei Taut, sondern dreieckig, weil das leichter in die Rundung passt .
Das Haus hat zehn Meter Durchmesser, 132 Quadratmeter Fläche auf zwei Etagen . In der Mitte ein gemauerter Schornstein, der die ganze Konstruktion zusammenhält. Um ihn herum windet sich eine Treppe wie ein Schneckenhaus. Jeder Winkel wird ausgenutzt. Nischen werden zu Regalen, Schiebetüren trennen die Räume, die Küche kriegt ihr Wasser über eine Zisterne – Regenwasser, versteht sich, gesammelt von der runden Kuppel .
Es ist nicht luxuriös. Es ist nicht einmal solide im heutigen Sinne. Es ist gebaut von einem Mann, der keine Ahnung vom Zimmererhandwerk hat, aber einen guten Handwerker fand, der die Tautschen Pläne lesen konnte . Es ist gebaut aus Verzweiflung und Trotz.
Und es hat Seele. Der Ofen im Erdgeschoss ist das Herzstück. Koenemann baut ihn aus Fehlbränden, aus Klinkern, die die Ziegeleien kostenlos abgeben, weil sie verzogen oder gesprungen sind. Er setzt sie zu einem expressionistischen Monstrum zusammen, mit Nischen: auf der einen Seite Platz für die Füße des Mannes im Schaukelstuhl, auf der anderen eine Nische für die Katze . Wer so einen Ofen baut, der liebt sein Haus.
5. Das Herzstück – Die geklauten Linien
Das Geniale an der Käseglocke ist nicht die Erfindung. Die Erfindung stammt von Bruno Taut. Das Geniale ist die Aneignung.
Tauts Entwurf war eine Utopie. Ein Ideal. Ein Gedankenspiel für eine Zeitschrift. Koenemann macht daraus Wirklichkeit. Und dabei verändert er es. Taut hatte in seiner Zeichnung eine Art „Wohnmaschine“ entworfen, fließende Räume, flexible Grundrisse, die Wände sollten sich auflösen . Koenemann baut das Gegenteil: Er teilt, er grenzt ab, er schafft zwölf kleine Kammern, jedes Eckchen wird Raum . Aus der Utopie wird ein Puzzle aus Nischen und Winkeln.
Der Grundriss, den Koenemann realisiert, ist nicht der von Taut. Er ist pragmatischer. Im Erdgeschoss: Wohnzimmer am Ofen, Schlafzimmer daneben, eine winzige Toilette, eine Küche. Oben: Atelier, Gästekammer, Abstellraum. Alles fügt sich in den Kreis, aber es ist nicht Tauts Vision von der schwebenden Leichtigkeit. Es ist Koenemanns Notwendigkeit.
Und genau das macht es so besonders. Die Käseglocke ist kein reiner Taut. Sie ist Taut gefiltert durch Koenemann. Durch einen Mann, der nicht zeichnen, aber träumen konnte. Der nicht bauen, aber anpacken konnte.
6. Das Ende – Der Schwindel fliegt auf
Koenemann lebt in seinem Haus. Er zeigt es Besuchern, verlangt Eintritt, sammelt kunstgewerbliche Stücke, füllt die Regale mit Keramik und Skurrilitäten . Er nennt es „Glockenhaus“, aber die Worpsweder sagen weiterhin Käseglocke. Es bleibt ein Spottname.
Irgendwann Ende der zwanziger Jahre kommt Bruno Taut selbst nach Worpswede. Er besucht den Gartengestalter Leberecht Migge, der direkt neben Koenemann wohnt. Er muss das Haus gesehen haben. Er muss gewusst haben: Das ist mein Entwurf. Aber er sagt nichts. Kein Brief, keine Klage, keine Notiz. Vielleicht lächelt er nur. Vielleicht freut er sich, dass seine Utopie endlich gebaut wurde – wenn auch von einem Plagiator .
Koenemann schweigt auch. Er gibt sich zeit seines Lebens als der Erfinder. Er stirbt 1960, ein Außenseiter bis zuletzt. Seine dritte Frau Editha, die er spät heiratet und die etwas Geld mitbringt, wohnt bis 1992 allein in der Kuppel .
Und dann, in den achtziger Jahren, findet ein Kunsthistoriker die alten „Frühlicht“-Hefte. Und plötzlich ist klar: Die Käseglocke ist ein Taut. Ein gebauter Taut. Der einzige dieser Art .
Die „Freunde Worpswedes“ kaufen das baufällige Haus 1994 für 150.000 Mark aus dem Nachlass . Sie sanieren es sechs Jahre lang. Die alte Dachpappe wird ersetzt durch grüne Bitumenbahnen, die extra aus Kanada kommen müssen . Der Sand in den Wänden wird durch Blähton ersetzt. Die Farben werden freigelegt, die Türgriffe rekonstruiert. 2001 öffnet die Käseglocke als Museum .
7. Der Epilog – Was bleibt?
Heute steht sie da, die Käseglocke, mitten im Wald an der Lindenallee. Friedlich, bunt, ein bisschen verrückt. Die Kiefern rauschen, die Wanderer kommen, zahlen Eintritt und staunen über den Ofen mit der Katzennische.
Und was lernen wir daraus? Dass wir unsere Helden oft verwechseln. Dass der Ruhm manchmal den Falschen trifft – und manchmal den Richtigen erst spät. Edwin Koenemann war kein großer Architekt. Er war kein großer Künstler. Aber er war einer, der sich weigerte, aufzugeben. Der aus einer Zeitschrift ein Zuhause baute. Der aus Fehlbränden einen Ofen setzte, der noch heute wärmt.
Die Käseglocke ist ein Denkmal – aber nicht nur für Bruno Taut. Sondern auch für den Moorläufer, den Träumer, den Mann, der im Wald eine Kuppel baute, weil er nirgendwo sonst hineinpasste.
Wenn du heute durch Worpswede läufst, riechst du das Moor, siehst die roten Ziegel – und plötzlich blitzt zwischen den Stämmen diese runde, fremde Form auf. Die Käseglocke. Sie steht noch. Und sie erinnert uns daran, dass die besten Ideen oft die sind, die sich jemand nimmt, weil er sie braucht.
Quellen: Die Spuren dieses Baus finden sich verstreut: in der Zeitschrift „Frühlicht“ von 1921, die Koenemann durch Zufall in die Hände fiel . Im Nachlass, den seine Witwe 1993 dem Verein übergab . In den Sanierungsakten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die über 50.000 Euro zuschoss . Und natürlich im Haus selbst: in jeder Nische, in jedem Winkel, in der Nische für die Katze neben dem Ofen.
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