Der Renault Avantime – Eine Tech-Archäologie des französischen „Coupéspace“

Author: DerSchneider

In der Frühzeit des neuen Jahrtausends präsentierte der französische Automobilkonzern Renault der Fachwelt ein Fahrzeug, das bis heute für Ratlosigkeit sorgt – den Avantime. War es ein Coupé, ein Kombi, ein Van? Die einfache Antwort lautet: Keines davon, und doch irgendwie alles zugleich. Mit dem Avantime wagte Renault den gewagtesten und zugleich letzten großen Wurf des traditionsreichen Auftragsfertigers Matra – einen „Coupéspace“, der seiner Zeit so weit voraus war, dass er am Markt scheiterte, um Jahre später in den Status eines begehrten Kultobjekts zu erwachsen. Dieser Artikel beleuchtet das technische Erbe, das außergewöhnliche Design und die disruptive Brisanz eines Fahrzeugs, das sich jeder Kategorisierung widersetzte.

1. Von der Idee zur Ikone: Die Entstehungsgeschichte

Die Wurzeln des Avantime reichen tiefer als die bloße Präsentation eines Konzeptfahrzeugs. Das Herzstück der Idee stammt von Philippe Guédon, dem Leiter der Automobilsparte von Matra, dem langjährigen Partner von Renault. Guédon traf eine ungewöhnliche, aber logische Annahme: Die Kinder der vielen Espace-Fahrer waren inzwischen erwachsen, hatten ihre Kindheit im monovolume-artigen Van verbracht und suchten nun nach einem eigenen Fahrzeug, das den gewohnten Raumkomfort mit einer neuen, dynamischeren Note verband. Er glaubte, dass diese Generation dem Espace treu geblieben war – aber keine Familienkutsche mehr brauchte.

Diese Idee mündete 1999 in der Enthüllung des „Coupéspace“-Konzepts auf dem Genfer Autosalon. Das Fahrzeug war keine halbherzige Designstudie, sondern eine nahezu serienreife Vision. Renault und Matra trafen die bemerkenswerte Entscheidung, dieses Konzept nahezu unverändert in Serie zu bauen – ein mutiger Schritt, der in der Branche selten ist. Der Name ist dabei Programm: „Avantime“ ist ein Kofferwort aus dem Französischen „avant“ (vor) und dem Englischen „time“ (Zeit) – seiner Zeit voraus.

Entwicklungsschlüssel:

  • Konzeptfahrzeug: 1999 in Genf
  • Serienstart: 2001
  • Produktionsende: 2003
  • Gesamtstückzahl: 8.557 Einheiten

2. Technische Archäologie: Das Innenleben eines Ausnahmewagens

2.1 Die Basis: Ein Espace im Tiefschlaf

Technisch ruht der Avantime auf dem modifizierten Fahrgestell des Renault Espace III. Er teilt etwa die Hälfte seiner Teile mit dem bekannten Van, darunter zentrale Fahrwerkskomponenten. Der Radstand beträgt 2.702 mm, die Länge 4.642 mm, die Breite 1.834 mm – Dimensionen, die ihn etwa auf das Niveau eines heutigen Nissan Qashqai bringen. Anders als der familienorientierte Espace mit seinen sieben Sitzen ist der Avantime jedoch konsequent auf vier vollwertige Sitzplätze ausgelegt, von denen die hinteren wie „Throne“ erhöht montiert sind.

2.2 Der Antriebsstrang im Detail

Für den Antrieb stand ein Dreiklang aus Verbrennungsmotoren zur Wahl:

MotorisierungHubraumLeistungBeschleunigung (0–100 km/h)Höchstgeschwindigkeit
2.0 16V Turbo1.998 cm³163 PS (120 kW)9,9 s202 km/h
3.0 V6 24V2.946 cm³207 PS (152 kW)8,6 s220 km/h
2.2 dCi (Diesel)2.188 cm³150 PS (110 kW)ca. 195 km/h

Alle Varianten waren serienmäßig mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe kombiniert; auf Wunsch (ab 2003 auch für den 2.0 Turbo) stand eine Fünfstufen-Automatik zur Verfügung. Die Verbrauchswerte waren für die damalige Zeit erwartbar: Der V6 genehmigte sich etwa 11,5 Liter auf 100 km, der Turbo-Benziner 9,3 Liter.

