Herman Hollerith: Der vergessene Riese, der die Datenverarbeitung erfand

Von DerSchneider

Stellen Sie sich eine Welt ohne Datenbanken vor. Keine Kreditkartenabrechnungen, keine Steuerlisten, keine Wählerregister – zumindest nicht in der Form, wie wir sie heute kennen. Im 19. Jahrhundert ertrank die amerikanische Verwaltung buchstäblich in Papier. Die Volkszählung von 1880 dauerte acht Jahre; als sie abgeschlossen war, stand die nächste bereits vor der Tür. In diesem Chaos trat ein Mann auf den Plan, dessen Name heute weitgehend vergessen ist, obwohl er die Grundlagen unserer Informationsgesellschaft legte: Herman Hollerith.

Der Sohn pfälzischer Auswanderer erfand nicht nur die Lochkartenmaschine – er erfand die Idee, dass man Daten überhaupt maschinell verarbeiten könnte. Er war der erste, der erkannte, dass Informationen nicht nur gesammelt, sondern auch gezählt, sortiert und vor allem wiederverwendet werden können. Ohne ihn gäbe es IBM nicht, vielleicht sogar keinen Computer, wie wir ihn kennen. Seine Geschichte ist die Geschichte eines Tüftlers, der die Zeichen der Zeit erkannte – und der damit unbeabsichtigt die Tür zu einer neuen Epoche aufstieß.

Vom Bergbau zur Statistik: Die ungewöhnliche Karriere eines Quereinsteigers

Herman Hollerith wurde am 29. Februar 1860 in Buffalo, New York, als Sohn deutscher Einwanderer geboren . Seine Eltern stammten aus Großfischlingen in der Pfalz und waren nach der gescheiterten Revolution von 1848 in die USA ausgewandert – Teil jener Welle politisch motivierter Auswanderung, die Europa in der Mitte des 19. Jahrhunderts verließ . Der Vater, Johann Georg Hollerith, hatte am Gymnasium in Speyer alte Sprachen unterrichtet – eine akademische Tradition, die den Sohn prägen sollte, wenn auch auf ganz andere Weise.

Die Kindheit des jungen Herman war nicht einfach. Er hatte große Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung und besuchte zunächst den Unterricht eines lutherischen Pfarrers, bevor er den regulären Schulbesuch weitgehend vermied . Diese frühe Erfahrung des Scheiterns im traditionellen Lernbetrieb mag seinen späteren Erfindergeist befeuert haben – wer nicht aus Büchern lernen kann, muss sich die Welt eben anders erschließen.

1875 gelang ihm der Sprung ans City College von New York, 1879 schloss er sein Studium an der renommierten Columbia University School of Mines als Bergbauingenieur ab . Mit 19 Jahren war er diplomiert – ein früher Start in eine Karriere, die jedoch nicht im Bergwerk enden sollte.

Sein erster Job führte ihn zur amerikanischen Volkszählungsbehörde. Sein ehemaliger Professor W.P. Trowbridge war dorthin berufen worden und nahm seinen talentierten Studenten als Assistenten mit . Holleriths Aufgabe: die Erstellung eines statistischen Berichts über Art und regionale Verteilung der Energiequellen in der Schwerindustrie . Er tauchte ein in die Welt der Zahlen, Tabellen und vor allem: der Probleme.

Die Volkszählung von 1880 war ein logistischer Albtraum. Über 50.000 Zähler waren ausgeschickt worden, um die damals gut 50 Millionen Amerikaner zu erfassen. Die Datenflut, die zurückkam, überforderte die Behörde völlig. Acht Jahre lang rechneten Angestellte mit der Hand, addierten, subtrahierten und trugen Ergebnisse in dicke Folianten ein . Hollerith saß mitten in diesem Chaos und begann zu grübeln: Es musste doch einen schnelleren Weg geben.

