Die babylonische Sprachverwirrung in der IT – Auf dem Weg zum universellen Übersetzer?
Einleitung
Stellen Sie sich einen Turm vor, so hoch, dass er bis in den Himmel reicht. Ein Monument menschlichen Ehrgeizes und der Einigkeit. Doch dann, so erzählt es das Alte Testament, verwirrte Gott die Sprache der Bauleute, keiner verstand den anderen mehr, und der Turmbau zu Babel musste abgebrochen werden . Diese uralte Geschichte ist mehr als ein Mythos – sie ist das perfekte Gleichnis für die größte Herausforderung der modernen Informationstechnologie.
Wenn wir heute auf die IT-Landschaft blicken, finden wir eine babylonische Vielfalt vor, die atemberaubend ist: Hunderte von Programmiersprachen, Dutzende von Datenformaten, unzählige Protokolle und Betriebssysteme, alle mit ihrer eigenen Syntax, ihrer eigenen Logik, ihrer eigenen „Kultur“. Ein in Python geschriebenes Programm versteht kein C++, ein Windows-Server spricht nicht ohne Weiteres mit einem Linux-Rechner, und eine API, die Daten im XML-Format erwartet, kann mit einem JSON-liefernden Dienst erst einmal nichts anfangen.
Die Parallele zur menschlichen Kommunikation ist verblüffend. So wie ein Reisender in der Fremdsprache aneckt, so scheitern auch technische Systeme oft an den Hürden der Verständigung. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – arbeiten Informatiker und Ingenieure seit Jahrzehnten fieberhaft daran, diese Barrieren zu überwinden. Ihr Ziel: ein multilinguistisches Umfeld, das die Verständigung zwischen verschiedenen Techniken vereinfacht und die Programmierung demokratisiert. Dieser Artikel zeichnet den Weg von der historischen Sprachverwirrung hin zu den modernen Ansätzen der technischen Verständigung nach und fragt, ob wir am Ende vielleicht doch noch den Turm zu Babel vollenden können.
1. Die Wurzeln der Vielfalt – Warum es nicht eine Sprache gibt
Die Frage drängt sich auf: Wenn es theoretisch möglich wäre, jeden Algorithmus in jeder Turing-vollständigen Sprache zu schreiben und auf jeder Turing-vollständigen Maschine auszuführen – warum gibt es dann nicht längst eine einzige, universelle Programmiersprache?
Die Antwort liegt in der Geschichte und in der Natur des Fortschritts selbst. Die Entwicklung der Programmiersprachen gleicht weniger einem geplanten Bauprojekt als vielmehr einem wild wuchernden Garten. Jede neue Sprache entstand aus einem spezifischen Bedürfnis, aus einer Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, aus einer neuen Denkweise.
In den 1950er Jahren, als Computer noch raumfüllende Monstren waren, sprach man mit ihnen in Maschinensprache – ein mühsames Geschäft aus Nullen und Einsen. Die ersten höheren Programmiersprachen wie Fortran (für Formelübersetzung) und COBOL (für kaufmännische Anwendungen) waren Befreiungsschläge. Grace Hopper, eine der Pionierinnen der Informatik, entwickelte COBOL mit der Vision, dass Programmierung auch für Nicht-Spezialisten verständlich sein sollte. Sie wollte, dass Code näher an der menschlichen Sprache ist, näher an dem, was wir denken und sagen .
Diese frühe Weichenstellung zeigt bereits ein Spannungsfeld, das bis heute anhält: Soll eine Sprache nah an der Maschine sein, effizient und kontrolliert? Oder nah am Menschen, zugänglich und verständlich? C und Assembly stehen für das eine Extrem, Python und COBOL für das andere.
In den folgenden Jahrzehnten schossen die Sprachen wie Pilze aus dem Boden: C++ für die Objektorientierung, Java für die Plattformunabhängigkeit, JavaScript für das interaktive Web, Python für schnelle Skripte und Datenanalyse, Swift für Apples Ökosystem. Jede dieser Sprachen ist das Ergebnis „vereinzelter genealogischer Momente“ – technischer, epistemologischer und gesellschaftlicher Entscheidungen, die sich im Laufe der Zeit zu dem auswuchsen, was der Medienwissenschaftler Philipp Sander in seiner Masterarbeit treffend die „babylonische Sprachverwirrung“ nennt .
