Iomega-Laufwerke: Aufstieg und Fall eines Speicherpioniers
Von DerSchneider
Die orange-schwarze Hülse der Zip-Diskette war in den 1990er Jahren allgegenwärtig. Sie steckte in Hemdtaschen von Grafikern, lag auf den Tischen der Redaktionsstuben und galt als Rettung in der Not, wenn die 1,44-MB-Diskette längst überfordert war. Iomega, das Unternehmen hinter diesem Phänomen, schrieb eine der faszinierendsten und lehrreichsten Geschichten der Computertechnik – eine Geschichte über technischen Pioniergeist, geschicktes Marketing, aber auch über proprietäre Strategien, Kinderkrankheiten und das unerbittliche Tempo des Fortschritts.
Einleitung: Als eine Diskette plötzlich 100 MB fasste
Um die Bedeutung von Iomega zu verstehen, muss man sich in die Speicherwelt der frühen 1990er Jahre versetzen. Betriebssysteme wuchsen, erste digitale Bilder und komplexere Grafiken entstanden – und die altehrwürdige 3,5-Zoll-Diskette mit ihren mageren 1,44 Megabyte (MB) stieß überall an ihre Grenzen. Ein einziges Foto in halbwegs brauchbarer Auflösung? Brauchte drei Disketten. Eine Präsentation mit eingebetteten Grafiken? Ein Albtraum. Die Branche hungerte nach einem Nachfolger für die Floppy-Disk.
In diese Lücke stieß 1994 ein Unternehmen aus San Diego: Iomega. Mit dem Zip-Laufwerk und seinen 100 MB fassenden Disketten bot es eine Lösung, die einfach zu bedienen, erschwinglich und schnell genug war. Der Erfolg war atemberaubend – und machte Iomega innerhalb weniger Jahre zu einem der bekanntesten Namen in der Computerbranche . Doch der Aufstieg war steil, der Fall umso jäher. Die Geschichte von Iomega ist nicht nur eine Chronik von Geräten, sondern ein Lehrstück über Technologiezyklen, Markenbindung und die Gefahr, die eigene Innovation zu verschlafen.
Die Anfänge: Das Bernoulli-Prinzip als Fundament
Die Erfolgsgeschichte beginnt nicht erst mit dem Zip-Laufwerk. Iomega wurde 1980 gegründet und brachte bereits 1983 sein erstes Produkt auf den Markt: die Bernoulli-Box . Benannt war sie nach dem Schweizer Mathematiker Daniel Bernoulli, dessen Entdeckung der Fluiddynamik hier technisch adaptiert wurde. Das Prinzip: Eine flexible Magnetscheibe rotierte mit hoher Geschwindigkeit über einem starren Lesekopf. Durch den Luftstrom wurde die Scheibe dicht und gleichmäßig über den Kopf gezogen – eine clevere Konstruktion, die Staunempfindlichkeit reduzierte und Kopfaufsetzer (Head-Crashes) weniger wahrscheinlich machte.
Die Bernoulli-Box war ein solides, aber teures System für professionelle Anwender, oft im SCSI-Format für Apple Macintosh oder IBM-kompatible PCs . Sie etablierte Iomega als ernstzunehmenden Speicherspezialisten, blieb jedoch ein Nischenprodukt. Das änderte sich erst mit der nächsten Generation.
Das Zip-Laufwerk: Der Durchbruch zum Massenprodukt
1994 betrat Iomega mit dem Zip-Laufwerk die Bühne – und traf den Nerv der Zeit. Die Rechnung war einfach: Biete ein Laufwerk für unter 200 Dollar und Medien für etwa 20 Dollar, die mit 100 MB Kapazität die 1,44-MB-Diskette in den Schatten stellen .
Technik und Varianten
Technisch basierte das Zip-Laufwerk auf einer Weiterentwicklung des Bernoulli-Prinzips, arbeitete jedoch nicht mit einer flexiblen, sondern einer semi-flexiblen Magnetscheibe in einem stabilen Kunststoffgehäuse . Die Laufwerke kamen in verschiedenen Ausführungen auf den Markt:
- Interne Modelle: Für den Einbau in 3,5-Zoll-Schächte, meist mit ATA/IDE-Schnittstelle .
- Externe Modelle: Mit Anschluss über Parallelport (druckertauglich, aber langsam), SCSI (schnell, aber teuer und konfigurationsaufwendig) oder später auch USB und FireWire .
Der Clou: Externe Laufwerke ließen sich ohne großen Aufwand an verschiedenen Rechnern nutzen – ein Segen für den Datentransport in einer Zeit ohne Cloud und flächendeckendes Breitband-Internet.
Die Generationen
Der Erfolg der ersten 100-MB-Generation veranlasste Iomega zu Weiterentwicklungen:
- Zip 250: Mehr Kapazität, aber leicht eingeschränkte Abwärtskompatibilität.
