Dimitri Mendeleev: Der Mann, der die Ordnung der Materie entschlüsselte

von DerSchneider

Einleitung

Er hinterließ über 400 wissenschaftliche Werke in mehr als 30 Fachgebieten. Er flog allein auf 3000 Meter Höhe, ohne jemals zuvor ein Luftschiff gesteuert zu haben. Er saß in einem Baumstumpf und schrieb Artikel, die Kontinente veränderten. Wer war dieser Mann mit dem langen weißen Bart, dessen Bild in jeder Schule der Welt hängt, dessen wahres Leben aber kaum jemand kennt?

Dimitri Ivanovic Mendeleev – der Schöpfer des Periodensystems der Elemente – ist eine der bekanntesten und zugleich am meisten missverstandenen Figuren der Wissenschaftsgeschichte. Um diesen Mann wirklich zu verstehen, muss man weit zurückgehen: in eine sibirische Kleinstadt, zu einer Familie, die alles riskierte, und in eine Kindheit, die so gar nicht nach Größe aussah.


I. Sibirische Wurzeln: Der Sitzenbleiber von Tobolsk

Tobolsk im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts war keine gewöhnliche Provinzstadt. Jahrhundertelang hatte sie als Hauptstadt Sibiriens gedient, als Zentrum einer Verwaltungseinheit, die sich vom Ural bis zum Pazifik erstreckte – wohl die flächenmäßig größte Verwaltungsregion der Menschheitsgeschichte. Durch Tobolsk verlief der Sibirische Trakt, jene legendäre Handelsroute, die Russland mit China und dem Fernen Osten verband.

Doch zur Zeit von Mendeleevs Geburt am 8. Februar 1834 (nach julianischem Kalender) hatte die große Ära der Stadt bereits ihr Ende gefunden. Handel und Entwicklung hatten sich nach Süden verlagert, die einstige Hauptstadt wurde zu einer ruhigen Provinzstadt.

Die Familie Mendeleev – der Name selbst trägt eine Geschichte. Mendeleevs Vater Iwan Pawlowitsch war der Sohn eines orthodoxen Priesters und trug ursprünglich den Namen Sokolov. Der Brauch im russischen Klerus jener Zeit sah vor, dass von mehreren Brüdern, die den geistlichen Stand wählten, nur einer den Familiennamen des Vaters erben durfte – die übrigen erhielten neue Namen. So wurde aus Sokolov Mendeleev.

Doch die eigentliche Kraft dieser Familie ging von einer anderen Person aus: Maria Dimitrijevna Kornilieva, Mendeleevs Mutter. Sie entstammte einer Kaufmannsfamilie, die für ihre verlegerische und aufklärerische Tätigkeit bekannt war. Ohne formale Schulbildung hatte sie sich den gesamten Gymnasialkurs im Selbststudium erarbeitet. Als ihr Mann erkrankte und starb, übernahm sie die Versorgung der großen Familie – Dimitri war das 17. Kind. Viele seiner Geschwister starben im Säuglingsalter.

Maria übernahm eine heruntergewirtschaftete Glasfabrik im Dorf Aremzianskoje und führte sie zu neuem Aufschwung. In dieser Umgebung wuchs Dimitri auf – und er war alles andere als ein Musterschüler. Er spielte gut Schach, las viel, interessierte sich für Kunst und Musik, aber das Gymnasium bereitete ihm wenig Freude. Besonders die Lateinstunden empfand er als unerträgliche Last. Am Ende des Lateinkurses veranstalteten die Schüler eine rituelle Steinigung des Lehrbuchs – Dimitri war mit Begeisterung dabei. Er musste eine Klasse wiederholen.

Hier liegt das erste Paradox dieses Lebens: Der spätere Schöpfer des Periodensystems war ein Sitzenbleiber. Doch das schwache Abschneiden in der Schule sagte nichts über die Schärfe seines Verstandes. Wie bei Edison, Einstein oder Ziolkowski passte Mendeleev nicht in das konventionelle Bildungssystem.


