Die 4 Uhr morgens-Revolution: Wie zwei Mathematiker die Computer aus dem Keller holten

Hanover, New Hampshire, basement of College Hall. 1. Mai 1964, vier Uhr morgens. Es riecht nach kaltem Kaffee, Ozongeruch von den Lüftern der gerade installierten GE-225-Anlage mischt sich mit dem Abrieb der Papierstreifen, die sich wie Konfetti um die Stühle der Studenten häufen. Zwei von ihnen, Michael Busch und John McGeachie, starren auf benachbarte Terminals. Ihre Finger schweben über den Tasten. Auf dem Bildschirm flackert die kryptische Anzeige „READY“. Sie atmen tief ein, tippen fast gleichzeitig das Wort „RUN“ und drücken die Eingabetaste. Die Lüfter summen. Das Bandlaufwerk klackert. Und dann, nach einer Sekunde, die sich anfühlt wie eine Ewigkeit, erscheint auf beiden Bildschirmen eine Zahl. Das richtige Ergebnis. In der einen Ecke des Raumes, mit verschränkten Armen und Augenringen, die Geschichten erzählen, stehen zwei Männer, die älter aussehen als ihre 38 und 36 Jahre. John Kemeny und Thomas Kurtz grinsen sich an wie die Schuljungen, denen der große Coup gelungen ist. In diesem Moment, in dieser staubigen Kellernische, wurde der Computer aus seinem Elfenbeinturm befreit. 


1. Der Prolog – Die verpasste Gelegenheit

Stell dir vor: Du schreibst ein Programm. Nicht in Python, nicht in C++, nicht mit tausend Bibliotheken. Du punchst es in Karten, stapelst sie säuberlich und gibst sie einem Mann im weißen Kittel. Dann fährst du nach Hause. Am nächsten Morgen holst du die Karten und einen dicken Stapel Endlospapier ab. Darauf steht: „Syntaxfehler in Zeile 2“. Du hast ein Komma vergessen. Eine ganze Nacht verloren.

So sah Programmieren in den späten 50ern und frühen 60ern aus. Die großen Maschinen – IBM, UNIVAC – waren Orakel, die man nur durch Hohepriester befragen konnte. Sie standen in klimatisierten Räumen hinter Glas. Wer rechnen wollte, musste sich unterwerfen: dem Batch-Betrieb, der Hierarchie, den undurchschaubaren Sprachen wie FORTRAN oder ALGOL.

In den Akten des Dartmouth College, die heute im Universitätsarchiv liegen, findet sich ein Schrieb aus dem Jahr 1962. Es ist ein Zettel, fast beiläufig, auf dem der Mathematik-Professor John Kemeny eine Idee skizziert: „Wir müssen den Studenten den Computer so zugänglich machen wie die Bibliothek.“ Nicht nur den Ingenieuren, nicht nur den Physikern. Allen. Den Philosophen, den Musikern, den Poeten. Eine „Open-Stack-Computing“-Idee, wie sein Kollege Kurtz es später nannte – so wie man in Dartmouth einfach ins Regal greifen konnte, um ein Buch zu holen. 

Die Welt lachte. Das war eine „vollkommen verrückte Idee“, wie Kurtz Jahre später in einem Videointerview mit einem schelmischen Lächeln zugab. Aber genau diese Verrücktheit sollte die Welt verändern.

2. Der Mensch – Der Ungar und der Statistiker

John G. Kemeny und Thomas E. Kurtz hätten unterschiedlicher nicht sein können, und doch ergänzten sie sich wie Anode und Kathode.

John Kemeny war der Blitz. Geboren 1926 in Budapest als Kemény János György, floh seine jüdische Familie 1940 vor dem Naziterror nach New York . Mit 17 ging er nach Princeton, wurde aber bald von der Army für das Manhattan Project abkommandiert. Stell dir das vor: Ein Teenager, der in Los Alamos an der ersten Atombombe rechnet und eine dieser riesigen IBM-Maschinen bedient. Sein Vorgesetzter war Richard Feynman. Am Rande traf er John von Neumann, den Vater der Spieltheorie. Zurück in Princeton wurde er Forschungsassistent von Albert Einstein. Ja, richtig gelesen: Er half Einstein bei Matheaufgaben .

