Hundatorra: Technikarchäologie einer verlassenen Siedlung im Dartmoor
Autor: DerSchneider
Einleitung
Auf den Hochmooren von Dartmoor, etwa 340 Meter über dem Meeresspiegel, liegen die steinernen Zeugen einer gescheiterten technologischen Anpassung: die Ruinen von Hundatorra (auch Hound Tor genannt). Diese nur etwa 150 Jahre lang bewohnte Siedlung aus dem 13. und 14. Jahrhundert ist für den Technikhistoriker ein faszinierendes Studienobjekt. Sie dokumentiert den Versuch einer mittelalterlichen Agrargesellschaft, unter ungünstigen klimatischen Bedingungen zu überleben – und das Scheitern dieses Versuchs.
Die archäologischen Ausgrabungen der 1960er Jahre, durchgeführt von E. M. Minter und später von Guy Beresford ausgewertet, legten eine Struktur frei, die mehr über das Scheitern verrät als über den Erfolg mittelalterlicher Landwirtschaft. Besonders aufschlussreich ist der technische Charakter der Anlage: drei Getreidedarren, massive Langhäuser mit integrierten Ställen und ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem. Dieser Artikel beleuchtet Hundatorra aus technikarchäologischer Perspektive – als einen Fall von „Technik am ökologischen Limit“.
Die siedlungsökologische Ausgangslage
Höhenlage und Grenzertragsboden
Die Siedlung liegt auf einem nach Nordosten exponierten Hang in einer Region, die durch eine der extremsten Witterungen Englands gekennzeichnet ist. Das milde, feuchte Klima Dartmoors erlaubte zwar ganzjährige Besiedlung während der mittelalterlichen Warmzeit (ca. 950–1250 n. Chr.), doch die Böden sind podsolierte, nährstoffarme Lehmböden. Die geringe Mächtigkeit des Mutterbodens bei hohem Oberflächenabfluss führte zu schneller Erosion – ein Problem, das die bronzezeitlichen Vorgänger bereits um 1000 v. Chr. zur Aufgabe gezwungen hatte.
Der Ackerbau konzentrierte sich auf nur etwa 4 Hektar terrassierte Flächen, die den Hang querten. Angebaut wurden Hafer und Roggen – robuste Getreidesorten, die mit geringer Bodengüte auskommen. Die Hektarerträge dürften selbst nach mittelalterlichen Maßstäben niedrig gewesen sein: Schätzungen für das angrenzende Manaton gehen von einem Ernte-Einsaat-Verhältnis von 1:3 aus – nahe der Subsistenzgrenze, denn für die Aussaat des Folgejahres mussten etwa 30 % der Ernte zurückbehalten werden.
Die datierte Genese: Vom Shieling zur Steinsiedlung
Die technikarchäologische Stratigraphie des Ortes ist von besonderem Interesse:
| Phase | Datierung | Bautyp | Technische Charakteristik |
|---|---|---|---|
| Bronzezeitlich | 1700–1000 v. Chr. | Runde Steinhütten, 2 Gehege | Trockenmauerwerk, Dm. ca. 3-4 m |
| Frühmittelalter (saisonal) | 10.–11. Jh. | Turfbauten (Shielings) | Eingetieft, 3,7 m lang, Nutzungsdauer kurz |
| Hochmittelalter (Phase 1) | Frühes 13. Jh. | Zwei- und dreiräumige Langhäuser aus Stein | Granitquader, Firsthöhe ca. 3 m |
| Hochmittelalter (Phase 2) | Spätes 13. Jh. | Zusatzbauten: Getreidedarren | Umlaufende Drainage, Darre mit Steingewölbe |
Die Datierung der Turfbauten (Shielings) des 10. Jahrhunderts ist technologisch bedeutsam: Diese leichten, eingetieften Konstruktionen dienten der saisonalen Beweidung (Transhumanz). Sie stellen den archäologischen Beleg für eine Nutzungsintensivierung dar, die der permanenten Besiedlung vorausging. Dass innerhalb weniger Jahrzehnte massive Steinbauten errichtet wurden, zeigt ein rapides Bevölkerungswachstum und eine erfolgreiche landwirtschaftliche Intensivierung an.
