IBM Simon: Die verlorene Vision vom Smartphone
16. August 1994, ein Datum, das die Welt verändern sollte – nur merkte es damals niemand. Während in Deutschland das Telefonieren im Auto gerade erst populär wurde und Telefonzellen noch zum Straßenbild gehörten, ging in den USA ein Gerät an den Start, das seiner Zeit weit voraus war: der IBM Simon Personal Communicator. Kein Geringerer als dieser 510 Gramm schwere, klobige „Backstein“ war das erste Smartphone der Welt .
Die Geburtsstunde des IBM Simon war nicht der August 1994, sondern bereits zwei Jahre zuvor. Im November 1992 zeigte der Elektronik-Ingenieur Frank Canova auf der Computermesse COMDEX in Las Vegas einen Prototyp mit dem Codenamen „Sweetspot“ . Seine Vision war ebenso einfach wie revolutionär: „Ich habe mich damals gefragt, wie eine Telefontastatur auf einem Screen aussehen würde“, erinnert sich Canova . Die Antwort war ein Touchscreen – eine Technologie, die damals kaum genutzt und äußerst fehleranfällig war.
Was Canova und sein kleines Team in nur 15 Wochen aus dem Boden stampften, war mehr als nur ein Telefon. Es war ein Kommunikator, der Mobiltelefon, PDA, Pager und Faxgerät in einem einzigen handgehaltenen Gerät vereinte . Die Fachwelt war begeistert, und die Telefongesellschaft BellSouth zeigte sich ebenfalls interessiert. Unter dem Codenamen „Angler“ trieb eine inzwischen gewachsene Entwicklermannschaft in Boca Raton, Florida, das Projekt zur Marktreife voran .
Ein Gerät zwischen Genie und Wahnsinn
Am 16. August 1994 war es schließlich so weit: Der IBM Simon Personal Communicator kam in den USA in den Handel . Was heute in jeder Hose passt, war damals ein wahrer Koloss: 23 Zentimeter hoch, 6,4 Zentimeter breit, 3,8 Zentimeter dick und ein Gewicht von über 500 Gramm machten ihn zu einem treuen Begleiter, der vor allem eines war: präsent .
Das Herzstück bildete ein monochromes, hintergrundbeleuchtetes LCD-Display mit einer Auflösung von 160 x 293 Pixeln . Es war resistiv, ließ sich also sowohl mit dem Finger als auch mit dem mitgelieferten Stylus bedienen. Angetrieben wurde Simon von einem 16 MHz starken, x86-kompatiblen Vadem-Prozessor, der auf ganze 1 MB Arbeitsspeicher zugreifen konnte . Der Festspeicher war ebenfalls 1 MB groß – genug für das Betriebssystem und einige Anwendungen .
Als Betriebssystem kam das MS-DOS-kompatible ROM-DOS von Datalight zum Einsatz . Doch IBM-Entwickler bewahrten die Nutzer vor der Kommandozeile: Eine eigens entwickelte grafische Oberfläche namens „Navigator“ machte die Bedienung intuitiv .
Die Ausstattung las sich wie die Wunschliste eines modernen Smartphone-Nutzers der frühen 90er:
- Adressbuch mit Kontaktverwaltung
- Terminkalender und Weltzeituhr
- Notizblock für handschriftliche Einträge
- Taschenrechner
- E-Mail-Client
- Fax-Funktion (sendend und empfangend)
- Spiele – darunter ein Verschiebepuzzle
Besonders bemerkenswert war die Tastatur: Auf dem Touchscreen erschien entweder eine alphanumerische Tastatur oder eine QWERTZ-Tastatur. Die Software namens „PredictaKey“ bot sogar eine frühe Form der Texterkennung und schlug je nach eingetipptem Buchstaben die sechs wahrscheinlichsten nächsten Zeichen vor . Ein Webbrowser fehlte verständlicherweise – das World Wide Web steckte noch in den Kinderschuhen und war für mobile Endgeräte nicht erschlossen.
Sogar ein App-Ökosystem gab es in Ansätzen: Über eine PCMCIA-Typ-2-Erweiterungskarte oder Download konnte man Zusatzprogramme installieren . Das einzige bekannte Drittanbieter-Programm hieß „DispatchIt“, ein früher Remote-Desktop-Vertreter – zu Preisen von knapp 3.000 Dollar für die PC-Software und 300 Dollar für den Simon-Client .
Warum der Urahn scheiterte
Trotz aller Innovationen: Der IBM Simon verkaufte sich nur etwa 50.000 Mal, bevor die Produktion bereits im Februar 1995, nach weniger als einem Jahr, eingestellt wurde . Zum Vergleich: Das Apple iPhone verkaufte sich am ersten Wochenende 700.000 Mal. Was waren die Gründe für dieses Scheitern?
Der Preis war exorbitant: Zwischen 899 und 1.099 Dollar kostete Simon – je nach Vertragsbindung . Das entspräche heute inflationsbereinigt etwa 1.800 Dollar. Ein Vermögen für ein Gerät, dessen Nutzen sich vielen nicht erschloss.
