Lexx – The Dark Zone: Star Treks anarchistischer Zwilling im Reich des Wahnsinns

Von DerSchneider

Einleitung

Es gibt Science-Fiction-Serien, die man liebt, weil sie einem ein warmes, vertrautes Gefühl geben. Und dann gibt es solche wie „Lexx – The Dark Zone“ – eine Serie, die man liebt, weil sie einen aktiv daran hindert, sich jemals wieder in einem Raumschiff wohlzufühlen. Was passiert, wenn man die moralische Kompassnadel aus dem Science-Fiction-Genre entfernt und sie durch eine Prise Nihilismus, zwei Esslöffel grotesker Gewalt und eine gehörige Portion Sexkomödie ersetzt? Die Antwort lautet: Lexx.

Die kanadisch-deutsch-britische Gemeinschaftsproduktion, die von Paul Donovan, Lex Gigeroff und Jeffrey Hirschfield erschaffen wurde, gilt bis heute als eines der kühnsten, anarchischsten und provokantesten Werke, das das Science-Fiction-Fernsehen der 1990er Jahre hervorgebracht hat. Mit ihrer Mischung aus schwarzem Humor, Gesellschaftssatire und unverblümten Darstellungen von Gewalt und Sexualität stellte sie sich bewusst als Gegenentwurf zum optimistischen Humanismus eines Star Trek dar. Dieser Artikel beleuchtet die Entstehung, die Charaktere, die vier Staffeln, die anhaltende Faszination sowie die Kontroversen dieser einzigartigen Serie und fragt nach ihrem Platz im Pantheon der Science-Fiction-Kultur.

Konzeption und Entstehung: Ein Kind der 1990er zwischen Kanada und Deutschland

Die Geburtsstunde von Lexx ist beinahe so ungewöhnlich wie die Serie selbst. Ursprünglich als vier abendfüllende Fernsehfilme konzipiert – die später die erste Staffel bilden sollten – feierte die Serie am 18. April 1997 auf dem kanadischen Sender Citytv Premiere. In Deutschland war die Serie bereits etwas früher auf Video erhältlich, bevor sie ab dem 4. Mai 1997 bei VOX erstmals im Free-TV zu sehen war.

Entstanden ist Lexx als internationale Koproduktion zwischen der kanadischen Salter Street Films und der deutschen TiMe Film- und TV-Produktions GmbH. Gedreht wurde hauptsächlich in Halifax (Nova Scotia) und Berlin, mit zusätzlichen Außenaufnahmen in Island, Bangkok und Namibia. Die CGI-Animationen für die visuell aufwendigen Weltraum- und Kreatureneffekte wurden teilweise von der Potsdamer Firma c.o.r.e. produziert.

Die Serie verfolgte von Anfang an ein klares Ziel: Sie wollte sich radikal von den etablierten Sci-Fi-Tropen abgrenzen. Schöpfer Paul Donovan brachte es später im Gespräch mit dem Magazin Cinefantastique auf den Punkt: „Ich habe ‚Lexx‘ in der Vergangenheit als ‚Star Treks bösen Zwilling‘ bezeichnet. Die Leute verstehen das sofort.“ Als konkrete Einflüsse nannte er jedoch weniger Roddenberrys Enterprise, sondern vielmehr Filme wie AlienFires on the Plane von Kon Ichikawa und vor allem John Carpenters Dark Star mit seinem „verdrehten Sinn für Humor“. Diese Referenzen machen deutlich, dass Chaos und Subversion hier Programm waren, nicht Optimismus und Fortschrittsglaube.

Besonders pikant für eine deutsch-kanadische Produktion: Die dritte und vierte Staffel wurden nie vollständig synchronisiert, und die deutsche Beteiligung endete nach der dritten Staffel. Erst 2006 strahlte der Bezahlsender SciFi (später Syfy) die dritte Staffel in Deutschland aus. Eine vollständige deutschsprachige DVD-Box, die alle vier Staffeln umfasst, erschien erst im Februar 2024. Diese verzögerte Rezeption trug maßgeblich zum Nischenstatus der Serie im deutschsprachigen Raum bei, während sie in Kanada, den USA und Großbritannien bereits Kultstatus erreicht hatte.

