Percy Spencer: Vom Waisenkind zum Vater der Mikrowelle
Eine Spurensuche im Spannungsfeld von Kriegstechnik, Zufallsentdeckung und der stillen Revolution unserer Esskultur
Von DerSchneider
Einleitung: Das unsichtbare Wunder in unserer Küche
Es gibt kaum ein Haushaltsgerät, das unser Verhältnis zum Essen so sehr verändert hat wie die Mikrowelle. Und kaum eines ist zugleich so sehr Gegenstand von Mythen, unterschwelligen Vorurteilen und doch alltäglicher Selbstverständlichkeit. Ihr sanftes Summen und das vertraute „Ping“ sind aus Millionen von Küchen, Kantinen und Aufenthaltsräumen nicht mehr wegzudenken. Doch wer kennt schon den Namen des Mannes, der hinter dieser Erfindung steht?
Percy Spencer – ein Name, der in der Ruhmeshalle der großen Erfinder einen Ehrenplatz verdient hätte, aber dennoch seltsam blass geblieben ist. Dabei ist seine Geschichte so außergewöhnlich wie die Erfindung selbst: Ein Waisenkind aus den Wäldern Maines, ohne Schulabschluss, bringt sich selbst Trigonometrie, Physik und Metallurgie bei, wird einer der führenden Radarexperten seiner Zeit – und stolpert dann buchstäblich über eine Tafel Schokolade, die sein Leben und unsere Küche für immer verändern sollte.
Dieser Artikel unternimmt den Versuch, das Phänomen Mikrowelle in seiner ganzen Tiefe zu verstehen. Es geht nicht nur um die Frage, wie Percy Spencer die Mikrowelle erfand, sondern auch um das Umfeld, das diese Erfindung möglich machte: die militärischen Anforderungen des Zweiten Weltkriegs, das Wettrennen um die Radartechnologie und die seltsame Alchemie von Zufall und vorbereitetem Geist. Wir werden den langen Weg von Spencers erster Beobachtung im Jahr 1945 bis zum kompakten Küchengerät der späten 1960er Jahre nachzeichnen, die physikalischen Prinzipien hinter dem Phänomen erklären – und auch die gesellschaftlichen Kontroversen beleuchten, die das Gerät bis heute begleiten.
Denn die Mikrowelle ist mehr als nur ein technisches Artefakt. Sie ist ein Spiegel unserer Zeit: Sie steht für Beschleunigung, für die Emanzipation der Küchenarbeit, aber auch für Ängste vor unsichtbarer Strahlung und den Verlust einer traditionellen Esskultur. Ihre Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verwoben – mit Krieg und Frieden, mit industriellem Aufschwung und dem Wandel der Geschlechterrollen, mit dem amerikanischen Traum und der globalen Verbreitung einer Technologie, die einmal als Geheimwaffe begann.
I. Der Mann hinter dem Mythos: Percy Spencers unwahrscheinlicher Weg
1.1 Kindheit in Howland: Verlust und frühe Autodidaktik
Die Geschichte Percy Spencers beginnt am 19. Juli 1894 in Howland, einer kleinen Stadt im ländlichen Maine, weit entfernt von den Zentren der wissenschaftlichen Welt . Sie beginnt nicht mit Privilegien, sondern mit Entbehrung. Nur achtzehn Monate nach Percys Geburt starb sein Vater. Seine Mutter, mit der Situation überfordert, verließ den Jungen kurz darauf und überließ ihn der Obhut seines Onkels und seiner Tante . Als Percy gerade sieben Jahre alt war, starb auch sein Onkel.
Für einen Jungen in dieser Zeit und Region bedeutete das das Ende jeder behüteten Kindheit. Spencer verließ die Grundschule (grammar school), um Geld zu verdienen und sich und seine Tante zu ernähren. Im Alter von zwölf Jahren begann er, in einer nahegelegenen Spulenfabrik (spool mill) von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten . Es war ein hartes, freudloses Leben, das kaum Raum für Träume ließ.
