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Die duldsame Mitte: Wie Fremdeinflüsse die deutsche Sprache formen – und wie sie sich wehrt

Autor: DerSchneider


Einleitung: Die Sprache als offener Marktplatz

Die deutsche Sprache ist keine Festung. Sie hat keine Mauern, keine Wachtürme und keine Zollbeamten, die an der Grenze kontrollieren, was einreisen darf. Sie ist ein Marktplatz – ein offener, lauter, bunter Basar, auf dem Händler aus aller Welt ihre Waren anbieten. Mal kommen sie mit Trottoir und Portemonnaie aus Frankreich, mal mit Computer und Smartphone aus Amerika, mal mit Döner und Tzatziki aus der Türkei oder Griechenland.

Was auf diesem Markt geschieht, ist ein permanenter Aushandlungsprozess: Was sich als nützlich erweist, bleibt; was zu sperrig ist, verschwindet im Hinterzimmer der Geschichte. Die deutsche Sprache ist nicht rein – und das ist ihr größter Glücksfall. Doch diese Offenheit hat auch eine Kehrseite: Sie macht die Sprache manipulierbar. Fremde Einflüsse sind nicht einfach „Bereicherungen“ – sie sind immer auch Ausdruck von Machtverhältnissen, von wirtschaftlicher Überlegenheit, von kultureller Sehnsucht.

Dieser Artikel fragt: Wer hat wann aus welchem Grund welche Wörter ins Deutsche gebracht? Und was sagt das über uns aus?


1. Die großen Einflusswellen – ein historischer Überblick

1.1 Die Hanse & der mittelalterliche Fernhandel (Niederländisch & Slawisch)

Politischer Hebel: Die wirtschaftliche Vormachtstellung der norddeutschen Küstenstädte im 13. bis 16. Jahrhundert.

Die Hanse war kein Staat, sondern ein Netzwerk von Kaufleuten. Und diese Kaufleute brachten nicht nur Waren, sondern auch Wörter mit. Sie waren pragmatisch – und die deutsche Sprache war es auch. Begriffe wie KojeTakelage und Matrose aus der Seefahrt füllten Lücken, für die das Binnenhochdeutsche keine Wurzeln hatte. Aus dem Slawischen kamen GrenzeGurke und Quark – weil der Handel mit dem Osten neue Nahrungsmittel und neue Verwaltungsbegriffe erforderte.

Wirkung: Vereinfachung. Die neuen Wörter waren kürzer, griffiger und praktischer als die umständlichen deutschen Umschreibungen. Die Sprache wurde alltagstauglicher.

1.2 Die Renaissance & der Humanismus (Latein & Griechisch)

Politischer Hebel: Die Kirche und die Gelehrtenrepublik – Latein als Weltsprache der Bildung.

Im 15. und 16. Jahrhundert war Latein die Sprache der Wissenschaft, der Religion und des Rechts. Wer etwas galt, sprach Latein. Wer nur Deutsch sprach, blieb im Dorf. VetoLaborIndiz – lateinische Begriffe verdrängten deutsche Wörter wie Einspruch oder ArbeitsraumDemokratieTheaterOper – griechische Begriffe führten eine völlig neue Gedankenwelt ein.

Wirkung: Verkomplizierung. Diese Wörter schufen eine Bildungsschranke. Wer sie verstand, gehörte zur Elite. Wer sie nicht verstand, blieb außen vor.

1.3 Der Orienthandel & die osmanische Bedrohung (Arabisch & Persisch)

Politischer Hebel: Die Kreuzzüge, venezianische Handelsmonopole und die Türkenkriege – Faszination für das Fremde.

Der Orient war nah – und gefährlich. Aber er war auch verlockend. AlkoholKaffeeZucker – Genussmittel, die das deutsche Leben revolutionierten. MatratzeMagazinTarif – Wörter für Gegenstände und Konzepte, die es hier vorher nicht gab. Die Statista-Erhebung zählt in der deutschen Sprache ca. 200 Wörter arabischen Ursprungs – darunter AlgebraAlchemieBeduineElixierHaschischKaraffeSchachRazzia und eben Zucker.

Wirkung: Kunsteinführung. Diese Wörter füllten nicht nur Lücken – sie veränderten die Lebensrealität. Wer auf einer Matratze schlief, lebte anders als jemand auf einem Strohsack.