Diese Vielfalt ist Fluch und Segen zugleich. Sie erlaubt Spezialisierung und Optimierung – für jedes Problem das passende Werkzeug. Aber sie schafft auch Barrieren. Ein Entwickler, der Java beherrscht, ist nicht automatisch ein guter Rust-Programmierer. Und die Integration verschiedener Systeme wird zur Übersetzungsaufgabe.
2. Die kulturelle Dimension des Codes – Wenn Sprache ausschließt
Doch die Sprachbarriere in der IT ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle und soziale. Wer heute programmieren lernen will, kommt an Englisch nicht vorbei. „if“, „else“, „while“, „return“, „class“, „function“ – die Schlüsselwörter jeder gängigen Programmiersprache sind englisch. Die Fehlermeldungen sind englisch, die Dokumentation ist oft englisch, die Community-Diskussionen finden auf Englisch statt .
Für Muttersprachler ist das ein unsichtbarer Vorteil. Für alle anderen eine zusätzliche Hürde. Die Informatikstudentin Hend Albakour, die französischsprachig aufwuchs, beschreibt dieses Gefühl der doppelten Übersetzung: „Ich musste jede Codezeile zweimal übersetzen: Englisch ins Französische in meinen Notizen, dann zurück in die Syntax auf dem Bildschirm. Was für englische Muttersprachler einfach war, fühlte sich für mich doppelt so schwer an: Logik lernen und gleichzeitig eine Fremdsprache entziffern“ .
Diese Erfahrung teilen Millionen von Lernenden weltweit. Sie wirft ein Schlaglicht auf eine oft übersehene Tatsache: Code ist nicht neutral. Er trägt die Handschrift seiner Schöpfer, und das waren überwiegend englischsprachige Männer aus dem westlichen Kulturkreis .
Die niederländische Informatikerin Felienne Hermans, die die mehrsprachige Programmiersprache Hedy entwickelt hat, geht noch weiter. Sie weist darauf hin, dass nicht einmal die Ziffern selbstverständlich sind. „Von den zehn am häufigsten verwendeten Programmiersprachen erlaubt keine einzige die Verwendung nicht-lateinischer Ziffern, wie zum Beispiel arabische Ziffern (١,٢,٣,…) oder chinesische Ziffern (一, 二, 三, …)“ . Dies umzusetzen wäre technisch trivial, aber es geschieht nicht. „Man weiß es nicht, oder wenn man es weiß, ist es einem egal“ .
Diese Gleichgültigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten Wertesystems. Hermans beobachtet, dass die Informatik-Community oft mehr Interesse an obskuren, spielerischen Sprachen wie „Whitespace“ oder „brainfuck“ hat – Sprachen, die bewusst schwer zu lesen sind – als an der Frage, wie man Programmierung für Nicht-Westler zugänglicher machen könnte . „Was sagt die Existenz von Whitespace in unseren Kursen den Studierenden über unser Wertesystem? Whitespace zeigt: Seht her, wie originell wir sind. Und wie erfahren sie nichts über nicht-lateinische Programmiersprachen? Sie lernen es nicht, wegen des Wertesystems, das wir vermitteln“ .
Es entsteht ein Zirkel: Diejenigen, die sich für Informatik entscheiden, tun dies oft, weil ihnen die bestehende Kultur zusagt – eine Kultur, die technische Finesse über Zugänglichkeit stellt, den „Hardcore-Coder“ über den „Anwender“. Wer sich für soziale Veränderung interessiert, findet hier seltener eine Heimat. „Das ist ein negativer Prädiktor für die Wahl der Informatik“ .
3. Wege aus der Verwirrung – Die „Lingua Franca“ der Technik
Trotz dieser kulturellen Schieflage ist die IT-Welt nicht untätig geblieben. Die Notwendigkeit der Verständigung hat zu einer Reihe von Lösungen geführt, die man als Versuche verstehen kann, eine technische „Lingua Franca“ zu etablieren – eine gemeinsame Sprache, die alle verstehen und sprechen.
Das erfolgreichste Beispiel ist wohl das Internet Protocol (IP). Egal ob Windows, Mac, Linux, ob Smartphone oder Server – solange ein Gerät IP spricht, kann es Daten mit jedem anderen IP-fähigen Gerät austauschen. IP ist die universelle Verkehrssprache des Internets, der gemeinsame Nenner, auf den sich alle geeinigt haben.
Ähnlich verhält es sich im World Wide Web mit HTTP und HTML. Jeder Browser versteht HTML, jeder Webserver versteht HTTP. Diese Protokolle und Auszeichnungssprachen bilden das Fundament, auf dem das gesamte Web ruht. Sie sind so selbstverständlich geworden, dass wir kaum noch darüber nachdenken – aber sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger Standardisierungsarbeit.
