Der vergessene Taktgeber: Die Bürk Hauptuhr HU 110 als Rückgrat der analogen Telefonvermittlung

Von DerSchneider

Einleitung

In den Katakomben alter Postämter und stillgelegter Fernmeldeämter hängen sie noch heute – schwere Holzkästen, unauffällig und staubbedeckt, die das Herzstück einer längst untergegangenen Zeit bilden. Die Rede ist von der Hauptuhr HU 110 der Württembergischen Uhrenfabrik Bürk. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine gewöhnliche, etwas massiv geratene Pendeluhr. Doch ihr Zifferblatt täuscht. Tatsächlich war dieses Präzisionsinstrument ein zentrales Element der analogen Infrastruktur der Deutschen Bundespost. Sie war nicht dazu da, eine Zeit anzuzeigen, sondern Hunderte von Nebenuhren in einem gesamten Verwaltungsgebäude oder einer Telefonvermittlungsstelle synchron zu halten. Darüber hinaus besaß sie eine technische Fähigkeit, die sie von fast allen anderen Uhren unterschied: Sie konnte die Tarife für Telefongespräche umschalten.

Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte, Mechanik und Bedeutung der Bürk HU 110 – einem Meisterwerk der Technikarchäologie, das die Schnittstelle zwischen präziser Feinmechanik, elektrischer Impulssteuerung und früher elektronischer Logik darstellt.


1. Die DNA der Präzision: Mechanik im Dienste des Staates

Die HU 110 war kein Produkt für den privaten Wohnzimmerschrank. Sie war eine „Amtsuhr“, konzipiert für den rauen Dauerbetrieb in Ämtern und Vermittlungsstellen. Ihr Design folgte strikt der Funktionalität. Das massive Holzgehäuse diente nicht nur dem Schutz, sondern auch der Schalldämmung des mechanischen Werkes.

Das Herzstück ist ein 3/4-Sekunden-Pendel. Um die geforderte Ganggenauigkeit zu erreichen, setzte Bürk auf ein sogenanntes Kompensationspendel aus Invar . Invar ist eine Eisen-Nickel-Legierung, die sich unter Temperatureinfluss kaum ausdehnt oder zusammenzieht. Während eine normale Pendeluhr im Winter schneller (da kürzer) und im Sommer langsamer (da länger) läuft, bleibt die Pendellänge der HU 110 nahezu konstant. Die Herstellerangaben sprechen von einer Genauigkeit von ± 0,7 Sekunden pro Tag . Das ist für eine rein mechanische Gangregelung außergewöhnlich präzise.

Technische Daten der HU 110B im Überblick :

MerkmalSpezifikation
TypHU 110 B (mit Invarpendel) / HU 110 Ws (mit Holzstabpendel)
Pendel3/4-Sekunden-Pendel
Ganggenauigkeitca. ± 0,7 sec/Tag (Invar)
Gangreserveca. 12 Stunden (über Gewichtsantrieb)
Betriebsspannung60 V Gleichstrom (Poststandard) / 12, 24, 110, 220 V
Schaltstrommax. 4 A (für minütliche Impulse)
NebenuhrenAusreichend für ca. 50-150 Stück (je nach Ausführung)
Gewichtca. 12-13 kg

Tabelle 1: Technische Spezifikationen der Bürk Hauptuhr HU 110.

Die Uhr wird nicht durch Federn, sondern durch ein fallendes Gewicht angetrieben. Etwa jede Minute – genau dann, wenn das Gewicht einen bestimmten Punkt erreicht – zieht ein kleiner Elektromotor das Gewicht wieder nach oben . Dieses Prinzip sorgt für eine gleichmäßige, konstante Antriebskraft, was der Ganggenauigkeit zugutekommt. Fällt der Strom aus, läuft die Uhr dank dieses Gewichts für etwa 12 Stunden weiter – die sogenannte Gangreserve .

2. Der Taktgeber: Wie die Hauptuhr Hunderte Zeiger bewegte

Der eigentliche Zweck der HU 110 war die Steuerung von Nebenuhren. Stellen Sie sich ein großes Postamt oder eine Vermittlungsstelle vor: In jedem Flur, jedem Büro, jeder Technikzentrale hängt eine Uhr. Sie sollen alle exakt dieselbe Zeit anzeigen, ohne dass ein Mitarbeiter jede einzelne stellen muss.

Die HU 110 löste dies über ein raffinierteres System als den simplen Gleichstromimpuls, den man von Haushaltsschaltuhren kennt. Sie nutzte minütliche Stromimpulse wechselnder Polarität . Jede Minute kippten zwei Quecksilberschalter im Inneren der Uhr.

KomponenteFunktion
Quecksilberschalter (2 Stk.)Geben alle 60 Sekunden einen polaritätswechselnden Impuls ab. Verschleißfrei und präzise.
SynchronmotorTreibt die Quecksilberschalter leise und synchron an.
Signalkränze (3 Stk.)24-Stunden-, 7-Tage- und 31-Tage-Programmierung für Sonderfunktionen wie Tarifschaltung.
SchutzgasrelaisSchalten die externen Tarifkreise in der Vermittlungsstelle.

Tabelle 2: Hauptkomponenten der HU 110 und ihre Aufgaben.

