Die unsichtbare Macht aus Leverkusen: Wie NAMUR die Prozessindustrie steuert

Autor: DerSchneider

Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine petrochemische Anlage. Tausende Sensoren messen Druck, Temperatur, Durchfluss. Ventile öffnen und schließen im Millisekundentakt. Ein Leitsystem zeigt dem Fahrer an, ob alles in Ordnung ist – oder ob eine Störung droht. Doch was bedeutet eigentlich „in Ordnung“? Ab wann gilt ein Signal als „Störung“? Wer legt fest, wie ein Alarm auszusehen hat? Die Antwort führt zu einer Organisation, die die meisten Ingenieure kennen, die breite Öffentlichkeit aber nie gehört hat: NAMUR.

Dieser Artikel taucht ein in die Geschichte, Struktur und Wirkungsweise eines Vereins, der ohne eigenes Produktportfolio die Automatisierungstechnik weltweit prägt – und das seit über 75 Jahren.

Ein Verein, kein Konzern: Die Geburt einer Idee

Das Jahr ist 1949. Die chemische Industrie in Deutschland befindet sich im Wiederaufbau. Anlagen wachsen, Rechenleistung ist teuer, Regelungstechnik ist Handarbeit. Jeder Hersteller von Messgeräten entwickelt sein eigenes „System“ – inkompatibel, proprietär, für den Betreiber ein Albtraum. Ein Ventil von Hersteller A passt nicht zur Steuerung von Hersteller B. Die Folge: Hohe Kosten für Ersatzteillager, aufwendige Schulungen, fehleranfällige Verkabelung.

In dieser Gemengelage treffen sich kluge Köpfe aus der damaligen IG Farben-Nachfolge (Bayer, BASF, Hoechst) und gründen die „NAMUR – Normenarbeitsgemeinschaft für Mess- und Regelungstechnik in der chemischen Industrie“. Der Name ist Programm: Es geht um Normung – aber nicht von oben herab, sondern aus der Praxis für die Praxis.

Der entscheidende Geniestreich: NAMUR war von Beginn an ein Anwenderverband. Mitglieder sind ausschließlich Betreiber von Anlagen (Chemiekonzerne, Pharmahersteller, Raffinerien). Hersteller von Automatisierungstechnik (damals z. B. Siemens, Hartmann & Braun, heute Endress+Hauser, ABB) sind ausgeschlossen. Diese Konstellation ist bis heute ihr Erfolgsgeheimnis.

Warum? Weil die NAMUR nicht verkaufen will. Sie hat kein wirtschaftliches Interesse an proprietären Lösungen. Sie will nur eines: Dass die Anlage sicher, verfügbar und wirtschaftlich läuft. Ihre Empfehlungen sind daher oft knallhart aus Betreibersicht formuliert – und für Hersteller faktisch alternativlos, wenn sie an die großen Chemieparkbetreiber verkaufen wollen.

Organisation: Eine Firma? Nein, ein e. V.

Formal ist die NAMUR ein eingetragener Verein (e. V.) mit Sitz in Leverkusen (c/o Bayer AG). Sie ist kein Unternehmen. Sie beschäftigt keine festen Techniker. Ihre Arbeit wird von ehrenamtlichen Experten aus den Mitgliedsfirmen geleistet – Menschen, die im Hauptberuf Anlagen planen, betreiben oder instand halten.

Wer finanziert das? Die NAMUR finanziert sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge. Aktuell zählt der Verein 181 Mitgliedsunternehmen aus 11 Ländern, darunter 144 allein aus Deutschland . Großkonzerne wie BASF, Bayer, Shell oder Dow zahlen höhere Beiträge als kleinere Ingenieurdienstleister. Staatliche Mittel fließen nicht – die NAMUR ist unabhängig.

Wer ist drin? Ein Blick auf die Mitgliederliste ist ein Who-is-Who der Prozessindustrie:

  • Chemie: BASF, Covestro, Evonik, Lanxess, Wacker
  • Pharma: Boehringer Ingelheim, Roche, Novartis, Sanofi
  • Öl & Gas: BP, Shell, ExxonMobil, Wintershall Dea
  • Forschung & Behörden: BAM, BSI, PTB, Fraunhofer-Institute, diverse Universitäten (RWTH Aachen, TU München, KIT) 

Bemerkenswert: Auch deutsche Behörden wie das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) sind Mitglied. Das zeigt, dass die NAMUR längst auch Themen wie IT-Sicherheit in der Industrie besetzt – ein Bereich, in dem ihre Empfehlungen später oft in gesetzliche Vorgaben einfließen.

Die technische Arbeitsweise: Vom Problem zur NE

Die eigentliche Arbeit findet in Arbeitskreisen (AK) statt. Jeder AK behandelt ein spezifisches technisches Problem. Die Mitglieder treffen sich mehrmals im Jahr (heute oft hybrid), diskutieren, schreiben Entwürfe, testen in ihren eigenen Anlagen.

Das Ergebnis ist eine NAMUR-Empfehlung (NE) – ein Dokument, das beschreibt, wie ein Problem aus Betreibersicht gelöst werden sollte. Wichtig: Eine NE ist kein Gesetz, keine DIN-Norm, keine IEC-Norm. Aber: In der Prozessindustrie wird sie behandelt wie eine.