II. Der Weg nach Petersburg: Eine Mutter opfert sich

Maria Dimitrijevna glaubte unbeirrt an die Fähigkeiten ihres letzten Kindes. Trotz angespannter finanzieller Verhältnisse traf sie eine Entscheidung, die ungeheuren Mut erforderte: Sie sammelte ihre Ersparnisse und brach mit Dimitri nach Moskau auf, um ihm die bestmögliche Ausbildung zu verschaffen. Die Reise von Tobolsk nach Moskau dauerte fast zwei Monate – zu Pferd und in Kutschen durch endlose Steppen und über die Uralpässe.

Doch in Moskau wartete eine Absage. Das Moskauer Universitätskuratorium verweigerte dem Jungen den Zugang – ein Gymnasiast aus Tobolsk gehörte zum Kasaner Bezirk und hatte nach den geltenden Vorschriften an der Kasaner Universität zu studieren. Maria gab nicht nach. Sie wandte sich nach Petersburg, der Hauptstadt.

Dort, im Pädagogischen Institut – jener Einrichtung, die einst Dimitris Vater absolviert hatte – spielte der Zufall eine entscheidende Rolle: Maria begegnete einem alten Freund ihres verstorbenen Mannes, der dort eine leitende Stelle innehatte. Er erkannte etwas in dem Jungen – und öffnete die Tür. Dimitri Mendeleev wurde aufgenommen.

Wenige Wochen später erkrankte Maria schwer. Die Anstrengungen der Reise, der Kampf mit der Bürokratie, die jahrelange Last der Fabrikführung – all das hatte ihre Gesundheit zerstört. Sie starb kurz nach der Ankunft in Petersburg. Der 17-jährige Dimitri stand nun allein in einer fremden Stadt.

Das erste Studienjahr verlief schlecht. Die Anforderungen des Instituts übertrafen alles, was er kannte. Am Ende standen in fast allen Fächern ungenügende Noten – einzig in Mathematik erhielt er eine befriedigende Bewertung. Zum zweiten Mal musste er eine Klasse wiederholen.

Doch dann geschah etwas Merkwürdiges: In den höheren Jahrgängen begann Mendeleev aufzublühen. Die Fächer, die ihn wirklich interessierten – Physik, Chemie, Biologie – gewannen an Raum. Er entdeckte, dass naturwissenschaftliches Denken nicht im Auswendiglernen bestand, sondern im Erkennen von Zusammenhängen. Sein Notendurchschnitt stieg auf 4,5 von 5 Punkten. 1854 schloss er das Institut mit der Goldmedaille ab – der höchsten Auszeichnung.

Seine erste große wissenschaftliche Arbeit widmete er seiner Mutter mit den bewegenden Worten: Sie habe ihn gelehrt, die Natur mit ihren Wahrheiten zu lieben, die Wissenschaft mit ihren Gesetzen und das Vaterland mit seinen untrennbaren Reichtümern – und vor allem, die Arbeit zu achten und in ihr die einzige Stütze jedes Handelns zu sehen.


III. Heidelberg und die Jahre der Reifung

Nach dem Studium folgte ein schwerer Schlag: Der berühmteste Arzt Petersburgs diagnostizierte bei Mendeleev Tuberkulose – eine Diagnose, die im 19. Jahrhundert einem Todesurteil gleichkam. Drei seiner Schwestern und sein Vater waren daran gestorben. Mendeleev wurde auf die Krim versetzt, wo gerade der Krimkrieg tobte.

Dort traf er auf Nikolai Pirogow, die größte medizinische Legende Russlands, Pionier der Feldchirurgie und Erfinder der Äthernarkose. Pirogow untersuchte den jungen Lehrer gründlich – und lachte. Die Diagnose war falsch. Mendeleev war gesund. (Pirogow sollte recht behalten: Mendeleev wurde 72 Jahre alt.)

Nach seiner Rückkehr nach Petersburg erhielt Mendeleev ein Stipendium für eine wissenschaftliche Auslandsreise – sein Ziel: Heidelberg. Die Ruprecht-Karls-Universität zog Forscher aus ganz Europa an. Dort traf Mendeleev auf eine Gruppe junger russischer Wissenschaftler: den Physiologen Iwan Setschenow (Begründer der russischen Neurophysiologie) und Alexander Borodin – Chemiker und gleichzeitig ein außergewöhnlich begabter Komponist.