Die Idee: Vom Webstuhl und der Fahrkarte

Die entscheidende Inspiration kam von zwei völlig unterschiedlichen Quellen. Die eine war technischer Natur: der Jacquard-Webstuhl. Der Franzose Joseph-Marie Jacquard hatte Anfang des 19. Jahrhunderts eine Methode entwickelt, Webmuster durch gelochte Karten zu steuern – ein Prinzip, das auf ältere Ideen des Mechanikers Falcon zurückging . Hollerith erkannte: Wenn man Maschinen durch Löcher steuern kann, kann man vielleicht auch Daten durch Löcher speichern.

Die zweite Inspiration war alltäglicher. In einem Zug beobachtete Hollerith, wie ein Schaffner mit einer Lochzange die Fahrkarten der Passagiere an bestimmten Stellen durchlochte – um Geschlecht, Alter und Hautfarbe zu markieren und so die mehrfache Nutzung eines Tickets zu verhindern . Ein einfaches System der Verschlüsselung, das aber genau das tat, was Hollerith brauchte: Es speicherte Informationen in einer maschinenlesbaren Form.

Er begann zu experimentieren. 1882 wechselte er als Dozent für Maschinenbau an das Massachusetts Institute of Technology, wo er seine ersten Lochkartenversuche durchführte . 1883 ging er ins Patentamt – eine kluge Entscheidung für einen angehenden Erfinder, der die Rechtslage verstehen wollte . Und am 23. September 1884 reichte er seine erste Patentanmeldung ein, die nach mehreren Überarbeitungen 1889 zu den berühmten Patenten 395781 und 395782 führte .

Das System: Wie die Hollerith-Maschine funktionierte

Hollerith erfand kein einzelnes Gerät, sondern ein ganzes System. Es bestand aus mehreren Komponenten: dem Lochkartenlocher, dem Lochkartenleser, dem Sortierer und der Tabelliermaschine . Das Herzstück war die Karte selbst – ein rechteckiger Karton von 168 × 76 Millimetern (später auf 187 × 83 Millimeter normiert), mit einer abgeschnittenen Ecke, die sicherstellte, dass alle Karten richtig herum eingelegt wurden .

Die Dateneingabe erfolgte über einen Pantographen-Locher, eine Art mechanische Schablone, mit der die Löcher an den richtigen Stellen gestanzt wurden. Ab 1901 konstruierte Hollerith einen Handlocher mit Tastatur, der die Karten spaltenweise bewegte – der direkte Vorläufer der späteren IBM-Locher .

Das Auslesen war das eigentliche Genie der Erfindung. Die Tabelliermaschine enthielt eine Platte mit kleinen, quecksilbergefüllten Näpfchen an genau den Positionen, an denen Löcher sein konnten. Darüber befand sich ein Satz federnder Kontaktstifte. Wurde eine Karte eingelegt und der Hebel heruntergedrückt, tauchten die Stifte durch die Löcher in das Quecksilber und schlossen einen Stromkreis. Wo kein Loch war, blockierte das Papier den Kontakt .

Die so geschlossenen Stromkreise trieben Elektromagnete an, die Zählwerke weiterschalteten – mechanische Anzeigen, die bis 10.000 zählen konnten . Parallel dazu konnten die Karten sortiert werden: Ein zweiter Kasten mit 24 Fächern, deren Klappen von Elektromagneten gehalten wurden, öffnete automatisch das richtige Fach für jede Karte .

Ein Sicherheitsmechanismus war ebenfalls eingebaut: Ein Zählwerk zählte alle eingelegten Karten, und eine Klingel ertönte bei jeder Zählung. Blieb sie aus, wusste der Bediener sofort, dass etwas nicht stimmte . Es war ein System von beeindruckender Durchdachtheit – und es funktionierte.

Der Durchbruch: Die Volkszählung von 1890

Die große Bewährungsprobe kam 1890. Die amerikanische Regierung schrieb einen Wettbewerb für die neue Volkszählung aus. Drei Systeme traten gegeneinander an: Holleriths elektrisches System, das „Chip System“ von C.F. Pidgin und das „Kerbsystem“ von W.M. Hunt .