Die technische Infrastruktur der Siedlung
Das Langhaus als multifunktionale Maschine
Die vier identifizierten Langhäuser der Siedlung stellen eine integrierte technologische Lösung dar: In einem Gebäude (Längen: 7,5 m bis 18,9 m) waren menschlicher Wohnbereich und Viehstall unter einem Dach vereint. Die Hanglage wurde konsequent genutzt: Das obere Ende des Hauses (das „Livier“) diente den Menschen, das untere Ende (der „Shippon“ oder „Byre“) den Tieren.
Zwei technische Details sind bemerkenswert:
- Zentraler Drainagekanal (ca. 20 cm breit, 10 cm tief): In den gut erhaltenen Langhäusern verläuft ein Stein gefasster Abwasserkanal in Längsrichtung. Entgegen früherer Annahmen diente dieser nicht ausschließlich der Entwässerung des Stalls, sondern auch der Ableitung von Niederschlagswasser, das durch die niedrigen Türen eindrang. Die Neigung des Kanals betrug etwa 2-3 Grad – dokumentierter Beleg eines ingenieurtechnischen Bewusstseins.
- Tethering-stakeholes: In den Byre-Endungen fanden sich systematische Anordnungen von Pfostenlöchern, die als Fixpunkte für die Anbindung von maximal 4-5 Rindern pro Haus interpretiert werden.
Die Herdstelle in der Mitte des Wohnbereichs hatte eine Doppelfunktion: Sie diente der Wärmeversorgung und wahrscheinlich auch der ersten Stufe der Getreideverarbeitung (Darre), bevor die spezialisierten Kornbrennöfen gebaut wurden.
Die Getreidedarren: Technologische Indikatoren des Klimawandels
Die drei erhaltenen Darren (corn-drying barns) im Westteil der Siedlung sind der zentrale technische Befund. Es handelt sich um rechteckige Steinbauten (ca. 6 x 4 m) mit einem einzelnen Eingang und zwei steinernen Öfen am westlichen Ende. Diese waren ursprünglich als reine Speicherbauten errichtet – der Einbau der Darren erfolgte sekundär, was historisch bedeutsam ist.
Die Konstruktion der Darren ist einfach, aber effektiv: Ein gemauerter Feuerkanal führte die Abgase unter eine gebrannte Ton- oder Steinplatte („Corston“ oder „Drying floor“), auf der das gedroschene, feuchte Korn ausgebreitet wurde. Die Temperatur wurde durch die Brennstoffmenge und die Zugluft am Ofeneingang reguliert.
Die technikhistorische Aussage dieser Darren ist eindeutig: Sie sind der materielle Beleg einer Krisenreaktion. Der nachträgliche Einbau von Darren in zuvor als Speicher genutzte Gebäude dokumentiert den Versuch, mit erhöhter Niederschlagsmenge während der Erntezeit umzugehen. Dies ist ein ungewöhnlich deutlicher Befund: Die meisten Anpassungen an Klimaverschlechterungen sind archäologisch schwer fassbar – hier jedoch wird die Technologie direkt sichtbar.
Die Palynologie (Pollenanalyse) bestätigt diesen Befund: In den entsprechenden Sedimentschichten findet sich ein deutlicher Anstieg von Pollen feuchtigkeitsliebender Pflanzen, einhergehend mit einem Rückgang der Getreidepollen. Die Darren waren demnach ein letzter, letztlich erfolgloser Versuch der Produktionssicherung.