Mendeleev richtete sich ein privates Labor ein, ließ hochpräzise Geräte aus Paris kommen und begann Experimente zu physikalisch-chemischen Eigenschaften von Flüssigkeiten. In Heidelberg schrieb er sich auch eine Lebensordnung auf: „Nicht grübeln, wenn die innere Stimme klar spricht“, „nicht so viele Bekanntschaften pflegen“, „arbeiten und spazieren gehen“ – und schließlich: „von Frauen Abstand halten“. Dieser letzte Vorsatz erwies sich als der schwierigste.


IV. Die Geburt des Periodensystems

Am 17. Februar 1869 (nach julianischem Kalender) wachte Mendeleev auf, trank wie jeden Morgen ein Glas warme Milch und setzte sich an den Schreibtisch. Was dann folgte, war kein Traum, keine plötzliche Erleuchtung – es war das Ergebnis jahrelanger gedanklicher Arbeit.

Um die damalige Lage der Chemie zu verstehen: Es waren 73 Elemente bekannt. Ihre Eigenschaften waren vielfach beschrieben, aber niemand hatte eine Antwort auf die entscheidende Frage gefunden: Nach welchem Prinzip hat die Natur diese Bausteine geordnet? Die Mehrheit der Chemiker glaubte nicht einmal, dass es ein Prinzip gab.

Mendeleev dachte anders. Die Frage hatte ihn seit Heidelberg nicht losgelassen. Der unmittelbare Anlass war pragmatisch: Er brauchte ein Lehrbuch für seine Studenten. Die vorhandenen Werke waren fragmentarisch und unlogisch. Also begann er, die Elemente nach verschiedenen Kriterien zu ordnen – nach Atomgewicht, nach chemischen Eigenschaften, nach Wertigkeit.

Dann kam ihm eine Methode, die ebenso schlicht wie wirkungsvoll war: Er nahm 100 Visitenkarten und schrieb auf jede das Symbol eines Elements zusammen mit seinen wichtigsten Eigenschaften. Er legte diese Karten auf seinem Schreibtisch aus, verschob sie, gruppierte sie, suchte nach Mustern.

Was er sah, war zunächst eine Ahnung, dann eine Gewissheit: Mit wachsender Atommasse wiederholten sich die Eigenschaften der Elemente in regelmäßigen Abständen. Die Periodizität der Materie war entdeckt.

Die kühnen Vorhersagen

Was Mendeleevs Leistung von allen früheren Versuchen unterschied, war ein Akt intellektueller Kühnheit: Er ließ in seiner Tabelle absichtlich Lücken. Dort, wo die Periodizität ein Element forderte, das noch nicht entdeckt worden war, beschrieb er die Eigenschaften dieses unbekannten Elements mit einer Präzision, die an Prophezeiung grenzte.

Mendeleevs VorhersageEntdecktes ElementJahrÜbereinstimmung
Eka-AluminiumGallium (Lecoq de Boisbaudran)1875Fast vollständig
Eka-BorScandium (Nilson)1879Vollständig
Eka-SiliciumGermanium (Winkler)1886Vollständig

Im Fall des Galliums wich die erste Messung des Franzosen Lecoq de Boisbaudran leicht von Mendeleevs Vorhersage ab. Mendeleev schrieb ihm, er solle seine Messung wiederholen – nicht das Modell sei ungenau, sondern das Experiment. Boisbaudran wiederholte die Messung – Mendeleev hatte recht.

Die Legende vom Traum: Rund um die Entstehung dieser Entdeckung hat sich eine der zähesten Legenden gebildet – Mendeleev habe das Periodensystem im Traum gesehen. Diese Geschichte stammt von seinem Kollegen Inostranzew, der sie 40 Jahre später niederschrieb. Mendeleevs eigene Reaktion war eindeutig: Als ihn ein Journalist danach fragte, fuhr er auf. Er erklärte, dass er 20 Jahre über diese Frage nachgedacht habe – und nun behaupte jemand, er habe sich einfach hingesetzt und plötzlich sei ihm etwas geträumt. „Großen Entdeckungen geht keine schlaflose Nacht voraus – ihnen gehen Jahre voraus.“


V. Die drei großen Legenden und ihre Wahrheit

Um Mendeleev ranken sich drei große Mythen – jeder mit einem realen Kern, jeder im Laufe der Zeit weit über diesen Kern hinausgewachsen.

