Hardware im Test: Der BENNING IT 200 – Wenn der Geist der Normen auf moderne Technik trifft
von DerSchneider
Manchmal offenbart sich die Essenz einer technischen Neuerung erst im Kontext ihrer Entstehungsgeschichte. Das ist beim BENNING IT 200 nicht anders. Wer dieses VDE 0100 Prüfgerät auspackt, hält nicht nur ein universelles Werkzeug für die Elektroprüfung in den Händen – er berührt ein Stück gelebter Technikgeschichte. Seit über 75 Jahren entwickelt der Hersteller aus Bocholt bereits Prüf- und Messgeräte [19†L17-L19]. Doch das Gerät selbst ist ein moderner Spiegel, der die rasanten Wandlungen der Elektrotechnik reflektiert: von der traditionellen Prüfung einer Niederspannungsanlage bis hin zur komplexen Sicherheitsanalyse einer Wallbox.
Doch ist der IT 200 wirklich der technologische Gamechanger, als den ihn Hersteller und Händler anpreisen? Oder handelt es sich bei den versprochenen Innovationen um hauptsächlich gut verpackte Fortschritte, die den Status quo des Marktes widerspiegeln? Dieser Test beleuchtet nicht nur die Messwerte und Funktionen, sondern versucht eine Einordnung jenseits der Marketingversprechen.
Die technischen Wurzeln: Mehr als nur ein Tester
Um die Positionierung des IT 200 im Markt zu verstehen, lohnt ein kurzer technikhistorischer Blick zurück. Die Prüfung elektrischer Anlagen ist untrennbar mit der Entwicklung normativer Vorschriften verbunden, die stets neu auf aufkommende Gefahren und Technologien reagieren müssen. Das Prüfprotokoll VDE 0105 Teil 100, welches den Betrieb von elektrischen Anlagen regelt, wurde erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit der damaligen Netze zu gewährleisten [12†L16-L18].
Die erste große technologische Zäsur war die Einführung von Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen (RCDs), die eine neue Messgröße – die Abschaltzeit – in den Fokus rückten. Mit der Digitalisierung Anfang der 1990er Jahre hielten dann die ersten Mikroprozessoren Einzug in die Prüfgeräte und läuteten das Zeitalter der automatisierten Prüfabfolgen ein. Der IT 200 steht als Erbe dieser Linie und verkörpert die dritte große Revolution: die Fusion intelligenter Messwertverarbeitung mit der Komplexität der E-Mobilität.
Der Geist der Normen: DIN VDE 0100-600 und 0105-100 im Fokus
Jedes seriöse technische Prüfgerät ist nur so gut, wie die Normen, die es abdeckt – und hier hat Benning seine Hausaufgaben gemacht. Der IT 200 ist konform zur DIN VDE 0100-600 für die Erstprüfung von Anlagen sowie zur DIN VDE 0105-100 für deren Wiederholungsprüfung [9†L4-L5]. Das ist nicht selbstverständlich, denn diese Normen sind nicht statisch, sondern wandeln sich.
Die DIN VDE 0100-600 selbst wurde mit der Ausgabe von Juni 2017 grundlegend überarbeitet, um sie an die internationalen Harmonisierungsdokumente (HD 60364-6) anzupassen [13†L4-L8]. Der IT 200 spiegelt diese moderne Fassung wider: Er beherrscht die darin geforderte Prüfung der Durchgängigkeit von Schutzleitern, die Isolationswiderstandsmessung zwischen aktiven Leitern und die Berechnung des Erdungswiderstands als Alternative zur aufwendigen Messung [13†L22-L25]. In der Praxis bedeutet das eine messbare Zeitersparnis bei der Dokumentation, etwa wenn der Techniker mit dem Auftrags-Manager des Geräts mehrschichtige Anlagenstrukturen direkt vor Ort erstellt und nicht später am PC nachpflegen muss [10†L20-L22].
Der „Stecker für die Zukunft“: Die aufsehenerregendste Erweiterung
Das Alleinstellungsmerkmal des IT 200, das den kollektiven Atem der Branche kurz anhalten ließ, ist seine native Fähigkeit zur Prüfung von E-Ladestationen (Wallboxen) der Betriebsart 3. Hier offenbart sich die wirkliche Leistungsfähigkeit: Mit dem optionalen Prüfadapter BENNING EV 3-2 wird der Tester zur zentralen Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Netz [8†L14-L17].
Diese Funktionalität führt dem Anwender die Komplexität der modernen Elektrotechnik vor Augen: Eine Wallbox ist kein simpler Schalter mehr, sondern ein Kommunikationsteilnehmer. Der IT 200 simuliert das Elektrofahrzeug und prüft die Steuerungspilot-Funktion (CP) und den Proximity-Pilot (PP). Dabei werden nicht nur die klassischen Schutzmaßnahmen wie Isolationswiderstand und Schleifenimpedanz gemessen – das Gerät testet zudem die neuartigen Schutzvorrichtungen wie EV-spezifische RCDs (EV RCD) und Gleichfehlerstrom-Überwachungseinrichtungen (RDC-DD), die für die Sicherheit von Gleichstromfehlern in den Fahrzeugen unerlässlich sind [9†L19-L21].
Eine klare Stärke ist die Fähigkeit, Prüfprotokolle für Wallboxen und elektrische Anlagen in einem einzigen, durchgängigen Workflow zu kombinieren – eine enorme Erleichterung für den Sachverständigen, der zuvor zwei verschiedene Geräte und Softwarelösungen bemühen musste [9†L12-L14].