Der Testlauf umfasste die Daten von 10.491 Einwohnern aus vier Bezirken – ein Ausschnitt aus der Zählung von 1880. Die Vorbereitung der Daten dauerte bei Hollerith 72 Stunden und 27 Minuten, bei Hunt 144 Stunden, bei Pidgin 110 Stunden. Die eigentliche Tabellierung aber war der Durchbruch: Hollerith schaffte sie in 5 Stunden und 28 Minuten, Hunt brauchte 55 Stunden, Pidgin 44 . Holleriths Maschine war nicht nur zehnmal schneller, sondern auch genauer. Die Kosten, so schätzte das Prüfkomitee des Franklin-Instituts, würden nur ein Drittel der Konkurrenzverfahren betragen .

Die Regierung bestellte. Und Hollerith lieferte. Für die Volkszählung von 1890 wurden 43 Maschinen aufgestellt und 500 Angestellte geschult . Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen: Wo die Zählung von 1880 acht Jahre gebraucht hatte, war die von 1890 in zwei Jahren abgeschlossen – obwohl die Bevölkerung inzwischen auf 62 Millionen angewachsen war . Manche Quellen sprechen sogar von nur sechs Wochen für die reine Maschinenarbeit . Zum ersten Mal in der Geschichte war eine Massendatenverarbeitung gelungen.

Hollerith hatte das Zeitalter der automatischen Datenverarbeitung eröffnet . Er war 30 Jahre alt.

Das Geschäft: Von der Tabulating Machine Company zu IBM

Hollerith war nicht nur Erfinder, sondern auch Geschäftsmann – und zwar ein kluger. Er verkaufte seine Maschinen nicht, er vermietete sie . Das sicherte ihm langfristige Einnahmen und die Kontrolle über seine Technologie. 1896 gründete er die Tabulating Machine Company, um seine Erfindung kommerziell zu verwerten .

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Nicht nur die USA, auch Russland (das gerade seine erste Volkszählung durchführte), England, Italien, Deutschland, Österreich, Frankreich, Norwegen, Puerto Rico, Kuba und die Philippinen wurden Kunden . Die Hollerith-Maschine wurde zum Weltstandard.

Doch es gab auch Rückschläge. 1905 verlor Hollerith seinen wichtigsten Kunden: das US Census Bureau. Der Grund: überzogene Preise . Die Behörde entwickelte eigene Verfahren und Hollerith verklagte sie 1910 wegen angeblicher Patentverletzung – vergeblich . Es war eine schmerzhafte Lektion über die Grenzen des Geschäftssinns.

1911 zog Hollerith die Konsequenzen. Er verkaufte sein Unternehmen für 1,21 Millionen Dollar an die neugegründete Computing Tabulating Recording Corporation (CTR) – verbunden mit einem zehnjährigen Beratervertrag über jährlich 20.000 Dollar . Es war ein kluger Ausstieg zum richtigen Zeitpunkt. 1924 wurde CTR in International Business Machines Corporation (IBM) umbenannt . Holleriths Firma war das Fundament, auf dem der spätere Weltkonzern errichtet wurde.

Das Erbe: Lochkarten, Nationalsozialismus und die Grenzen der Technik

Hollerith starb am 17. November 1929 in Washington D.C. an einem Herzinfarkt . Er erlebte nicht mehr, wofür seine Erfindung noch verwendet werden würde – und wofür nicht.

Die Lochkartentechnik eroberte die Welt. In den 1920er Jahren kamen Addierwerke hinzu, die nicht nur zählen, sondern auch rechnen konnten . 1936 folgten Multiplikation und Division . Die Stecktafelprogrammierung ermöglichte flexible Anwendungen – Buchhaltung, Lohnabrechnung, Lagerverwaltung . In Deutschland wurde 1910 die Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft (DEHOMAG) gegründet, die den deutschen Markt belieferte .

Doch die Technik hatte auch ihre Schattenseiten. Die Nationalsozialisten erkannten schnell, dass sich mit Holleriths System die rassistischen Kategorien der Nürnberger Gesetze erfassen und verwalten ließen . Die Maschinen halfen bei der Organisation von Verfolgung und Vernichtung – eine dunkle Seite der Datenverarbeitung, die bis heute nachwirkt. Hollerith selbst hatte damit nichts zu tun; er war 1929 gestorben. Aber seine Erfindung war zu einem Werkzeug geworden, das auch für unmenschliche Zwecke eingesetzt werden konnte – eine frühe Lektion über die Ambivalenz technischen Fortschritts.

