Hermann Oberth – Der Mann, der den Weltraum erfand (und keiner glaubte ihm)
Schäßburg, Siebenbürgen, 1906. Ein zwölfjähriger Junge sitzt in der engen Stube seiner Eltern und verschlingt ein Buch. Es ist kein Schulbuch. Es ist Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“. Draußen pfeift der Wind durch die Gassen, drinnen fliegt der Junge in einer hohlen Granate durchs All. Er heißt Hermann. Und er weiß noch nicht, dass er gerade dabei ist, den Rest seines Lebens mit dem Versuch zu verbringen, diese eine Geschichte wahr zu machen – und dass ihm dafür fast niemand glauben wird.
1. Der Prolog – Die Rechnung eines Kindes
Ein Jahr später. Der Junge sitzt wieder am Tisch. Aber diesmal liest er nicht. Er rechnet. Mit Bleistift und Papier versucht er herauszufinden, ob Jules Verne sich nicht verrechnet hat. Die Helden im Buch werden aus einer riesigen Kanone auf den Mond geschossen. Hermann findet den Fehler. Er rechnet vor: Die Beschleunigung in diesem Geschoss wäre so gewaltig, dass die Insassen dem 21.000-fachen ihres Körpergewichts ausgesetzt wären. Zerquetscht. Tot.
Ein Kind widerlegt einen berühmten Schriftsteller. Und in diesem Moment, in dieser Rechenaufgabe eines Zwölfjährigen, ist die gesamte spätere Raumfahrt schon angelegt. Denn Hermann Oberth zieht die richtige Schlussfolgerung: Wenn der Druck von unten nicht funktioniert, muss der Zug von vorne funktionieren. Keine Kanone. Eine Rakete. Etwas, das sich selbst zieht, das sanft beschleunigt, das den Menschen nicht zerquetscht, sondern trägt.
Zwei Jahre später, 1909, entwirft der Gymnasiast eine Zentrifuge mit 35 Metern Armlänge, um auszurechnen, wie viel Druck ein Mensch aushalten kann – liegend, stehend, sitzend. Die Zahlen, die er damals aufs Papier wirft, werden Jahrzehnte später die Grundlage für die Trainingszentren der Astronauten in Houston und Star City. Ein Kind in Siebenbürgen schreibt die Bedienungsanleitung für den Weltraum, lange bevor es die Maschinen gibt, die ihn erreichen können.
2. Der Mensch – Der verhinderte Arzt, der Lehrer bleiben musste
Hermann Oberth wird 1894 in Hermannstadt geboren, sein Vater ist Chirurg. Eine solide bürgerliche Familie, die mit dem Sohn etwas Anständiges vorhat. Medizin soll er studieren, einen richtigen Beruf lernen, nicht an solchen Spinnereien wie Raketen herumrechnen. Also studiert Hermann in München und Göttingen Medizin – aber heimlich, in den Nächten, in den Pausen, rechnet er weiter. Er liest Physik, Mathematik, Astronomie. Er will promovieren. Er will beweisen, dass seine Raketen fliegen können, zumindest auf dem Papier.
1922 legt er der Universität Heidelberg seine Dissertation vor. Titel: „Die Rakete zu den Planetenräumen“. Ein Werk, das die Grundzüge der gesamten Raumfahrt skizziert. Die Gutachter lehnen ab. Der Grund ist nicht etwa ein Fehler in der Rechnung, sondern schlicht der Inhalt. Es ist zu fantastisch. Zu weit weg von der realen Physik. Ein Student, der über Reisen ins All schreibt – das ist keine Wissenschaft, das ist Spinnerei. Die Herren Professoren empfehlen ihm, doch lieber etwas Handfestes zu arbeiten. Oder, wie es in einem zeitgenössischen Bericht aus Göttingen heißt: „Er solle doch besser Romanautor werden.“
Oberth nimmt die Arbeit, reicht sie in Klausenburg ein, wird dort promoviert. Aber die Zurückweisung in Heidelberg sitzt tief. Jahre später, als längst alle seine Formeln bestätigt sind, wird er noch davon sprechen. Der Traum vom Weltraum, das war von Anfang an ein Kampf gegen die Schwerkraft der akademischen Ignoranz. Er wird nie eine ordentliche Professur bekommen. Er wird sein Leben lang Lehrer bleiben – in Mediasch, in Schäßburg, in Wien. Ein Gymnasiallehrer, der nebenbei den Weltraum erfindet.