Legende 1: Mendeleev, der Erfinder des Wodkas

Der Mythos: Mendeleev habe in seiner Doktorarbeit die optimale Stärke des russischen Nationalgetränks auf 40 % Alkohol festgelegt – wissenschaftlich begründet, chemisch präzise.

Die Wahrheit: Mendeleev verteidigte 1865 seine Doktorarbeit „Über die Verbindung des Alkohols mit Wasser“ – eine ernsthafte physikalisch-chemische Arbeit über das spezifische Gewicht wässrig-alkoholischer Lösungen. Er untersuchte vor allem Lösungen mit sehr hohem Alkoholgehalt (80–90 %) sowie stark verdünnte Mischungen (1–5 %). Die mittleren Konzentrationsbereiche, in denen Wodka liegt, interessierten ihn wissenschaftlich kaum. Von einer „idealen Trinkstärke“ war nicht die Rede.

Der russische Wodka-Standard von 40 % wurde bereits 1843 festgelegt – als Mendeleev neun Jahre alt war. Die Erhöhung von 38 % auf 40 % erfolgte später aus praktischen Gründen: Bei Transport und Lagerung verdunstet Alkohol, und eine runde Zahl erleichtert die Steuerberechnung. Mendeleev selbst trank keinen Wodka – er schätzte trockene Rotweine.

Legende 2: Mendeleev, der Koffermacher

Der Mythos: Mendeleev fertigte Koffer an, die dreimal teurer waren als die besten französischen Erzeugnisse – ein blinder alter Gelehrter, der ohne Zuhilfenahme des Gesichtssinns Gepäckstücke von überirdischer Qualität produzierte.

Die Wahrheit: Mendeleev betrieb tatsächlich das Buchbinderhandwerk als Freizeitbeschäftigung – er fertigte Mappen, Schachteln und Futterale aus Karton und Leder, nicht für den Verkauf, sondern für den eigenen Gebrauch. Das war im gebildeten Russland des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit. Der Besuch im Kurzwarenladen, bei dem ein Verkäufer ihn stolz als „berühmten Meister der Kofferherstellung“ vorstellte, ist real bezeugt. Aber die Übertreibungen kamen erst später.

Legende 3: Mendeleev, der Industriespion

Der Mythos: Die russische Militärverwaltung habe Mendeleev mit dem Aufbau eines Spionagenetzes in Europa beauftragt.

Die Wahrheit: Mendeleev übernahm tatsächlich Aufgaben für das Marineministerium – aber das war keine verdeckte Geheimdienstarbeit, sondern analytische Wissenschaft. Er studierte Eisenbahnfrachtstatistiken, Handelsberichte und öffentlich zugängliche Patentschriften und rekonstruierte daraus technologische Zusammenhänge. Das war keine Spionage, sondern überlegene Analysefähigkeit.


VI. Der Ölpionier: Wie ein Chemiker eine Industrie veränderte

Auf den Feldern rund um Baku floss Erdöl in die Erde, und niemand wusste wohin damit. Die Förderung eines Pud Rohöls kostete drei Kopeken – der Transport desselben Puds über zehn Werst verschlang 20 Kopeken. Russisches Öl war teurer als amerikanisches, obwohl es auf russischem Boden sprudelte.

1863 wandte sich der reiche Unternehmer Wassili Kokorew an den jungen Universitätsdozenten Mendeleev. Mendeleev reiste nach Baku und erkannte: Das Problem war kein chemisches, sondern ein logistisches. Seine Lösungen:

  1. Die Pipeline: Statt Öl in Fässern zu transportieren, sollte es durch unterirdische Rohre fließen.
  2. Die Eisenbahnzisterne: Statt Ledersäcken metallene Tanks.
  3. Das Tankschiff: Warum Fässer? Warum nicht das Öl direkt in den abgedichteten Schiffsrumpf füllen?

Auf Mendeleevs Anregung hin bauten die Gebrüder Artemjew das erste Segel-Öltankschiff der Welt, die „Alexander“. Die Transportkosten sanken drastisch – amerikanisches Petroleum verschwand binnen weniger Jahre vom russischen Markt.

