Graetz: Das vergessene Alchemistenlabor der Elektronik

Vom Petroleumleuchter zur Petromax, vom Röhrenradio zum ersten Fernseher der DDR – und dann in den Sog der Weltgeschichte geraten. Die Geschichte von Graetz ist keine gradlinige Erfolgserzählung, sondern eine deutsche Industrieeuropädie in drei Akten: Kaiserreich, Weltkriege, Teilung. Dieser Artikel betreibt Industriearchäologie entlang der Spuren eines Unternehmens, das wie kein zweites für den Brückenschlag zwischen analoger Beleuchtungstechnik und moderner Leistungselektronik steht.

I. Der Namensgeber: Leo Graetz und die unsichtbare Brücke

Bevor das Unternehmen zur Legende wurde, musste erst der Name Bedeutung erlangen. Prof. Dr. Leo Graetz (1856–1941) war nicht der Gründer der Firma, aber er lieferte ihr das technische Fundament .

Der Sohn des berühmten jüdischen Historikers Heinrich Graetz studierte in Breslau und Berlin, wurde Assistent von August Kundt und habilitierte sich 1881 in München . Seine akademische Karriere litt unter den Überfliegern Röntgen und Sommerfeld, doch als Kompensation erhielt er 1908 ein persönliches Ordinariat . Seine wahre Bedeutung liegt jedoch nicht in der Universität, sondern im Labor: Graetz erfand den elektrolytischen Gleichrichter – die sogenannte Graetz’sche Zelle. Ein Aluminiumbecher, gefüllt mit Natronlauge, darin eine Eisen-Kohle-Elektrode. Eine primitive, aber bahnbrechende Apparatur, die Wechselstrom in Gleichstrom verwandelte .

Viel bedeutender jedoch war seine Graetz-Schaltung: Vier Dioden in Brückenanordnung, die bis heute in jedem Netzteil eines jeden Elektrogeräts arbeitet. Es ist die unsichtbare Grundformel der Elektronik. Wer einen Graetz-Gleichrichter baut, baut das Herz der modernen Stromversorgung . Leo Graetz starb 1941 in München – just in dem Moment, als das nach ihm benannte Unternehmen in Berlin längst seine eigene, düstere Kriegswirtschaft betrieb .

II. Die Wiege des Imperiums: Von der Petroleumlampe zur Petromax

Die Gründung. Am 2. Januar 1866 taten sich der Klempnermeister Albert Graetz (1831–1901) und der Kaufmann Emil Ehrich (†1887) zusammen und gründeten die Ehrich & Graetz OHG in Berlin . Es war die Hochzeit der Petroleumleuchte, und Graetz lieferte die beste Adresse dafür.

Der Aufstieg. Unter den Söhnen Max und Adolf Graetz expandierte das Unternehmen rasant. Max Graetz, 1897 an der Spitze, erwies sich als genialer Tüftler und Industrieller. 1899 bezog man das neue Fabrikgebäude an der Elsenstraße in Treptow, 1907 wurde die Liststraße zu Ehren der Firma in Graetzstraße umbenannt (heute Karl-Kunger-Straße) .

Die Petromax. 1910 gelang Max Graetz der Wurf: die Starklichtlampe Petromax. Ein Druckluft-Glühlicht, das selbst entlegenste Winkel der Erde mit gleißendem Licht versorgte. Bis in die 1960er Jahre wurde sie bei Graetz gebaut und avancierte zum Synonym für mobile Beleuchtung – vom Safari-Camp bis zur Baustelle .

Parallel weitete das Unternehmen sein Portfolio aus: Elektrische Glühlampen ab 1908, Haushaltsgeräte wie Wasserkocher und Bügeleisen unter der Marke Graetzor . Eine deutsche Elektro-Schmiede war entstanden.

III. Zwischen Rüstung und Radio: Die erste Krise

Der Erste Weltkrieg riss das Unternehmen in den Sog der Gewalt. Graetz stellte auf Rüstungsproduktion um: Patronen, Zünder, Maschinengewehre. Die Belegschaft explodierte von 3.000 auf 7.000 Arbeiter . Doch der Krieg raubte dem Unternehmen seine internationale Basis: Die Niederlassungen in Frankreich und Großbritannien wurden enteignet. 1919 mussten 4.500 der 5.500 Arbeiter entlassen werden .

Die Wende zur Unterhaltungselektronik. 1922 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1925 wagte Graetz den entscheidenden Schritt: Der Einstieg in die Radioproduktion . Unter der Führung von Fritz Graetz, Max‘ Sohn, begann die Ära der Röhrenradios. 1933 firmierte das Unternehmen als Graetz-Radio AG . Aus dem Lampenhersteller war ein Elektronikkonzern geworden.

Der dunkelste Schatten. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten traf ein Unternehmen mit jüdischen Gründern und Inhabern. Die Familie Graetz wurde enteignet und vertrieben. Das Unternehmen selbst wurde zum Rüstungsbetrieb. Seit September 1940 arbeiteten hunderte jüdische Zwangsarbeiter bei Graetz in Treptow, später kamen russische, französische und niederländische Gefangene hinzu. Insgesamt waren es etwa 1.100 Menschen. Die SS transportierte die letzten jüdischen Arbeiter am 27. Februar 1943 ab . Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin dokumentierte dieses Kapitel 2004 eindringlich .

IV. Industriearchäologie der Teilung: Ein Betrieb, zwei Welten

1945 wurde Berlin geteilt – und mit ihm Graetz. Hier beginnt der eigentümliche Pfad, der das Unternehmen für die Technikgeschichte so wertvoll macht.