Doch in Spencer schlummerte eine Eigenschaft, die sein ganzes Leben prägen sollte: eine unstillbare Neugier. Als er hörte, dass eine örtliche Papierfabrik bald Elektrizität einführen würde – ein Konzept, das in seiner ländlichen Heimat noch völlig neu war –, begann er, sich alles Wissen darüber anzueignen, das er auftreiben konnte. Bücher, Zeitschriften, jede noch so kleine Informationsquelle wurde von dem Jungen verschlungen. Als die Fabrik Arbeiter für die Elektroinstallation suchte, bewarb er sich – und wurde als einer von drei Männern eingestellt . Ohne jede formale Ausbildung, aber mit einem intuitiven Verständnis für Phänomene, das die Praktiker vor Ort beeindruckte.
1.2 Die Marine als Universität: Funker in einer neuen Ära
Der Untergang der Titanic im Jahr 1912 wurde für den jungen Spencer zu einer Art Offenbarung. Nicht die Tragödie selbst faszinierte ihn am meisten, sondern der Heldenmut der Funker, die bis zuletzt SOS-Signale in die Nacht sendeten. Die drahtlose Telegraphie erschien ihm als das Tor zu einer neuen Welt .
Mit 18 Jahren heuerte Spencer bei der U.S. Navy an. Hier, fernab jeder klassischen Bildungslaufbahn, begann seine eigentliche Ausbildung. Er nutzte jede freie Nachtwache, um sich in die Grundlagen der Radiotechnik einzuarbeiten. „Ich besorgte mir einfach eine Menge Lehrbücher und brachte es mir selbst bei, während ich nachts Wache schob“, erinnerte er sich später . Aber damit nicht genug: Er eignete sich auch Trigonometrie, Infinitesimalrechnung, Chemie, Physik und Metallurgie an. Spencer wurde zum Autodidakten par excellence, einem Mann, der sich sein Wissen nicht aus Büffeln, sondern aus einer tiefen, fast spielerischen Neugier heraus aneignete.
1.3 Aufstieg bei Raytheon: Der Röhrenpapst
Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Spencer für verschiedene Firmen im Bereich der Funktechnik, bevor er in den 1920er Jahren zur neu gegründeten Raytheon Manufacturing Company stieß . Raytheon, das sich zunächst auf Kühlschränke und Röhrentechnik konzentrierte, sollte seine lebenslange berufliche Heimat werden.
Spencer fiel schnell durch seine fast schon intuitive Begabung im Umgang mit Vakuumröhren auf. Ein Kollege beschrieb ihn später im Reader‘s Digest mit den Worten: „Er war einer der weltbesten Röhrendesigner. Er konnte aus einer Sardinenbüchse eine funktionierende Röhre bauen“ . Diese handwerkliche Genialität, gepaart mit seinem tiefen theoretischen Verständnis, machte ihn unersetzlich.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa und der zunehmenden Bedrohung auch für die USA änderte sich der Fokus von Raytheon dramatisch. Die Firma wurde zu einem wichtigen Partner des Verteidigungsministeriums. Im Zentrum des Interesses stand eine ebenso geheimnisvolle wie kriegsentscheidende Technologie: das Radar.
II. Der Nährboden der Erfindung: Radar, Krieg und das Magnetron
2.1 Das Magnetron: Herzstück einer kriegsentscheidenden Technologie
Um Percy Spencers Entdeckung zu verstehen, muss man sich die Bedeutung des Magnetrons vor Augen führen. Das Magnetron ist eine spezielle Elektronenröhre, die in der Lage ist, hochfrequente elektromagnetische Wellen – eben Mikrowellen – mit großer Leistung zu erzeugen. Es war das Herzstück jedes Radarsystems.