2.3 Die Karosserie: Ein Meisterwerk der Leichtbauweise

Der Avantime war kein gewöhnlicher Stahlblech-Container. Wie schon der Espace setzte auch er auf eine Kunststoffkarosserie, die auf einem verzinkten Stahlchassis ruhte. Diese Bauweise hatte mehrere Vorteile: Sie war korrosionsbeständig (12 Jahre Garantie gegen Durchrostung), unempfindlich gegen kleinere Parkrempler und trug zur Gewichtsreduktion bei. Dennoch brachte der Avantime zwischen 1.650 und 1.778 kg auf die Waage.

Das vielleicht faszinierendste Detail der Karosserie ist die vollständig fehlende B-Säule – eine architektonische Entscheidung, die zusammen mit dem riesigen Panorama-Glasschiebedach (1,7 m² Glasfläche) einen beinahe kabriolettartigen Raumeindruck vermittelt. Die 1,40 Meter langen und 60 Kilogramm schweren Seitentüren verfügten über eine ausgeklügelte doppelte Schwenkkinematik, die sie beim Öffnen auf einer Kurvenbahn zusätzlich nach vorne bewegte – ein Mechanismus, der in engen Parklücken den Unterschied zwischen „Ein- und Aussteigen“ und „gegen das Nachbarauto klopfen“ ausmachte. Der Clou: Die Seitenscheiben ließen sich vollständig im Türblatt versenken.

3. Sicherheit ohne B-Säule: Ein Paradoxon gelöst

Die fehlende Mittelsäule war für zeitgenössische Sicherheitsexperten ein rotes Tuch. Wie sollte ein Fahrzeug ohne diese tragende Struktur bei einem Seitenaufprall oder Überschlag bestehen? Renault und Matra hatten eine durchdachte Antwort parat:

  • Aluminium-Dachstruktur: Das Dach bestand aus crash-energiedämpfendem Aluminium mit integrierten Querträgern, die wie ein Überrollbügel wirkten.
  • Massive Türverstärkungen: Die ohnehin schweren Türen wurden mit zusätzlichen Crashelementen versehen.
  • Sicherheitsgurte in den Sitzen: Für die Fondpassagiere waren die Dreipunktgurte direkt in die Sitze integriert (eine Lösung, die ohne B-Säule zwingend notwendig war).
  • Sechs Airbags: Zwei Front-Airbags, zwei Seitenairbags und durchgehende Windowbags.
  • ESP mit ASR: Elektronisches Stabilitätsprogramm serienmäßig an Bord.

Besonders bemerkenswert: Ein zeitgenössischer Test des Elch-Tests – jener berüchtigten Fahrmanöverprüfung, die einst der Mercedes A-Klasse zum Verhängnis wurde – ergab, dass der Avantime bei Tempo 69 km/h noch souverän durch die Pylonen steuerte und erst bei über 70 km/h scheiterte – ein Wert, der viele moderne Fahrzeuge in den Schatten stellt.

4. Die Gretchenfrage: Coupé, Kombi oder Van?

Die wohl häufigste Frage zum Avantime ist zugleich die schwerste zu beantworten. Eine systematische Analyse zeigt:

FahrzeugkategorieTrifft zu?Begründung
Coupé✅ teilweiseZwei große Türen, fehlende B-Säule, coupéhafte Dachlinie – aber die Sitzposition ist zu hoch, das Auto zu geräumig für ein klassisches Coupé.
Kombi❌ neinKeine Verlängerung einer Stufenhecklimousine, keine dritte Sitzreihe. Der Kofferraum fasst mit 530 Litern zwar ordentlich, aber das ist kein Kombi-Kriterium.
Van❌ neinKeine Schiebetüren, keine drei Sitzreihen, zu flach und zu sehr auf Fahrspaß getrimmt.
SUV-Coupé✅ retrospektivInteressant: Aus heutiger Perspektive erkennt man im Avantime einen Vorläufer der modernen SUV-Coupés wie BMW X6 oder Mercedes GLE Coupé – Konzepte, die erst ein Jahrzehnt später Massenmarkt-tauglich wurden.

Die einzig korrekte Kategorisierung ist die von Renault selbst geschaffene: „Coupéspace“ – ein Kunstwort, das den Hybridcharakter des Fahrzeugs exakt auf den Punkt bringt.

„Es ist ein Van. Außer dass es keiner ist. Es ist ein absolut dekadenter Gran Turismo.“ — Jalopnik über den Avantime

5. Eine Chronik des Scheiterns und Wiederauflebens

5.1 Der Marktflop

Entwicklungsziel war ein Absatz von 10.000 Einheiten pro Jahr. Die bittere Realität: Im gesamten Produktionszeitraum von 2001 bis 2003 fanden gerade einmal 8.557 Fahrzeuge einen Besitzer. Das entspricht weniger als einem Drittel der ursprünglichen Jahresprognose über die gesamte Bauzeit. Besonders demütigend: 2002 wurden weniger als 5.000 Avantime verkauft – in den letzten Produktionswochen liefen in Romorantin nur noch acht Fahrzeuge pro Arbeitstag vom Band.

