Die Seele im Fenster: Warum Hundertwasser gegen das Lineal kämpfte

Wien, 1958. Ein Saal im Kloster Seckau. Mönche in dunklen Kutten, Architekten in grauen Anzügen, dazwischen ein Mann, der aussieht, als hätte ihn der Wind hier hereingeweht. Er trägt bunte Socken, die aus den Schuhen lugen, und in der Hand hält er kein Manuskript, sondern ein Bündel Notizen, das aussieht wie ein Spinnennetz. Es riecht nach Weihrauch und kaltem Stein. Der Mann heißt Friedensreich Hundertwasser, und was er gleich sagen wird, ist keine Rede. Es ist eine Kriegserklärung. Er nennt sie das „Verschimmelungsmanifest“. Das Publikum wird gleich das Gefühl haben, jemand habe mit einem Stemmeisen die Fenster zur Sakristei aufgerissen. Die kalte, frische Luft der Anarchie dringt ein .

Ich bin Techniker, kein Kunsthistoriker. Wenn ich mir ein Bild von Paul Klee ansehe, denke ich an Schaltpläne. Wenn ich eine Spiralpumpe sehe, denke ich an Archimedes. Und genau deshalb fasziniert mich Hundertwasser so. Denn der Mann war im Kern ein Ingenieur der Lebensqualität, nur dass er mit Farben statt mit Zahnrädern arbeitete. Er hat verstanden, dass das größte technische Problem des 20. Jahrhunderts nicht der Transistor oder die Raumfahrt war – sondern die Wohnmaschine. Der Ort, an dem der Mensch sein Leben verbringt, war für ihn eine technische Baustelle, auf der alles schiefgelaufen war.

Der Charakter des Gegenstands

Wer war dieser Mann, der sich selbst Friedensreich Regentag Dunkelbunt nannte? Geboren 1928 als Friedrich Stowasser in Wien, verlor er mit einem Jahr den Vater, einen Ingenieur. Die frühe Prägung durch eine Montessori-Schule, wo er zum ersten Mal spürte, dass Lernen auch ohne Zwang funktioniert, wurde brutal von der Realität überrollt. Die Nationalsozialisten zwangsumsiedelten ihn und seine Mutter, weil die Großmutter Jüdin war. 69 Verwandte mütterlicherseits wurden deportiert und ermordet . Er überlebte, weil er als „halbarisch“ galt. Das ist der Hintergrund, den man kennen muss. Dieser Mann wusste, was es heißt, keine Heimat zu haben. Er wusste, was Kontrolle, Gleichschaltung und Normierung im schlimmsten Fall bedeuten.

Als er nach dem Krieg drei Monate die Akademie besuchte und dann abbrach, war das keine jugendliche Rebellion. Es war die logische Konsequenz. Er hatte gesehen, wohin das Denken in geraden Linien führen kann. 1949 erfand er seinen Namen aus der slawischen Übersetzung von „Sto“ (hundert) und dem Traum vom Frieden . Er begann zu reisen: Italien, Frankreich, vor allem aber Nordafrika. Die Lehmhäuser, die verwinkelten Gassen, die Pflanzen, die sich ihren Weg durch die Mauern bahnen – das war für ihn echte Architektur. Gewachsene, lebendige Strukturen. Das Gegenteil von dem, was in den zerbombten Städten Europas als „Wiederaufbau“ geplant wurde.

Das Problem: Die gerade Linie als Gefängnis

Stell dir einen Schaltplan vor. Jede Leiterbahn ist gerade, jeder Widerstand sitzt exakt an seinem Platz. Funktion pur. Das ist gut für Elektronik. Aber jetzt stell dir vor, du müsstest in diesem Schaltplan wohnen. Dein Sofa ist ein IC-Sockel, dein Fenster ein Rechteck auf der Maske, dein Leben ein getaktetes Signal. Genau das warf Hundertwasser den Architekten der Moderne vor – Le Corbusier, Mies van der Rohe, Adolf Loos, dem gesamten Bauhaus. Er nannte sie nicht etwa „große Gestalter“, sondern in seinem 1968 veröffentlichten Manifest „Los von Loos“ schlicht Verbrecher .

