Der Wettstreit der Vollender: Wer war der technisch raffinierteste Maler aller Zeiten?

von DerSchneider

Die Frage nach dem „technisch raffiniertesten“ Maler ist ein kunsthistorisches Gedankenspiel, das schnell an seine Grenzen stößt. Raffinesse ist kein messbarer Wert wie die Viskosität von Ölfarbe oder die Lichtechtheit von Pigmenten. Was in einer Epoche als technisches Wunder galt, mag in einer anderen als handwerkliche Grundausbildung erscheinen. Dennoch lohnt die Frage, denn sie zwingt zu einer präzisen Begriffsklärung und offenbart, wie unterschiedlich technische Meisterschaft in der Malerei überhaupt verstanden werden kann.

Dieser Artikel unterscheidet daher vier Dimensionen technischer Raffinesse: die Beherrschung schwieriger malereitechnischer Verfahren, die innovative Weiterentwicklung von Materialien und Techniken, die virtuose Handhabung des eigenen körperlichen Handicaps sowie die präzise Umsetzung eines hyperrealistischen Bildkonzepts. Für jede dieser Dimensionen lassen sich unterschiedliche Kandidaten benennen – ein eindeutiger „Sieger“ existiert nicht.


I. Begriffsklärung: Was heißt „technisch raffiniert“ in der Malerei?

Bevor überhaupt ein Vergleich möglich ist, muss geklärt werden, welche Form von Raffinesse gemeint ist. Die Fachliteratur unterscheidet mindestens vier voneinander unabhängige Kategorien:

DimensionBeschreibungTypische Herausforderung
VerfahrensbeherrschungPerfektion eines etablierten, aber extrem anspruchsvollen MalprozessesFreskomalerei auf nassem Putz, Eitempera-Technik
MaterialinnovationEntwicklung oder entscheidende Weiterentwicklung von MaltechnikenÖlmalerei, Lasurtechnik, neue Pigmente
Virtuosität trotz HandicapHerausragende Leistung unter erschwerten physischen BedingungenMalen mit gelähmter Hand, eingeschränktem Sehvermögen
Konzeptuelle PräzisionPerfekte Umsetzung eines extrem anspruchsvollen BildkonzeptsHyperrealismus, fotorealistische Rasterübertragung

Keiner der im Folgenden genannten Künstler ist in allen vier Dimensionen herausragend. Die Behauptung eines „unübertroffenen“ Malers ist daher grundsätzlich unzulässig – ein erhebliches Problem vieler populärer Kunstbetrachtungen.


II. Die Kandidaten im Einzelnen

1. Jan van Eyck (ca. 1390–1441): Der Alchemist der Ölfarbe

Van Eyck galt lange als Erfinder der Ölmalerei – eine Legende, die Giorgio Vasari im 16. Jahrhundert verbreitete. Tatsächlich war Öl als Bindemittel schon Jahrhunderte vor van Eyck bekannt. Sein tatsächliches Verdienst ist eine andere: Er perfektionierte die Technik der Mehrschichtenlasur so radikal, dass sie als eigenständige Revolution erscheint.

Was genau machte er anders? Van Eyck nutzte feinste Pigmente, die er mit Leinöl und oft auch mit Harzen wie Dammar oder Bernstein vermischte. Zwischen den einzelnen Farbschichten ließ er vollständige Trocknungszeiten von mehreren Tagen – manchmal Wochen – und trug dann die nächste, extrem dünne Lasur auf. Das Ergebnis ist eine beispiellose Farbtiefe und Leuchtkraft. Die Arnolfini-Hochzeit (1434, National Gallery London) zeigt Details wie den konvexen Spiegel im Hintergrund, dessen Reflexion mit bloßem Auge kaum erfassbare Präzision aufweist.

Quelle: Elisabeth Dhanens, Jan van Eyck, Reclam 1980; J.R.J. van Asperen de Boer, A Scientific Re-examination of the Ghent Altarpiece, in: Oud Holland 1979.

Einschränkung: Van Eycks Raffinesse ist nicht „unübertroffen“ im Sinne von einzigartig. Spätere Maler wie Robert Campin oder Rogier van der Weyden arbeiteten auf vergleichbarem Niveau. Der Unterschied ist graduell, nicht kategorial.