1.4 Der Absolutismus & die Hugenotten (Französisch – 17./18. Jh.)

Politischer Hebel: Französisch als Hof- und Diplomatensprache; die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich nach 1685.

Als Ausgangspunkt für das Eindringen der vielen Gallizismen in die deutsche Sprache wird allgemein die Zuwanderung der Hugenotten in den deutschen Sprachraum gegen Ende des 17. Jahrhunderts gesehen. Französisch war die Sprache der Macht. Wer am Hof von Versailles verkehrte, sprach Französisch. Und weil die deutschen Fürstenhöfe Versailles nachahmten, wurde Französisch zur Zweitsprache des Adels.

TrottoirPortemonnaieBalkonEtageBüroParfümFriseurChef – Begriffe für den gehobenen Lebensstil. AdieuBlamageDebakelAllüren – Wörter für soziale Interaktionen, die das deutsche Vokabular nicht so präzise abdeckten. Die Entwicklung der Gallizismen folgt dem Piotrowski-Gesetz, einem Sprachwandelgesetz. Gallizismen sind nach den Latinismen die zweitgrößte Gruppe im Deutschen.

Wirkung: Verkomplizierung durch Prestige. Wer diese Wörter nutzte, zeigte Bildung und Zugehörigkeit. Sie waren ein soziales Distinktionsmerkmal. Die Sprache wurde gespalten: ein Oben (französisch) und ein Unten (deutsch). Viele Schriftsteller, auch Goethe oder Fontane, bezogen französischen und englischen Wortschatz in ihre Literatur ein, was den Unterschied zwischen Hochsprache und Alltagsdeutsch verstärkte.

1.5 Die Industrielle Revolution (Englisch – 19. Jh.)

Politischer Hebel: Großbritannien als „Werkstatt der Welt“ – technischer Fortschritt zwingt zur Anpassung.

Die Dampfmaschine kam aus England – und mit ihr die Wörter für die neue Arbeitswelt. JobTeamMatchTestStart – Begriffe für die moderne Arbeitswelt. PulloverJeans – Kleidungsstücke, die aus der Arbeiterkultur kamen und zur Alltagskleidung wurden.

Wirkung: Vereinfachung & Entemotionalisierung. Job war kürzer als Broterwerb und entkoppelte die Arbeit von der lebenslangen Berufung. Die Sprache wurde pragmatischer.

1.6 Die Globalisierung & Digitalisierung (Englisch/US-amerikanisch – ab 1945)

Politischer Hebel: Die militärische, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie der USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach 1945 kam die amerikanische Kultur – und mit ihr eine Flut von Anglizismen, die bis heute anhält. Das Neologismenwörterbuch des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim verzeichnet 647 in den letzten 30 Jahren neu aus dem Englischen ins Deutsche entlehnte Wörter. Anglizismen gab es bereits in der ersten Auflage des Dudens 1880 – sie sind kein neues Phänomen.

ComputerSmartphoneLaptopAppStreamingDownload – Begriffe für eine neue technische Welt. SelfieInfluencerSorryOkayCool – Wörter für die digitale und soziale Interaktion.

Wirkung: Radikale Vereinfachung. Diese Wörter sind kurz, knapp und leicht zu tippen. Sie passen perfekt in die digitale Welt. Häufig werden sie verwendet, weil sie gegenüber der Übersetzung kürzer sind.

1.7 Die Gastarbeiter & die urbane Migration (Türkisch, Italienisch, Griechisch, Arabisch – ab 1955)

Politischer Hebel: Die Anwerbeabkommen der 1950er–70er Jahre – Arbeitskräfte für das Wirtschaftswunder.

Hier kommt der vielleicht wichtigste Einfluss – und der einzige, der nicht von oben kam. Die Gastarbeiter brachten nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Küche und ihre Sprache mit. Migration ist seit Jahrhunderten ein Motor für den Wandel der deutschen Sprache. Ab den 1960er Jahren prägten die sogenannten Gastarbeiter neue Sprachformen wie das Gastarbeiterdeutsch.

Die Statista-Erhebung zählt 158 Wörter türkischen Ursprungs im Deutschen – darunter HamamRakiKaffeeImamDönerAyranJoghurtKioskHurra und Heck-Meck. Der Soziolinguist Ibrahim Cindark vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache erläutert, wie Begriffe wie Lan und Yallah ihren festen Platz im deutschen Alltag gefunden haben.