Die Crew der Lexx: Eine Heldentruppe aus Versagern, Toten und Besessenen

Der vielleicht genialste Schachzug der Serie ist ihre Besetzung. Lexx hält nicht viel von strahlenden Helden, ehrenwerten Captains oder moralischen Leitfiguren. Stattdessen präsentiert sie eine Ansammlung gescheiterter Existenzen, deren Motivationen sich im Wesentlichen auf zwei Dinge reduzieren lassen: Überleben und (in den meisten Fällen) Sex.

Stanley H. Tweedle (Brian Downey) ist der de facto Captain der Lexx – nicht aufgrund von Kompetenz oder Charisma, sondern weil er den einzigen Schlüssel zum Schiff besitzt. Ein feiger, egozentrischer Sicherheitsbeamter vierter Klasse, dessen größter Traum darin besteht, einen Planeten zu finden, auf dem Frauen nicht von seiner Inkompetenz abgeschreckt werden. Er ist der Anti-Kirk, ein opportunistischer Waschlappen, der die Zuschauer*innen regelmäßig zwischen Mitleid und Fremdscham hin- und herpendeln lässt.

Kai (Michael McManus) ist das genaue Gegenteil: ein untoter Attentäter des ausgelöschten Volkes der Brunnen-G, der nur durch regelmäßige Protoblut-Injektionen am Funktionieren gehalten wird. Emotionslos, wortkarg und dennoch seltsam ehrenhaft, fungiert Kai als eine Art moralischer Kompass – oder zumindest als das, was davon übrig bleibt, wenn man das Bewusstsein aus einem Körper entfernt.

Zev bzw. Xev Bellringer erlebte den kuriosesten Casting-Wechsel der Seriengeschichte: In den ersten Folgen der ersten Staffel wurde die Figur von Eva Habermann verkörpert, bevor Xenia Seeberg ab Folge sieben die Rolle übernahm. Im Universum der Serie erklärt sich dies durch eine biologische Transformation – ein ebenso gewagter wie pragmatischer Kunstgriff. Zev/Xev ist eine ehemalige Häftling, die bei dem Versuch, zur Liebessklavin umgewandelt zu werden, mit Echsen-DNA fusioniert wurde. Das Ergebnis: ein hyper-sexueller, kämpferischer und zugleich naiver Charakter, der zwischen ihrem Verlangen nach körperlicher Erfüllung und ihrer Suche nach einem Zuhause hin- und hergerissen ist.

790 (Jeffrey Hirschfield) schließlich ist ein Roboterkopf mit einer obsessiven, unerwiderten Liebe zu Zev/Xev – eine grotesk-komische Figur, die zugleich die technologischen Absurditäten des Lexx-Universums verkörpert.

Zusammen bilden diese vier – die untote Killer-Maschine, die besessene Liebessklavin, der feige Versager und der verrückte Roboter – eine der dysfunktionalsten, aber auch liebenswertesten Crews der Fernsehgeschichte. Sie sind keine Vorbilder, sondern Überlebende, deren Reise durch die Dark Zone weniger einer Mission gleicht als einem permanenten Absturz.

Die vier Staffeln im Überblick: Eine Reise durch die Dark Zone

Die Serie umfasst 61 Episoden, verteilt auf vier thematisch und stilistisch sehr unterschiedliche Staffeln.

Staffel 1: Tales from a Parallel Universe (4 Filme)

Die erste Staffel besteht aus vier 90-minütigen Fernsehfilmen, die ursprünglich unter dem Titel Tales from a Parallel Universe firmierten. Sie etabliert das Grundsetting: Die vier Geflohenen stehlen das insektenartige Bioschiff Lexx – ursprünglich eine Massenvernichtungswaffe des gottgleichen Tyrannen „His Divine Shadow“ – und fliehen in die gesetzlose Dark Zone.

Die Filme tragen die deutschen Titel „Rebellen der Galaxis“, „Super Nova“, „Essen war die Letzte“ und „Giganter der Tiefe“. Besonders hervorzuheben ist der Auftritt von Tim Curry in der Rolle des brunnen-gschen Poeten – eine der vielen hochkarätigen Gastrollen, die die Serie im Laufe ihres Bestehens anziehen sollte.

