Die Wiederaneignung der Kontrolle: Das Brax open_slate und der Kampf um das offene Ökosystem

Die Geschichte der persönlichen Computer ist eine Geschichte der Öffnung und Schließung. In den 1980er Jahren lockten offene Architekturen wie die des IBM PC eine Generation von Tüftlern und Bastlern an – wer einen Computer besass, konnte ihn nicht nur nutzen, sondern verstehen, erweitern und reparieren. Drei Jahrzehnte später sind wir an einem anderen Punkt angelangt. Mobile Geräte sind versiegelte Black Boxes geworden, deren Innenleben für die Nutzer unsichtbar bleibt. Akkus sind verklebt, Speicher ist verlötet, und wer ein Smartphone oder Tablet öffnet, verliert nicht nur die Garantie, sondern kämpft oft gegen proprietäre Schrauben und Klebstoffe. In diese Landschaft stösst ein Projekt vor, das bewusst einen anderen Weg einschlägt: das Brax open_slate.

Dieses angekündigte 2-in-1-Tablet ist mehr als nur ein weiteres Gerät in einem überfüllten Markt. Es ist eine technikphilosophische Intervention. Es ist der Versuch, Prinzipien der Privacy-Bewegung, der Open-Source-Community und der Right-to-Repair-Initiativen in einem Massenprodukt zu vereinen. Dieser Artikel beleuchtet nicht nur die technischen Daten, sondern die historische Einordnung, die strategischen Entscheidungen und die Zukunftsperspektiven eines Geräts, das sich anschickt, den etablierten Tech-Oligopolen die Stirn zu bieten.

Vom Smartphone zum Tablet: Die Entstehungsgeschichte einer Idee

Um das open_slate zu verstehen, muss man seinen Vorgänger kennen: das Brax3. Das Unternehmen Brax Technologies, eng verbunden mit dem bekannten Privacy-Aktivisten Rob Braxman, wagte sich Ende 2024 in das umkämpfte Feld der Crowdfunding-Kampagnen für Smartphones . Das Versprechen des Brax3 war ambitioniert: ein modernes Smartphone, das radikal auf Privatsphäre setzt, Hardware-Kill-Schalter bietet und ohne die Dienste von Google auskommt. Mit über zwei Millionen US-Dollar Einnahmen und mehr als 5500 ausgelieferten Einheiten im September 2025 bewies das Projekt, dass es einen Markt – oder zumindest eine leidenschaftliche Nische – für solche Ideen gibt .

Doch der Erfolg des Brax3 war nicht nur ein finanzieller. Er war vor allem ein dialogischer. Die Community, die sich um das Projekt gebildet hatte, kommunizierte kontinuierlich mit den Entwicklern. Aus diesem Feedback kristallisierten sich wiederkehrende Wünsche heraus, die über das Smartphone-Format hinauswiesen: der starke Wunsch nach nativem Linux-Support, eine noch tiefere Verankerung der Reparierbarkeit und eine Ausweitung der hardware-seitigen Privatsphäre-Kontrollen . Das Smartphone-Format, so die Erkenntnis, setzte hier aufgrund seiner geringen Grösse Grenzen. Ein Tablet hingegen – mit seiner grösseren Fläche und seinem anderen Anwendungsprofil – bot sich als ideale Plattform an, um diese Ideale nicht nur umzusetzen, sondern sie auf die Spitze zu treiben . So entstand die Geburtsstunde des open_slate.

Die Hardware-Philosophie: Kontrolle als Konstruktionsprinzip

Die Spezifikationen des open_slate lesen sich auf den ersten Blick wie die eines soliden Mittelklasse-Tablets, doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein tiefgreifend anderes Designverständnis.

Das Fundament: Der MediaTek Genio 720

Im Herzen des Geräts arbeitet der MediaTek Genio 720 (MT8391AV), ein im 6-nm-Verfahren gefertigter System-on-a-Chip mit zwei leistungsstarken Cortex-A78-Kernen (2.6 GHz) und sechs effizienten Cortex-A55-Kernen (2.0 GHz) . Die Wahl gerade dieses Prozessors ist kein Zufall, sondern eine strategische Entscheidung. MediaTek betont bei dieser Plattform explizit die Unterstützung von mainline Linux – ein entscheidendes Kriterium für ein Gerät, das nicht nur auf Android, sondern auch auf verschiedene Linux-Distributionen setzt . Es geht nicht um kurzfristige Ports, die mit dem nächsten Update zerbrechen, sondern um eine stabile, langfristig wartbare Basis. Die integrierte ARM Mali-G57 MC2 GPU und eine 9-TOPS-NPU runden das SoC für alltägliche Aufgaben und leichte KI-Anwendungen ab .