Die Akkulaufzeit war katastrophal: Der mitgelieferte Nickel-Cadmium-Akku erlaubte gerade einmal eine Stunde Gesprächszeit . IBM legte zwar gleich zwei Akkus bei, doch das war eher ein Eingeständnis der Schwäche als eine Lösung.
Das Display erwies sich im Alltag als extrem kontrastarm und bei Sonnenlicht kaum ablesbar . Die Touchscreen-Technologie steckte noch in den Kinderschuhen.
Der eigentliche Showstopper aber war das fehlende Ökosystem. Das Internet, wie wir es heute kennen, existierte für breite Massen nicht. Die Datenübertragung erfolgte über ein analoges AMPS-Netz (1G) mit einem 2400-Baud-Modem – eine Qual, die heute unvorstellbar wäre . E-Mails konnten nur über den Umweg von Einwahlverbindungen zu speziellen Serren abgerufen werden, die meist Lotus Notes liefen . Die im Prototyp von 1992 gezeigten Anwendungen für Wetter, Aktienkurse, Nachrichten und Karten ließen sich nicht realisieren, weil es schlicht keine kommerziellen Internetdienste gab, die diese Daten liefern konnten .
Frank Canova, der Visionär hinter Simon, gestand später: Um die Vision dennoch zu veranschaulichen, hatte er 1992 eine Zeitung gescannt und ein Standbild des Aktienmarktes auf dem Prototypen gezeigt . Es war eine Illusion – eine Vorschau auf eine Zukunft, die noch nicht begonnen hatte.
Das Erbe des Simon
IBM arbeitete bereits an einem Nachfolger mit dem Codenamen „Neon“, der dem iPhone nicht unähnlich gewesen wäre: kleiner, mit höher aufgelöstem Display und digitalem Funk . Ein Prototyp soll sogar eine Funktion besessen haben, die Texte je nach Neigung des Geräts zwischen Hoch- und Querformat wechseln ließ – genau wie heutige Smartphones . Doch IBM baute damals sein Engagement in Boca Raton ab, verlagerte die Entwicklung nach Raleigh, North Carolina, und verlor schließlich das Interesse. Es sollte über 13 Jahre dauern, bis mit dem Apple iPhone ein Gerät erschien, das die Vision des Simon endlich einlösen konnte .
Wayne Whitley, ein Ingenieur des ursprünglichen Simon-Teams, blickt mit Wehmut zurück: „Wir waren unserer Zeit einfach voraus“ . Michael Mikolajczak, Kurator im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn, ergänzt: „Der IBM Simon ist der Urvater aller heutigen Smartphones. Er hat gezeigt, was möglich ist, auch wenn die Welt noch nicht bereit war“ .
Heute hat der IBM Simon seinen verdienten Platz in der Geschichte gefunden. Das London Science Museum nahm ihn 2014 in seine Dauerausstellung auf . Und wer ganz genau hinsieht, findet in der Tiefe des Geräts ein Easter Egg: Die Eingabe *#*HARD oder *#*SOFT auf der Tastatur fördert die Namen all jener Ingenieure zutage, die an diesem wegweisenden Gerät gearbeitet haben .
Der IBM Simon war ein kommerzieller Misserfolg, aber ein visionärer Meilenstein. Er bewies, dass die Idee eines touchgesteuerten Kommunikationsgeräts mehr war als Science-Fiction. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis die Technologie und die Infrastruktur nachzogen – doch der Traum vom Smartphone, er begann an einem Augusttag im Jahr 1994.
Quellen
- Canova, F., et al. Persönliche Sammlung von Frank Canova und dem Simon-Entwicklungsteam, archiviert auf GitHub. [online] Verfügbar unter: https://github.com/simoneer/history
- Heise online (2014) 20 Jahre Smartphone: Mit IBMs Simon fing alles an. 16. August. [online] Verfügbar unter: https://www.heise.de/news/20-Jahre-Smartphone-Mit-IBMs-Simon-fing-alles-an-2293693.html
- IT之家 (2019) 25年前的今天,全球首台触屏手机Simon诞生!16. August. [online] Verfügbar unter: https://www.ithome.com/0/439/346.htm
- Magdanz, J. (2024) 16.08.1994: IBM bringt mit „Simon“ das erste Smartphone auf den Markt. WDR Zeitzeichen, 16. August. [online] Verfügbar unter: https://www1-orig.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-erstes-smartphone-ibm-simon-100~_mon-022026.html
- teltarif.de (2017) Vom Backstein zum Brett: Smartphones von 1992 bis heute. [online] Verfügbar unter: https://www.teltarif.de/amp/smartphones-geschichte-design-groesse/news/66862.html?page=2
- Wikipedia (2024) IBM Simon. [online] Verfügbar unter: https://zh.wikipedia.org/wiki/IBM_Simon
- Wikipedia (2022) IBM Simon (japanische Version). [online] Verfügbar unter: https://ja.wikipedia.org/w/index.php?title=IBM_Simon&diff=prev&oldid=90141230
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