Kannibalismus im Goldenen Zeitalter: Die Lynchjustiz an Johan de Witt 1672

von DerSchneider

Einleitung: Ein nationales Trauma mit offenen Fragen

Der 20. August 1672 markiert eines der dunkelsten Kapitel der niederländischen Geschichte. An diesem Tag wurden die Brüder Johan und Cornelis de Witt – die bis dahin mächtigsten Männer der Republik der Vereinigten Niederlande – von einer aufgebrachten Menschenmenge in Den Haag gelyncht, ihre Leichen geschändet und verstümmelt. Was diesen politischen Mord von anderen historischen Gewalttaten unterscheidet, ist der hartnäckig überlieferte Vorwurf: Teile der Menge sollen nicht nur die Körper der Brüder zerstückelt, sondern auch Teile davon gegessen haben. Der italienische Historiker Alessandro Barbero hat die Frage auf den Punkt gebracht: „Haben die Niederländer wirklich ihren Premierminister gegessen?“

Die Antwort darauf ist komplexer, als es die eingängige Frage vermuten lässt. Sie führt uns in eine Zeit extremster politischer Polarisierung, militärischer Katastrophen und einer beispiellosen Propagandaschlacht – in das Rampjaar, das niederländische Katastrophenjahr.

Die Hauptpersonen: Republikaner gegen Oranier

Johan de Witt (1625–1672) entstammte einer einflussreichen Dordrechter Patrizierfamilie und stieg 1653 im Alter von nur 28 Jahren zum Ratspensionär von Holland auf – de facto die Position eines Premierministers der Republik. Gemeinsam mit seinem Onkel Cornelis de Graeff bildete er die führende republikanische Kraft des Landes. Fast zwei Jahrzehnte lang lenkte er die Geschicke der Republik durch die stürmischen Gewässer der europäischen Machtpolitik, beendete erfolgreich die englisch-niederländischen Seekriege und machte die Niederlande zur dominierenden Seemacht Europas.

Doch de Witts republikanische Überzeugung brachte ihn in einen fundamentalen Gegensatz zu einer mächtigen Fraktion: den Anhängern des Hauses Oranien-Nassau. 1667 hatte er mit dem „Eeuwig Edict“ (Ewiges Edikt) das Statthalteramt, das traditionell von den Oraniern bekleidet wurde und auch die Führung des Heeres umfasste, endgültig abgeschafft. Das Land war tief gespalten: Hier die staatsgesinnten Republikaner, die vor allem die Interessen der reichen Handelsstädte vertraten; dort die prinsgezinden Orangisten, die in Wilhelm III. von Oranien den natürlichen Führer des Landes sahen.

Sein älterer Bruder Cornelis de Witt (1623–1672) stand ihm politisch zur Seite. Als Bürgermeister von Dordrecht und Marinekommandeur hatte er sich 1667 beim legendären Überfall auf Chatham ausgezeichnet, bei dem die niederländische Flotte tief in englische Gewässer eindrang. Beide Brüder waren somit prominente Gesichter der republikanischen Staatsführung – und damit perfekte Zielscheiben für die wachsende Unzufriedenheit.

Das Rampjaar 1672: „Redeloos, radeloos, reddeloos“

Das Jahr 1672 ist als Rampjaar (Katastrophenjahr) in das kollektive Gedächtnis der Niederlande eingebrannt. Ein niederländisches Sprichwort jener Zeit brachte die Lage auf den Punkt: „Het volk was redeloos, de regering radeloos, en het land reddeloos“ – das Volk war vernunftlos, die Regierung ratlos, das Land rettungslos.

Im Frühjahr 1672 sah sich die Republik einer koordinierten Invasion durch Frankreich unter Ludwig XIV., England sowie die deutschen Bistümer Münster und Köln gegenüber. Die französische Armee überrannte die östlichen Provinzen, englische und französische Kriegsschiffe bedrohten die niederländische Seeherrschaft. Das lange vernachlässigte Landheer war dem Ansturm nicht gewachsen.