Mendeleevs berühmtester Satz zur Energiepolitik: „Naphtha zu verbrennen bedeutet dasselbe, wie Banknoten im Ofen zu verheizen.“ Er erkannte, dass der eigentliche Wert nicht im Rohmaterial liegt, sondern in dem, was man daraus machen kann – durch Destillation in Benzin, Petroleum, Schmieröle.

Sein Konflikt mit der Familie Nobel (die sein Imperium in Baku aufbaute) war unvermeidlich. Die Nobels verbreiteten Gerüchte über eine drohende Erschöpfung der Ölfelder, um die Preise hochzuhalten. Mendeleev widerlegte dies mit geologischen Analysen und nannte die Nobels öffentlich „Menschen von schlechtem Willen“. Als Mendeleev später dreimal für den Nobelpreis nominiert wurde, gibt es ernsthafte Hinweise, dass der Widerstand der Nobelfamilie eine Rolle spielte.


VII. Der Ballonfahrer: 3000 Meter über Russland

Am 7. August 1887 stand Mendeleev auf einer Wiese bei seinem Landgut Boblowo, gekleidet in einen braunen Überzieher und Jagdstiefel, und betrachtete den Ballon, der vor ihm in der Morgenluft schwebte. Der Ballon „Russland“ gehörte dem Militär. Der erfahrene Pilot Kowankow stand bereits in der Gondel.

Dann stellte sich heraus: Der nächtliche Regen hatte die Hülle durchnässt – der Ballon war zu schwer für zwei Personen. Mendeleev traf eine Entscheidung, die sein Leben kosten konnte: Er wies Kowankow an, die Gondel zu verlassen. Er würde allein fliegen.

Kowankow erklärte in größter Eile die Grundlagen der Ballonsteuerung – Ballast abwerfen zum Steigen, Gas ablassen zum Sinken. Mehr Zeit blieb nicht. Mendeleev, 52 Jahre alt, ohne jede Flugerfahrung, stieg allein in den Wasserstoffballon.

Der Ballon erreichte mehr als 3000 Meter Höhe. Dann verwickelten sich die Leinen der Hülle – das Gerät begann zu rotieren. Mendeleev kletterte an den Tauen hinauf und entwirrte die Leinen mit eigenen Händen: Ein 52-Jähriger in Jagdstiefeln, hängend an der Außenwand eines Wasserstoffballons in 3000 Metern Höhe. (Wasserstoff ist hochentzündlich – ein falscher Handgriff hätte den Ballon in eine Feuerkugel verwandelt.)

Der Flug dauerte mehrere Stunden. Der Wind trug den Ballon über 100 Kilometer weit. Bei der Landung näherten sich Bauern mit brennenden Kerzen – Mendeleev, der die Wasserstoffhülle noch in der Nähe wusste, geriet in Schrecken und rief ihnen zu, die Kerzen zu löschen. Sie gehorchten.

Die französische Akademie für Aerostatik verlieh Mendeleev die Medaille für Tapferkeit.

Seine Neugier auf die Luft blieb ungebrochen: Er unterstützte den russischen Flugzeugkonstrukteur Moschaiski, pflegte eine enge geistige Verbindung zu Konstantin Ziolkowski (dem Visionär der Raumfahrt) und verfasste 40 Arbeiten zur Arktisschifffahrt. Ein Unterwasserhöhenrücken im Arktischen Ozean trägt heute seinen Namen.


VIII. Der Mensch: Zwei Ehen, ein Skandal, ein Baumstumpf

Mendeleevs Privatleben war so ungewöhnlich wie sein Berufsleben. 1862 heiratete er auf Anraten seiner Schwester Feoswa Nikititschna Leschtschowa – eine ruhige, häusliche Frau, acht Jahre älter als er. Die Ehe war von Beginn an von Spannungen durchzogen. Wenn der Hausfrieden unerträglich wurde, zog sich Mendeleev auf seinem Landgut Boblowo in einen alten Baum mit einer ungewöhnlich großen Baumhöhle zurück – ein Hocker, ein winziger Tisch, und er schrieb dort in vollkommener Stille.