1949 promovierte er, 1953 ging er als Professor nach Dartmouth. Kemeny war ein Naturtalent, ein Visionär, der Mathematik nicht als trockene Übung verstand, sondern als Werkzeug des Denkens. Sein Nachlass, der heute in der Bibliothek von Dartmouth liegt, ist voll von Notizen über „Finite Mathematics“ – ein Fach, das er für Studenten der Biologie und Sozialwissenschaften erfand, weil er wusste, dass die reine Analysis ihnen nichts brachte .

Thomas Kurtz war die Erde. Geboren 1928 in Oak Park, Illinois, ein waschechter Amerikaner, der 1951 in Los Angeles an der SWAC – einem der ersten elektronischen Computer der USA – seinen ersten Code schrieb . Während Kemeny die großen Zusammenhänge sah, war Kurtz der Pragmatiker, der Statistiker, derjenige, der wusste, wie man eine Maschine zum Laufen bringt. Als Kemeny ihn 1956 nach Dartmouth holte, begann Kurtz sofort mit der Plackerei. Damals hatte Dartmouth noch keinen eigenen Rechner. Also nahm Kurtz die Lochkarten seiner Studenten, verstaute sie in einem stählernen Koffer, nahm den Zug um 6:20 Uhr ab White River Junction und fuhr damit zum MIT. Dort gab er die Karten ab, wartete drei Stunden, nahm die Ergebnisse und fuhr zurück. Eine 24-Stunden-Frühschicht für eine einzige Programmrückmeldung .

Diese lächerliche Prozedur brannte sich in sein Gedächtnis. Es musste einen besseren Weg geben.

3. Das Problem – Die Mauer im Kopf

Das Problem war nicht nur technisch, es war sozial. Die vorhandenen Sprachen – FORTRAN für Formelübersetzer, ALGOL für Algorithmen – waren von Ingenieuren für Ingenieure gemacht. Sie waren mächtig, aber sie waren auch voller Fallstricke. „Sie waren voller Interpunktionsregeln, deren Notwendigkeit nicht völlig klar war und die sich die Leute deshalb nicht merken konnten“, erinnerte sich Kurtz später .

Kemeny, der die mathematischen Grundlagen der Logik studiert hatte, sah das Problem klarer: Die Syntax war eine Barriere, die die meisten Menschen aussperrte. Wer ein Problem lösen wollte, musste erst die Geheimnisse einer obskuren Sprache lernen. Das war, als würde man verlangen, dass jeder, der einen Brief schreiben will, erst mal eine Druckerpresse bauen muss.

Hinzu kam das System. 1961 kaufte Dartmouth endlich einen eigenen Rechner, einen LGP-30. Kurtz gab offene Vorlesungen, und die Studenten stürzten sich darauf. Sie tippten Gedichte von Wallace Stevens auf Papierstreifen und ließen den Computer Konkordanzen dazu ausrechnen. Gelbe Endlospapier-Streifen tauchten überall auf dem Campus auf – sehr zum Missfallen der traditionellen Fakultät. „Die Studenten geben ihre Hausarbeiten auf diesem gelben Papier ab, da ist etwas im Gange“, zitiert Kurtz einen verwunderten Ingenieursprofessor .

Aber es reichte nicht. Der LGP-30 konnte immer nur einen Benutzer zur Zeit bedienen. Die Warteschlangen wurden länger, die Frustration wuchs. Was nutzte die beste Maschine, wenn man wieder warten musste?

4. Der Bau – Das „vollkommen verrückte“ Projekt

Der Durchbruch kam, als John McCarthy – ja, der McCarthy, der den Begriff „Künstliche Intelligenz“ prägte – Dartmouth 1962 in Richtung MIT verließ. Er warf einen Blick zurück und sagte zu Kurtz: „Ihr solltet mal über Timesharing nachdenken.“ 

Timesharing bedeutete: Viele Benutzer sitzen gleichzeitig an einfachen Terminals, und der mächtige Zentralrechner teilt seine Rechenzeit so schnell zwischen ihnen auf, dass jeder das Gefühl hat, die Maschine gehöre ihm allein. Eine radikale Idee.