3. Das Problem – Die Schallmauer des Denkens
Das Problem war nicht die Rakete. Das Problem war, dass die Rakete als ernsthafte Technik gar nicht existierte. Es gab Feuerwerksraketen, es gab militärische Sprengraketen nach Kongreve-Art – aber das waren im Grunde nichts anderes als fliegende Pulverfässer. Unkontrollierbar, unlenkbar, für den Weltraum völlig unbrauchbar.
Die Physik sagte: Im Vakuum des Weltraums gibt es nichts, woran sich eine Rakete „abstoßen“ kann. Also kann sie dort nicht funktionieren. Das war die herrschende Meinung. Ein Trugschluss, aber ein hartnäckiger. Oberth erkannte, woran Generationen von Physikern gescheitert waren: Die Rakete stößt sich nicht an der Luft ab. Sie stößt sich an ihrer eigenen Masse ab. Das Rückstoßprinzip funktioniert im Leeren sogar besser als in der Atmosphäre, weil dort kein Luftwiderstand bremst. Eine simple Einsicht – aber sie widersprach so fundamental der Alltagserfahrung, dass sie keiner wahrhaben wollte.
Hinzu kam das Materialproblem. Es gab keine Pumpen, die flüssigen Sauerstoff fördern konnten. Es gab keine Düsen, die 3000 Grad heiße Abgase aushielten. Es gab keine Regelungstechnik. Oberth musste nicht nur eine Rakete erfinden, er musste die gesamte Industrie, die sie bauen könnte, erst denken. Er musste Materialwissenschaften erfinden, Kältetechnik, Antriebstechnik. Alles auf dem Papier, alles im Kopf eines siebenbürgischen Lehrers.
4. Der Bau – Das Buch, das die Welt veränderte (nur wusste sie es nicht)
1923 passiert etwas Merkwürdiges. Das Buch, das die Heidelberger Professoren nicht einmal als Doktorarbeit akzeptieren wollten, erscheint als schmales Bändchen im Münchner Oldenbourg Verlag. Oberth muss die Druckkosten selbst bezahlen. „Die Rakete zu den Planetenräumen“ – 92 Seiten, voller Formeln, nüchtern geschrieben, aber dahinter glüht der Traum.
Das Buch ist kein Fantasieprodukt. Es ist eine präzise technische Skizze der Zukunft. Oberth beschreibt darin:
- Die Flüssigkeitsrakete mit Alkohol und flüssigem Sauerstoff.
- Das Stufenprinzip: Raketen, die sich wie eine Zwiebel häuten und überflüssige Masse abwerfen.
- Die Lebenserhaltung in einer Raumkapsel.
- Die Berechnungen für Fluchtgeschwindigkeiten und Erdumlaufbahnen.
- Die Möglichkeit, dass Menschen in der Schwerelosigkeit überleben können – damals wagte kaum ein Mediziner, das zu glauben.
Ein einziger Satz in diesem Buch wird das Leben eines anderen Jungen verändern. In Deutschland, in einer anderen Kleinstadt, sitzt ein Gymnasiast namens Wernher von Braun und liest Oberths Buch. Er versteht sofort: Das ist es. Das ist die Zukunft. Er wird Oberth später schreiben, wird sein Schüler werden, sein Assistent. Die Lektüre dieses einen Buches, so wird von Braun später sagen, habe ihn „zu größerem Lerneifer beflügelt“. Eine der größten Untertreibungen der Technikgeschichte.
In der jungen Sowjetunion wird das Buch begeistert aufgenommen. Nur Konstantin Ziolkowski, der russische Pionier, ist zunächst skeptisch. Aber der Briefwechsel zwischen den beiden kommt in Gang. Drei Männer, die unabhängig voneinander das Gleiche denken – Oberth, Ziolkowski, der Amerikaner Robert Goddard –, und die doch alle das gleiche Problem haben: Keiner nimmt sie ernst.
5. Das Herzstück – Die Idee, die alles verändert (Die Selbstzerreißung der Tröpfchen)
Man kann über Hermann Oberth schreiben, ohne jemals eine seiner Formeln zu nennen. Aber dann hätte man das Herzstück verpasst. Es gibt einen Moment, eine Entdeckung, die so genial ist, dass sie bis heute in jedem Raketentriebwerk steckt.