1878 begegnete der 44-jährige Mendeleev der 16-jährigen Studentin der Kunstakademie Anna Iwanowna Popowa – groß, schlank, mit schweren goldenen Zöpfen. Sie sprachen über Kunst und Literatur, spielten Schach. Jahre vergingen. Als Anna nach Rom aufbrach, stürzte Mendeleev in eine tiefe Krise – er hörte auf zu arbeiten, verfasste sein Testament.

Freunde überredeten Feoswa zur Scheidung. Doch im Russland des 19. Jahrhunderts war eine Scheidung nur aus drei Gründen möglich: Kinderlosigkeit, Verschwinden oder Tod eines Ehepartners oder Ehebruch. Die Kirche verhängte ein siebenjähriges Verbot der Wiederverheiratung.

Anna war bereits schwanger. Die gemeinsame Tochter Ljubow wurde als uneheliches Kind geboren. Schließlich fand sich ein Priester, der die Trauung trotz Verbots vollzog – der Preis: 100.000 Rubel (der halbe Wert eines Gutshofs). Der Priester verlor später sein Amt. Das Gerücht, Mendeleev sei ein Bigamist, drang bis zum Zaren Alexander II. Als Höflinge selbst um Scheidung baten, antwortete der Zar: „Sie sind nicht Mendeleev.“

Aus der zweiten Ehe gingen vier Kinder hervor. Eine der Töchter – eben jene Ljubow – heiratete später den Dichter Alexander Block, einen der größten russischen Symbolisten. Der strenge Naturwissenschaftler wurde zum Schwiegervater eines Dichters.


IX. Der Rücktritt und die späten Jahre

Im Frühjahr 1890 organisierten Studenten der Petersburger Universität Proteste – gegen zu hohe Gebühren, gegen die verhasste Uniform, für Reformen. Sie wandten sich an Mendeleev, ihren angesehensten Professor, mit der Bitte, ihre Petition an den Bildungsminister zu übermitteln.

Mendeleev – politisch konservativ, aber überzeugt, dass Studenten das Recht haben, ihre Meinung zu äußern – übernahm die Petition. Im Ministerium schob Bildungsminister Deljanow das Dokument zurück: „Dieses Schreiben wird dem Professor Mendeleev zurückgegeben, da weder der Minister noch irgendein Beamter berechtigt ist, Schriften dieser Art entgegenzunehmen.“

Am 27. März 1890 reichte Mendeleev seinen Rücktritt ein – nach 37 Jahren an der Universität. Er stand auf, zog die Tür hinter sich zu und betrat die Universitätsräume nie wieder.

Das Paradox seines Ruhms: Mendeleev war Ehrenmitglied von über 90 Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften weltweit – aber kein Mitglied der Akademie seines eigenen Landes. Jahre zuvor war seine Kandidatur abgelehnt worden – einige Zeitgenossen sahen darin eine Intrige deutschstämmiger Akademiemitglieder, die einen Landsmann bevorzugten.

1892 übernahm Mendeleev die Leitung der Hauptkammer für Maß und Gewicht. Er entwickelte eine Theorie der Maße und Gewichte, entwarf neue Messstandards und baute ein System von Messstellen im ganzen Reich auf – die Grundlage aller russischen Meteorologie.

Parallel dazu forschte er für das Marineministerium an rauchschwachem Pulver – einer europäischen Geheimtechnologie, die Russland nicht besaß. Mendeleevs Gruppe entwickelte ein Pulver, das die europäischen Vorbilder übertraf. Admiral Makarow schrieb: „Nach einem Schuss aus Mendeleevs Pulver ist der Lauf so sauber, dass man ihn von innen mit einem weißen Tuch abwischen kann, ohne einen Fleck zu hinterlassen.“

Die Militärkommission lehnte das Pulver ab – die bestehenden Fabriken produzierten bereits ein anderes. Im Ersten Weltkrieg kaufte Russland dieses Pulver von amerikanischen Lieferanten – die es „Russisches Mendeleev-Pulver“ nannten und es Russland zum Marktpreis verkauften.