Der Prozess:

  1. Bedarfserkennung: Ein Betreiber stößt auf ein Problem (z. B. „Jeder Hersteller codiert Diagnosemeldungen anders“).
  2. Mandatierung: Der Technische Beirat stimmt zu.
  3. Erarbeitung: Ein AK schreibt einen Entwurf (Dauer: 1–3 Jahre).
  4. Abstimmung: Alle Mitglieder kommentieren.
  5. Veröffentlichung: Die NE wird auf der Hauptsitzung vorgestellt.

Zwei Beispiele, die jeder Kenner sofort einordnet

NE-NummerTitelKernaussage (vereinfacht)Wirkung
NE 43Vereinheitlichung der Signalpegel für binäre MeldekontakteDefiniert: 2,1–3,6 mA = „GUT“, 3,7–21 mA = „STÖRUNG“.Jeder 4–20 mA-Sensor auf dem Markt hält sich heute daran – sonst kauft ihn kein NAMUR-Mitglied.
NE 107Selbstüberwachung und Diagnose von FeldgerätenFührt vier Diagnosestatus ein: GUT / WARTUNGSBEDARF / FUNKTIONSEINSCHRÄNKUNG / AUSFALL.Ermöglicht einheitliche Alarmierung über Herstellergrenzen hinweg. Basis für moderne Condition-Monitoring-Systeme.

Kontroversen und Kritik: Die dunkle Seite der Macht

So einflussreich die NAMUR ist, so sehr steht sie auch in der Kritik. Drei zentrale Vorwürfe:

1. Kartellrechtliche Bedenken

Wenn sich die größten Chemiekonzerne eines Landes zusammenschließen und technische Vorgaben machen, klingt das verdächtig nach Kartell. Tatsächlich bewegt sich die NAMUR auf einem schmalen Grat. Die offizielle Position: „Wir schließen niemanden aus, wir definieren nur Bedürfnisse.“ Aber ein Hersteller, der eine NE ignoriert, kann seine Geräte praktisch nicht an BASF & Co. verkaufen. Das ist faktischer Zwang ohne Gesetzesform.

Die Rechtsexperten der NAMUR achten penibel darauf, dass keine Preise, Marktaufteilungen oder Kundenabsprachen diskutiert werden. Aber der Vorwurf der „stillen Marktmacht“ bleibt.

2. Innovationsbremse oder Innovationstreiber?

Hersteller argumentieren manchmal hinter vorgehaltener Hand: „Die NAMUR bremst uns aus. Wir hätten längst bessere Feldbusse, intelligentere Sensoren, aber die NAMUR will immer nur das, was die alte Anlage auch schon konnte.“

Gegenargument der Betreiber: „Wir haben Tausende von Sensoren in explosionsgefährdeten Bereichen. Die müssen 20 Jahre laufen. Wir können nicht jede Saison das gesamte Feldgerätemanagement umstellen. Kompatibilität ist für uns wichtiger als Innovation.

Ein real existierender Zielkonflikt: Die NAMUR priorisiert Rückwärtskompatibilität und Stabilität. Das ist für hochriskante Anlagen richtig, aber für disruptive Innovationen giftig.

3. Der deutsche Sonderweg?

Viele NAMUR-Empfehlungen sind weltweit akzeptiert. Aber manche Kritiker – insbesondere außerhalb Europas – sehen darin einen „deutschen Sonderweg“, der internationale Standards (IEC, ISA) umgeht. Ein Beispiel: Die NE 107 wurde erst Jahre später in die IEC 62784 eingearbeitet. In der Zwischenzeit hatten Hersteller zwei parallele Systeme zu pflegen.

Die NAMUR kontert: „Wir sind schneller als die internationale Normung und praxisnäher.“ Das ist nicht falsch. Die Frage ist, ob man diese Geschwindigkeit braucht.

Die Zukunft: Industrie 4.0 trifft auf alte Strukturen

Die größte Herausforderung für die NAMUR ist die Digitale Transformation – das Schlagwort „Industrie 4.0“. In einer Welt, in der Sensoren drahtlos kommunizieren, Daten in der Cloud liegen und Maschinen selbstständig Entscheidungen treffen, wirken die klassischen, trägen Gremien der NAMUR manchmal wie aus einer anderen Zeit.

Die Organisation reagiert:

  • Arbeitskreis 2.6 – Alarmmanagement befasst sich mit der nie dagewesenen Alarmflut in modernen Leitsystemen.
  • AK 4.12 – Mobile Work untersucht, wie Tablets und Smartphones sicher in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden können.
  • AK 1.19 – IT-Sicherheit arbeitet eng mit dem BSI zusammen und bringt Betreibererfahrung in die IEC 62443 (die internationale Norm für Industrie-IT-Sicherheit) ein.

Die eigentliche Zukunftsprognostik von mir als Autor: Die NAMUR wird überleben, weil ihr Prinzet unschlagbar ist regionale Dichte. Nirgendwo sonst auf der Welt sitzen so viele Prozessbetreiber auf einem Haufen wie im Rhein-Ruhr-Gebiet und im Raum Frankfurt. Diese Nähe, dieses Vertrauen, diese gemeinsame Sprache – das kann keine internationale Normungsorganisation ersetzen. Aber sie wird sich öffnen müssen. Die ersten asiatischen Mitglieder (z. B. aus China) sind bereits da . Die Frage ist, ob der deutsche Charakter dabei verloren geht – oder ob die NAMUR zur globalen Stimme der Anwender wird.

Quellen

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