Ein weiterer Meilenstein war die Erfindung der virtuellen Maschine. Das bekannteste Beispiel ist die Java Virtual Machine (JVM). Ein Java-Programm wird nicht direkt in Maschinensprache übersetzt, sondern in einen Zwischencode (Bytecode), der auf der JVM läuft. Diese JVM fungiert wie ein Dolmetscher: Sie übersetzt den Bytecode zur Laufzeit in die Sprache des jeweiligen Betriebssystems und Prozessors. „Write once, run anywhere“ war das Versprechen – und es hat die Softwareentwicklung revolutioniert.
In jüngerer Zeit haben Container wie Docker diesen Gedanken weitergeführt. Sie verpacken eine Anwendung mitsamt ihrer gesamten Umgebung – Bibliotheken, Konfigurationsdateien, Abhängigkeiten – in ein standardisiertes Paket. Damit läuft die Anwendung auf jedem System gleich, egal ob auf dem Entwickler-Laptop, im Testserver oder in der Cloud. Der Container ist sozusagen die universelle Versandbox, die sicherstellt, dass der Inhalt überall gleich interpretiert wird.
Und schließlich gibt es die Message Broker – Systeme wie RabbitMQ oder Apache Kafka, die als zentrale Vermittler zwischen verschiedenen Diensten fungieren. Sie nehmen Nachrichten entgegen, übersetzen sie bei Bedarf in andere Formate und leiten sie an die Empfänger weiter. Sie sind das „Übersetzungsbüro“ in der Welt der Mikroservices.
Ein aktuelles Beispiel für diesen Trend zur Öffnung und Standardisierung liefert die Automobilbranche. Das Protokoll SOME/IP (Scalable Service-Oriented Middleware over IP), das ursprünglich von BMW entwickelt wurde und heute in über 40 Millionen Fahrzeugen die Kommunikation zwischen Steuergeräten, Sensoren und Kameras ermöglicht, wurde Anfang 2026 als offener Standard freigegeben. Die Unternehmen Technica Engineering und KPIT argumentieren, dass diese Öffnung „Zusammenarbeit ermöglicht, breitere Innovationen freisetzt und die Software-Reife im gesamten Mobilitätsökosystem beschleunigt“ . Es ist ein Eingeständnis, dass proprietäre Insellösungen langfristig weniger wert sind als ein gemeinsamer Standard, von dem alle profitieren.
4. Der universelle Dolmetscher – KI als Übersetzer
Parallel zu diesen Standardisierungsbemühungen eröffnet die Künstliche Intelligenz eine völlig neue Perspektive: die automatische Übersetzung in Echtzeit.
Alexander Waibel, Professor am Karlsruher Institut für Technologie, ist einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Schon in den 1980er Jahren arbeitete er an lernenden Systemen für die Spracherkennung. Heute hat sein Team den „Lecture Translator“ entwickelt, ein System, das Vorlesungen simultan übersetzt – ähnlich wie Untertitel bei einem Film. Der Dozent spricht auf Deutsch oder Englisch, und die Studierenden lesen die Übersetzung in ihrer Muttersprache auf dem Bildschirm mit. „Die Latenz liegt bei der Erkennung bei nur noch ein bis zwei Worten, bei der Übersetzung bei etwa einem halben Satz“ . Das bedeutet, dass die Übersetzung bereits ausgegeben wird, bevor der Sprecher einen Satz zu Ende gesprochen hat.
Die Anwendungsmöglichkeiten sind enorm. Ausländische Studierende können deutschen Vorlesungen folgen, ohne jahrelang Deutsch lernen zu müssen. Hörgeschädigte erhalten barrierefreien Zugang. Und die Technik funktioniert nicht nur im Hörsaal, sondern auch bei Arztbesuchen von Migranten oder bei der Übersetzung von Online-Kursen .
Noch sind diese Systeme nicht perfekt. Sie produzieren kuriose Missverständnisse, wenn jemand nuschelt oder Fachvokabular verwendet. Aber die Entwicklung schreitet rasant voran. Google, Microsoft, Apple und chinesische Konzerne wie Baidu und Alibaba arbeiten an ihren eigenen Übersetzungslösungen. „Ein Menschheitstraum nähert sich seiner Erfüllung: müheloses Verstehen über alle Sprachgrenzen hinweg“ .