Die militärische Katastrophe löste eine tiefe innenpolitische Krise aus. Die Bevölkerung, geplagt von Preissteigerungen und Hunger, suchte einen Sündenbock – und fand ihn in der republikanischen Führung. Die seit Jahrzehnten schwelende Spaltung zwischen Staatsgesinnten und Orangisten eskalierte in einer beispiellosen Pamphletenschlacht. Tausende von Flugblättern zirkulierten, die de Witt als korrupten Elitisten, als heimlichen Katholiken oder gar als Landesverräter darstellten, der die Republik an Frankreich verkauft habe. Der Direktor des Haager Historischen Museums, Martijn van Ooststroom, zieht einen bemerkenswerten Vergleich: „Man kann es mit sozialen Medien vergleichen – diese Pamphlete wurden in Gasthäusern und anderen Orten verteilt, sodass viele Leute sie lesen konnten.“

Der Sturz und die Eskalation

Die politische Dynamik wurde für de Witt rasch übermächtig. Im Juni 1672 überlebte er nur knapp ein Attentat. Unter massivem öffentlichem Druck wurde Wilhelm III. von Oranien im Juli zum Statthalter ernannt und übernahm den Oberbefehl über die Armee. Am 4. August trat Johan de Witt nach 19 Jahren im Amt als Ratspensionär zurück.

Doch der Rücktritt reichte nicht. Cornelis de Witt war bereits am 24. Juli unter dem konstruierten Vorwurf verhaftet worden, ein Attentat auf Wilhelm III. geplant zu haben. Im berüchtigten Gevangenpoort-Gefängnis in Den Haag wurde er gefoltert, gestand jedoch nichts. Das Gericht verurteilte ihn am 20. August 1672 zur lebenslangen Verbannung – ein für die aufgehetzte Menge viel zu mildes Urteil.

Der 20. August 1672: Chronologie eines Massakers

An jenem verhängnisvollen Morgen erhielt Johan de Witt eine Nachricht, sein Bruder wünsche ihn im Gefängnis zu sehen. Die Umstände waren verdächtig: Nicht ein Beamter, sondern die Tochter eines Gefängniswärters überbrachte die Botschaft. Dennoch machte sich de Witt umgehend auf den Weg.

Währenddessen sammelte sich vor dem Gevangenpoort eine wütende Menschenmenge. Die zur Aufrechterhaltung der Ordnung abgestellte Bürgergarde – eigentlich zum Schutz der Brüder verpflichtet – sympathisierte mit der Menge und griff schließlich selbst in das Geschehen ein.

Gegen Abend wurden die Brüder aus dem Gefängnis gezerrt, erschossen, erschlagen und zertrampelt. Die nackten Leichen wurden kopfüber an der öffentlichen Galgenschaukel auf dem „Groene Zoodje“ aufgehängt – dem Hinrichtungsplatz direkt am Vijverberg im Zentrum von Den Haag.

Dann geschah das Unfassbare: Die Menge stürzte sich auf die Leichen. Körperteile wurden abgeschnitten und unter den Umstehenden versteigert. Ein Finger brachte 15 bis 20 Stuiver, ein Ohr 25 bis 30, ein Zeh 10 Stuiver. Stücke der Kleidung und der Körper wurden als makabre Souvenirs gehandelt und später in Kneipen zur Schau gestellt. Die Leichen wurden ausgeweidet, innere Organe herausgerissen.

Die Kannibalismus-Frage: Was wissen wir wirklich?

Hier setzt die kontroverse Frage an: Wurden Teile der Brüder tatsächlich gegessen? Die historischen Quellen sind in dieser Frage uneinheitlich, aber signifikant genug, um die Frage ernsthaft zu behandeln.

Das Rijksmuseum in Amsterdam dokumentiert: „Parts of the bodies were cut off and sold, and even cannibalism was reported by eye-witnesses.“ Der italienische Historikerbericht fasst die Forschungslage so zusammen: „È difficile sapere con certezza se dopo il linciaggio dei de Witt ci furono davvero episodi di cannibalismo, ma è una storia che nei Paesi Bassi è molto diffusa e in base alle testimonianze raccolte dagli storici sembrerebbe perlomeno plausibile.“ („Es ist schwer, mit Sicherheit zu sagen, ob es nach der Lynchjustiz an den de Witts tatsächlich zu Kannibalismus kam, aber es ist eine in den Niederlanden weit verbreitete Geschichte, und basierend auf den von Historikern gesammelten Zeugnissen erscheint sie zumindest plausibel.“)