Das technische Problem war für ihn die Entfremdung. Der Architekt zeichnet mit dem Lineal eine Linie auf Papier. Der Bauarbeiter setzt diese Linie nach Vorschrift in Beton um. Und dann kommt der Mieter, der in dieses starre Gebilde geworfen wird wie ein Tier in den Käfig des Zoos. Er darf nichts mehr verändern. Das Fenster muss so bleiben, die Wandfarbe ist im Mietvertrag verboten, die Fassade ist tabu. In einer seiner wütendsten Passagen des „Verschimmelungsmanifests“ schreibt er:

„Der Wohnungsmieter muss die Freiheit haben, aus seinem Fenster zu lehnen und, so weit seine Arme reichen, die Außenhaut seiner Behausung zu verändern. Und er muss die Freiheit haben, einen langen Pinsel zu nehmen und alles, so weit seine Arme reichen, rosa anzustreichen, damit man von weitem, von der Straße aus sieht: Da wohnt ein Mensch, der sich von seinen Nachbarn unterscheidet, dem eingepferchten Vieh!“ 

Das klingt verrückt. Ist es vielleicht auch. Aber steckt da nicht ein Kern Wahrheit drin? Die Bauordnung als Bauplan der Uniformität? Der Architekt als Alleinherrscher über die dritte Haut des Menschen (nach der eigenen Haut und der Kleidung)?

Für Hundertwasser war die gerade Linie kein Werkzeug, sondern eine Waffe. Er zählte auf einer einzigen Rasierklinge 546 gerade Linien und kam mit Verpackung auf 3.000 . Wir leben in einem Dschungel aus Geraden, und dieser Dschungel ist für ihn die Hölle. Der Ingenieur in mir will einwenden: Ein Haus muss doch statisch halten, ein Fenster muss doch dicht sein! Aber Hundertwassers Antwort darauf wäre: Dann lass es halt mal krachen. In seiner radikalsten Forderung verlangte er, dass wir Menschenopfer in Kauf nehmen müssen für eine neue, freie Architektur. Wenn ein selbstgebautes Haus kracht, knarzt es vorher, und der Bewohner lernt daraus . Das ist natürlich blanker Unsinn aus Sicht des Bauingenieurs – aber es zeigt die Tiefe seiner Verzweiflung über die sterile Sicherheit, die uns seelisch verkümmern lässt.

Der Bau / Die Funktionsweise: Die Spirale als Maschine

Wie aber baut man gegen die Norm? Hundertwassers Werkzeug war die Spirale. Er entdeckte sie 1953 für sich . Sie ist nicht nur ein hübsches Ornament. Die Spirale ist eine Maschine. Sie ist die mathematische Form des Wachstums (wie in der Fibonacci-Folge), die Form von Turbinen, von Schnecken, von Galaxien. Sie hat einen Anfang, aber kein Ende. Sie rollt sich auf und entrollt sich. Sie ist das Gegenteil der statischen, toten Geraden.

Als er 1975 seine erste Briefmarke für Österreich gestaltete, den „Spiralbaum“, da setzte er genau dieses Prinzip ins Werk . Sie wurde in einer aufwendigen Kombination aus Stahlstich und Photogravüre gedruckt – ein teures, handwerkliches Verfahren, das er bewusst wählte, um gegen die zunehmende Vergrauung und technische Gleichförmigkeit der Postwertzeichen anzukämpfen. Ein Brief, frankiert mit diesem Baum, war für ihn ein kleines wandelndes Manifest.

Seine Architektur funktioniert nach demselben Prinzip. Das Hundertwasserhaus in Wien (1983-1986) ist keine Laune der Natur, sondern eine hochkomplexe technische Umsetzung eines philosophischen Programms . Die Fußböden sind wellig – nicht aus Unvermögen, sondern weil er wollte, dass man den Boden unter den Füßen spürt, dass man wieder lernen muss zu gehen, statt zu rollen. Die Fenster haben verschiedene Größen und sind oft mit Baumkronen bekrönt – der „Baummieter“, der dem Haus die Stirn bietet und ihm das Licht nimmt, aber auch Leben bringt. Er pflanzte Bäume auf den Terrassen, deren Wurzeln sich ihren Raum suchen. Für einen Statiker ein Albtraum. Für Hundertwasser die einzig logische Konsequenz: Natur und Technik müssen eine Symbiose eingehen, sonst sind beide tot.