- Zip 750: Die letzte Generation mit 750 MB, die 100-MB-Medien nur noch lesen, aber nicht mehr beschreiben konnte .
Der „Click of Death“ – Ein Schatten auf dem Erfolg
Doch so beliebt das Zip-Laufwerk war, so sehr litt sein Ruf unter einem hartnäckigen technischen Problem: dem „Click of Death“. Anwender berichteten von einem wiederholten, bedrohlichen Klickgeräusch aus dem Laufwerk, gefolgt von Lesefehlern. Oft war danach nicht nur die Diskette, sondern auch das Laufwerk selbst unbrauchbar.
Ursache waren meist thermische Ausdehnung, Fertigungstoleranzen oder Verschmutzung, die zu einer Dejustage des Schreib-/Lesekopfes führten. Der Kopf verfehlte die Spur, versuchte neu zu justieren – und schlug im schlimmsten Fall auf die Medienoberfläche auf (Head-Crash) . Iomega kämpfte lange mit diesem Imageproblem, das von Konkurrenten und Kritikern eifrig thematisiert wurde.
Die große Schwester: Das Jaz-Laufwerk
Für Anwender, denen 100 oder 250 MB nicht reichten, hatte Iomega eine leistungsfähigere Alternative im Angebot: das Jaz-Laufwerk. Es war technisch völlig anders aufgebaut. Während die Zip-Technologie von der Diskette abstammte, war das Jaz-Laufwerk eine echte Festplatte im Wechselrahmen.
Im Inneren rotierten zwei Magnetscheiben, die von vier Schreib-/Leseköpfen bearbeitet wurden . Der Spindelmotor befand sich im Laufwerk, die Medien waren staubdicht verschlossen. Das machte sie schnell, zuverlässig und mit Kapazitäten von zunächst 1 GB, später 2 GB für damalige Verhältnisse riesig .
Zielgruppe Profi
Das Jaz-Laufwerk war der Star in der Kreativwirtschaft. Grafiker, Layouter, Druckvorstufen-Techniker und Videobearbeiter nutzten es, um ihre massiven Datenmengen zu transportieren. Eine ganze Druckvorlage, inklusive aller Schriften und hochauflösender Bilder, passte auf eine einzige Jaz-Disk – das war ein Quantensprung . Die Anbindung erfolgte meist über SCSI, was für professionelle Mac- und Unix-Workstations damals Standard war .
Das Ende der Jaz-Ära
Doch auch die Jaz-Laufwerke hatten ein Verfallsdatum. Ende 2001 stellte Iomega die Produktion ein . Der Nachfolger hieß Peerless – ein System mit komplett gekapselten Platten, das 10 oder 20 GB fasste, aber nicht zu den alten Jaz-Medien kompatibel war. Das führte zu einem Aufschrei in der Fachpresse, als Iomega zunächst ankündigte, nach Ablauf der Garantie keine Reparaturen mehr an Jaz-Laufwerken durchzuführen. Kunden, die auf das inkompatible Peerless-System umsteigen sollten, fühlten sich im Stich gelassen. Erst auf massiven Druck lenkte Iomega ein und sicherte eine erweiterte Reparaturbereitschaft zu .
Exoten und Experimente: Ditto, Clik! und MO
Iomega war in seiner Blütezeit ein erfindungsreiches Unternehmen. Neben den bekannten Produkten gab es eine Reihe von Experimenten und Nischenprodukten:
- Ditto: Bandlaufwerke für den Heim- und Bürobereich, die als günstige Backup-Lösung beworben wurden. Sie konkurrierten mit Travan-Technologien, konnten sich aber nie wirklich gegen die aufkommenden CD-Brenner durchsetzen .
- Clik! (später PocketZip): Ein ultrakompaktes Laufwerk für 40-MB-Disketten, das vor allem in Digitalkameras und später als MP3-Player-Speicher (HipZip) zum Einsatz kommen sollte. Die Idee war gut, doch die Kapazität war schnell zu gering, und die Medien blieben teuer .
- HipZip: Ein tragbarer MP3-Player, der auf Clik!-Disketten setzte. Er war eine direkte Antwort auf den Rio-Player, scheiterte aber an der geringen Speicherkapazität und dem Aufkommen von Flash-basierten Playern .
- REV: Ein später Versuch, das Jaz-Erbe anzutreten. Die REV-Laufwerke nutzten eine Festplatte in einer festen Kassette und erreichten bis zu 120 GB – technisch ausgereift, aber zu spät und im Preis nicht konkurrenzfähig gegenüber externen Festplatten .
- Magneto-optische Laufwerke: Um 2001 brachte Iomega auch MO-Laufwerke mit 1,3 GB heraus, die sowohl magnetisch als auch optisch arbeiteten. Auch sie konnten sich gegen die günstigeren Alternativen nicht durchsetzen .