Dieser Traum ist der „Babelfisch“ aus Douglas Adams‘ Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ – ein kleines Wesen, das man sich ins Ohr steckt und das augenblicklich jede Sprache übersetzt. Was in den 1970er Jahren noch Science-Fiction war, wird heute zunehmend Realität. Schon jetzt gibt es Bluetooth-Ohrstöpsel, die fremde Sprachen flüsternd übersetzen. Die Grenzen zwischen menschlicher und maschineller Kommunikation beginnen zu verschwimmen.
5. Die menschliche Dimension – Was geht verloren?
Doch die Frage drängt sich auf: Wenn Maschinen bald für uns übersetzen, warum sollten wir dann noch fremde Sprachen lernen? Wird der universelle Dolmetscher nicht die babylonische Sprachverwirrung endgültig auflösen – aber um den Preis, dass die Sprachenvielfalt selbst verschwindet?
Die Antwort ist komplex. Einerseits wäre die Überwindung der Sprachbarriere eine ungeheure Erleichterung. Unternehmen könnten sich Sprachkurse sparen, Reisende kämen überall zurecht, die Wissenschaft wäre nicht mehr durch Sprachgrenzen eingeschränkt.
Andererseits wäre es ein Jammer, wenn das Sprachenlernen ausstürbe. Denn Fremdsprachen sind mehr als bloße Kommunikationswerkzeuge. Sie prägen unser Denken, erweitern unseren Horizont, lassen uns die Welt mit anderen Augen sehen .
Die Psychologin Ellen Bialystok von der York University in Toronto hat in jahrzehntelanger Forschung gezeigt, dass Zweisprachigkeit das Gehirn trainiert. Ihr zufolge sind bei zweisprachigen Menschen immer beide Sprachen aktiv, ein „Generaldirektor“ im Gehirn muss ständig die richtige Sprache auswählen und die andere unterdrücken. Dieses ständige Training verbessert die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Ablenkungen zu ignorieren . In einem Experiment zeigte sich, dass Zweisprachige beim Autofahren weniger durch zusätzliche Aufgaben abgelenkt wurden als Einsprachige.
Allerdings ist die Forschung nicht eindeutig. Eine groß angelegte Studie mit über 11.000 Probanden fand nur einen winzigen kognitiven Vorteil bei Zweisprachigen, der verschwand, sobald man Faktoren wie Bildung und Einkommen herausrechnete . Die Debatte ist also noch nicht entschieden.
Fest steht jedoch: Sprachenlernen ist auch ein Akt kultureller Teilhabe. Wer eine Sprache lernt, taucht ein in eine andere Gedankenwelt, lernt andere Ausdrucksweisen, anderen Humor, andere Werte kennen. Die Volkshochschulen verzeichnen steigende Anmeldezahlen, und Sprachlern-Apps wie Babbel erlebten während der Corona-Pandemie einen Boom von plus 200 Prozent. Die meisten lernen aus purem Interesse an Sprache und Kultur, nicht aus beruflichem Zwang .
Der universelle Dolmetscher könnte also eine Entlastung sein – aber kein Ersatz für das eigene Lernen. Er wäre das Werkzeug für das Notwendige, während das Lernen die Kür bliebe, die uns bereichert.
6. Neue Ansätze – Mehrsprachigkeit von Grund auf
Vor diesem Hintergrund gewinnen Initiativen an Bedeutung, die Mehrsprachigkeit nicht als nachträgliche Übersetzung, sondern als Grundprinzip des Designs verstehen.
Ein herausragendes Beispiel ist die Programmiersprache Hedy, entwickelt von Felienne Hermans. Hedy ist eine mehrsprachige Programmiersprache für Anfänger, die es ermöglicht, Befehle in der eigenen Muttersprache zu schreiben. „print ‚Hallo'“ funktioniert, aber auch „imprimir ‚Hola'“ oder „قول ‚مرحبا'“ . Die Sprache ist inzwischen in 47 Sprachen übersetzt .
Das klingt trivial, ist aber ein Paradigmenwechsel. Hedy erkennt an, dass Programmieren schwer genug ist – die zusätzliche Hürde einer Fremdsprache sollte nicht sein müssen. Es ist ein Akt der Inklusion, der bewusst macht, wie sehr die bestehenden Sprachen englischzentriert sind.
