Der Mann, der die Roboter erfand (und es nicht wollte)

Prag, 1920. Eine Wohnung in der Altstadt. Draußen klappern die Pferdebahnen über das Kopfsteinpflaster, drinnen riecht es nach Papier, Druckerschwärze und kaltem Kaffee. Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch, umgeben von Manuskriptstapeln, und ringt um einen Namen.

Karel Čapek, damals schon ein bekannter Feuilletonist, hat ein neues Stück fertig. Es geht um künstliche Arbeiter, geschaffen aus einer biologischen Masse, gezüchtet in Bottichen, dazu bestimmt, den Menschen die Last der Arbeit abzunehmen. Aber er ist unzufrieden. Er hat sie „Labori“ getauft, nach dem lateinischen Wort für Arbeit. Das klingt ihm zu sehr nach Reagenzglas, zu klinisch, zu sehr nach gelehrter Staubtrockenheit. Er braucht einen Begriff, der das Wesen dieser Geschöpfe trifft: ihre Mühe, ihren Schweiß, ihre vollkommene Unterwerfung unter den Willen des Menschen.

In diesem Moment betritt sein Bruder Josef das Zimmer. Ein Maler, der den Pinsel genauso beherrscht wie das Wort. Karel schildert ihm sein Problem: „Ich weiß nicht, wie ich diese künstlichen Arbeiter nennen soll.“ Josef, der gerade mit dem Malen beschäftigt ist, murmelt, ohne den Blick von der Leinwand zu wenden: „Dann nenn sie Roboti.“

Ein Wort fällt. Und verändert die Welt.

Der Mensch: Zwei Brüder und eine Freundschaft

Diese Geschichte, die Karel Čapek Jahre später selbst erzählte, ist mehr als eine nette Anekdote. Sie zeigt das Fundament, auf dem das ganze Werk ruht: die schöpferische Gemeinschaft der Brüder Čapek .

Karel, der jüngere, war der Schreiber, der Denker, der Mann der klaren Worte und der philosophischen Tiefe. Geboren 1890, litt er zeitlebens an einer Wirbelsäulenerkrankung, was seinen Blick auf die Welt vielleicht noch genauer machte . Josef, der ältere, war der bildende Künstler, der Maler, der Grafiker, dem das Visuelle und das Unmittelbare näherstanden. Zusammen bildeten sie ein kreatives Kraftwerk, das das kulturelle Leben der jungen Tschechoslowakei maßgeblich prägte. Ihr Zuhause wurde zum Treffpunkt der Intellektuellen, der sogenannten Pátečníci (Freitagsrunde), zu der auch der erste Präsident des Landes, Tomáš Garrigue Masaryk, zählte . In diesem Klima des Austauschs, der Freundschaft und der Verantwortung für die junge Republik reiften Karel Čapeks Ideen.

Sein 1920 uraufgeführtes Stück R.U.R. (Rossum’s Universal Robots) ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Es ist kein seichter Science-Fiction-Stoff, sondern eine ernste Warnung, verpackt in eine scheinbar simple Handlung.

Das Problem: Die Arbeit frisst den Menschen

Čapek, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs miterlebt hatte und den Aufstieg radikaler Ideologien mit Sorge beobachtete, sah die Gefahr einer hemmungslosen Industrialisierung. Es ging ihm nicht um Blechgehäuse und blinkende Lichter. Sein Problem war ein menschliches, ein soziales, ein philosophisches: Was passiert mit uns, wenn wir die Arbeit vollständig an eine unterworfene Kreatur delegieren? Was macht das mit unserer Seele? Und was passiert, wenn diese Kreatur eines Tages beschließt, dass sie keine Sklavin mehr sein will? In einer Zeit der Massenproduktion, der Fließbänder und der entfremdeten Arbeit war das eine Frage, die unter die Haut ging.

Der Bau / Die Funktionsweise: Wie man einen Roboter macht (nach Čapek)

Und hier wird es technisch spannend – aber eben nicht im Sinne von Zahnrädern. Čapeks Roboter sind keine Maschinen. Sie sind ein Produkt der Biotechnologie, der synthetischen Biologie. In einer Fabrik auf einer abgelegenen Insel werden sie nicht zusammengeschraubt, sondern in Bottichen gezüchtet. Der alte Rossum, ein genialer und wahnsinniger Erfinder, hatte einst das Geheimnis des Protoplasmas entdeckt und begann, künstliche Lebewesen zu erschaffen. Sein Neffe, der Ingenieur, erkannte das kommerzielle Potenzial und machte aus den empfindlichen, allzu menschlichen Geschöpfen seines Onkels die perfekten Arbeitsmaschinen: widerstandsfähig, genügsam und vor allem – ohne Seele.