Die Lochkarte überlebte ihren Erfinder um Jahrzehnte. Noch in den 1950er und 1960er Jahren war sie das dominierende Medium der Datenverarbeitung . Erst Magnetbänder, Disketten und Festplatten verdrängten sie. Und selbst im 21. Jahrhundert spielte sie eine letzte, unrühmliche Rolle: Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 sorgten Lochkarten-Wahlautomaten in Florida für Chaos. Die berüchtigten „hanging chads“ – nicht vollständig durchgestanzte Papierstückchen – wurden zum Symbol einer Wahl, die wochenlang unentschieden blieb . Holleriths Erfindung, 110 Jahre nach ihrem Durchbruch, erwies sich als nicht mehr zeitgemäß.

Fazit: Der vergessene Riese

Herman Hollerith war keiner dieser glamourösen Erfinder, deren Namen jeder kennt. Er war ein Tüftler, ein Querdenker, ein Mann, der aus Alltagsbeobachtungen technische Revolutionen schmiedete. Er erfand nicht nur eine Maschine – er erfand eine Denkweise. Die Idee, dass Daten nicht nur gesammelt, sondern maschinell verarbeitet werden können, war neu. Dass man Informationen in binärer Form speichern und wiederabrufen kann, war revolutionär. Hollerith legte das Fundament für alles, was später kam: für IBM, für die Computerindustrie, für das Informationszeitalter.

Seine Geschichte lehrt uns, dass technischer Fortschritt selten im luftleeren Raum entsteht. Hollerith stand auf den Schultern von Jacquard und Falcon, er lernte von einem Schaffner im Zug, er profitierte von der Unterstützung durch John Shaw Billings, einen Arzt, der ihn ermutigte . Er war Teil eines Netzwerks von Ideen und Menschen. Und er war hartnäckig genug, seine Vision gegen alle Widerstände durchzusetzen.

Heute, in einer Welt, die von Daten überflutet wird, ist Hollerith aktueller denn je. Die Probleme, die er lösen wollte – wie bewältigt man Massendaten? Wie macht man Informationen nutzbar? – sind unsere Probleme. Nur dass wir heute mit Terabytes statt mit Tausenden von Karten kämpfen.

Herman Hollerith starb vergleichsweise unbekannt. Aber sein Geist lebt weiter – in jedem Computer, jeder Datenbank, jedem Algorithmus. Er war der Vater der Datenverarbeitung. Es wird Zeit, ihn wiederzuentdecken.

Quellen

  • Wikipedia: Herman Hollerith. Abgerufen am 16. März 2026. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Herman_Hollerith 
  • Wikipedia:赫尔曼·霍利里思. Abgerufen am 16. März 2026. URL: https://zh.wikipedia.org/wiki/赫尔曼·霍利里思 
  • Polytechnisches Journal: Hollerith’s elektrische Tabellirmaschine für statistische Zählungen. Band 278, 1890, S. 297-299. 
  • Spektrum der Wissenschaft: Datenverarbeitung: Die Erfindung der Lochkarte (Podcast). 16. Oktober 2024. 
  • El Siglo de Torreón: 1929: Muere Herman Hollerith, estadístico que inventó la máquina tabuladora. 16. November 2019. 
  • Planet Wissen: Herman Hollerith und der Lochkartencomputer. Stand: 4. Januar 2018 (Erstveröffentlichung 2005). URL: https://www.planet-wissen.de/technik/computer_und_roboter/geschichte_des_computers/pwiehollerithundderlochkartencomputer100.html 
  • Wikipedia: Tabelliermaschine (Version vom 14. Juli 2016). 
  • Baidu Baike: 赫尔曼·何乐礼. Abgerufen am 16. März 2026. 
  • Deutsche Digitale Bibliothek: IBM Modell 26 (Kartenlocher). TECHNOSEUM Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, Inventarnummer EVZ:1990/0166. 

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