Ein weiteres Projekt, das in eine ähnliche Richtung geht, ist Settle, eine Web-Anwendung, die komplexe Verwaltungsdokumente für Zuwanderer zugänglich macht. Mit Hilfe von KI werden Amtstexte in einfache Sprache übersetzt und zusätzlich in sechs Sprachen (u. a. Arabisch, Türkisch, Persisch) übertragen. Das Projekt, entwickelt an der TH Köln, adressiert ein konkretes Problem: Wer der deutschen Sprache nicht mächtig ist, scheitert oft an Behördengängen, selbst wenn es um existenzielle Fragen geht .
Diese Ansätze zeigen, dass die babylonische Sprachverwirrung nicht nur ein technisches, sondern auch ein soziales Problem ist. Und sie zeigen, dass die Lösungen oft einfacher sind, als man denkt – wenn man bereit ist, die Perspektive zu wechseln und die Bedürfnisse derjenigen in den Mittelpunkt zu stellen, die bisher außen vor waren.
Fazit und Ausblick
Die babylonische Sprachverwirrung in der IT ist kein unabänderliches Schicksal. Sie ist das Ergebnis historischer Entwicklungen, technischer Entscheidungen und kultureller Prägungen. Und sie ist, wie die Geschichte von Babel selbst, eine Herausforderung, der sich die Menschen immer wieder stellen.
Wir haben gesehen, dass es verschiedene Wege gibt, dieser Herausforderung zu begegnen. Der eine Weg ist die Etablierung von Standards, von gemeinsamen „Lingua Francas“ wie IP, HTTP oder HTML. Der andere Weg ist der Bau von „Übersetzern“ – virtuelle Maschinen, Container, Message Broker, die zwischen verschiedenen Systemen vermitteln. Und der dritte, vielleicht zukunftsträchtigste Weg ist die Nutzung Künstlicher Intelligenz, um in Echtzeit zwischen Sprachen zu übersetzen, sowohl zwischen menschlichen als auch zwischen Programmiersprachen.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die technische Lösung allein nicht ausreicht. Die Sprachbarriere in der IT hat auch eine kulturelle Dimension. Wer Code schreibt, schreibt immer auch in einer bestimmten Tradition, mit einer bestimmten Haltung. Die Dominanz des Englischen und des westlichen Denkens ist kein Naturgesetz, sondern eine historisch gewachsene Schieflage, die korrigiert werden kann – und korrigiert werden sollte.
Initiativen wie Hedy oder Settle zeigen, dass es anders geht. Sie zeigen, dass Mehrsprachigkeit von Anfang an möglich ist, wenn man sie denn will. Und sie zeigen, dass Inklusion kein Nullsummenspiel ist: Wenn wir die Barrieren für andere abbauen, verlieren wir selbst nichts, sondern gewinnen eine reichere, vielfältigere Welt.
Vielleicht ist die Botschaft der babylonischen Sprachverwirrung ja eine andere als die der Bestrafung. Vielleicht ist die Vielfalt der Sprachen kein Fluch, sondern ein Geschenk – ein Reichtum an Perspektiven, Denkweisen und Ausdrucksmöglichkeiten. Die Aufgabe der Technik wäre es dann nicht, diese Vielfalt einzuebnen, sondern Brücken zwischen ihr zu bauen. Brücken des Verstehens.
Der Turm zu Babel mag unvollendet geblieben sein. Aber vielleicht ist das auch gut so. Denn das Ziel ist nicht der eine Turm, der bis in den Himmel ragt. Das Ziel ist die Verbindung der vielen Türme, die wir bereits gebaut haben. Eine Welt, in der jedes System mit jedem sprechen kann – und jeder Mensch mit jedem. Daran arbeiten wir. Und wir sind auf einem guten Weg.
Quellen
- Philipp Sander: „Genealogie der Programmiersprachen – Analyse zur babylonischen Sprachverwirrung im Diskurs der Programmierung“ (Masterarbeit), Humboldt-Universität zu Berlin, 2017
- Prof. Dr. Alexander Waibel im Interview, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), 2019
- Hend Albakour: „Code with care: How can feminist principles reshape programming languages?“, L’Orient Today / American University of Beirut, Dezember 2025
- KPIT / Technica Engineering: „Open SOME/IP for Global Adoption“, Januar 2026
- Goethe-Institut: „Damit wir uns richtig verstehen“, 2020 (unter Bezugnahme auf Forschungsergebnisse von Ellen Bialystok, York University Toronto)
- Yassin El Fraygui: „Entwicklung einer KI-gestützten Übersetzungsplattform für Verwaltungsdokumente“, TH Köln, November 2025
- Felienne Hermans im Interview: „Culture, Diversity, Cultural Diversity“, etaps 2025, November 2024
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