Die letzte Fahrt eines Hype-Begräbers
Vom Heilsbringer der urbanen Mobilität zur Tech-Archaeologie – Der Aufstieg und Fall des Segway Personal Transporter
Es gab eine Zeit, da glaubten die klügsten Köpfe des Silicon Valley an ihn. Steve Jobs soll gesagt haben, dass der Segway so bedeutend werde wie der Personal Computer. Jeff Bezos prophezeite eine Revolution der Fortbewegung, und John Doerr, der visionäre Risikokapitalgeber, witterte das nächste Milliardengeschäft . Die Geheimhaltung war perfekt, der Hype monatelang orchestriert. Und dann, an einem kalten Dezembertag des Jahres 2001, rollte Dean Kamen mit seinem „Ginger“ oder „IT“ – wie das Projekt intern hieß – in die Fernsehstudios und entpuppte sich als der Mann, der die Art, wie wir uns in Städten bewegen, für immer verändern würde .
Knapp zwei Jahrzehnte später, am 15. Juli 2020, rollte das letzte Exemplar des Segway Personal Transporter (PT) im Werk im US-amerikanischen Bedford, New Hampshire, vom Band . Nicht mit dem Donner einer Revolution, sondern mit dem leisen Schaben einer Tech-Legende, die sich – zumindest in ihrer ursprünglichen Form – als monumentaler Fehlschlag erwies. Doch was genau geschah? Warum scheiterte die Vision vom urbanen Stehroller, wo doch heute Tausende E-Scooter durch unsere Innenstädte flitzen? Die Antwort ist vielschichtig: Sie liegt im Übermut der Erfinder, in der Ignoranz gegenüber der menschlichen Natur, im falschen Preis und nicht zuletzt in einer Tragödie, die das Unternehmen in seinen Grundfesten erschütterte.
Der Aufstieg: Der größte Hype aller Zeiten
Um das Scheitern zu verstehen, muss man zunächst die Dimension des Hypes begreifen, der dem Segway vorausging. Dean Kamen war kein Unbekannter. Der Erfinder des tragbaren Dialysegeräts und der IBOT-Treppensteig-Rollstuhls galt als legitimer Erbe Thomas Edisons . Als sich im Jahr 2000 herumsprach, dass Kamen an einem Projekt mit den Codenamen „Ginger“ oder „IT“ arbeitete, begann ein Rätselraten, das selbst heutige Produkt-Launches in den Schatten stellt.
Apple-Guru Steve Jobs gab angeblich den legendären Kommentar ab, dieses Produkt sei „so wichtig wie der PC“ . John Doerr, der früh in Amazon und Google investierte, sagte voraus, der Segway werde das „schnellste Unternehmen aller Zeiten“ sein, das die Milliardengrenze erreicht . Die Presse spekulierte über Luftkissenboote oder revolutionäre Energiequellen. Als Kamen dann im Dezember 2001 auf einem zweirädrigen, selbstbalancierenden Stehroller in die „Good Morning America“-Show fuhr, war die Erleichterung und Euphorie zunächst groß .
Das Prinzip war genial: Ein mit Gyroskopen, Computern und Neigungssensoren ausgestatteter Roller, der durch intuitive Gewichtsverlagerung gesteuert wird. Der Fahrer lehnt sich nach vorne – der Segway fährt. Er lehnt sich zurück – er bremst oder fährt rückwärts. Kein Gas, keine Kupplung, kein Lenkrad. Kamen versprach nichts weniger als die „Abschaffung des Autos in der Stadt“. Er verglich den Segway mit der Erfindung des Automobils, das einst die Pferdekutsche ersetzt hatte .
Der Fall: Eine Idylle in Schieflage
Doch die vermeintlich selbstverständliche Akzeptanz durch die Massen blieb aus. Der Segway wurde zum Sinnbild einer Technologie, die an der Realität zerbrach. Mehrere Faktoren spielten dabei zusammen.
1. Der Preis: Ein Luxusgut für die breite Masse
Das Problem begann mit einem fünstelligen Preisschild. Zum Marktstart lag der Preis bei rund 5.000 US-Dollar . Selbst als später günstigere Modelle kamen, blieb der Segway ein teures Spielzeug für wenige. Zum Vergleich: Ein hochwertiges Fahrrad kostet einen Bruchteil, ein E-Scooter, wie er heute in Sharing-Diensten steht, ist für unter 200 Dollar in der Herstellung möglich . Managerin Judy Cai räumte später ein, dass der Preis „letztlich zu hoch“ war und der Mehrwert gegenüber einfacheren, leichteren Rollern schwer zu kommunizieren sei . Wer kauft schon ein 5.000-Dollar-Gerät, um damit nicht schneller voranzukommen als mit einem Fahrrad?
2. Die Technik: Zu schwer, zu sperrig, zu „nerdy“
Der Segway war schwer. Mit 30 bis 36 Kilogramm war er eine Herausforderung für jeden, der ihn in die Wohnung tragen oder in den Kofferraum heben wollte . Er war sperrig, ließ sich nicht einfach im Büro unter dem Tisch verstauen und war für die engen Gehwege europäischer Städte schlecht geeignet. Hinzu kam die komplexe Steuerung. Zwar lernten viele Menschen innerhalb weniger Minuten, ihn zu fahren, doch es blieb eine Hürde. Während ein E-Scooter einfach losrollt, verlangt der Segway eine aktive Umstellung des Gleichgewichtssinns. Tony Ho, Vizepräsident bei Segway, gab später zu: „Es gibt einen Grund, warum der Kick-Scooter jetzt die dominierende Form ist. Es ist einfach zu erlernen. Es gibt keine Lernkurve“ .