Staffel 2: Monster of the Week (ca. 45-minütige Episoden)

Mit der zweiten Staffel wechselte das Format zu einer klassischen episodischen Struktur mit etwa 45 Minuten Laufzeit. Diese Phase der Serie ist am ehesten mit einem wildgewordenen Red Dwarf vergleichbar: Die Crew reist durch die Dark Zone, begegnet skurrilen Außerirdischen, paranoiden Raumschiffen und einer Vielzahl von absurden Bedrohungen. Der zentrale Handlungsbogen dieser Staffel dreht sich um den wahnsinnigen Wissenschaftler Mantrid, der die gesamte Materie des Lichtuniversums in einarmige Drohnen umzuwandeln versucht. Eine so grandiose wie nihilistische Bedrohungskulisse.

Staffel 3: Der Krieg der Planeten – Ernster, Serialisierter Ton

Die dritte Staffel stellt einen deutlichen Bruch dar: Die Crew erwacht nach 4.000 Jahren Kryostase und findet sich auf den Planeten Feuer und Wasser wieder, die sich in einem erbitterten Krieg gegenseitig vernichten. Es ist die düsterste und am stärksten serialisierte Staffel, die sich weitgehend von der episodischen Leichtigkeit der zweiten Staffel verabschiedet. Hier zeigt Lexx, dass sie mehr kann als bissige Satire: Sie inszeniert einen tiefgründigen, pessimistischen Kommentar über die Natur von Konflikten, Fanatismus und Opferkult.

Staffel 4: Die Erde – Satire und Abschied

Die vierte und letzte Staffel bringt die Crew schließlich zur Erde – mitten ins Zentrum der Dark Zone. In einer bissigen, zutiefst satirischen Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Lebensstil, der Popkultur und dem Kapitalismus wird die Erde als bizarrster Planet des gesamten Universums entlarvt. Gastauftritte von Größen wie Rutger Hauer und Malcolm McDowell verleihen dieser finalen Reise zusätzliches Gewicht. Es ist ein würdiger, melancholischer Abschied von einer Serie, die nie gemacht wurde, um sich anzupassen.

StaffelFormatTon & StrukturBesondere Merkmale
14 TV-Filme (je ~90 Min)Filmisch, episodenübergreifendEtabliert das Universum; Gast: Tim Curry
2Episodisch (~45 Min)Monster-of-the-Week, skurrilMantrid-Handlungsbogen; groteske Comedy
3Serialisiert (~45 Min)Düster, Kriegsdrama4.000 Jahre Zeitsprung; Krieg der Planeten
4Episodisch (~45 Min)Satirisch, bitterböseHandlung auf der Erde; Gäste: Hauer, McDowell

Einfluss und Vermächtnis: Der Status einer Kultserie

„Kult“ ist ein inflationär gebrauchter Begriff im Fernsehdiskurs. Doch im Fall von Lexx trifft er zu – und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens baute die Serie eine ungewöhnlich loyale Online-Fangemeinde auf, lange bevor dies zum Standard wurde. Bereits während der zweiten Staffel existierten zahlreiche Webrings, Fanpages und sogar ein eigenes Lexx-Convention.

Zweitens zeigte sich der Einfluss der Serie in der Rezeption durch etablierte Medien. Der amerikanische Sci-Fi Channel (heute Syfy) sicherte sich schließlich die Ausstrahlungsrechte und trug so zur internationalen Verbreitung bei.

Drittens – und das ist vielleicht der wichtigste Punkt – ebnete Lexx den Weg für spätere, noch radikalere Serien, die sich ebenfalls nicht in die Schublade des optimistischen Space Operas stecken lassen wollten. Paul Donavons Credo, dass „Lexx genau die Art von Fernsehsendung ist, über die Menschen sprechen, wenn sie gegen Gewalt und Sex im TV protestieren“, wurde später von Serien wie Farscape oder Firefly auf ihre eigene Weise fortgesetzt.

Und doch bleibt Lexx ein Nischenphänomen. Der deutsche Ableger der Serie – sprich, der deutsch-kanadische Koproduktionsanteil – führte paradoxerweise dazu, dass gerade im deutschsprachigen Raum die Rezeption bis heute lückenhaft ist. Die fehlende Synchronisation der dritten und vierten Staffel sowie die späte vollständige Veröffentlichung haben dazu beigetragen, dass die Serie hierzulande weniger bekannt ist als in angelsächsischen Ländern.

