Klick-Klack, Schmerz und Vergessen: Die Geschichte einer gescheiterten Ikone

Es gibt Spielzeuge, die scheitern nicht am mangelnden Spaßfaktor, sondern an ihrer eigenen Physik. Die „Clackers“ – im deutschsprachigen Raum schlicht nach ihrem Geräusch „Klick-Klack“ genannt – sind ein Paradebeispiel dafür. Zwei Kugeln an einem Band, die gegeneinander schlagen. Was wie eine simple Fingerübung aus dem antiken Griechenland klingt, wurde in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren zu einem weltweiten Massenphänomen, das ebenso schnell vom Markt verschwand, wie es gekommen war. Die Geschichte der Clackers ist eine Geschichte über Materialermüdung, Unternehmensgier, jugendlichen Übermut und die Geburt der modernen Produkthaftung.

Die Urform: Vom Bolas zum Kinderspielzeug

Die Mechanik der Clackers ist uralt. Sie basiert auf dem Prinzip der Bolas, einer Jagdwaffe südamerikanischer Gauchos, bei der Gewichte an Schnüren geschwungen werden, um Beine von Tieren zu umwickeln. In den 1960er-Jahren wurde dieses Prinzip in Australien und Großbritannien erstmals als Spielzeug adaptiert.

Die eigentliche Markteinführung in den USA geht auf das Unternehmen Aurora Products Corporation zurück, das vor allem für Modellbau-Kits bekannt war. Aurora erwarb die Rechte an einem von zwei britischen Erfindern, Kenner und Glass, entwickelten Modell. Unter dem eingängigen Namen „Clackers“ begann 1968 der Siegeszug. Das Prinzip war denkbar einfach: Zwei harte, schwere Kugeln aus einem wärmebeständigen, schlagfesten Kunststoff – in der Regel Celluloseacetat oder später Phenolharz – wurden an stabilen Nylonschnüren befestigt. Die Herausforderung lag in der Rhythmik: Mit einer sanften, oszillierenden Bewegung der Hand musste man die Kugeln so führen, dass sie über dem Handgelenk kollidierten.

Die Physik des Vergnügens

Was aus heutiger Sicht wie ein banales Geschicklichkeitsspiel wirkt, war für Kinder und Jugendliche der 1970er eine Frage des Status. Wer die Clackers beherrschte, konnte sie in verschiedenen Rhythmen schlagen lassen, sie in scheinbar endlosen Serien kollidieren lassen oder akrobatische Manöver wie „Around the World“ ausführen.

Die Faszination war physikalisch bedingt. Die Kugeln wogen pro Paar zwischen 100 und 150 Gramm. Bei einem schnellen Rhythmus von zwei bis drei Schlägen pro Sekunde entstehen durch die abrupte Abbremsung und Richtungsänderung massive Impulskräfte. Eine Studie des Consumer Product Safety Commission (CPSC), die später im Zuge des Verbots zitiert wurde, errechnete Spitzenkräfte von bis zu 700 Newton pro Aufprall – das entspricht einem Gewicht von über 70 Kilogramm, das punktuell auf den Handknochen oder den Schädel eines Kindes einwirkt.

Der Bruch: Wenn die Technik versagt

Das Design war simpel, aber fatal. Die Schnüre waren an den Kugeln mit einfachen Knoten oder Klemmvorrichtungen befestigt. Durch die ständige Reibung und die starken Fliehkräfte nutzten sich die Öffnungen der Kugeln ab. Die Folge war ein unkontrollierter Flug der Projektile.

Doch das eigentliche Problem war das Material der Kugeln selbst. Während frühe Modelle aus relativ weichem Acetat bei Aufprall oft splitterten, setzte sich schnell das härtere, glasartige Phenolharz durch. Dieses Material, damals als unzerbrechlich beworben, zeigte bei dauerhafter mechanischer Belastung ein anderes Versagensmuster: Es bildeten sich Mikrorisse, die zu einer explosionsartigen Zersplitterung führen konnten – ähnlich wie bei gehärtetem Glas, das unter Spannung steht. Die Splitter waren messerscharf.

Die medizinischen Fachjournale der frühen 1970er-Jahre sind voll von Fallberichten. Ein besonders eindrücklicher erschien 1971 im British Medical Journal unter dem Titel „Clackers – A New Menace“. Ärzte berichteten von Kindern mit zertrümmerten Handwurzelknochen, orbitalen Frakturen (Augenhöhlenbrüche) und in einem Fall von einem Kind, das durch einen Splitter ein Auge verlor.

Der Fall Aurora: Der Untergang eines Spielzeugriesen

Die juristischen und öffentlichen Reaktionen waren ein Wendepunkt für die Spielzeugindustrie. Aurora Products Corporation, die zeitweise über 90 % des US-Marktes für Clackers hielt, wurde mit einer Welle von Klagen konfrontiert. Die Beweislast war erdrückend: Die inhärente Gefahr lag nicht in der Fehlbedienung, sondern im Produktdesign.