Der Osten: VEB Graetz und der erste Fernseher.
Die Berliner Stammwerke in Treptow lagen im Sowjetsektor. Sie wurden enteignet und am 8. Februar 1948 als VEB Graetz-Werk in Volkseigentum überführt. Am 4. Februar 1950 erfolgte die Umbenennung in VEB Fernmeldewerk Treptow (RFT) . Der Name Graetz verschwand vom Firmenschild – doch nicht aus der Technik.

Hier, in Treptow, entstand unter der Regie des VEB Fernmeldewerk der erste in Serie gefertigte Fernseher der DDR. Es waren die gleichen Männer, die vor dem Krieg bei Graetz Radio gebaut hatten, die nun unter RFT-Flagge die Bildröhren zum Leuchten brachten. Die Quellenlage zu den genauen Modellen und Schaltkreisen des Treptower Werks ist jedoch fragmentiert. Während der Westen mit dem Namen Graetz wuchern konnte, wurde die Ost-Produktion technisch anonymisiert .

Der Westen: Neuanfang in Altena.
Erich und Fritz Graetz hatten Teile des Maschinenparks noch während des Krieges nach Bregenz auslagern können . Von dort aus wagten sie 1948 den Neustart. Sie gründeten die Graetz KG in Altena (Westfalen). Das Werk begann sofort mit der Radioproduktion, bald folgten Musiktruhen und vor allem Fernseher .

Die Burggraf-Serie wurde zur Ikone des Wirtschaftswunders. Der Graetz Burggraf F 41 (1957/58) – 39 kg schwer, 1.098 DM teuer – war ein Möbelstück. Mit seiner 53-cm-Bildröhre von Telefunken, dem Schallkompressor für besseren Ton und der Front aus goldfarbenen Metallstreifen stand er in den guten Stuben der jungen Bundesrepublik . Ein Zeitzeuge berichtet, wie 150 Gäste in einer saarländischen Wirtschaft den „Burggraf“ umlagerten, um das „Wunder von Bern“ 1954 zu sehen .

Das Nachfolgemodell Burggraf F 343 (1960) zeigte den Wandel der Zeit: elfenbeinfarbener Plastikrahmen, Fernbedienung, Beine zum Anschrauben. Die Technik wurde unsichtbarer, der Komfort stieg .

V. Das Ende der Marke: Von SEL über Nokia zur Vergessenheit

Der unternehmerische Alleingang währte nicht lange. Am 25. März 1961 vollzog Erich Graetz den historischen Schnitt: Er verkaufte die Graetz KG mit allen Markenrechten und 13 Produktionsstandorten (darunter Bochum) zu 74,5 Prozent an die Standard Elektrik Lorenz AG (SEL) .

Es war die Übergabe eines Familienunternehmens an den internationalen Elektrokonzern. Graetz wurde in den SEL-Bereich Audio Video integriert. Die Marke selbst verschwand nicht sofort – sie wurde weitergeführt, verlor aber zunehmend an Kontur. 1987/88 gab SEL den Bereich an den finnischen Mobilfunkpionier Nokia weiter .

Damit schließt sich ein seltsamer Kreis: Ein Unternehmen, das mit Petroleumlampen begann, dann Röhrenradios baute, den ersten DDR-Fernseher entwickelte und schließlich im Handy-Konzern Nokia aufging.

VI. Quellenlage und Forschungsperspektiven

Die Forschung zu Graetz steht vor einem paradoxen Problem: Die Dokumente sind reichhaltig, aber verstreut.

Archivalische Überlieferung:
Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv verwahrt unter der Signatur U 3/17 den erschlossenen Bestand von Ehrich & Graetz. 1159 Verzeichnungseinheiten auf über 9 Regalmetern, darunter zahlreiche internationale Patenturkunden mit technischen Blaupausen. Die Laufzeit umfasst 1888 bis 1956 – der östliche Zweig ist hier noch dokumentiert .

Sachzeugen:
Das Freilichtmuseum Roscheider Hof in Konz bewahrt mit den Modellen Burggraf F 41 und F 343 authentische Zeugnisse der westdeutschen Produktion .

Forschungslücke:
Die eigentliche Leerstelle betrifft den technischen Kern Ihrer Fragestellung: Gleichrichtertechnik und Leistungselektronik im Osten. Es ist technisch gesichert, dass die Graetz-Schaltung von Leo Graetz die Basis der gesamten RFT-Fernsehproduktion bildete. Aber die Quellen schweigen darüber, wie der VEB Fernmeldewerk Treptow diese Schaltungen konkret implementierte, weiterentwickelte oder ob es eigenständige Innovationen in der Halbleitertechnik gab. Hier setzt das Desiderat an: Es fehlt eine industriearchäologische Tiefenbohrung in die Schaltpläne und Entwicklungsabteilungen des Treptower Werks.

Literatur:

  • Peter Süß: Ist Hitler nicht ein famoser Kerl? Graetz. Eine Familie und ihr Unternehmen vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Paderborn 2003. ISBN 3-506-78561-3. 
  • Aubrey Pomerance (Hrsg.): Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow. Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin. Köln 2003. ISBN 3-8321-7839-2. 
  • Ernst Quadt: Deutsche Industriepioniere. Berlin 1940. 

Archiv:
Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv, Bestand U 3/17 Ehrich & Graetz AG.


Fazit:
Graetz ist nicht einfach eine ausgelöschte Marke. Graetz ist der Beweis dafür, dass deutsche Technikgeschichte nicht in den Kategorien Ost/West oder Sieger/Verlierer geschrieben werden kann. Die Petromax leuchtete auf beiden Seiten der Mauer, die Graetz-Schaltung arbeitete in RFT- und SEL-Geräten. Das „vergessene Alchemistenlabor“ wartet noch auf seine Wiederentdeckung – nicht in den Vorstandsetagen von Samsung, sondern in den unerschlossenen Archiven der Leistungselektronik.

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