Kontroversen und Kritik: Sex, Gewalt und deutsche Zensur

Wo Licht ist, ist auch Schatten – und bei Lexx sind die Schatten besonders lang. Die Serie polarisierte von Beginn an und tut es bis heute.

Der häufigste Vorwurf lautet Sexismus. Die hypersexualisierte Darstellung von Zev/Xev, die Kostümierung und die omnipräsente erotische Aufladung der Serie wurden und werden vielfach als frauenfeindlich kritisiert. Auch wenn die Serie durch ihre überzeichnete, satirische Überhöhung einen gewissen Schutzraum beanspruchen mag: Die Grenze zwischen Kommentar und Komplizenschaft verschwimmt hier bis zur Unkenntlichkeit.

Die exzessive Gewaltdarstellung ist ein weiterer Stein des Anstoßes. Die Lexx ist ein planetenvernichtendes Bioweapon, und die Serie schreckt nicht davor zurück, dies in voller, oft grotesker Drastik zu zeigen. Auch hier gilt: Was als satirische Überzeichnung gemeint ist, kann schnell als geschmacklos oder geschmackloser Übertreibung empfunden werden.

Ein besonders deutsches Problem war die Zensur. Die Ausstrahlung auf VOX und später auf anderen Sendern erfolgte teils stark geschnitten, um den Jugendschutzbestimmungen zu genügen. Dies führte zu einer verzerrten Wahrnehmung der Serie, da gerade diejenigen Elemente, die Lexx ausmachten – die unverblümte Darstellung von Sexualität und Gewalt – beschnitten wurden, während die satirischen und charakterlichen Nuancen oft erhalten blieben. Ironischerweise trug die deutsche Zensur so zur kanonischen Verwirrung bei, die den Kultstatus der Serie in Deutschland bis heute behindert.

Die differenzierte Betrachtung fällt schwer. Lexx war sicherlich nicht immer politisch korrekt oder feinfühlig – und sie wollte es auch nie sein. Die Frage, ob ihre Provokationen künstlerisch gerechtfertigt sind oder einfach nur provozieren wollen, um der Provokation willen, muss jede Zuschauerin, jeder Zuschauer für sich selbst beantworten. Eines steht jedoch fest: Die Serie bleibt in diesem Spannungsfeld bis heute relevant, weil sie Diskussionen über Geschlechterrollen, Gewaltästhetik und die Grenzen des guten Geschmacks im Science-Fiction-Genre anstößt.

Fazit und Ausblick

„Lexx – The Dark Zone“ ist eine Serie der Extreme. Extrem mutig. Extrem geschmacklos. Extrem klug. Und extrem missverstanden. Sie ist das Ergebnis einer glücklichen Fügung kanadischer Independent-Kreativität, deutschen Produktionsknow-hows und britischer Finanzierung – und sie hätte wahrscheinlich nur in dieser spezifischen Konstellation entstehen können.

In einer Fernsehlandschaft, die heute von hochglanzpolierten, oft berechnend optimistischen Science-Fiction-Epen dominiert wird, wirkt die anarchische Energie von Lexx umso erfrischender. Sie erinnert uns daran, dass das Genre auch eine Heimat für Außenseiter, Zyniker und Utopie-Skeptiker sein kann. Ja, die Spezialeffekte sind manchmal albern, die Handlung läuft oft aus dem Ruder, und die Figuren sind – gelinde gesagt – keine Vorbilder. Aber genau darin liegt ihre zeitlose Faszination.

Die vollständige deutschsprachige DVD-Box, die im Februar 2024 erschien, könnte der Serie endlich die verdiente Renaissance im deutschen Sprachraum bescheren. Ob sie dann ein breites Publikum findet oder ein Nischenphänomen bleibt, ist fast schon egal. Denn Lexx war nie dafür gemacht, von allen geliebt zu werden. Sie war dafür gemacht, von den Richtigen geliebt zu werden.

Die Dark Zone ist nicht für jeden – aber wer sich hineinwagt, wird sie nie wieder vergessen.

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