Der Marktstart war mit einer folgenschweren Fehlentscheidung verbunden: Zunächst war nur der 3.0-Liter-V6-Benziner erhältlich – in einem Land, das zu dieser Zeit den Dieselmotor geradezu vergötterte. Erst später folgten der 2.0 Turbo und der sparsame 2.2 dCi, doch der erste Eindruck saß tief.

5.2 Das Ende einer Ära: Der Untergang von Matra

Der Avantime war mehr als nur ein gescheitertes Modell – er wurde zum Todesstoß für Matra Automobile. Die Entscheidung von Renault aus dem Jahr 1996, die Produktion der vierten Espace-Generation nicht mehr bei Matra in Romorantin, sondern im eigenen Werk in Sandouville zu fertigen, hatte die beiden Partner überhaupt erst auf die gemeinsame Avantime-Idee gebracht. Als der Avantime scheiterte, war Matra nicht mehr zu retten.

Im Februar 2003 wurde die Produktion eingestellt. Die Folgen waren dramatisch: Mehr als 1.000 Arbeitsplätze in der Kleinstadt Romorantin (südlich von Orléans) waren bedroht. Wenige Monate später, im Juni 2003, stellte Matra Automobile den Betrieb endgültig ein – das Ende einer fast vierzigjährigen Ära. Ein Unternehmen, das einst erfolgreich den Espace produzierte und nebenbei elektrische Fahrräder, U-Bahn-Züge und Luft-Boden-Raketen baute, war Geschichte. (Der militärische Zweig existiert unter dem Namen MBDA bis heute fort – die Automobilsparte jedoch nicht.)

5.3 Der Wandel zum Kultobjekt

Das Paradoxe am Avantime: Mit jeder vergangenen Jahr wuchs die Wertschätzung für sein Wagnis. Patrick Le Quément, der Designchef jener Jahre, kommentierte rückblickend: „Es war ein sehr modernes Design, das nicht vielen Leuten gefiel. Es kam zwei Jahre zu spät auf den Markt und wurde zur falschen Zeit gelauncht – und war nicht dafür ausgelegt, hunderte pro Tag zu bauen.“

Heute sind die Preise für gut erhaltene Exemplare im Aufwind. Die Preisspanne im aktuellen Klassikermarkt:

ZustandPreis (ca.)
Unterer Durchschnittca. 1.500 €
Medianca. 4.400 €
Top-Exemplar (Spitze)bis ca. 30.000 €

Besondere Beachtung verdient auch die zahlenmäßige Verteilung: Von den 8.557 gebauten Einheiten gingen etwa 1.114 nach Deutschland, knapp 4.400 blieben in Frankreich. In Großbritannien sind heute noch 135 Exemplare zugelassen, weitere 164 stehen als SORN (außer Betrieb) in den Garagen.

6. Die Design-Revolutionäre: Die Köpfe hinter dem Avantime

Der Avantime war nicht das Werk eines einzelnen Genies, sondern das Ergebnis einer bemerkenswerten kreativen Partnerschaft:

  • Philippe Guédon (Matra): Der Visionär, der die ursprüngliche Idee gebar – ein Fahrzeug für die erwachsenen Kinder der Espace-Fahrer. Er gilt zudem als Vater des originalen Renault Espace.
  • Patrick Le Quément (Renault): Der renommierte Designchef von Renault (1987–2009), verantwortlich für Ford Sierra und Renault Twingo, übernahm das Projekt und machte es zu einem Designmanifest. Sein Leitspruch: Design ist gleichbedeutend mit Qualität.
  • Thierry Métroz (Renault Design): Der Chefdesigner des Exterieurs, der für die konkrete Formensprache verantwortlich zeichnete. Sein Credo: „Wenn man um das Auto herumgeht, soll man kontinuierlich erstaunt sein.“

Die Präsentation des Konzepts fand nicht auf einem beliebigen Autosalon statt, sondern im Louvre in Paris – eine unmissverständliche Botschaft, dass Renault den Avantime nicht als bloßes Transportmittel, sondern als rollende Skulptur verstanden wissen wollte.

