Die Maison Carrée in Nîmes – Vollendung und Täuschung des römischen Tempelbaus

Autor: DerSchneider

Kaum ein antiker Tempel ist so vollständig erhalten wie die Maison Carrée im südfranzösischen Nîmes. Doch ihre scheinbare Selbstverständlichkeit trügt: Hinter der klassischen Fassade verbergen sich raffinierte Proportionstricks, eine politisch aufgeladene Bauinschrift und ein architektonisches Konzept, das den Bruch mit etruskischer Tradition markiert. Dieser Artikel beleuchtet die Bauweise, die historische Funktion und die wechselvolle Nutzungsgeschichte eines der bedeutendsten Zeugnisse augusteischer Baukunst.

Einleitung

Die Maison Carrée – „das quadratische Haus“ – ist kein Haus und nicht quadratisch. Der Name entstand im Mittelalter, als Laien die Funktion des Bauwerks nicht mehr kannten. Tatsächlich handelt es sich um einen nahezu perfekt erhaltenen römischen Pseudoperipteraltempel aus der Zeit um die Zeitenwende. Während das Kolosseum in Rom oder der Parthenon in Athen als Ruinen bestaunt werden, steht in Nîmes ein voll funktionsfähiger Tempel, der später als Kirche, Stall, Archiv und Museum diente. Für Bauhistoriker ist er eine Schlüsselquelle, um die Transformation vom etruskisch-italischen zum kaiserzeitlich-augusteischen Tempel zu studieren.

Zahlen, Daten und Grundriss

MerkmalWert
StandortPlace de la Maison Carrée, Nîmes (antikes Nemausus)
Bauzeitca. 10 v. Chr. – 4 n. Chr.
StifterMarcus Vipsanius Agrippa
WidmungGaius Caesar und Lucius Caesar (Enkel und Adoptivsöhne des Augustus)
Längeca. 26,42 m
Breiteca. 13,54 m
Höhe (inkl. Podium)ca. 17,10 m
Podiumshöhe2,85 m
Säulen6 an der Front, 20 seitliche Halbsäulen (Pseudoperipteros)
Säulenordnungkorinthisch
Cella (Innenraum)22,55 m × 9,75 m
Eingangstür6,87 m hoch, 3,27 m breit

Besonderheit in Zahlen: Der Tempel ist im Verhältnis 2:1 (Länge zu Breite) gestaltet, inklusive des Pronaos (Säulenvorhalle). Dies folgt einem idealen Proportionsschema, das Vitruv in seinen Zehn Büchern über Architektur beschreibt.

Ursprung und historische Einbettung

Die Maison Carrée entstand in einer hochpolitischen Phase. Nach der Ermordung Caesars und den Bürgerkriegen hatte sich Octavian, der spätere Kaiser Augustus, als Alleinherrscher etabliert. Er führte einen umfassenden Kult um seine Person ein – nicht als Gott zu Lebzeiten, aber als „Sohn eines Gottes“ (divi filius) nach der Vergöttlichung Caesars. Seine treuesten Gefährten wie Agrippa setzten diesen Kult im ganzen Reich um.

Agrippa, Schwiegersohn und Feldherr des Augustus, ließ in Nemausus (dem heutigen Nîmes) mehrere Großbauten errichten, darunter die berühmten Pont du Gard (Wasserleitung) und diesen Tempel. Ursprünglich sollte die Maison Carrée wohl dem Agrippa selbst gewidmet werden. Doch nach dessen frühem Tod (12 v. Chr.) und dem raschen Ableben seiner Söhne Gaius und Lucius (4 bzw. 2 n. Chr.) widmete Augustus den Tempel posthum seinen Adoptivenkeln. Die bronzene Bauinschrift an der Front – 1758 durch Jean-François Séguier aus den Befestigungslöchern rekonstruiert – lautet:

C(aio) CAESARI AVG(VSTI) F(ILIO) CO(N)S(VLI) / L(ucio) CAESARI AVG(VSTI) F(ILIO) CO(N)S(VLI) DESIG(NATO) / PRINCIPIBVS IVVENTVTIS

„Dem Gaius Caesar, Sohn des Augustus, Konsul / Dem Lucius Caesar, Sohn des Augustus, designierten Konsul / den Fürsten der Jugend.“

Die politische Botschaft war klar: Die julisch-claudische Dynastie war gottgewollt, und ihre jungen Prinzen standen für die Zukunft Roms.

Besonderheiten der Baukonstruktion

1. Pseudoperipteraler Typus

Die Maison Carrée gehört zum Pseudoperipteros – einem rein römischen Bautypus. Anders als beim griechischen Peripteros (umlaufender Säulenkranz) oder beim etruskischen Antentempel (nur Frontsäulen) werden hier die Seitensäulen als Halbsäulen oder Dreiviertelsäulen in die Cella-Wand eingestellt. Von außen wirkt der Bau wie ein vollständiger Peripteros, doch der Gang zwischen Säulen und Wand fehlt – das spart Material, reduziert die Spannweite des Daches und erlaubt eine geschlossenere Monumentalität.

Vorteil: Die Wand hinter den eingestellten Säulen kann tragend sein. Das Dach muss nicht bis zu einem äußeren Säulenkranz auskragen. Gleichzeitig entsteht die Illusion eines freistehenden Ringhallen-Tempels – architektonische Täuschung als Statussymbol.