2. Hendrick Goltzius (1558–1617): Virtuosität unter widrigsten Bedingungen

Goltzius ist der vielleicht spektakulärste Fall technischer Raffinesse in der gesamten Kunstgeschichte. Als Kind verbrannte er sich die rechte Hand so schwer, dass die Finger teilweise verwuchsen und er sie nur noch eingeschränkt bewegen konnte. Er entwickelte eine ungewöhnliche Haltung des Stifts – zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt, gestützt vom Ringfinger – mit der er zu einem der bedeutendsten Kupferstecher und Zeichner des Manierismus aufstieg.

Seine eigentliche Meisterschaft: Goltzius‘ Penwerken (Federzeichnungen) ahmen mit feinsten Linien die Ätztechnik des Kupferstichs nach. Die Serie der Römischen Heldinnen (um 1585) zeigt eine Präzision, die selbst unter normalen Bedingungen außergewöhnlich wäre. Besonders bemerkenswert: Er fertigte Zeichnungen an, die so akribisch sind, dass sie auf den ersten Blick wie Druckgrafiken wirken – eine bewusste Irritation des Betrachters.

Quelle: Huigen Leeflang, Hendrick Goltzius (1558–1617), Rijksmuseum Amsterdam 2003; Lawrence W. Nichols, The Pen and the Graver: Hendrick Goltzius as Draughtsman, Master Drawings 1992.

Einschränkung: Goltzius‘ Raffinesse liegt primär in der Überwindung seines Handicaps und der intermedialen Grenzüberschreitung (Zeichnung imitiert Druckgrafik). In der reinen Ölmalerei war er nicht führend.

3. Leonardo da Vinci (1452–1519): Der Erfinder des Sfumato

Leonardo ist der populärste Kandidat für den Titel des „technisch raffiniertesten“ Malers – zu Unrecht, wenn man rein handwerkliche Kriterien anlegt. Seine Berühmtheit verdankt sich eher der Kombination aus künstlerischer Innovation, ingenieurwissenschaftlichem Denken und Selbstvermarktung.

Seine tatsächliche technische Neuerung: Das Sfumato (ital. „in Rauch aufgegangen“) ist eine Lasurtechnik, bei der extrem dünne Farbschichten so übereinandergelegt werden, dass Kontraste und Konturen fast vollständig verschwimmen. Die Mona Lisa (1503–1506, Louvre) zeigt diesen Effekt besonders deutlich an Mund- und Augenpartien. Röntgenuntersuchungen haben ergeben, dass Leonardo bis zu 30 übereinanderliegende Lasurschichten aufgetragen hat, manche nur wenige Mikrometer dick.

Quelle: Martin Kemp, Leonardo da Vinci: Die 100 Meisterwerke, C.H. Beck 2019; Carmen C. Bambach (Hrsg.), Leonardo da Vinci: Master Draftsman, Metropolitan Museum of Art 2003.

Einschränkung: Leonardos technische Raffinesse ist nicht unübertroffen, sondern vor allem anders. Sein Sfumato ist eine spezifische Ästhetik, keine universell höherwertige Technik. Zudem sind viele seiner Gemälde technisch problematisch – das Abendmahl (1495–1498) begann bereits zu seinen Lebzeiten zu zerfallen, weil er mit einer ungeeigneten Mischung aus Tempera und Öl auf trockenem Putz experimentierte.

4. Franz Gertsch (1930–2013): Hyperrealismus als Rasterdiktatur

Gertsch vertritt eine radikal andere Form technischer Raffinesse: nicht die Beherrschung eines traditionellen Verfahrens, sondern die präzise Übertragung fotografischer Vorlagen in monumentale Malerei. Seine Methode ist fast schon ingenieurwissenschaftlich.

Sein Verfahren: Gertsch projizierte Dias in Originalgröße (bis zu mehreren Metern Breite) an die Wand, ritzte mit Nadel und Lineal ein feines Raster in die Leinwand und übertrug dann jedes Rasterfeld Punkt für Punkt mit Airbrush oder Pinsel. Ein einziges Gemälde wie Patti Smith (1978) erforderte mehrere hundert Arbeitsstunden. Später entwickelte er eine extrem präzise Holzschnitttechnik, bei der er Farben in bis zu 80 Einzelschnitten übereinanderdruckte.