7. Ausblick: Die Relevanz des Avantime heute

Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Einstellung ist der Avantime aktueller denn je. Die heutige Automobilbranche ist durchzogen von SUV-Coupés – Fahrzeuge, die eine hochbeinige SUV-Plattform mit einer coupéhaften Dachlinie kombinieren. Betrachtet man den Avantime durch diese Brille, erkennt man einen frühen Wegbereiter für ein Segment, das heute Milliardenumsätze generiert.

Durch seine Auftritte in populären Medienformaten wie The Grand Tour (mit Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May – Letzterer besaß zeitweise selbst einen Avantime) und der legendären Videospielreihe Gran Turismo hat der Avantime längst den Status einer Ikone erreicht.

Die Technikwelt zeigt sich zudem fasziniert von modernen KI-generierten Revival-Designs: Enthusiasten haben bereits mit Programmen wie Midjourney und Adobe Photoshop visualisiert, wie eine Neuauflage des Avantime als moderner Luxus-Gran-Turismo aussehen könnte. Ob Renault solche Überlegungen jemals aufgreifen wird, steht in den Sternen – die Marke experimentiert derzeit mit Retro-Elektroautos wie dem neuen Renault 5 und Twingo. Ein Avantime-Nachfolger wäre der konsequente nächste Schritt.

Der wahre Wert des Avantime liegt jedoch nicht in ökonomischen Kennzahlen. Er liegt in seiner radikalen Weigerung, in eine Schublade zu passen. Er ist ein Auto, das nicht nach Marketing-Vorgaben oder Kundenumfragen gebaut wurde, sondern aus purer Überzeugung. Und genau das macht ihn bis heute so unwiderstehlich – als letzter großer Wurf einer Ära, in der Automobilkonzerne noch den Mut zu wahrhaft eigenwilligen Ideen hatten.

8. Fazit

Der Renault Avantime war ein wirtschaftlicher Fehlschlag – daran ändern auch die kultigen Nischenpreise nichts. Er war zu teuer, zu exzentrisch und kam mit der falschen Motorisierung zur falschen Zeit. Aber er war auch ein technisches Meisterwerk: Ein Fahrzeug ohne B-Säule mit einem filigranen Sicherheitskonzept, ein Van mit dem Fahrverhalten eines Coupés, ein Kunststoffkleid auf Stahlchassis, eine rollende Skulptur im Louvre.

Für Sammler und Liebhaber ist der Avantime heute mehr als ein Oldtimer. Er ist ein Denkmal des automobilen Nonkonformismus – ein Beweis dafür, dass es sich manchmal lohnt, die Vernunft links liegen zu lassen und einfach ein Auto zu bauen, das einen beim bloßen Anblick zum Staunen bringt. Wer heute einen Avantime fährt, fährt nicht nur ein seltenes Fahrzeug, sondern ein Stück Tech-Archäologie: die Chronik eines grandiosen Scheiterns in guter Absicht.

Und vielleicht ist das die schönste aller Klassifikationen: Der Avantime ist kein Coupé, kein Kombi, kein Van. Der Avantime ist einfach der Avantime – ein Unikat, das sich jeder Definition widersetzt.

„Die meisten Autos wurden für einen Zweck konstruiert: sparsam, sportlich, viele Leute. Nicht der Avantime.“ — Frank B. Meyer, AUTO BILD

Quellenverzeichnis

  1. Wikipedia: Renault Avantime (https://en.wikipedia.org/wiki/Renault_Avantime)
  2. Car & Classic Magazine: Renault Avantime – Cult Classic, Not Best Seller (carandclassic.com)
  3. AUTO BILD: Renault Avantime: Fahrbericht und Kaufberatung (autobild.de)
  4. AUTO BILD: Renault Avantime Gebrauchtwagen – viel Luxus zum kleinen Preis (autobild.de)
  5. Auto Motor und Sport: Renault Avantime Technische Daten (auto-motor-und-sport.de)
  6. Renault Presse: Wesentliche Merkmale des Avantime (presse.renault.de)
  7. Petrolblog: Coupéspace: Driving the Renault Avantime (petrolblog.com)
  8. The Classic Valuer: Price Guide: Renault Avantime (theclassicvaluer.com)
  9. Classic & Sports Car: Renault Avantime: a niche too far? (classicandsportscar.com)
  10. Lane Motor Museum: *Renault Avantime-2003* (lanemotormuseum.org)
  11. Jalopnik: The Coupéspace Is The Car Which Became The Renault Avantime (jalopnik.com)
  12. Yahoo Autos: Should Renault Revive the Avantime as a Modern Luxury GT? (autos.yahoo.com)
  13. FAZ: Renault Avantime: Der vergessene Franzose (faz.net)
  14. Renault Garage: Renault Avantime (renaultgarage.at)

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