Die Freiheit der Erweiterung: M.2 als Statement

Der bemerkenswerteste Hardware-Aspekt ist zweifellos der PCIe Gen 2 M.2-Slot (Typ 2280) . In einer Zeit, in der Hersteller selbst die Speichererweiterung per microSD-Karte zunehmend einschränken oder ganz streichen, integriert Brax einen Steckplatz, der den Einbau handelsüblicher SSDs erlaubt. Dies hat mehrere Implikationen:

  • Leistung: Nutzer können den schnellen, internen Speicher nach Bedarf erweitern, weit über das werksseitig verbaute eMMC oder UFS hinaus.
  • Dual-Boot: Auf einer separaten SSD lässt sich ein zweites Betriebssystem installieren, ohne den internen Speicher zu tangieren .
  • Zukunftssicherheit: Der M.2-Slot ist nicht auf Speicher beschränkt. Theoretisch können auch andere M.2-Karten wie etwa zukünftige 5G-Modems, KI-Beschleuniger oder Hardware-Wallets zum Einsatz kommen . Diese Offenheit für unvorhergesehene Nutzungsszenarien ist ein radikaler Bruch mit dem geschlossenen Ökosystem-Gedanken.

Das Prinzip der physischen Gewissheit: Die Kill-Switches

Software-Einstellungen zur Privatsphäre sind nur so gut wie die Sicherheit des Betriebssystems. Ein Trojaner oder eine Schadsoftware kann Berechtigungen umgehen. Das open_slate setzt deshalb auf eine Ebene tiefer an: physische Hardware-Schalter . Sechs mechanische Schalter (für WLAN, Bluetooth, GPS, Mikrofon, Kamera sowie einen Hauptschalter für das Netzwerk) unterbrechen die Stromzufuhr zu den jeweiligen Komponenten auf der Leiterplatte. Wenn die Kamera ausgeschaltet ist, ist sie wirklich aus. Es gibt keine Hintertür, keinen Software-Bug, der sie reaktivieren könnte. Diese „Kill-Switches“ sind der ultimative Ausdruck von Hardware-Kontrolle und das Herzstück des Privacy-Versprechens .

Langlebigkeit durch Modularität

Das open_slate ist mit einem Gewicht von etwa 650 Gramm und einer Dicke von 9 mm nicht das dünnste und leichteste Tablet auf dem Markt . Das ist beabsichtigt. Das Gehäuse aus ABS+PC mit TPU-Verstärkung lässt sich mit handelsüblichen Schraubendrehern öffnen . Das Herzstück der Modularität ist der vom Nutzer austauschbare 8.000-mAh-Akku. Ein Mechanismus, der an die Wechselakkus von Fachwerkzeugen erinnert, erlaubt den Tausch ohne Werkzeug oder Föhn . Für ein Tablet, das Jahre im Einsatz sein soll, ist dies eine entscheidende Funktion, da Lithium-Ionen-Akkus bekanntermassen einem Kapazitätsverlust unterliegen. Wer das open_slate kauft, kauft sich von der Zwangsverrentung durch einen schwächelnden Akku frei.

Komponenteopen_slate Baseopen_slate ProPhilosophische Bedeutung
SoCMediaTek Genio 720 (2x A78 + 6x A55)MediaTek Genio 720Langfristige Linux-Kompatibilität als Kaufkriterium
RAM8 GB LPDDR4X16 GB LPDDR5XWahlfreiheit nach Nutzungsszenario
Speicher128 GB (eMMC/UFS) + M.2-Slot + microSD256 GB (UFS) + M.2-Slot + microSDErweiterbarkeit statt Festlegung
Akku8.000 mAh, wechselbar8.000 mAh, wechselbarLanglebigkeit und Recht auf Reparatur
Privatsphäre6 Hardware-Kill-Switches6 Hardware-Kill-SwitchesPhysische Kontrolle übertrumpft Software

Die Software-Revolution: Ein Gerät, unzählige Seelen

Das open_slate ist als Multi-OS-Device konzipiert. Es wird nicht mit einem einzigen Betriebssystem ausgeliefert, sondern soll eine Plattform sein, auf der der Nutzer wählen kann. Dies ist eine technische Herausforderung, der sich Brax stellt.