Die Verwendung von Quecksilber hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie ist verschleißfrei . Normale Metallkontakte würden durch die ständigen Lichtbögen mit der Zeit korrodieren oder verkleben. Das Quecksilber schloss den Stromkreis, ohne sich abzunutzen. Ein weiterer genialer Aspekt war die Nachlaufeinrichtung: Fiel der Strom aus und die Nebenuhren blieben stehen, erkannte die Hauptuhr nach Wiederkehr der Spannung die Differenz und gab die fehlenden Impulse im Sekundentakt nach, bis alle Nebenuhren wieder die richtige Zeit anzeigten .

3. Die versteckte Intelligenz: Tarifumschaltung als Programmautomat

Das vielleicht faszinierendste Detail der Bürk HU 110 – und das, was sie von einer reinen „Sklaventreiberin“ für Uhren unterscheidet – ist ihre Fähigkeit als Tarifumschalter.

Die HU 110 besitzt nicht nur einen, sondern drei Signalkränze (programmierbare Nockenscheiben). Der erste läuft in 24 Stunden um, der zweite in 7 Tagen (Wochentag), der dritte in maximal 31 Tagen (Monatstag) . Diese Mechanik erlaubte es, im Voraus zu programmieren, wann welcher Tarif gelten soll.

  • 24-Stunden-Kranz: Steuerte die Umschaltung zwischen Tag- und Nachttarif.
  • 7-Tage-Kranz: Aktivierte die unterschiedlichen Tarife für Samstage, Sonn- und Feiertage.
  • 31-Tage-Kranz: Ermöglichte die Berücksichtigung „wandernder“ Feiertage wie Ostern oder Pfingsten, die jedes Jahr auf ein anderes Datum fallen.

Diese Programmierbarkeit machte die HU 110 zu einem frühen Beispiel eines mechanischen programmierbaren Logikcontrollers – lange bevor speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) die Industrie eroberten. Wenn der programmierte Zeitpunkt erreicht war, lösten die an den Kränzen angebrachten Stifte einen Kontakt aus. Über die auf der Rückseite der Uhr verbauten Schutzgasrelais wurde dann das Signal an die Zeittaktgeber in der Telefonvermittlungsstelle gesendet, um den Tarif zu wechseln .

4. Einordnung und Vermächtnis: Warum die HU 110 verschwand

Die Ära der HU 110 begann in den 1950er Jahren und endete in den 1980ern mit der Digitalisierung der Telefonnetze. Es gibt mehrere Gründe für ihr Verschwinden:

  1. Quarz vs. Pendel: Die Einführung von quarzgesteuerten Uhren machte die aufwendige mechanische Präzision überflüssig. Quarze waren genauer und billiger.
  2. Digitale Logik: Elektronische Schaltungen ersetzten die mechanischen Signalkränze. Die Programmierung von Tarifen erfolgte über EPROMs oder Magnetbänder, nicht mehr über Nocken und Stifte.
  3. Zentralisierung: Die Tariflogik wanderte direkt in die digitalen Vermittlungsstellenrechner. Eine separate mechanische Uhr war nicht mehr nötig.

Dennoch bleibt die HU 110 ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Zeit. Sie steht am Ende einer langen Entwicklung, die in den Patenten von Erfindern wie Richard Bürk (ab 1896) und Sigmund Riefler wurzelt . Sie war der letzte große Vertreter der „schweren“ elektromechanischen Logik, bevor die digitale Revolution die Welt der Post und Telekom erfasste.

Fazit und Ausblick

Die Bürk Hauptuhr HU 110 ist mehr als eine alte Uhr. Sie ist ein Technologie-Denkmal, das den Höhepunkt der elektromechanischen Kunst darstellt. In ihrem Holzgehäuse vereint sie die Präzision des Uhrmachers, die Zuverlässigkeit des Elektroingenieurs und die Logik des Programmierers – alles realisiert mit Zahnrädern, Quecksilber und Invarstahl.

Für Sammler und Technikhistoriker ist sie heute ein begehrtes Objekt. Allerdings warnt der Autor vor unbedachten Eingriffen: Die Schaltkreise arbeiten mit Spannungen, die für Laien gefährlich sein können, und das enthaltene Quecksilber stellt ein Umweltrisiko dar. Wer eine solche Uhr erwirbt, sollte sich der Verantwortung bewusst sein.

Die HU 110 lehrt uns eine wichtige Lektion über Innovation: Nicht jede Revolution kommt in Silizium daher. Manchmal tickt sie ganz leise – dreimal pro Sekunde – und programmiert mit Stiften auf einem Kranz den Sonntagstarif.


Verwendete Quellen:

  1. Hauptuhr Bürk HU 110B – waehlamt-worphausen.de 
  2. Bürk – Hauptuhren (Bedienungsanleitung) – hwynen.de 
  3. Bürk Master Clock (Mutteruhr / Hauptuhr) Part I – hauptuhr.net 
  4. Bürk HU110 – Selbstsynchronisierende Hauptuhr über Funk? – uhrenwerkstattforum.de 
  5. DE Patente über elektrische Uhren – hwynen.de 
  6. Bürk Hauptuhren – elektrouhren-freaks.de 
  7. Bürk Kienzle (Dokumentenliste) – telefonanleitungen.de 
  8. Bürk HU-110 Mutteruhr Ausbau Nebenuhrensteuerung – forum.dg-chrono.de 
  9. Uhr, Wanduhr, Hauptuhr HU 110 B – Museumsstiftung Post und Telekommunikation 
  10. Hauptuhr Bürk HU 110 – Universum Kino Berliner Allee 

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