Die Idee des Radars war nicht neu, aber ihre praktische Umsetzung scheiterte lange an der fehlenden Leistungsfähigkeit der Sender. Britische Wissenschaftler, allen voran John Randall und Harry Boot von der Universität Birmingham, entwickelten 1940 ein revolutionäres Hohlraummagnetron, das um ein Vielfaches leistungsstärker war als alles bisher Dagewesene . Es erzeugte Mikrowellen im Zentimeterwellenbereich und ermöglichte damit erstmals kompakte, hochauflösende Radarsysteme, die sogar das Periskop eines getauchten U-Boots orten konnten .
Doch Großbritannien stand allein im Kampf gegen Nazi-Deutschland und war ständigen Luftangriffen ausgesetzt. Eine Massenproduktion des komplexen Geräts war auf der Insel unmöglich. Also wandte sich Premierminister Winston Churchill persönlich an die USA: Die Briten würden ihr wertvollstes technologisches Geheimnis teilen – im Gegenzug für amerikanische Produktionskapazität. Im September 1940 reiste eine britische Delegation, die sogenannte Tizard-Mission, mit einem handlichen, schwarzen Koffer in die USA. Darin: eines der ersten Hohlraummagnetrone .
2.2 Von 17 auf 2600 Stück: Spencers Produktionswunder
Für Percy Spencer und Raytheon war dies der Moment der Bewährung. Die britische Erfindung war genial, aber sie war ein handgefertigtes Unikat, dessen Herstellung viel zu aufwendig und langsam war. Die Aufgabe lautete: Finde einen Weg, dieses Wundergerät in Massen zu produzieren.
Spencer, inzwischen Leiter der Abteilung für Leistungsröhren (power tube division), ging das Problem mit seinem typischen Erfindergeist an. Anstatt die aufwendige maschinelle Bearbeitung beizubehalten, entwickelte er ein Verfahren, bei dem die Magnetron-Komponenten aus Blech gestanzt und dann zusammengelötet wurden . Es war eine Revolution der Fertigungstechnik.
Die Wirkung war atemberaubend. Wurden zu Beginn des Krieges gerade einmal 17 Magnetrone pro Tag gefertigt, stieg die Produktion unter Spencers Ägide auf unglaubliche 2.600 Stück täglich . Die Alliierten konnten ihre Schiffe und Flugzeuge nun mit einer Vielzahl von Radargeräten ausrüsten, was ihnen einen entscheidenden Vorteil in der Atlantikschlacht und bei der Bombardierung Deutschlands verschaffte. Die Radarentwicklung wurde zum zweitwichtigsten militärischen Projekt der USA, übertroffen nur noch vom Manhattan-Projekt . Für seine Verdienste wurde Spencer später mit dem Distinguished Public Service Award der U.S. Navy ausgezeichnet .
2.3 Der Zufall und der vorbereitete Geist: Das Schokoladen-Ereignis
Und genau hier, in dieser Hochburg der militärischen Spitzentechnologie, spielte sich die berühmteste Anekdote der Technikgeschichte ab. Das Jahr war 1945, der genaue Monat ist umstritten – mal ist von Januar , mal vom Sommer die Rede . Spencer stand in einem Labor vor einem aktiven Magnetron, als er zu seiner Überraschung feststellte, dass ein Schokoriegel in seiner Hosentasche zu einer weichen, schmelzenden Masse geworden war .
Die Geschichte ist so simpel wie genial. Sie wirft sofort die Frage auf: Warum ist Spencer der Vater der Mikrowelle geworden und nicht einer der unzähligen anderen Techniker, die tagtäglich mit diesen Geräten hantierten? Die Antwort liegt in Spencers Persönlichkeit. Andere hätten vielleicht geflucht, die Schokolade entsorgt und die Sache vergessen. Spencer aber, getrieben von dem, was ein Freund seinen „intensiven Erkundungsdrang“ nannte , begann zu fragen: Warum?
Er war nicht der Erste, der diesen Effekt bemerkte. Aber er war der Erste, der ihn systematisch untersuchte. Louis Pasteurs berühmter Satz „Das Glück begünstigt nur den vorbereiteten Geist“ findet hier seine perfekte Bestätigung. Spencer war vorbereitet. Er verstand die Physik der Mikrowellen, er kannte sich mit Magnetronen aus – und er hatte die Neugier eines Kindes.