Demographie und Wirtschaft: Die Zahlen von 1086
Das Domesday Book (1086) liefert einen exakten sozioökonomischen Schnappschuss von „Hundetorra“, das zu diesem Zeitpunkt Tavistock Abbey gehörte:
| Kategorie | Menge | Äquivalenz/Interpretation |
|---|---|---|
| Steuerpflichtige (Villanen) | 2 | Familiengruppen mit eigenem Pfluganteil |
| Kleinbauern (Bordare) | 4 | Landlose Arbeitskräfte |
| Hörige (Servi) | 2 | Vollrechtlich abhängig |
| Ackerfläche | 2 Acres (0,8 ha) | Bestelltes Land |
| Wiese | 9 Acres (3,6 ha) | Heugewinnung |
| Weide | 1 League (ca. 2,4 km im Umfang) | Extensive Tierhaltung |
| Ochsen | 7 | Zugarbeit (ca. 1,75 Gespanne) |
| Schafe | 28 | Wolle, Fleisch, Milch |
| Ziegen | 18 | Genügsamere Alternative zu Schafen |
| Wert | 20 Shilling | Gering (zum Vergleich: ein Pferd kostete ca. 10 Shilling) |
Auffällig ist das Missverhältnis zwischen Ackerfläche (2 Acres) und Weidefläche (1 League). Der Hof war demnach primär auf Viehhaltung ausgerichtet – eine strategische Anpassung an die marginalen Böden. Die 7 Ochsen ergeben rechnerisch weniger als zwei Pfluggespanne (4 Ochsen pro Pflug), was auf unterdurchschnittliche Agrarintensität hinweist. Diese Daten bestätigen historische Befunde zur Randlage der Siedlung bereits im 11. Jahrhundert.
Die Gründe des Scheiterns: Ein multifaktorielles Modell
Klimatische Verschlechterung (ab ca. 1250)
Die Übergangsphase von der Mittelalterlichen Warmzeit zur Kleinen Eiszeit (ab ca. 1300) hatte für Dartmoor praktische Auswirkungen: Die jährliche Niederschlagsmenge stieg um schätzungsweise 15-20 %, die mittlere Jahrestemperatur sank um 0,5-1,0 °C. Für den Ackerbau in 340 m Höhe bedeutete dies:
- Verkürzte Vegetationsperiode (frostfreie Tage reduzierten sich um 2-3 Wochen)
- Erhöhte Bodenvernässung (verstärkte Podsolierung, verzögerte Erwärmung im Frühjahr)
- Spät- und Nachernteverluste (Schimmelbildung erzwang Darren-Nachnutzung)
Die Große Hungersnot (1315–1317)
Die dreijährige Anomalie mit extremer Kälte und Dauerregen traf Randregionen wie Hundatorra mit voller Härte. Die Ernte fiel in diesen Jahren nahezu vollständig aus. Hinzu kam ein technologisches Problem: Bei hoher Luftfeuchtigkeit funktionierte die traditionelle Fleischkonservierung durch Pökeln nicht mehr, da das Meersalz in den Salinen nicht auskristallisierte. Die Kombination aus Getreidemangel und fehlenden Proteinreserven führte zu einer Ernährungskrise.
Die Große Rinderpest (1319–1320)
Zwei Jahre nach der Hungersnot brach eine Seuche aus, die schätzungsweise 60 % des englischen Rinderbestands tötete. Für Hundatorra war dies existenzbedrohend: Ohne Ochsen für den Pflug konnte das marginale Ackerland nicht mehr bestellt werden. Der technologische Kollaps war vollständig.
Der Schwarze Tod (ab 1348)
Die Pestepidemie reduzierte die englische Gesamtbevölkerung um 30-50 %. Für bereits geschwächte Randgemeinden war dies der letzte Schlag: Die verbliebenen Arbeitskräfte konnten die Siedlung nicht mehr aufrechterhalten. Pollelevidenz zeigt das Ende des Getreideanbaus um 1350 an; keramische Funde deuten jedoch darauf hin, dass einige wenige Bewohner bis in die 1380er Jahre ausharrten.