2. Korinthische Ordnung

Die 6 Frontsäulen und 20 Halbsäulen sind korinthisch mit Kanneluren (senkrechte Rillen). Das Kapitell zeigt die typischen Akanthusblätter. Die Wahl der korinthischen Ordnung war im augusteischen Zeitalter eine bewusste Steigerung gegenüber der einfacheren ionischen oder dorischen Ordnung – sie galt als besonders „jungfräulich“ und elegant, geeignet für den Kaiserkult.

3. Das ungewöhnlich tiefe Pronaos

Der Säulenvorbau (Pronaos) nimmt fast ein Drittel der Gesamtlänge ein – viel tiefer als bei klassischen griechischen Tempeln. Dies erzeugte eine dramatische Tiefenwirkung und bot Platz für eine große Bronzetür sowie eine Kolossalstatue des Augustus oder der Prinzen im Inneren.

4. Das Podium

Auf einem 2,85 m hohen Podium erhebt sich der Tempel. Über eine Freitreppe (ursprünglich 15 Stufen, heute nur noch Reste) gelangte man zur Pronaos-Ebene. Das Podium besteht aus großen Quadern ohne Mörtel – ein Beweis für die hohe Steinmetzkunst der römischen Bauhütten.

Nutzungswandel und Erhaltung

Das Überleben der Maison Carrée grenzt an ein Wunder:

  • Spätantike (4. Jh.) : Umwidmung in eine christliche Kirche. Dadurch blieb der Bau erhalten, während heidnische Tempel oft verfielen.
  • Mittelalter : Nutzung als Augustinerkloster, später als Pferdestall und Wohnhaus.
  • 16. Jh. : Umbau zu einem Museum für römische Altertümer – eine der frühesten musealen Nutzungen eines antiken Bauwerks überhaupt.
  • 17. Jh. : Nutzung als Stadtarchiv.
  • 1823 : Eröffnung des ersten öffentlichen Museums von Nîmes im Tempel.
  • 2006–2010 : Umfassende Restaurierung mit Reinigung der Kalksteinfassaden, die unter jahrzehntelanger Luftverschmutzung gelitten hatten. Dabei wurden auch die originalen Farbreste (die Cella war innen rot und blau bemalt) konserviert.
  • 2023 : Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste (als Teil der „Antiken Denkmäler von Nîmes“).

Kontroversen und aktuelle Fragen

In der Fachwelt wird diskutiert, ob die Maison Carrée tatsächlich ein Tempel oder eher ein Augusteum (Kultbau für den Kaiserkult ohne eigenständige Gottheit) war. Die fehlende Kultstatue einer Hauptgottheit (Jupiter, Mars, Minerva) spricht für die zweite Interpretation. Außerdem ist unklar, ob die ursprüngliche bronzene Inschrift vollständig erhalten war – sie könnte ursprünglich auch Agrippa genannt haben.

Eine zweite Kontroverse betrifft die Rekonstruktion der Dachspitze. Heute fehlt das Akroter (figürlicher Dachschmuck). Darstellungen auf römischen Münzen zeigen, dass ein solcher Tempel ursprünglich eine Quadriga (Viergespann) oder mindestens Palmettenakrotere besaß – ob diese jemals existierten oder ob der Bau unvollendet blieb, ist ungeklärt.

Fazit und Ausblick

Die Maison Carrée ist kein Museumsstück, sondern ein lebendiges Zeugnis römischer Baukunst als politisches Instrument. Sie zeigt, wie die Augusteische Architektur etruskische, griechische und italische Traditionen zu einer neuen, „römischen“ Form verdichtete. Für Bauhistoriker ist sie ein einzigartiges Archiv der Bautechnik, da sich an ihr die Konstruktionsprinzipien von Pseudoperipteroi bis ins kleinste Detail studieren lassen.

Die UNESCO-Auszeichnung hat die Maison Carrée endlich international sichtbar gemacht – doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Zukunft: Klimawandel, Feinstaub und steigende Touristenzahlen bedrohen den brüchigen Kalkstein. Digitale 3D-Vermessungen (bereits durchgeführt) und kontrollierte Mikroklimata in der Cella werden helfen, den Tempel für die nächsten 2000 Jahre zu bewahren. Der Vergleich mit dem direkt gegenüberliegenden Carré d’Art von Norman Foster zeigt aber auch: Antike und Moderne können in fruchtbarem Dialog stehen – wenn man ihre Eigenheiten respektiert.

Quellen

  • Gros, Pierre (2017): *L’architecture romaine – Du début du IIIe siècle av. J.-C. à la fin du Haut-Empire. Tome 2: Maisons, palais, villas et tombeaux.* Paris: Picard.
  • Reusser, Christoph (1995): Der Fidestempel auf dem Kapitol in Rom und seine Ausstattung. Ein Beitrag zur römischen Tempelarchitektur. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung, Bd. 102, S. 33–54.
  • Wilson Jones, Mark (2000): Principles of Roman Architecture. New Haven/London: Yale University Press. (Kapitel 5 zu Pseudoperipteroi und Proportionssystemen)
  • Séguier, Jean-François (1758): Mémoire sur l’inscription de la Maison Carrée de Nîmes. Nîmes: Gaude.
  • UNESCO World Heritage Centre (2023): The Maison Carrée of Nîmes – Advisory Body Evaluation (ICOMOS).
  • Viticulture & Archéologie (2010): Restaurierung der Maison Carrée – Technischer Abschlussbericht. DRAC Occitanie.

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