Seine nächsten Experimente waren ebenso einfach wie folgerichtig. Er ließ Maiskörner vor das Magnetron fallen – sie verwandelten sich in Popcorn und tanzten durchs Labor . Dann wagte er sich an ein rohes Ei. Die Geschichte will wissen, dass ein neugieriger Kollege in den Versuchsaufbau blickte, als das Ei unter der Einwirkung der Mikrowellen explodierte und ihm das Gesicht besudelte . Die Erkenntnis war klar: Mikrowellen erhitzen Nahrungsmittel – und zwar schnell und von innen heraus.
III. Die Geburt der Radarange: Vom Labor in die Welt
3.1 Das erste Patent und der kolossale Prototyp
Was Spencer nun tat, war der entscheidende Schritt vom Phänomen zur Erfindung. Er konstruierte einen geschlossenen Metallkasten, in den er das Magnetron einbaute. Die Metallwände sollten die gefährliche Strahlung abschirmen und ein kontrolliertes Experimentieren ermöglichen . In diesen Kasten legte er verschiedene Lebensmittel und beobachtete die Ergebnisse. Die Mikrowelle, wie wir sie kennen, war geboren – zumindest im Prinzip.
Am 8. Oktober 1945 reichte Raytheon die Patentanmeldung ein. Am 24. Januar 1950 wurde Spencer das Patent mit der Nummer US2495429A für eine „Method of treating foodstuffs“ (Verfahren zur Behandlung von Nahrungsmitteln) erteilt .
Das erste kommerzielle Gerät, das 1947 unter dem Namen „Radarange“ (eine Wortschöpfung aus Radar und Range, dem englischen Wort für Herd) auf den Markt kam, hatte mit dem heutigen Küchengerät allerdings wenig gemein. Es war ein Monster: fast 1,80 Meter hoch, 340 Kilogramm schwer und kostete stolze 5.000 US-Dollar (heute etwa 70.000 Dollar) . Es war wassergekühlt und leistete 3000 Watt – das Dreifache heutiger Haushaltsgeräte. Die Radarange war kein Gerät für die heimische Küche, sondern für großvolumige Anwendungen: Krankenhäuser, Militärkantinen und die Bordküchen von Luxus-Passagierflugzeugen .
3.2 Der lange Weg in die heimische Küche: Tappan, Amana und der Preisverfall
Der Weg vom monumentenhaften Industriegerät zum erschwinglichen Küchenhelfer war lang und von technischen Hürden gesäumt. Die größte Herausforderung war die Miniaturisierung des Magnetrons und die Entwicklung eines effektiven, aber kostengünstigen Dichtungssystems für die Tür, um Strahlungsaustritt zu verhindern .
1955 wagte die Tappan Stove Company, die eine Lizenz von Raytheon erworben hatte, den ersten Versuch eines Heimgeräts. Das Modell RL-1 war mit einer Höhe von etwa 68 kg und einer Größe, die in eine normale Küchenzeile passte, zwar deutlich handlicher, kostete aber mit 1.295 Dollar immer noch ein Vermögen . Es verkaufte sich entsprechend schlecht.
Der eigentliche Durchbruch gelang erst in den 1960er Jahren. Raytheon hatte 1965 den Haushaltsgerätehersteller Amana übernommen. Gemeinsam mit George Foerstner, dem Chef von Amana, entwickelte Spencer ein neues, kompaktes Modell . 1967 kam die Amana Radarange (RR-4) auf den Markt. Sie war die erste erschwingliche (495 US-Dollar) und wirklich tischtaugliche Mikrowelle . Parallel dazu arbeiteten japanische Firmen wie Sharp an der weiteren Verbilligung der Magnetron-Produktion, was in den 1970er Jahren zu einem rasanten Preisverfall führte .