3. Das Image: Der „Mall Cop“ und der Yuppie-Roller
Wenn der Segway heute in Erinnerung bleibt, dann oft belächelt. Er wurde nie zum coolen Gefährt der urbanen Avantgarde, sondern zum Sinnbild des übereifrigen Sicherheitsdienstes im Einkaufszentrum – nicht zuletzt dank der Hollywood-Komödie „Paul Blart: Mall Cop“ . Für Touristen war er eine umstrittene Attraktion, für die Polizei in manchen US-Städten ein belächeltes Fortbewegungsmittel. Ein Image, das man nicht haben will, wenn man eine Verkehrsrevolution starten möchte.
4. Die öffentliche Wahrnehmung: Peinliche Pannen und eine Tragödie
Das öffentliche Bild des Segway wurde durch zwei Ereignisse nachhaltig beschädigt. Das erste: US-Präsident George W. Bush stürzte 2003 bei einer Vorführung mit einem Segway . Das Foto ging um die Welt und suggerierte, dass selbst der mächtigste Mann der Welt die Kontrolle über dieses Gerät verlieren kann.
Das zweite, weitaus tragischere Ereignis traf das Unternehmen ins Mark. 2009 kaufte der britische Multimillionär Jimi Heselden die angeschlagene Firma. Kaum ein Jahr später, im September 2010, stürzte Heselden mit einem Segway in seiner Heimat in Yorkshire über eine Klippe in den Tod . Die Ironie des Schicksals war grausam und schadete dem Vertrauen in die Sicherheit des Produkts nachhaltig.
5. Die Zahlen: Eine Rechnung, die nicht aufging
All diese Faktoren spiegelten sich in den Verkaufszahlen wider. Die Erwartungen waren astronomisch: Man hatte geplant, allein in den ersten 13 Monaten 100.000 Geräte zu verkaufen . In fast zwei Jahrzehnten wurden weltweit nur rund 140.000 Einheiten abgesetzt . Zum Vergleich: In den ersten 13 Monaten nach der Markteinführung verkaufte das iPhone über 10 Millionen Einheiten. Als die Muttergesellschaft Ninebot 2020 den Stecker zog, machte der Segway PT nur noch 1,5 Prozent des Unternehmensumsatzes aus .
Die Auferstehung: Wie Segway doch noch gewann (ohne den Segway)
Das Ende der Produktion des klassischen Segway PT im Juli 2020 war nicht das Ende der Marke. Im Gegenteil: Sie erlebte eine radikale Transformation. 2015 wurde die Segway Inc. vom chinesischen Start-up Ninebot übernommen, das zuvor selbst in einem erbitterten Patentstreit mit dem US-Unternehmen gelegen hatte . Die Übernahme war ein Geniestreich. Ninebot sicherte sich über 1.000 Patente, insbesondere zur Selbstbalancierung, und gleichzeitig eine der bekanntesten Marken im Bereich Mikromobilität .
Das neue Unternehmen, Segway-Ninebot, konzentrierte sich fortan auf das, was tatsächlich funktionierte: Elektro-Tretroller (E-Scooter). Heute ist Ninebot der mit Abstand größte Hersteller von E-Scootern weltweit. Vier von fünf Scootern der großen Sharing-Dienste wie Lime oder Bird stammen aus einer Ninebot-Fabrik . Das Unternehmen produziert zudem Hoverboards, E-Bikes und sogar Geländefahrzeuge unter dem Namen Segway Powersports. Die eigentliche DNA – das selbstbalancierende Fahren – lebt also in unzähligen Produkten fort, nur eben nicht in dem ikonischen Stehroller.
Fazit: Tech-Archaeologie einer verpassten Revolution
Aus heutiger Sicht, in einer Welt voller E-Scooter, ist der Segway PT ein faszinierendes Objekt der Tech-Archaeologie. Er war seiner Zeit voraus – aber auch in vielerlei Hinsicht hinter den Bedürfnissen der Nutzer zurück. Er war eine technologische Meisterleistung, die an der Mischung aus Hybris, falscher Preisstrategie und einem unbequemen Nutzererlebnis scheiterte. Dean Kamen erfand ein Gerät, das die Welt verändern sollte, aber am Ende nur das Leben von Touristen, Sicherheitskräften und einigen Technik-Enthusiasten bereicherte.
Der Segway PT zeigt exemplarisch, dass eine großartige Technologie allein nicht ausreicht. Es braucht den passenden Preis, die passende Infrastruktur, ein intuitives Design und das richtige Image. Wäre der Segway heute nicht als überteuerter „Mall Cop“-Roller, sondern als leichtgewichtiger, günstiger und sharing-fähiger E-Scooter auf den Markt gekommen – wer weiß, vielleicht hätten wir dann heute tatsächlich eine Revolution erlebt. So aber bleibt er eine Legende, ein Paradebeispiel für einen Hype, der seine eigenen Versprechen nicht einhalten konnte.
Quellen
- auto motor und sport: „Die Revolution fällt aus: Segway stellt PT-Produktion ein“, 25.06.2020
- autoservicepraxis.de: „Segway PT wird eingestellt: Aus für Roller-Pionier“, 29.06.2020
- Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ): „Am Ende ein Superflop: Kult-Stehroller Segway wird eingestellt“, 10.07.2020
- t3n.de: „Flop folgt Hype: Segway beendet die Produktion des zweirädrigen Stehscooters“, 23.06.2020
- Futurism: „Segway Is No Longer Making Its Famous Two-Wheeled Scooter“, 23.06.2020
- Encyclopaedia Britannica: „Dean Kamen | Biography, Segway, & Facts“
- Autogazette.de: „Segway: Erst gehypt, jetzt kommt das Aus“, 10.07.2020
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