Der Niedergang: Was schiefging
Der Niedergang von Iomega als eigenständiger Größe im Speichermarkt hatte mehrere Ursachen – und er geschah nicht über Nacht, sondern war ein schleichender Prozess, der um die Jahrtausendwende an Fahrt aufnahm.
1. Technologischer Wandel von außen
Die größte Bedrohung kam nicht von einem direkten Konkurrenten, sondern von einer völlig anderen Technologie: dem CD-Brenner. Wiederbeschreibbare CD-Rohlinge (CD-RW) wurden ab etwa 1999 erschwinglich. Eine CD fasste 650–700 MB, die Rohlinge kosteten nur noch wenige Mark, und jedes neue Betriebssystem unterstützte das Brennen nativ. Noch vernichtender war der USB-Stick. Als er um 2002/2003 erstmals in größeren Stückzahlen auftauchte, war das Ende besiegelt. Ein USB-Stick war kleiner, schneller, robuster, benötigte kein separates Laufwerk und wurde von Jahr zu Jahr preiswerter und größer .
2. Proprietäre Sackgasse
Iomega setzte auf proprietäre Medien. Wer ein Zip-Laufwerk kaufte, war gezwungen, teure Iomega-Disketten nachzukaufen. Das war ein profitables Geschäftsmodell – solange das System alternativlos war. Sobald aber offene Standards wie CD-R und USB das gleiche Problem günstiger und einfacher lösten, brach das Kartenhaus zusammen.
3. Technische Anfälligkeit
Der „Click of Death“ vergiftete das Markenimage nachhaltig. Wer einmal Daten durch ein defektes Laufwerk verloren hatte, wechselte nur zu gern auf vermeintlich sicherere Alternativen – auch wenn Festplatten und CDs ihre eigenen Tücken hatten.
4. Übernahme und Zerschlagung
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten blieben nicht verborgen. Im Juni 2008 wurde Iomega schließlich vom Speicherriesen EMC Corporation für 213 Millionen US-Dollar übernommen . Iomega wurde zur Tochtergesellschaft und sollte sich auf Netzwerkspeicher (NAS) konzentrieren.
2012 gründeten EMC und Lenovo ein Joint Venture, um genau diese NAS-Sparte voranzutreiben. Die Produkte wurden ab Juni 2013 nicht mehr unter dem Namen Iomega, sondern als LenovoEMC verkauft . Die Marke Iomega verschwand damit endgültig aus dem Handel.
Das letzte Kapitel folgte 2015, als Dell EMC kaufte. Die Übernahme durch Dell besiegelte das Ende des Joint Ventures mit Lenovo, und auch die Marke LenovoEMC wurde eingestellt .
Fazit: Ein Pionier mit bleibenden Spuren
Rückblickend war Iomega mehr als nur ein Hersteller von Laufwerken. Das Unternehmen war ein Wegbereiter der mobilen Datenspeicherung, wie wir sie heute kennen. Lange vor USB-Sticks und Cloud-Diensten ermöglichte es Iomega, Daten physisch von A nach B zu transportieren – schnell, einfach und in für die Zeit gewaltigen Mengen.
Die Bernoulli-Box, das Zip- und das Jaz-Laufwerk sind heute Objekte der Tech-Archäologie . Sie finden sich in Computermuseen und in den Kellern von Grafikern, die sich noch an die Zeiten erinnern, als man Druckdaten persönlich vorbeibrachte – auf einer Jaz-Disk. Iomega zeigte, wie sehr Technologie den Arbeitsalltag verändern kann, aber auch, wie schnell scheinbar unverrückbare Standards verschwinden, wenn eine bessere Idee kommt.
Die Geschichte von Iomega ist eine Warnung vor proprietärer Selbstzufriedenheit und eine Hommage an den Erfindergeist einer Ära, in der die digitale Welt noch physisch begreifbar war – in Form einer kleinen orangefarbenen Diskette.
Quellen
- Wikipedia: LenovoEMC / Iomega. Abgerufen am 17. März 2026.
- Wikipedia: Iomega Jaz. Abgerufen am 17. März 2026.
- HTW Berlin – Computermuseum: Iomega ZIP 100. Abgerufen am 17. März 2026.
- FAU Erlangen-Nürnberg – Sammlung ISER: Iomega Beta 44A (Bernoulli-Box). Abgerufen am 17. März 2026.
- FAU Erlangen-Nürnberg – Sammlung ISER: Externes Iomega Zip 250. Abgerufen am 17. März 2026.
- ChannelPartner.de: Ende einer Schnapsidee (zum Produktionsende von Jaz-Laufwerken). 6. Juni 2002.
- ChannelPartner.de: Magnetisch und optisch – Laufwerk für Datenarchivierung von Iomega. 22. Februar 2001.
- ComputerWeekly.de: Was ist Jaz-Laufwerk (Jaz-Drive)? Abgerufen am 17. März 2026.
- PCtipp.ch: Die Geschichte der Datenspeicherung (Bildergalerie). 16. September 2021.
Kommentar abschicken