Quelle: Reinhard Spieler, Franz Gertsch: Die Retrospektive, Hatje Cantz 2005; Museum Franz Gertsch (Hrsg.), Franz Gertsch – Holzschnitte, Burgdorf 2010.

Einschränkung: Gertschs Raffinesse ist konzeptioneller Natur – sie beweist nicht die Überlegenheit eines traditionellen malerischen Könnens, sondern die akribische Umsetzung eines fotorealistischen Programms. Kritiker werfen ihm vor, dass sein Verfahren eher handwerkliche Fleißarbeit als künstlerische Inspiration sei.


III. Systematische Einordnung: Warum es den „Raffiniertesten“ nicht geben kann

Ein Vergleich der vier Künstler nach einheitlichen Kriterien zeigt sofort das Grundproblem:

Kriteriumvan EyckGoltziusLeonardoGertsch
Verfahrensbeherrschungextrem hochhochmittel-hochhoch (im eigenen Verfahren)
Materialinnovationsehr hochgeringhoch (Sfumato)mittel (Rastermethode)
Überwindung von Handicapnicht relevantextrem hochnicht relevantnicht relevant
Konzeptuelle Präzisionhochhochhochextrem hoch
Einfluss auf Nachweltsehr hochmittelextrem hochgering (bisher)

Selbst diese grobe Matrix zeigt: Jeder Künstler führt in einer anderen Kategorie. Die Frage nach dem „technisch raffiniertesten“ Maler ist ähnlich sinnvoll wie die Frage nach dem „besten“ Fahrzeug – ein Rennwagen, ein LKW und ein Fahrrad sind in ihren jeweiligen Domänen unübertroffen, aber nicht gegeneinander vergleichbar.

Erkenntnis: Der Begriff „technisch raffiniert“ ist ohne klare Definition der Vergleichsdimension sinnlos. Populäre Kunstbetrachtungen, die van Eyck, Leonardo oder Vermeer zum „größten Techniker“ erklären, leiden unter einer unzulässigen Vermischung von Kategorien.


IV. Fazit: Ein Unding, präzise betrachtet

Die Antwort auf die Frage „Wer war der technisch raffinierteste Maler?“ lautet daher: Es gibt ihn nicht. Der Begriff ist eine unscharfe Sammelvokabel für mindestens vier verschiedene Formen malerischer Meisterschaft.

Wenn man dennoch eine Antwort erzwingen wollte, müsste man unterscheiden:

  • Für die alchemistische Perfektion der Ölmalerei: Jan van Eyck
  • Für die Überwindung physischer Grenzen: Hendrick Goltzius
  • Für die Entwicklung einer neuen Bildästhetik durch Lasurtechnik: Leonardo da Vinci
  • Für die konzeptuelle Präzision fotorealistischer Übertragung: Franz Gertsch

Keiner dieser Künstler ist im technischen Sinne „unübertroffen“. Jeder war herausragend in dem, was er sich vornahm. Aber das ist etwas anderes.


Quellen

  • Dhanens, Elisabeth: Jan van Eyck, Reclam, Stuttgart 1980
  • Leeflang, Huigen: Hendrick Goltzius (1558–1617), Rijksmuseum Amsterdam / Waanders Publishers, 2003
  • Kemp, Martin: Leonardo da Vinci. Die 100 Meisterwerke, C.H. Beck, München 2019
  • Spieler, Reinhard: Franz Gertsch. Die Retrospektive, Hatje Cantz, Ostfildern 2005
  • van Asperen de Boer, J.R.J.: A Scientific Re-examination of the Ghent Altarpiece, in: Oud Holland, Vol. 93, No. 2, 1979, S. 59–84
  • Nichols, Lawrence W.: The Pen and the Graver. Hendrick Goltzius as Draughtsman, in: Master Drawings, Vol. 30, No. 4, 1992, S. 363–382
  • Bambach, Carmen C. (Hrsg.): Leonardo da Vinci. Master Draftsman, Metropolitan Museum of Art, New York 2003
  • Museum Franz Gertsch (Hrsg.): Franz Gertsch – Holzschnitte, Burgdorf 2010

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