X. Das Ende und das Vermächtnis

In seinen letzten Jahren konnte Mendeleev kaum noch sehen – grauer Star. Er trug mehrere Brillen gleichzeitig, ließ sich Briefe vorlesen, seine jüngste Tochter Masha las ihm Abenteuerromane vor (Jules Verne war sein Favorit). Am 11. Januar 1907 zog er sich bei der Verabschiedung eines Gastes in der Vorhalle der Kammer eine Erkältung zu – die zur Lungenentzündung wurde.

Am 2. Februar 1907 (20. Januar nach julianischem Kalender) um 5 Uhr morgens starb Dimitri Iwanowitsch Mendeleev. Zar Nikolaus II. sandte der Witwe ein Telegramm: „Russland hat in der Person des Unvergesslichen Dimitri Iwanowitsch einen seiner größten Söhne verloren.“

Die Beerdigung wurde zu einer spontanen Kundgebung: Auf einer Strecke von fünf Kilometern trugen Studenten den Sarg auf den Schultern. In der Menge trug jemand ein großes Schild mit dem Periodensystem der Elemente – der ausdrucksstärkste Akt der Ehrerbietung.

Die Nominierungen für den Nobelpreis (1905, 1906, 1907) blieben ohne Ergebnis. 1905 soll das Komitee die Auszeichnung beschlossen haben, doch die schwedische Königliche Akademie hob den Beschluss auf – vermutlich wegen des jahrelangen Konflikts mit der Familie Nobel. 1907 war Mendeleev bereits tot – die Nobelstiftung vergibt keine posthumen Preise.

Doch sein Erbe ist von einer Dauerhaftigkeit, die keinen Preis braucht:

  • Das Element mit der Ordnungszahl 101 heißt Mendelevium
  • Die russische chemische Gesellschaft trägt seinen Namen
  • Ein Vulkan, ein Unterwasserhöhenrücken im Arktischen Ozean, zahlreiche Orte sind nach ihm benannt
  • Die höchste Auszeichnung der russischen Akademie für Chemie ist die Mendeleev-Goldmedaille – verliehen von jener Akademie, die ihn zu Lebzeiten nicht aufnahm

Fazit: Keine Legende – die Wahrheit ist größer

Mendeleev war kein Nobelpreisträger. Er war kein Mitglied der russischen Akademie. Aber Leonardo da Vinci war auch kein Nobelpreisträger. Was von Mendeleev bleibt, ist eine Tabelle, die an den Wänden jeder Schule, jedes Labors, jeder Universität der Welt hängt. Es sind die Pipelines, die Öl durch Russland transportieren. Es sind die Maßsysteme, nach denen Handel und Industrie rechnen.

Sein eigener Begriff für seine Arbeitsweise war der „Strom wissenschaftlicher Tätigkeit“ – keine einzelne Erleuchtung, sondern eine lebenslange Strömung des Denkens, die alles mitnahm, was sie berührte.

Ein Junge aus Tobolsk, der Lateinbücher mit Steinen bewarf. Ein Waise in einer fremden Stadt, der die Goldmedaille seines Jahrgangs gewann. Ein Mann, der die Ordnung der Natur auf Visitenkarten auslegte und der Welt schenkte.

Er verdient keine Legende. Er verdient die Wahrheit – die weit größer ist.


Quellen

  • Mendeleev, D. I. (1869). „Über die Beziehung der Eigenschaften zu den Atomgewichten der Elemente“. Zeitschrift der Russischen Chemischen Gesellschaft.
  • Mendeleev, D. I. (1865). „Über die Verbindung des Alkohols mit Wasser“. Dissertation, Universität St. Petersburg.
  • Gordin, M. D. (2004). A Well-Ordered Thing: Dmitrii Mendeleev and the Shadow of the Periodic Table. Basic Books.
  • Strathern, P. (2000). Mendeleev‘s Dream: The Quest for the Elements. Hamish Hamilton.
  • Scerri, E. R. (2007). The Periodic Table: Its Story and Its Significance. Oxford University Press.
  • Wochensky, M. (Hrsg.). (1934). Dmitri Ivanovich Mendeleev: Sein Leben und Werk. Verlag der Russischen Akademie der Wissenschaften (russisch).
  • Originalbriefe und Memoiren von Zeitgenossen (Setschenow, Borodin, Inostranzew, Witte), zitiert in den russischen Gesammelten Werken Mendeleevs (1934–1954).

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