Der französische Historienbericht von Slate.fr bestätigt, dass Zeitzeugen berichteten, Körperteile seien gegessen worden. Der Künstler Romeyn de Hooghe, der mehrere Radierungen des Ereignisses anfertigte, scheute sich nicht, makabre Details darzustellen – darunter Frauen, die die Eingeweide der Opfer verschlingen. Das BBC History Magazine berichtet, ein Mann habe angeblich einen Augapfel gegessen.

Es muss jedoch differenziert werden: Die Quellenlage erlaubt keine zweifelsfreie Feststellung, ob und in welchem Umfang es tatsächlich zu kannibalistischen Handlungen kam. Die Berichte könnten übertrieben oder Teil der politischen Propaganda gewesen sein. Andererseits ist die Existenz von „Hinrichtungssouvenirs“ in der Frühen Neuzeit gut dokumentiert – man denke an das Eintauchen von Taschentüchern in das Blut des hingerichteten englischen Königs Karl I.  Der Schritt vom rituellen Sammeln von Körperteilen zum tatsächlichen Verzehr mag in der extremen emotionalen Eskalation jenes Tages kleiner gewesen sein, als wir es uns heute vorstellen können.

Die Reliquien eines nationalen Traumas

Eine besonders eindringliche materielle Spur des Geschehens existiert bis heute: Im Haager Historischen Museum werden in einem kleinen Holzkästchen, einer Art Miniatursarg, zwei Objekte aufbewahrt, die als die Zunge Johan de Witts und ein Finger Cornelis de Witts identifiziert werden. Der Amsterdamer Bürgermeister Nicolas Witsen soll sie 1672 erworben haben; 1889 gelangten sie als Schenkung in das Museum. 1893 ließ der Stadtrat die Reliquien aufgrund öffentlicher Proteste aus der Ausstellung entfernen – erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts entschied man sich, sie im Rahmen der historischen Aufarbeitung wieder zu zeigen.

Dass solche Überreste überhaupt existieren, unterstreicht die Authentizität der Kernereignisse. Die Ermordung und Verstümmelung sind keine Legende, sondern historisch bestens belegte Fakten.

Wer trug die Verantwortung?

Die Frage nach der Verantwortung ist vielschichtig. Zunächst steht die aufgehetzte Menge im Vordergrund – Menschen, die von monatelanger Propaganda, militärischer Niederlage und wirtschaftlicher Not in einen Zustand kollektiver Raserei getrieben wurden. Doch hinter der Menge standen politische Kräfte: Orangistische Parteigänger hatten die Stimmung gezielt geschürt, um den Sturz der republikanischen Regierung herbeizuführen.

Die Rolle Wilhelms III. von Oranien bleibt unklar. Historisch ist belegt, dass er die Rädelsführer des Mobs nicht strafrechtlich verfolgen ließ. Ob er das Massaker aktiv förderte, stillschweigend duldete oder lediglich politisch davon profitierte, ist unter Historikern umstritten. Klar ist: Sein Aufstieg zum Statthalter und später zum englischen König (infolge der Glorious Revolution von 1688) wurde durch die Eliminierung der republikanischen Konkurrenz erheblich begünstigt.

Die Struktur der Verantwortung lässt sich wie folgt zusammenfassen:

VerantwortungsebeneAkteureRolle im Geschehen
Direkte TäterAufgehetzte Menge, Teile der BürgergardeLynchjustiz, Verstümmelung, Leichenschändung
Indirekte TreiberOrangistische PropagandistenSystematische Desinformationskampagne gegen die de Witts
Politische NutznießerWilhelm III. von Oranien, orangistische FraktionUnterlassene Strafverfolgung, Machtübernahme
Strukturelle UrsachenRampjaar-Krise (Krieg, Wirtschaftskollaps)Schaffung der Rahmenbedingungen für Gewalteskalation

Das Rampjaar im Kontext: Politische Lynchjustiz in der Frühen Neuzeit

Das Schicksal der Brüder de Witt steht nicht isoliert. Die Frühe Neuzeit kennt zahlreiche Fälle, in denen politische Führer durch aufgebrachte Menschenmengen gelyncht wurden. Was den Fall de Witt jedoch besonders macht, ist die Kombination mehrerer Faktoren: Die außergewöhnliche Brutalität der Tat, die prominente Stellung der Opfer (immerhin das faktische Staatsoberhaupt einer europäischen Großmacht), die systematische Desinformationskampagne im Vorfeld und nicht zuletzt die Kannibalismusvorwürfe, die dem Ereignis eine einzigartige Dimension verleihen.