Die Verkaufszahlen explodierten: Wurden in den USA 1970 noch 40.000 Geräte verkauft, war es 1975 bereits eine Million. 1997 besaßen 95 Prozent der amerikanischen Haushalte eine Mikrowelle . In Deutschland waren es 2016 immerhin 74 Prozent . Die unsichtbare Welle hatte Einzug gehalten – still, leise und unwiderruflich.
IV. Die Physik des Kochens: Was passiert wirklich in der Mikrowelle?
4.1 Keine Resonanz, sondern Reibung: Die Debye-Relaxation
Um die Mikrowelle ranken sich viele Mythen. Einer der hartnäckigsten ist der, dass die Mikrowelle mit einer bestimmten Frequenz arbeitet, die genau der Resonanzfrequenz von Wassermolekülen entspricht, um sie so besonders effizient zum Schwingen zu bringen. Das ist falsch .
Die niedrigste Rotationsresonanz eines freien Wassermoleküls liegt bei etwa 22,2 Gigahertz. In flüssigem Wasser oder in Lebensmitteln sind die Moleküle jedoch durch Wasserstoffbrückenbindungen eng mit ihren Nachbarn verbunden. Diese Wechselwirkungen verbreitern die Resonanzlinie so stark, dass ein ganzes Frequenzspektrum zur Anregung beiträgt .
Was tatsächlich passiert, ist etwas anderes. Mikrowellen sind elektromagnetische Wellen mit Frequenzen zwischen 300 Megahertz und 300 Gigahertz. Der handelsübliche Mikrowellenherd arbeitet mit 2,45 Gigahertz, was einer Wellenlänge von etwa 12,2 Zentimetern entspricht . Die Wahl dieser Frequenz ist ein Kompromiss aus mehreren technischen und praktischen Faktoren: Das Magnetron muss sich kostengünstig herstellen lassen, die Wellenlänge muss klein genug sein, um in den Garraum zu passen, und die Frequenz muss in einem lizenzfreien Industrie-, Wissenschafts- und Medizin-Frequenzband (ISM-Band) liegen .
Die Erwärmung erfolgt durch einen Prozess, den der Physiker Peter Debye als „dielektrische Relaxation“ beschrieben hat. Die Wassermoleküle in der Nahrung besitzen ein elektrisches Dipolmoment – sie haben eine positive und eine negative Seite. Das hochfrequente elektrische Wechselfeld der Mikrowelle übt ein Drehmoment auf diese Dipole aus und versucht, sie ständig neu auszurichten . Bei 2,45 Gigahertz wechselt das Feld seine Richtung 4,9 Milliarden Mal pro Sekunde. Die Moleküle können diesem rasenden Wechsel nicht perfekt folgen, sie „hinken hinterher“. Diese Reibung auf molekularer Ebene erzeugt Wärme . Man kann es sich vorstellen wie das schnelle Hin- und Herdrehen eines Magneten in zähem Honig – die Bewegung erzeugt Wärme.
4.2 Warum der Teller kalt bleibt und das Essen heiß wird
Ein weiterer Vorteil der Mikrowelle ergibt sich aus der Eindringtiefe der Strahlung. Während bei einem herkömmlichen Ofen die Hitze von außen nach innen wandern muss (Wärmeleitung), dringen Mikrowellen mehrere Zentimeter tief in das Gargut ein . Sie erwärmen es nicht nur von der Oberfläche her, sondern im Volumen. Daher ist die Mikrowelle so effizient beim Auftauen oder Erhitzen kleinerer Portionen.
Das Geschirr wiederum bleibt meist kalt, weil es für Mikrowellen transparent ist. Materialien wie Glas, Keramik oder bestimmte Kunststoffe haben keine freien Ladungsträger (wie Metalle) und keine beweglichen Dipole (wie Wasser), die mit dem Feld wechselwirken könnten. Die Wellen durchdringen sie einfach. Metalle hingegen reflektieren die Mikrowellen – ein Faraday’scher Käfig, weshalb das Gehäuse und das Türgitter (mit seinen kleinen Löchern, die kleiner sind als die Wellenlänge) die Strahlung sicher im Inneren halten.