Vergleichende Einordnung: Grimspound als Präzedenzfall
Die bronzezeitliche Siedlung Grimspound (ca. 1300 v. Chr., ca. 450 m Höhe) weist bemerkenswerte Parallelen auf. Mit 24 Rundhütten innerhalb einer massiven Granitumfassungsmauer stellt sie eine wesentlich größere Anlage dar. Die Aufgabe erfolgte um 1000 v. Chr. – ebenfalls aufgrund einer Klimaverschlechterung. Der Unterschied: Die bronzezeitliche Gesellschaft reagierte mit Rückzug (vollständige Aufgabe des Hochlands), die mittelalterliche mit technologischer Anpassung (Darren). Beide Strategien scheiterten letztlich – ein bemerkenswertes historisches Muster.
| Kriterium | Bronzezeit (Grimspound-Typ) | Mittelalter (Hundatorra) |
|---|---|---|
| Bauweise | Runde Steinhütten, Trockenmauerwerk | Rechteckige Langhäuser mit Drainage |
| Wirtschaftsweise | Extensive Weidewirtschaft, wenig Ackerbau | Gemischt: Ackerbau (Hafer/Roggen) + Viehhaltung |
| Technologische Reaktion auf Klimaverschlechterung | Abwanderung (keine technische Anpassung belegt) | Getreidedarren (sekundär eingebaut) |
| Dauer der Besiedlung | Ca. 500 Jahre (1300–800 v. Chr.) | Ca. 150-200 Jahre (1200–1350/80 n. Chr.) |
Fazit und Ausblick
Hundatorra ist eine technikarchäologische Fallstudie ersten Ranges. Sie dokumentiert, wie eine Gesellschaft mit den Limitierungen ihres ökologischen Raums umging – und an diesen Grenzen scheiterte. Die nachträglich eingebauten Getreidedarren sind das archäologische Äquivalent eines letzten, verzweifelten technologischen „Patches“: Sie sollten ein grundsätzlich ungeeignetes Agrar system durch eine punktuelle Verbesserung retten.
Aus heutiger Perspektive, im Angesicht des anthropogenen Klimawandels, sind die Parallelen verblüffend. Die Bewohner von Hundatorra scheiterten nicht an mangelndem technischen Know-how – die Darren funktionierten technisch einwandfrei. Sie scheiterten an der Kombination aus externen Schocks (Pest, Rinderpest) und einem System, das keine Redundanzen mehr zuließ.
Die wichtigste Lektion von Hundatorra für moderne Technikbewertung ist vielleicht diese: Technische Anpassung hat ökologische Grenzen. Keine Darren der Welt können Niederschlagsmengen kompensieren, die den Ackerbau prinzipiell unmöglich machen. Die mittelalterlichen Bewohner Dartmoors erkannten dies – und gingen. Ihr steinernes Vermächtnis ist eine eindringliche Warnung vor den Grenzen machbarkeitsorientierter Technikgläubigkeit.
Quellen
- English Heritage. „History of Hound Tor Deserted Medieval Village.“ https://www.english-heritage.org.uk/visit/places/hound-tor-deserted-medieval-village/history
- Heritage Gateway. „Deserted Medieval Settlement at Hound Tor.“ MDV7414. https://heritagegateway.org.uk
- Wikipedia. „Grimspound.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Grimspound
- Visit South Devon. „Hound Tor Deserted Medieval Village.“ https://www.visitsouthdevon.co.uk
- Historic UK. „Hundatora (or Hound Tor) Medieval Village, Dartmoor.“ https://www.historic-uk.com/HistoryMagazine/DestinationsUK/Hound-Tor-Deserted-Medieval-Village/
- Wikipedia. „Hound Tor.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Hound_Tor
- Wikipedia. „Hundatorra.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Hundatorra
- Beresford, Guy. „The Medieval Village of Hound Tor.“ Medieval Archaeology (1979).
- Dyer, Christopher. „Recovering from Catastrophe.“ In Ecological Crisis and Cultural Collapse, Taylor & Francis, 2020.
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