Das Herzstück: Die Fensterrechte und das Recht auf die eigene Haut

Wenn man das ganze Werk auf eine einzige, geniale Idee herunterbrechen muss, dann ist es die Umkehrung der Hierarchie. Nicht der Architekt plant von oben herab, sondern der Bewohner gestaltet von innen nach außen. Das Herzstück ist das Fenster. Für Hundertwasser ist das Fenster nicht nur eine Lichtquelle, es ist das Organ des Hauses, mit dem es atmet und nach draußen schaut. Und der Mensch, der dahinter wohnt, hat das Recht, dieses Organ zu kontrollieren.

In seinem Manifest „Dein Fensterrecht – Deine Baumpflicht“ (1972) forderte er, dass jeder Mieter die Fassade um sein Fenster herum so weit gestalten darf, wie seine Arme reichen . Das ist ein technisch umsetzbarer Parameter: die Armreichweite. Alles innerhalb dieser Zone ist souveränes Territorium des Bewohners. Ob er rosa malt, Kacheln anklebt oder Efeu ranken lässt – das ist seine Sache. Der Architekt hat gefälligst einen neutralen Rahmen zu schaffen, der diese individuelle Entfaltung ermöglicht.

Das ist die radikale Demokratisierung der Architektur. Der Mensch wird vom Konsumenten zum Produzenten seiner Umgebung. Und genau hier wird der Bogen zur Technikphilosophie geschlagen. Was nützt die effizienteste Heizung, die gedämmteste Fassade, wenn der Bewohner sich darin fremd fühlt? Die Messgröße ist nicht mehr nur der Wärmedurchgangskoeffizient, sondern das Wohlbefinden. Und das lässt sich nicht normen.

Das Ende: Was wurde daraus?

Hundertwasser starb am 19. Februar 2000 an Bord der Queen Elizabeth 2 vor Brisbane . Er ist auf seinem Grundstück in Neuseeland begraben, nackt, unter einem Baum, wie er es verfügt hatte. Er hat sein Land in Neuseeland der Natur zurückgegeben, 100.000 Bäume gepflanzt und mit Pflanzenkläranlagen und Solarzellen experimentiert .

Aber was ist von seinen Ideen geblieben? Die Architektenwelt hat ihn lange als bunten Vogel abgetan. Zu schrill, zu chaotisch, nicht umsetzbar. Heute, zwanzig Jahre nach seinem Tod, sieht das anders aus. Eine wissenschaftliche Arbeit der FH Campus Wien kommt zu dem Schluss: Hundertwassers größte Tage stehen vielleicht erst bevor . Denn was ist die heutige Fassadenbegrünung anderes als seine „Baummieter“? Was ist Urban Gardening anderes als sein Anspruch, die Natur zurück in die Stadt zu holen? Was sind die Diskussionen über das Recht auf Stadt anderes als sein Kampf gegen die Enteignung des Bewohners?

Wir haben es inzwischen mit einer neuen Form der geplanten Obsoleszenz zu tun: der Obsoleszenz der Seele. Unsere Häuser sind technisch perfekt, aber sie machen uns krank, weil sie uns von der Natur trennen und in Raster pressen. Hundertwasser hat diesen Punkt schon 1958 gesehen. Er hat keine Patentlösung angeboten, sondern eine Haltung: Wehrt euch gegen die Diktatur des Lineals. Holt euch eure Wände zurück. Und vor allem: Hört auf, die Schablone für das Leben zu halten.

Der Epilog – Was bleibt?

Ich sitze in meiner Werkstatt. Vor mir liegt ein alter, vergilbter Bauplan für ein Einfamilienhaus aus den Siebzigerjahren. Alles gerade, alles im 90-Grad-Winkel. Ein Gefängnis auf Papier. Ich denke an den Typen im Kloster Seckau, der von Verschimmelung sprach, als wäre sie ein Segen. Ich denke an die 546 Linien auf der Rasierklinge. Und ich schraube an einem alten Röhrenradio, dessen Gehäuse aus warmem, angerautem Holz besteht, das schon Gebrauchsspuren hat. Die Spulen im Inneren sind in einer perfekten, unsichtbaren Spirale gewickelt. Das Radio spielt Musik. Draußen vor dem Fenster, genau in Hundertwassers Armreichweite, habe ich einen Blumenkasten angebracht, der viel zu groß ist und schief hängt. Die Nachbarn haben sich schon beschwert. Aber es ist mein Fenster.

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