V. Kontroversen und kulturelle Einordnung
5.1 Die Strahlungsangst: Mythos und Realität
Kaum ein Gerät war in seiner Frühzeit so sehr von Ängsten umgeben wie die Mikrowelle. Die Vorstellung, dass unsichtbare „Strahlen“ das Essen durchdringen, löste bei vielen Menschen Unbehagen aus – eine typische Technikangst des Atomzeitalters. Es gab Befürchtungen, die Strahlung mache das Essen „tot“ oder radioaktiv, oder sie könne durch die Tür austreten und den Koch schädigen .
Diese Ängste sind aus heutiger wissenschaftlicher Sicht weitgehend unbegründet. Mikrowellen sind nicht ionisierend – sie haben nicht genug Energie, um Atome zu ionisieren oder chemische Bindungen auf eine andere Weise zu verändern als herkömmliche Hitze. Ein in der Mikrowelle gegartes Lebensmittel ist chemisch nicht anders beschaffen als ein auf dem Herd gegartes .
Die Strahlungsdichtigkeit moderner Geräte ist streng reglementiert und technisch durch das Türgitter und mehrfache Kontaktdichtungen hervorragend gelöst . Solange das Gerät intakt ist und die Tür richtig schließt, ist die Strahlenbelastung außerhalb vernachlässigbar. Die eigentliche Gefahr geht eher von unsachgemäßer Nutzung aus: dem Erhitzen von abgepackten Lebensmitteln in nicht mikrowellengeeigneten Behältern, die Chemikalien freisetzen können, oder der Gefahr von Verbrennungen durch überhitztes Wasser (Siedeverzug).
5.2 Der „Pling“ als kulturelles Phänomen
Die Mikrowelle ist mehr als ein technisches Gerät; sie ist ein kulturelles Phänomen. Ihr charakteristisches „Pling“ ist zum Synonym für schnelles, unkompliziertes Kochen geworden. Sie steht für die Beschleunigung des Alltags, für die Emanzipation der Frau aus der Küche (in China wurde sie sogar als „Befreierin der Frauen“ gefeiert ) und für den Siegeszug der Convenience Food-Industrie.
Doch sie ist auch Gegenstand eines tiefsitzenden kulinarischen Snobismus. In vielen Kochsendungen und Feuilletons wird sie als das Gerät derjenigen dargestellt, die nicht richtig kochen können oder wollen. Es gibt kaum eine Küche, in der die Mikrowelle offen sichtbar steht – oft wird sie hinter Klappen versteckt, als schäme man sich ihrer ein wenig.
Die Realität sieht anders aus: Die Mikrowelle hat ihren festen Platz in der Alltagskultur, aber ihre Nutzung ist höchst unterschiedlich. Eine Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts in der Schweiz zeigte einen regelrechten „Mikrowellen-Röstigraben“: In der Romandie besitzen 82 Prozent der Haushalte eine Mikrowelle, in der Deutschschweiz nur 63 Prozent. Und auch die Nutzungsintensität unterscheidet sich signifikant . Die Mikrowelle ist damit nicht nur ein technisches, sondern auch ein kulturelles Artefakt, das tief in den Lebensstilen und Traditionen einer Region verwurzelt ist.
VI. Spencers Erbe: Der bescheidene Autodidakt
Percy Spencer erlebte den endgültigen Triumph seiner Erfindung nicht mehr. Er starb am 8. September 1970 im Alter von 76 Jahren in Newton, Massachusetts . Er hatte bis zuletzt für Raytheon gearbeitet, war zum Senior Vice President und Mitglied des Board of Directors aufgestiegen. Seine Patentliste umfasste am Ende über 300 Patente .