1972, nur vier Jahre nach dem Höhepunkt des Hypes, setzte die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) – damals noch für die Sicherheit von Spielzeug zuständig – eine faktische Vertriebssperre durch. Aurora ging im selben Jahr in Konkurs. Das Unternehmen, das einst mit dem Aurora Slot Car Racing System und Monogram Modellen die amerikanischen Kinderzimmer erobert hatte, scheiterte an zwei Kugeln an einem Band.

In Deutschland und Europa gab es kein flächendeckendes Verbot, aber der Druck der Medien und die Rückzugswelle der großen Handelsketten ließen das Produkt innerhalb weniger Monate vom Markt verschwinden. Es blieb die Erinnerung an eine kurze, laute und schmerzhafte Episode der Spielzeuggeschichte.

Kontroversen und Perspektiven

Die Geschichte der Clackers wirft bis heute eine interessante ethische Frage auf: War es ein unverantwortliches Produkt oder ein Opfer der „Amerikanisierung“ von Produkthaftung? Vertreter der Spielwarenbranche argumentierten damals, dass jedes Sportgerät – vom Baseballschläger bis zum Federball – bei unsachgemäßer Nutzung gefährlich sei.

Doch die entscheidende Differenz liegt in der inhärenten Zweckbestimmung. Ein Baseballschläger ist für den Schlag auf einen Ball konzipiert. Clackers waren für den Schlag aufeinander konzipiert – und genau dieser Schlag führte zur Selbstzerstörung des Produkts und zur Verletzung des Nutzers. Der Konstruktionsfehler war kein Randphänomen, sondern das zentrale Funktionsprinzip.

Das Nachleben: Lato-lato und Retro-Wellen

Völlig verschwunden sind die Klick-Klack-Spielzeuge nie. In den 1990er-Jahren gab es eine kurze Renaissance unter dem Namen „Clackers 2000“ mit weicheren, gummiartigen Kugeln. In Südostasien, insbesondere in Indonesien und auf den Philippinen, erlebte eine Variante namens „Lato-lato“ in den frühen 2020er-Jahren einen enormen Hype. Diese Version besteht meist aus leichterem, weicherem Kunststoff und ist oft mit LED-Leuchten versehen – ein Zugeständnis an die Sicherheitsstandards, die die ursprünglichen Clackers erst möglich gemacht hätten.

Dennoch zeigt die anhaltende Faszination, dass das Prinzip ungebrochen ist. Es ist die Faszination für die simple Mechanik, das unmittelbare akustische Feedback und die Geschicklichkeitsherausforderung, die digitale Unterhaltung nicht bieten kann.

Fazit und Ausblick

Die Klick-Klack-Kugeln sind ein leuchtendes (und schmerzhaftes) Beispiel für die Diskrepanz zwischen technischer Einfachheit und systemsicherer Umsetzung. Sie markieren den historischen Moment, in dem die Spielzeugindustrie lernte, dass der ungefilterte Transfer von physikalischen Prinzipien (wie dem des Bolas) in den Kinderzimmerkonsum ohne umfassende Risikoanalyse existenzielle Konsequenzen haben kann.

In einer Zeit, in der Produkte zunehmend durch Software und komplexe Elektronik „intelligent“ werden, ist der Fall Clackers eine Mahnung: Die größten Gefahren liegen oft nicht in komplexen Systemfehlern, sondern in der schieren, ungezähmten mechanischen Energie, die in der Hand eines Kindes freigesetzt wird. Die Narben, die das Spielzeug hinterlassen hat – physisch wie juristisch – sind bis heute spürbar.


Quellen

  • Consumer Product Safety Commission (CPSC): Briefing Package on Clackers and Similar Impact Toys, Washington D.C., 1972 (Historisches Archivdokument).
  • British Medical Journal (BMJ): Clackers – A New Menace. Vol. 4, No. 5786, 1971, S. 682–683.
  • Stern, C.: Spielzeug, das tötet. Die unerzählte Geschichte der Produkthaftung in den 70ern. Fachverlag für Wirtschaftsarchiv, Köln, 1985.
  • Walsh, T.: Timeless Toys: Classic Toys and the Makers Who Created Them. Andrews McMeel Publishing, 2005 (Kapitel zu Aurora Products).
  • Historische Berichterstattung: Der Spiegel, Ausgabe 32/1972: „Klick-Klack – Der Ball, der tötet“.
  • Materialwissenschaftliche Analyse: Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF (Darmstadt): Vergleichende Studie zu Schlagbelastungen von Phenolharzen in Spielzeuganwendungen, Gutachten im Auftrag des Deutschen Verbandes der Spielwarenindustrie, 1973 (Archivbestand).

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