Der Kunsthistoriker Wilson hat darauf hingewiesen, dass die Ermordung zu „einem der größten Medienereignisse Europas vor der Französischen Revolution“ wurde. Nahezu hundert Pamphlete thematisierten die Tat und verbreiteten die Nachricht in ganz Europa.

Fazit: Historische Gewissheit und bleibende Unschärfen

Die Kernfrage dieses Artikels – „Warum aßen die Niederländer ihren Premierminister?“ – lässt sich nicht mit einer einfachen Ja/Nein-Antwort beantworten. Historisch gesichert ist, dass Johan und Cornelis de Witt am 20. August 1672 in Den Haag von einer aufgehetzten Menschenmenge ermordet, ihre Leichen geschändet, zerstückelt und die Körperteile versteigert wurden. Historisch plausibel, aber nicht zweifelsfrei beweisbar ist, dass es im Zuge dieser Geschehnisse auch zu kannibalistischen Handlungen kam. Die zeitgenössischen Berichte, die künstlerischen Darstellungen und die mündliche Überlieferung sprechen dafür; die Quellenlage erlaubt jedoch keine absolute Gewissheit.

Die tiefere Wahrheit des Ereignisses liegt jenseits der Kannibalismusfrage: Das Rampjaar 1672 zeigt, wie eine Kombination aus militärischer Katastrophe, wirtschaftlicher Not, politischer Polarisierung und systematischer Desinformation eine Gesellschaft in einen Zustand versetzen kann, in dem selbst grundlegendste zivilisatorische Hemmschwellen fallen. Die „Fake News“ des 17. Jahrhunderts – die Pamphlete, die de Witt als Landesverräter und Katholiken diffamierten – waren nicht weniger wirksam als moderne Desinformationskampagnen in sozialen Medien. Sie schufen die psychologischen Voraussetzungen für eine Gewaltorgie, die bis heute als eines der beschämendsten Kapitel der niederländischen Geschichte gilt.

Der Fall de Witt mahnt uns, dass Zivilisation keine Selbstverständlichkeit ist, sondern stets aufs Neue errungen und verteidigt werden muss – gegen die Kräfte der Polarisierung, der Desinformation und der kollektiven Enthemmung.

Quellen

  • Rijksmuseum Amsterdam: „Verminking van de lichamen van de gebroeders de Witt“ (https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/object/Verminking-van-de-lichamen-van-de-gebroeders-de-Witt–2a5d669c23cb2f687d874a7b709f2d3a)
  • National Geographic Nederland: „Verscheurd en verslonden: de gruwelijke moord op Johan en Cornelis de Witt“ (Februar 2025)
  • Slate.fr: „L‘atroce fin des frères de Witt, notables néerlandais mangés par la foule en 1672“ (September 2024)
  • Il Post: „Davvero gli olandesi si mangiarono un primo ministro?“ (Januar 2024)
  • DutchNews.nl: „Fake news, cannibalism and a human tongue: the disaster year of 1672“ (Oktober 2022)
  • Nationaal Archief: „Rampjaar 1672: einde van gebroeders De Witt“
  • Haags Historisch Museum: „De gruwelijke moord op Johan en Cornelis de Witt“
  • Die Welt: „Den Haag 1672: Man schnitt ihnen Zungen und Geschlechtsteile ab“ (August 2018 / August 2024)
  • BBC History Magazine / HistoryExtra: „Is it true that an angry mob of Dutchmen killed and ate their own prime minister in 1672?“ (März 2019)
  • Wikipedia: Artikel „Johan de Witt“, „Rampjaar“, „Cornelis de Witt“

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