Bemerkenswert ist seine Bescheidenheit in finanziellen Dingen. Für seine bahnbrechende Erfindung erhielt er von Raytheon keine Lizenzgebühren, sondern eine einmalige Zahlung von zwei Dollar – die Standardprämie, die das Unternehmen damals an seine angestellten Erfinder für Firmenpatente zahlte . Reich wurde Spencer durch die Mikrowelle nicht. Reich wurde er durch seine Neugier, seinen unstillbaren Wissensdurst und die Anerkennung seiner Kollegen.
Diese Anerkennung wurde ihm reichlich zuteil. Er wurde Fellow der American Academy of Arts and Sciences, Mitglied des Institute of Radio Engineers und erhielt von der University of Massachusetts die Ehrendoktorwürde – für einen Mann, der nie eine weiterführende Schule besucht hatte, eine besondere Genugtuung . Vannevar Bush, der einflussreiche Wissenschaftsorganisator, sagte über ihn: „Jeder Physiker im Land respektiert ihn.“
Sein Erbe ist heute allgegenwärtig. In Woburn, Massachusetts, trägt ein Gebäude von Raytheon seinen Namen. In der Lobby steht eines der ersten Radarange-Modelle – gegenüber der Kantine, in der die Mitarbeiter ihre Mittagessen in den modernen Nachfolgern von Spencers Erfindung aufwärmen .
Fazit und Ausblick
Die Geschichte von Percy Spencer und der Mikrowelle ist eine jener seltenen Erzählungen, in sich Krieg und Frieden, Zufall und Genie, industrielle Massenproduktion und höchstpersönliche Küchenroutine miteinander verbinden. Sie beginnt mit dem Kampf gegen Nazi-Deutschland, mit dem Wunsch, U-Boote aufzuspüren, und endet mit einer warmen Pizza um Mitternacht in einem Studentenwohnheim.
Die Figur des Erfinders selbst ist dabei so faszinierend wie die Technologie. Percy Spencer, der Autodidakt aus Maine, der niemals aufhörte zu fragen, repräsentiert einen Typus von Wissenschaftler und Ingenieur, der in unserer Zeit der zunehmenden Spezialisierung selten geworden ist: den Generalisten mit handwerklichem Geschick und theoretischem Tiefgang, der in der Lage ist, Wissen aus unterschiedlichsten Bereichen zu verknüpfen.
Die Mikrowelle selbst hat ihren Siegeszug längst vollendet. Sie ist aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Doch sie ist auch ein Gerät geblieben, das polarisiert. Für die einen ist sie der Inbegriff des kulinarischen Niedergangs, für die anderen ein unverzichtbarer Helfer im hektischen Alltag. Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen: Die Mikrowelle ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug kann man es klug oder gedankenlos einsetzen.
Die Zukunft der Mikrowelle wird wohl in ihrer Vernetzung und Integration liegen. Schon heute gibt es Geräte, die Scanner enthalten, um die Zusammensetzung von Lebensmitteln zu erkennen und das optimale Garprogramm zu wählen. Die Kombination mit Heißluft- und Grillfunktionen ist längst Standard. Das Grundprinzip aber, das Percy Spencer 1945 in einem Schokoriegel entdeckte, bleibt dasselbe. Und solange die Menschen es eilig haben, wird auch das sanfte „Pling“ nicht aus unseren Küchen verschwinden.
Quellen
- Wikipedia – Mikrowellenherd
- Wikipedia (englisch) – Percy Spencer
- Spiegel Geschichte – Mikrowelle: Percy Spencers Zufalls-Entdeckung im US-Militär-Labor
- Archive-It / Wikipedia – Percy Spencer (archivierte Version)
- Bundesverband Deutscher Patentanwälte – Popcorn statt Radarsystem – 70 Jahre Mikrowelle
- TheFreeDictionary.com / Encyclopedia – Percy Spencer (Wikipedia-Spiegelung)
- Wikipedia (englisch) – Percy Spencer (aktuelle Version)
- Baidu Baike – 斯本塞 (Percy Spencer)
- Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) – 4 Fakten zum 80. Jubiläum: Die Mikrowelle – Zufallsfund, Streitobjekt und Alltagsheldin
- History Channel – Who Invented the Microwave Oven?
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