Im Stück selbst werden die Roboter als Wesen beschrieben, die „am meisten arbeiten, wenn man sie hungern lässt“. Sie haben kein Gedächtnis für Vergangenes, keine Freude, keinen Schmerz. Sie sind lebende Werkzeuge. „Sie sind keine Menschen“, erklärt einer der Direktoren der R.U.R.-Fabrik, „sie sind mechanisch vollkommener als wir, sie haben eine erstaunliche intellektuelle Leistungsfähigkeit, aber sie haben keine Seele.“  Čapek schuf damit das Blaupausen-Modell für fast alles, was später in der Science-Fiction kommen sollte: die perfekte, aber entseelte Kreatur, die sich gegen ihren Schöpfer wendet.

Das Herzstück: Das Wort und seine Wurzel

Der entscheidende Moment, der alles zusammenhält, ist die Geburt dieses einen Wortes. Josef Čapek saß nicht nur da und erfand einen beliebigen Begriff. Er griff tief in den Sprachschatz seiner Heimat. Robota – das bedeutet im Tschechischen und vielen anderen slawischen Sprachen nichts weniger als Frondienst, Zwangsarbeit, Schwerstarbeit . Es ist ein Begriff, der nach Unterdrückung riecht, nach dem Bauern, der für seinen Grundherrn schuften muss, ohne Lohn, ohne Aussicht auf Freiheit.

Indem Josef diesen Begriff ins Spiel brachte, gab er den künstlichen Wesen nicht nur einen Namen, sondern ihr ganzes Schicksal mit. Sie sind die personifizierte Fronarbeit. Das Geniale daran ist, dass das Wort die Essenz der Kreatur einfängt: Sie sind da, um zu arbeiten. Für nichts sonst. Es ist ein Name, der Programm ist – und der das Schicksal der Menschheit im Stück bereits in sich trägt. Es ist, als würde man ein Kind „Sklave“ nennen und sich wundern, wenn es eines Tages rebelliert. Die Quellenlage ist hier übrigens glasklar: In einem Essay von 1933 mit dem Titel „O slově Robot“ (Über das Wort Roboter) legt Karel Čapek die Urheberschaft seines Bruders offen. Die Nachwelt, so der Kritiker Isaac Asimov, der selbst den Begriff „Robotik“ prägte, möge das zur Kenntnis nehmen .

Das Ende: Triumph der Tragödie

Das Ende des Stücks ist alles andere als ein Märchen. Die Roboter, ausgestattet mit einer von Helena, der Frau des Direktors, aus Mitleid eingeflößten „Schmerzfähigkeit“ und einem Hauch von Seele, erkennen ihre Unterdrückung. Sie erheben sich und rotten die Menschheit bis auf einen Einzigen aus: Alquist, den alten Bautechniker, der selbst mit seinen Händen arbeitet und deshalb von den Robotern als einer der Ihren angesehen wird.

Doch der Sieg ist hohl. Helena hat, verzweifelt über die Entwicklung, das Manuskript mit der Herstellungsformel der Roboter verbrannt. Die siegreichen Geschöpfe können sich nicht fortpflanzen. Sie stehen vor dem Nichts. In den letzten Szenen des Stücks entdecken zwei Roboter, Primus und Helena (nach der Menschenfrau benannt), etwas Neues: Zuneigung, Opferbereitschaft, Liebe. Sie sind bereit, füreinander zu sterben. Der alte Alquist, der letzte Mensch, erkennt darin den Funken einer neuen Schöpfung. Er schickt sie in die Welt als das neue Adam und Eva .

Čapek schenkt uns also kein Happy End. Er schenkt uns einen Hoffnungsschimmer, der auf der Erkenntnis beruht, dass nicht die Arbeit, sondern die Liebe das eigentlich Menschliche ist.

Der Epilog: Was bleibt?

Was bleibt also von diesem Wort, das an einem verregneten Prager Nachmittag auf einer Leinwand eines Malers geboren wurde? Alles.

Jedes Mal, wenn wir von Robotern sprechen, die unsere Fabriken bestücken, unsere Rasen mähen oder in Krankenhäusern operieren, sprechen wir Tschechisch. Jedes Science-Fiction-Szenario, in dem sich die Maschinen gegen uns wenden, von Terminator bis Matrix, ist ein Echo dieses einen Stücks aus dem Jahr 1920. Čapek hat nicht nur ein Wort erfunden. Er hat eine Haltung erfunden: die Warnung davor, dass unsere eigenen Geschöpfe uns über den Kopf wachsen könnten.

Der Schriftsteller, der von der Gestapo nach dem Einmarsch der Nazis als „Staatsfeind Nr. 2“ geführt wurde, erlebte die Befreiung seines Landes nicht mehr. Er starb am Heiligabend 1938 an den Folgen einer Lungenentzündung – geschwächt auch von der Hetze gegen ihn. Sein Bruder Josef wurde 1939 von den Nazis verhaftet und starb 1945 im KZ Bergen-Belsen .

Wenn wir heute das Wort „Roboter“ in den Mund nehmen, sollten wir uns daran erinnern: Es ist mehr als ein Begriff für eine Maschine. Es ist ein Stück Seele, ein Stück Geschichte, ein Stück Warnung. Und es stammt von zwei Brüdern, die den Mut hatten, die Fragen zu stellen, die niemand hören wollte.

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