Das Ökosystem: Von der Stromzange bis zum Luxmeter – alle Erweiterungen im Überblick
Die wahre Vielseitigkeit des IT 200 zeigt sich erst im Zusammenspiel mit seinem umfangreichen Zubehör-Ökosystem. Benning liefert das Gerät als Plattform, die mit einer erstaunlichen Bandbreite an Modulen für Nischenanwendungen erweitert werden kann. Die folgende Tabelle fasst alle verfügbaren, wesentlichen Erweiterungen zusammen:
Diese modulare Philosophie ist ein entscheidender Kaufgrund: Der Betrieb muss nicht sofort das gesamte Zubehör-Portfolio erwerben, sondern kann je nach Auftragslage nachrüsten. Für den Schreiner, der seine Werkstatt prüft, ist der IT 200 in der Basisversion ausreichend. Für den Elektroinstallateur, der einen Warenhausneubau mit Tiefgarage abrechnet, sind die CC 4-Zangen und der EV 3-2 Adapter keine Spielerei, sondern Notwendigkeit.
Kontroversen und alltägliche Unschärfen
Trotz aller technologischen Fortschritte offenbart die Praxis kontroverse Punkte. Ein Kritikpunkt, der sich wie ein roter Faden durch die Branche zieht, ist die Langlebigkeit der Softwareunterstützung. Anders als bei Smartphones, wo Updates selbstverständlich sind, endet bei vielen Messgeräten der Support mit der Markteinführung eines Nachfolgemodells. Zwar erlaubt der IT 200 kostenlose Firmware-Updates über die PC-Software [10†L38-L39], doch die Herstellerpolitik langfristiger Pflege bleibt für (investitionssichere) Elektrofachkräfte eine Blackbox. Werden in drei Jahren die neuen Normen für bidirektionales Laden (Vehicle-to-Home) implementiert, oder steht dann die Empfehlung zum Neugerät?
Ein zweiter, tiefergehender Konflikt wiegt schwerer: Die Diskrepanz zwischen der vermeintlichen Automatisierung der „Auto Sequence®“-Messungen und der unveränderten Notwendigkeit der Fachkunde. Das Gerät kann Prüfabläufe automatisieren und den Techniker per Touchscreen anleiten. Es entbindet ihn jedoch nicht von der Verantwortung, die Ergebnisse zu interpretieren oder die Prüflinge zu bewerten [12†L38-L40]. Die größte Gefahr moderner Prüfgeräte liegt im „Glauben an den Bildschirm“ – der Tester verlässt sich blind auf das „PASS/FAIL“-Signal, ohne die physikalischen Zusammenhänge der Messung (wie etwa den Einfluss von parasitären Kapazitäten auf die Isolationsmessung) zu verstehen.
Blick in die Kristallkugel: KI, vernetzte Protokolle und die Zukunft
Was bedeutet ein Gerät wie der IT 200 für die Elektrobranche in fünf oder zehn Jahren? Die Prognosen sind vielversprechend, aber auch herausfordernd. Der Trend geht klar zu einer vollständigen Digitalisierung der Prüfkette: Vom Barcodescanner, der die Messstelle identifiziert, über das drahtlose Abrufen der Sollwerte aus einer Cloud-Datenbank, bis hin zur KI-gestützten Analyse der Prüfergebnisse, die dem Anwender automatisch Handlungsempfehlungen gibt [20†L5-L8].
Der IT 200 ist auf diesem Weg ein wichtiger Meilenstein, aber nicht das Endziel. Seine Schnittstellen (USB, RS232) und die PC-Software sind bereits erste Schritte in eine vernetzte Zukunft. Die nächste Evolutionsstufe wird ein Gerät sein, das seine Messstrategien selbstständig an die Topologie des Netzwerks anpasst – ein „denkender“ Assistent, nicht nur ein ausführender Tester.
Fazit: Ein Fundament für die vernetzte Elektroprüfung
Der BENNING IT 200 ist ein ausgezeichnetes, modernes Installationsprüfgerät, das seine Hausaufgaben erfüllt. Er ist flexibel, modulare und beherrscht das komplexe Terrain der Wallbox-Prüfung souverän. Die Kritikpunkte – mögliche Software-Veralterung und das Risiko der Bedienerüberforderung – sind nicht exklusiv für dieses Gerät, sondern systemische Probleme der Branche.
Fachlich betrachtet handelt es sich um eine Industrie 4.0-taugliche Plattform, die den Grundstein für die nächsten Jahre legt. Sie ist für jeden ambitionierten Betrieb eine lohnende Investition, der Wert auf normkonforme, dokumentierte und effiziente Prüfabläufe legt. Doch der kritische Geist – das Hinterfragen der gemessenen Werte und das Verständnis für die Physik im Kabel – muss weiterhin im Kopf des Anwenders sitzen. Kein Touchscreen der Welt wird dies jemals ersetzen.
📚 Quellen
- Benning. (n.d.). Installationstester – Prüfung elektrischer Anlagen und Wallboxen. Benning Unternehmenswebsite. [Online] [8†L0-L39]
- Benning. (2024). Prüfung elektrischer ortsfester Systeme und EV-Ladestationen. Fegime News. [9†L0-L34]
- Benning IT 200 Installationstester. (n.d.). Messfreunde Produktseite. [10†L0-L39]
- *DIN VDE 0100-600 ; VDE 0100-600:2017-06*. (2017). Beuth Verlag/DIN. [13†L4-L35]
- Die Entwicklung des Prüfprotokolls VDE 0105 Teil 100. (2024). Sicherheitspruefungen.expert. [12†L0-L43]
- Benning. (n.d.). *BENNING IT 200 / IT 130 / IT 115 Zubehör*. Benning Unternehmenswebsite. [15†L4-L33]
- Benning. (2022). Sicherungswechsel & Kalibrierung (Benning IT 200 Bedienungsanleitung, Seite 170). [14†L18-L23]
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