Kurtz erzählte es Kemeny. Und Kemeny, der Visionär, fügte eine zweite, noch radikalere Idee hinzu: „Lass uns das mit Studenten bauen.“ 

1963 beantragte Kemeny bei der National Science Foundation Geld für eine GE-225-Maschine. Die Gutachter waren skeptisch. Ein Professor, der mit Undergraduates ein Betriebssystem bauen wollte? Das war Wahnsinn. Aber sie gaben das Geld. Vielleicht, weil sie es selbst nicht glaubten.

Im Herbst 1963 ging es los. Die Studenten – unter ihnen Mike Busch und John McGeachie – zogen praktisch in den Keller von College Hall ein. Sie schliefen unter Schreibtischen, aßen Pizza, schrieben Code. Kemeny und Kurtz waren die Taktgeber, aber die Hände, die die Drähte zogen und die Lochstreifen lasen, gehörten den Zwanzigjährigen. In den Archiven von Dartmouth, in der Mappe MS-1144, liegen noch heute ihre handschriftlichen Notizen, die Patches, die nächtlichen Korrekturen – ein Denkmal für eine andere Art von Ingenieurskunst .

Gleichzeitig arbeiteten Kemeny und Kurtz fieberhaft an der neuen Sprache. Sie sollte einfach sein: Jeder Befehl sollte mit einem englischen Wort beginnen. Keine kryptischen Abkürzungen. Keine Zeigerarithmetik. Einfach: PRINT "HALLO WELT". Oder: INPUT A. Sie nannten es erst „Dartmouth Simplified Code“, dann „Dartmouth Oversimplified Programming Experiment“, bis sie den Namen fanden, der sitzen blieb: BASIC – Beginner‘s All-purpose Symbolic Instruction Code .

5. Das Herzstück – Die 14 Gebote

Die Genialität von BASIC liegt nicht in dem, was es konnte, sondern in dem, was es wegließ.

Die ursprüngliche Version hatte gerade einmal 14 Befehle . Vierzehn! Das ist weniger, als man heute für eine Smartphone-App braucht. LETPRINTENDGOTOIF...THEN – das war das Vokabular. Keine Datentyp-Deklarationen (jede Variable war entweder Zahl oder String, erkennbar am $-Zeichen), keine Speicherverwaltung, keine Einrückungszwänge. Jede Zeile bekam eine Nummer. Diese Nummern waren der Clou: Sie waren das Rückgrat des Editors, denn es gab noch keine Bildschirme mit Cursorn. Man tippte LIST, und der Computer spuckte das Programm auf der Rolle Papier aus. Wollte man eine Zeile ändern, tippte man einfach eine neue Zeile mit der gleichen Nummer. Wollte man einfügen, wählte man eine Nummer dazwischen. Simpler ging es nicht.

Aber BASIC allein wäre nur eine weitere Sprache geblieben, wenn Kemeny und Kurtz nicht das zweite Herzstück gebaut hätten: das Dartmouth Time-Sharing System (DTSS) . Die Studenten im Keller programmierten das Betriebssystem so, dass es die Rechenzeit in so schnellen Häppchen verteilte, dass selbst 20 Terminals gleichzeitig flüssig liefen. Und sie erfanden einen „Minimal-Editor“, der auf einer simplen Teletype-Maschine (Modell ASR-33) lief – einer lauten, hämmernden Schreibmaschine, die Buchstaben auf eine Papierrolle stampfte und den Befehl an die Zentrale funkte .

Der Clou war der sofortige Rückkanal. Im Gegensatz zum Batch-Betrieb, wo man erst am nächsten Tag erfuhr, ob der Code lief, bekam der Student auf dem Teletype sofort die Antwort. Syntax error – und er konnte sofort in Zeile 20 nachschauen, den Fehler korrigieren und neu starten. Programmieren wurde zu einem Dialog, nicht zu einem Gebet.