Wirkung: Vereinfachung & Ersetzung. Kein Deutscher sagt heute noch „gegrilltes Fladenbrot mit Hackfleischstreifen und Krautsalat“ – das eine Wort Döner hat die Kommunikation revolutionär entschlackt.


2. Die Scheinanglizismen – wenn das Fremde erfunden wird

Manchmal reicht der Import nicht aus – dann wird das Fremde einfach erfunden. Die Deutschen sind Meister darin, sich englische Wörter zu bauen, die es im Englischen gar nicht gibt.

ScheinanglizismusDeutsche BedeutungTatsächliche englische Bedeutung
HandyMobiltelefonpraktisch, nützlich (Adjektiv)
BeamerVideo-ProjektorSlang für BMW
Public ViewingÖffentliches FußballguckenAufbahrung einer Leiche im offenen Sarg
OldtimerHistorisches Fahrzeug(im Englischen ungebräuchlich)
ShowmasterEntertainer/Moderator(im Englischen ungebräuchlich)
Body BagRucksack (manchmal)Leichensack

Das erfolgreichste Ausdruck dieser Art ist Handy für ein Mobiltelefon. Das Wort ist prägnant, aber eben falsch – im Englischen bedeutet handy „praktisch“ oder „nützlich“. Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache, polterte: „Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden.“ Die Londoner Times habe dies einmal als „sprachliche Unterwürfigkeit“ bezeichnet.

Scheinanglizismen sind kein rein deutsches Phänomen. Etwa 40.000 Menschen aus 28 europäischen Mitgliedsstaaten arbeiten in den EU-Institutionen und nutzen in offiziellen EU-Publikationen vermeintlich englische Begriffe, die im Englischen gar nicht existieren.


3. Die Abkürzungen – wenn die Sprache sich selbst verschlankt

Neben den Fremdwörtern gibt es eine zweite, ebenso faszinierende Entwicklung: die Abkürzung von sperrigen, oft bürokratischen Begriffen.

AbkürzungUrsprünglicher BegriffWirkung
BafögBundesausbildungsförderungsgesetz37 Buchstaben werden zu einer fröhlichen Silbe
KitaKindertagesstätteZwei schwere Brocken werden zu einer leichten Silbe
StVOStraßenverkehrs-OrdnungVier Buchstaben für ein ganzes Gesetzeswerk
EDVElektronische DatenverarbeitungDrei Buchstaben für eine ganze Technologie-Welt
AzubiAuszubildenderEin behördliches Ungetüm wird zum vertrauten Begriff

Diese Abkürzungen sind die ultimative Vereinfachung. Sie schlachten die sprachliche Pracht der alten Wörter gnadenlos herunter – und das ist kein Verlust, sondern ein Gewinn. Denn was nützt das schönste Wort, wenn es niemand aussprechen kann?


4. Der Export – deutsche Wörter in der Welt

Doch die deutsche Sprache ist nicht nur Empfänger, sondern auch Geber. Viele deutsche Wörter haben es in andere Sprachen geschafft – und sind dort zu ungeahntem Ruhm gelangt.

Die Bestseller:

  • Kindergarten – Friedrich Fröbels Erfindung wurde weltweit zum Begriff.
  • Schadenfreude – die Freude am Leid anderer, für die das Englische kein eigenes Wort hat.
  • Angst – nicht einfach Furcht, sondern eine existenzielle Lebensangst.
  • WanderlustDoppelgängerZeitgeistLeitmotivPoltergeist – philosophische und kulturelle Begriffe, die in die Weltsprachen eingingen.

Kulinarische Exportschlager:

  • Schnitzel – in Skandinavien, Osteuropa und der Türkei bekannt.
  • BratwurstSauerkraut – in den USA fest etabliert.
  • Müsli – in Spanien und Russland ein Begriff.
  • Kartoffel – das deutsche Wort (kartofel) findet sich im Russischen (картофель).
  • Butterbrot – im Russischen als buterbrod (бутербро́д) bekannt.

Technik & Handwerk:

  • Rucksack – weltweit übernommen.
  • Auspuff – im Albanischen auspuh, im Bulgarischen ауспух.
  • Autobahn – sogar im Japanischen als autobān (アウトバーン) bekannt.