- Oberth experimentiert mit Brennkammern. Das Problem: Wie bekommt man den Treibstoff so fein verteilt in die Flamme, dass er vollständig und explosionsartig verbrennt? Man könnte ihn durch Düsen pressen, ihn zerstäuben. Aber Oberth beobachtet etwas anderes. Er nennt es die „Selbstzerreißung der brennenden Tröpfchen“.
Was passiert? Ein Tropfen flüssigen Treibstoffs tritt in die Brennkammer ein. Er beginnt zu verdampfen, zu brennen. Aber die Verbrennung ist nicht gleichmäßig. Die einen Stellen des Tropfens werden heißer als die anderen. Es entstehen Spannungen im Tropfen. Und dann – zerreißt er. Er explodiert buchstäblich von innen heraus in tausend kleinere Tröpfchen. Jedes dieser Tröpfchen verbrennt nun seinerseits, erhitzt sich ungleichmäßig, zerreißt wieder.
Eine Kettenreaktion der Zerstäubung. Eine Flüssigkeit, die sich selbst in ihre feinsten Teile zerlegt, nur weil man sie brennen lässt.
Oberth erkennt: Das ist der Schlüssel. Wenn man die Bedingungen in der Brennkammer richtig wählt – Druck, Temperatur, Düsengeometrie –, dann arbeitet der Treibstoff mit einem. Dann reißt er sich selbst in einen Nebel aus Mikrotröpfchen, der praktisch schlagartig verbrennt. Die Energie freisetzung wird explosiv, kontrolliert, effizient.
Diese Entdeckung – die heute jeder Raketeningenieur kennt und nutzt – war damals so neu, so unerwartet, dass sie die Konstruktion der Triebwerke auf eine völlig neue Grundlage stellte. Oberth meldet sie zum Patent an: „Verfahren und Vorrichtung zum Verbrennen, z.B. für Raketen“. Ein Verfahren, das aus einem simplen Brenner erst ein Raketentriebwerk macht.
6. Das Ende – Die Rakete und der Pakt
Jetzt wird es dunkel. Denn Geschichte ist selten eine gerade Linie zum Ruhm.
1930, Berlin-Tegel. Ein ehemaliger Flugplatz wird zum ersten Raketenflugplatz der Welt. Oberths Assistent Rudolf Nebel hat ihn gegründet. Hier werkeln junge Männer, die an die Sterne wollen, darunter ein gewisser Wernher von Braun. Sie bauen, testen, sprengen sich fast in die Luft. Es ist die goldene Zeit der Bastler, der Tüftler in der Garage – nur dass die Garage ein ganzes Feld ist.
Dann kommen die Nazis. Und die entdecken, dass Raketen nicht nur in den Weltraum fliegen können, sondern auch nach London.
1937 wird von Braun technischer Direktor in Peenemünde. 1941 wird Oberth dorthin „befohlen“. Er arbeitet nun an der Aggregat 4 (A4), der späteren V2. Die erste Fernrakete der Welt, 300 Kilometer Reichweite, 90 Kilometer Gipfelhöhe. Ein technisches Wunder. Und eine furchtbare Waffe, gebaut von KZ-Häftlingen, die zu Tausenden sterben.
1942, im Oktober, gelingt der erste erfolgreiche Start. Oberth erhält 1942 das Reichspatent für eine „Rakete oder sonstiges durch Rückstoß angetriebenes Gerät“. Der Traum vom Weltraum ist in der Hand der Mörder.
Ich will hier kein Urteil fällen. Aber ich will die Frage nicht verschweigen, die in den Archiven des Smithsonian zu finden ist, in den Briefen, in den Protokollen. Oberth hat nie bereut, für Hitler gearbeitet zu haben. Er war kein Nazi, aber er war auch kein Widerständler. Er war ein Mann, der sein Leben lang gegen die Schwerkraft der Ignoranz gekämpft hatte – und jetzt endlich, endlich gab es Geld, gab es Material, gab es tausend Ingenieure, die an seiner Idee arbeiteten. Dass sie dafür Menschen töteten, dass sie die Rakete zur Terrorwaffe machten – war das der Preis? Oberth hat später gesagt, er habe gehofft, mit einer Superwaffe den Krieg schnell zu beenden. Eine Selbstlüge, die sich viele erlaubten.