Android, aber anders: BraxOS und die De-Googled-Varianten

Die Android-Welt ist dominiert von Google Play Services, die tief im System verwurzelt sind und umfangreiche Telemetrie-Daten sammeln. Brax bietet mit BraxOS ein eigenes, auf Android basierendes System, das von Grund auf ohne diese proprietären Komponenten auskommt . Es ist ein „de-Googled“ Android, das die Privatsphäre in den Vordergrund stellt. Darüber hinaus wird das Tablet auch Community-Versionen wie LineageOS und das besonders auf Privatsphäre getrimmte iodeOS unterstützen . Der Nutzer hat die Wahl, welches Android-Erlebnis er haben möchte – von nah am AOSP (Android Open Source Project) bis hin zu optimierten Custom-ROMs.

Linux auf ARM: Das Versprechen von mainline

Der spannendere Teil ist das Linux-Versprechen. Während es immer wieder Versuche gab, Linux auf Tablets zu bringen, scheiterten diese oft an mangelndem Treiber-Support. Brax geht das Problem strategisch an, indem es mit Chip-Partner MediaTek und spezialisierten Linux-Integratoren zusammenarbeitet, um einen soliden mainline Linux-Kernel zu gewährleisten .

Konkret sind folgende Distributionen geplant:

  • Ubuntu und Ubuntu Touch: Ubuntu Touch setzt die Tradition von Canonical fort und bietet eine für Touch optimierte Oberfläche .
  • Debian: Die Ur-Distribution, bekannt für ihre Stabilität .
  • Yocto Linux: Ein Framework, das es erlaubt, hochspezialisierte, eigene Linux-Systeme für Embedded-Geräte zu bauen – ein klarer Hinweis auf die Zielgruppe der Entwickler und Bastler .

Das Ziel ist ambitioniert: Das open_slate soll das Tablet mit der höchsten OS-Kompatibilität auf dem Markt werden . Sollte dies gelingen, wäre es ein universelles Werkzeug für Entwickler, Sysadmins und alle, die ein Linux-System im Tablet-Format benötigen.

Historische Einordnung und strategische Positionierung

Das open_slate tritt nicht in ein Vakuum. Es reiht sich ein in eine Tradition von Geräten, die das Verhältnis von Nutzer und Gerät neu definieren wollten.

Man kann eine Linie ziehen von den frühen Open-Source-Handys wie dem Neo1973 und Freerunner von OpenMoko (2006-2009), die zwar kommerziell scheiterten, aber den Traum eines vollständig offenen mobilen Gerätes befeuerten. Es folgte das PinePhone und das PineTab von Pine64, die zu extrem niedrigen Preisen Linux auf mobile Hardware brachten, jedoch oft mit spürbaren Kompromissen bei der Leistung und Verarbeitungsqualität. Auf der anderen Seite steht das Librem 5 von Purism, das noch radikaler auf Hardware-Kill-Switches und Freiheit setzt, aber mit einem hohen Preis und jahrelangen Verzögerungen zu kämpfen hatte.

Das open_slate positioniert sich genau in dieser Nische, versucht aber, die Fallstricke der Vorgänger zu vermeiden:

  • Professionalität: Mit dem MediaTek Genio 720 setzt es auf einen modernen, leistungsfähigen SoC, der sowohl im unteren als auch im oberen Segment (durch die Pro-Version mit OLED und mehr RAM) konkurrenzfähig ist .
  • Realismus: Brax räumt ein, dass der Linux-Support zum Launch noch „rough around the edges“ sein könnte . Das schafft realistische Erwartungen.
  • Erfahrung: Im Gegensatz zu vielen Crowdfunding-Neulingen hat Brax mit dem Brax3 bereits bewiesen, dass es ein komplexes Hardware-Projekt zur Marktreife führen kann .

Dennoch bleibt der Markt herausfordernd. Purism und Pine64 sind etablierte Player, und auch auf herkömmlichen Windows-Tablets lässt sich Linux installieren . Die grosse Unbekannte ist, ob die Community, die sich aus Privacy-Fans, Linux-Enthusiasten und Technik-Idealisten zusammensetzt, gross genug ist, um ein solches Projekt nachhaltig zu tragen.

Kontroversen und Realitäten des Crowdfunding

So enthusiastisch die Ankündigung auch ist, es bleiben die Risiken des Crowdfunding. Die Finanzierungskampagne ist für Februar 2026 auf Indiegogo geplant, die Auslieferung für August 2026 . Die Preisgestaltung ist attraktiv: Early-Bird-Preise von 399 US-Dollar (Base) und 529 US-Dollar (Pro) liegen deutlich unter den geplanten Einzelhandelspreisen von 599 bzw. 799 US-Dollar .