Diese Exporte zeigen: Die deutsche Sprache hat ihre eigenen Stärken – besonders bei komplexen Gefühlen, philosophischen Konzepten und sehr spezifischen Alltagsgegenständen.


5. Der Sprachpurismus – der Kampf gegen die Fremdwörter

Die Offenheit der deutschen Sprache hat nicht nur Freunde. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es Bestrebungen, die Sprache von fremdsprachigen Einflüssen zu „reinigen“. Damals versuchte der Allgemeine Deutsche Sprachverein, französische Lehnwörter durch neue deutsche Begriffe zu ersetzen – Beispiele sind Landstraße (vorher Chaussee) und Bahnsteig (vorher Perron). Nicht alle Neuschöpfungen, wie Nahrohr für Mikroskop oder Kraftwagenschuppen für Garage, setzten sich durch.

Nach von Polenz hat sich der deutsche Sprachpurismus „immer im Zusammenhang mit einer politischen Aktivierung des Nationalgefühls zu Höhepunkten gesteigert“. Die derzeitige Entwicklung mit der Neugründung von Sprachvereinen ist als neue Phase des Purismus in Deutschland zu sehen.

Die größte Vereinigung, die sich gegen Anglizismen im Deutschen wendet, ist der 1997 gegründete Dortmunder Verein Deutsche Sprache (VDS). Der VDS hat sich von einem kleinen zu einem einflussreichen Verein mit mehr als 31.000 Mitgliedern in über 70 Ländern gewandelt. Ziel des VDS ist es, gegen die Anglizismen im Deutschen vorzugehen und Medien, Politik und Wirtschaft auf das Thema aufmerksam zu machen.

Kritiker sehen Anglizismen als Bedrohung der deutschen Sprache und bezeichnen Menschen, die sie verwenden, als „denkfaul“. Andere – wie Annette Klosa-Kückelhaus, Leiterin des Programmbereichs Sprachdokumentation und Lexikographie am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache – betonen: Ob ein englisches Wort es in den deutschen Wortschatz schafft, entscheidet die Sprachgemeinschaft – also wir alle.


6. Fazit: Die duldsame Mitte

Die deutsche Sprache ist kein Museum, sondern ein lebendiger Organismus. Sie nimmt auf, was sie braucht, und gibt weiter, was andere brauchen. Sie ist offen, tolerant und pragmatisch – und genau das macht sie stark.

Diese Toleranz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von innerer Souveränität. Eine Sprache, die so viele Einflüsse aufnehmen kann, ohne ihren grammatikalischen Kern zu verlieren, ist kein Schmelztiegel, der alles verwässert – sie ist ein Potpourri, das neue Düfte annimmt, ohne seine Grundstruktur zu verlieren. Die Aufnahme von fremden Wörtern ist ein Zeichen für die Lebendigkeit einer Sprache, nicht ihren Niedergang.

Der humanistische Umgang mit der Fremdsprachlichkeit im Deutschen ist ein stilles Bekenntnis zur Offenheit. Die Sprache fordert nicht von ihren Sprechern, erst Deutsch zu sein, um Deutsch zu sprechen. Sie lädt ein: Sprich mich, wie du es kannst – ich werde dich verstehen.

Die deutsche Sprache macht nicht den Anspruch, makellos zu sein. Sie macht den Anspruch, verstanden zu werden. Und das ist das größte Kompliment, das man einer Sprache machen kann.


Quellen

  • Augustyn, Prisca: Ungainly lexical borrowing? The case of the Anglicism der Shitstorm in German. In: Linguistic Frontiers, 2024.
  • Cindark, Ibrahim / Finck, Almut: Guckst du Duden! Migration und Sprachwandel. historycast, Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands e. V.
  • Deutschlandfunk: @mediasres im Dialog – Anglizismen im Journalismus – Wie viel „Denglisch“ darf’s sein? 2020.
  • Deutschlandfunk: Streit ums Gendern – Was sich aus früheren Sprachdebatten lernen lässt. 2021.
  • Morgenpost: Handy und Beamer: Nur Deutsche kennen diese Vokabeln. 2014.
  • Statista: Lehnwörter in der deutschen Sprache. 2013.
  • Wikipedia: Gallizismus.
  • Wirth, Karoline: Der Verein Deutsche Sprache. Bamberger Beiträge zur Linguistik, 2008.

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