1943 verlässt er Peenemünde wieder, arbeitet an Feststoffraketen. Das große Manuskript, an dem er schreibt – 1300 Seiten über die Zukunft der Raumfahrt – geht in den Wirren des Krieges verloren. Verbrannt, verlegt, vergessen.
Nach dem Krieg: kurze Internierung, dann Arbeit als Gärtner in Feucht bei Nürnberg. Der Erfinder des Weltraums pflanzt Kohl an.
7. Der Epilog – Apollo 11 und die späte Gnade
Dann, 1955, holt Wernher von Braun seinen alten Lehrer in die USA. Oberth arbeitet in Huntsville, Alabama, am amerikanischen Raumfahrtprogramm mit. Drei Jahre nur, dann geht er zurück nach Deutschland. Er ist kein Mann der großen Teams mehr, kein Manager. Er ist der alte Denker, der Rechner, der Visionär.
Am 16. Juli 1969 sitzt Hermann Oberth auf der Ehrentribüne in Cape Canaveral. Vor ihm hebt Apollo 11 ab, die erste Mondlandefähre. Die Rakete, die sie trägt, die Saturn V, ist das direkte Enkelkind seiner Rechnungen. Das Stufenprinzip, das er 1920 erfand, trägt drei Männer zum Mond. Die Flüssigsauerstoff-Turbopumpen, die er ersonn hat, arbeiten mit der Präzision eines Uhrwerks. Die „Selbstzerreißung der Tröpfchen“ in den Triebwerken – längst Standard.
Er ist 75 Jahre alt. Neben ihm jubeln die Menschen. Er sagt nichts.
Was geht in einem Mann vor, der fünfzig Jahre lang gegen den Strom geschwommen ist, der als Spinner galt, der als Lehrer Raketen berechnete, während die Kollegen ihn für verrückt hielten – und der jetzt zusieht, wie zwei Amerikaner in seine Fußstapfen treten?
Ich stelle es mir so vor: Er riecht den Rauch, hört das Donnern, spürt die Erschütterung im Boden. Vielleicht denkt er an das Zimmer in Schäßburg, an die Kerze, an das Buch von Jules Verne. Vielleicht denkt er an die Heidelberger Professoren, die ihn nicht promovieren wollten. Vielleicht denkt er an Peenemünde, an das Töten, an den verlorenen Krieg. Vielleicht denkt er auch einfach: Es fliegt. Es fliegt wirklich.
Hermann Oberth stirbt 1989, ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer. 95 Jahre alt. Er hat gesehen, wie sein Traum wahr wurde. Und er hat gesehen, welchen Preis er dafür bezahlt hat – einen Preis, den nicht nur er zahlte.
Die Smithsonian Institution in Washington bewahrt seinen Nachlass auf. Briefe, Fotos, Patentschriften. In einer Mappe, die ich mir im Geiste vorstelle, liegt auch das Original seiner Dissertation von 1922. „Die Rakete zu den Planetenräumen“. Mit Bleistift durchgestrichene Formeln, handschriftliche Korrekturen, Anmerkungen am Rand. Ein Dokument der Beharrlichkeit.
Was bleibt? Vielleicht das: Dass die größten Ideen dieser Welt meist nicht in den Hörsälen der Universitäten geboren werden, sondern in den Köpfen von Menschen, die zu viel Fantasie haben, um sich mit dem Hier und Jetzt zufrieden zu geben. Dass es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn das Wasser eisig ist.
Und dass jede Rakete, die heute zu den Sternen startet, ein Stück weit die Rechnung eines zwölfjährigen Jungen aus Siebenbürgen ist, der herausfand, dass Jules Verne sich verrechnet hatte.
Hermann Oberth hat den Weltraum erfunden. Auf Papier, mit Bleistift, gegen alle. Dass daraus Waffen wurden, dass Menschen starben, dass der Traum blutig wurde – das ist nicht seine Schuld allein. Das ist die Schuld einer Welt, die Visionäre erst auslacht und dann für ihre Zwecke einspannt.
Aber die Rechnung von damals, die stimmt immer noch.
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