Doch es gibt Vorbehalte:

  1. Lieferverzögerungen: Brax hat beim Vorgänger Brax3 bereits Erfahrungen mit Verzögerungen gemacht . Die Hoffnung, diesmal pünktlicher zu sein, ist da, aber keine Garantie.
  2. Software-Reife: Die Linux-Unterstützung ist ein Langstreckenlauf. Ob alle Features, insbesondere die Stromverwaltung und die Hardware-Kill-Switches, unter Linux von Tag eins perfekt funktionieren, ist offen .
  3. Hardware-Änderungen: Die gezeigten Renderings sind nicht endgültig. Bis zur Produktion können sich Details ändern .

Die grösste Kontroverse ist jedoch eine grundsätzliche: Kann ein Gerät, das auf Crowdfunding angewiesen ist, jemals ein Massenprodukt werden, oder bleibt es ein Fetisch-Objekt für eine handverlesene Gruppe von Idealisten? Die Antwort auf diese Frage ist auch die Antwort auf die Zukunft der digitalen Selbstbestimmung.

Fazit: Ein Hoffnungsträger für die digitale Mündigkeit

Das Brax open_slate ist ein faszinierendes Projekt, das weit über seine Spezifikationsliste hinausweist. Es ist der Versuch, die Prinzipien der Open-Source-Bewegung – Transparenz, Wahlfreiheit, Gemeinschaftssinn – in einem konsumentennahen Gerät zu manifestieren. Die Kombination aus Hardware-Kill-Switches, einem wechselbaren Akku, dem M.2-Slot und der Multi-OS-Strategie macht es zu einem Unikat im Tablet-Markt.

Ob es gelingt, ist eine Frage der Perspektive. Aus Sicht des Investors ist es ein spekulatives Wagnis. Aus Sicht des Technikhistorikers ist es eine konsequente Weiterentwicklung einer Gegenbewegung zur „Verschliessung“ der Computergeschichte. Aus Sicht des Nutzers ist es eine Einladung, die Kontrolle über das eigene Gerät zurückzuerobern.

Das open_slate ist mehr als ein Produkt. Es ist ein Statement. Es sagt: Wir wollen keine versiegelten Konsumgüter mehr, deren Lebenszyklus von Konzernen vorgegeben wird. Wir wollen Werkzeuge, die uns gehören und die wir nach unseren Vorstellungen formen können. Sollte dieses Statement Gehör finden, könnte das open_slate der Beginn einer neuen Generation von „Post-iPad“-Tablets sein – Geräten, die nicht konsumieren, sondern kreieren.


Quellenverzeichnis

  1. Devey, David. „Brax Open_Slate offers an open source Ubuntu and Android tablet with M.2 SSD support.“ Notebookcheck, 26. Jan. 2026, www.notebookcheck.net
  2. Brax Technologies. „Open_slate MEGATHREAD.“ Brax Technologies Community, 22. Jan. 2026, community.braxtech.net
  3. „Technology News 26.01.2026.“ Bez Kabli, 26. Jan. 2026, www.bez-kabli.pl
  4. Devey, David. „Brax Open_Slate biedt een open source Ubuntu en Android tablet met M.2 SSD ondersteuning.“ Notebookcheck.nl, 26. Jan. 2026, www.notebookcheck.nl
  5. „New Linux/Android 2-in-1 Tablet ‚Open Slate‘ Announced by Brax Technologies.“ Slashdot, 25. Jan. 2026, m.slashdot.org
  6. Devey, David. „Brax Open_Slate, M.2 SSD destekli açık kaynaklı bir Ubuntu ve Android tablet sunuyor.“ Notebookcheck-tr.com, 26. Jan. 2026, www.notebookcheck-tr.com
  7. Brax Technologies. „open_slate:一款强大且私密的二合一平板电脑 | Brax Technologies, Rob Braxman Tech.“ Bilibili, 5. März 2026, www.bilibili.com
  8. Brax Technologies PBC. „open_slate: A Powerful and Private 2-in-1 Tablet.“ Indiegogowww.indiegogo.com. Zugriff am 7. März 2026. 
  9. Devey, David. „A Brax Open_Slate nyílt forráskódú Ubuntu és Android táblagépet kínál M.2 SSD támogatással.“ Notebookcheck-hu.com, 26. Jan. 2026, www.notebookcheck-hu.com
  10. „Brax open_slate is a privacy-focused tablet with Ubuntu and de-Googled Android support (crowdfunding).“ Liliputingliliputing.com. Zugriff am 7. März 2026. 

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