In der Patentschrift – oder vielmehr in den NSF-Berichten, die Kemeny und Kurtz darüber verfassten – steht ein Satz, der alles erklärt: „Das System wurde so entworfen, dass der Benutzer keine Kenntnisse über die Betriebsabläufe des Computers benötigt.“  Ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit.

6. Das Ende – Der Sieg und die Enttäuschung

Der 1. Mai 1964 war der Moment des Triumphes. Aber das wahre Genie von Kemeny und Kurtz war nicht die Technik. Es war die Entscheidung, die sie danach trafen.

Sie patentierten BASIC nicht. Sie stellten es nicht unter Copyright. Sie legten die Software in die Public Domain .

Sie wollten, dass es sich verbreitet. Und das tat es. General Electric, ihr Lieferant, nahm das Timesharing-System mit und bot es kommerziell an. Plötzlich konnten Firmen und Schulen im ganzen Land ein Telefonmodem benutzen, sich in einen GE-Rechner einwählen und in BASIC programmieren. Kurtz schätzte später: „Noch bevor Bill Gates überhaupt auf den Plan trat, wussten weltweit fünf Millionen Menschen, wie man in BASIC programmiert.“ 

Und dann kam 1975. Zwei junge Burschen namens Bill Gates und Paul Allen lasen in der Zeitschrift Popular Electronics von einem neuen Kasten, dem Altair 8800, dem ersten Personal Computer. Sie erkannten, dass diese kleine Maschine eine Sprache brauchte. Eine einfache, schlanke Sprache. Also schrieben sie Altair BASIC. Es war der Anfang von Microsoft. Die Firma wurde groß, weil sie auf der Idee von zwei Mathematikern aus Dartmouth ritt.

Doch hier beginnt die Tragödie. Gates und Allen, und später Apple und all die anderen, nahmen BASIC und schlachteten es aus. Sie fügten tausende Befehle hinzu, proprietäre Erweiterungen, grafische Elemente. Die schlanke, klare Sprache wurde zu einem undurchschaubaren Monstrum. Kemeny und Kurtz waren entsetzt. Sie nannten diese Ableger verächtlich „Street BASIC“ . 1983, als sie sahen, wie ihr Kind missbraucht wurde, gründeten sie die Firma True BASIC, um eine saubere, plattformunabhängige Version zu retten . Es war ein Kampf gegen Windmühlen. Die Industrie hatte die Hoheit übernommen.

Im November 2024 starb Thomas Kurtz im Alter von 96 Jahren . Mit ihm ging der letzte der beiden Väter der einfachen Programmierung.

7. Der Epilog – Was bleibt?

Wenn du heute dein Smartphone nimmst, eine App öffnest und gedankenlos durch Menüs wischst, denk an die Szene im Keller. An die 4 Uhr morgens-Revolution. An die beiden Männer, die glaubten, dass der Zugang zu Wissen kein Privileg sein darf.

Der Feuerfunke ihrer Idee ist längst verglüht. BASIC ist tot – zumindest als ernsthafte Programmiersprache. Aber sein Geist lebt weiter. In jeder grafischen Oberfläche, in jeder Skriptsprache, die sofort ausprobiert werden kann, in jeder API, die ein „Hello World“ in drei Zeilen erlaubt, steckt ein Stück von Kemeny und Kurtz.

Sie waren keine Geschäftemacher, sie waren Techniker, die Geschichten erzählten – und die größte Geschichte war die, dass jeder seine eigene Geschichte erzählen können sollte. In den Akten des Patentamts, die heute im Bundesarchiv liegen, findet man viele Patente für viele Maschinen. Aber die größte Erfindung ist manchmal die, die man nicht patentiert.

In einer Ausgabe der Zeitschrift „Dartmouth Alumni Magazine“ von 1985 schrieb Kemeny einmal: „Egal wie mächtig die Sprache wurde, wir haben nie die Bedürfnisse der Anfänger vergessen.“  Daran sollten wir denken, wenn wir das nächste Mal ein Gerät wegwerfen, weil wir es nicht verstehen, oder eine Software nicht nutzen, weil sie zu kompliziert ist. Technik muss dienen, nicht herrschen. Das ist die Lektion des Ungarn und des Statistikers.

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