Schlips, Fliege & Co. – Vom Herrschaftszeichen zum rebellischen Statement

von DerSchneider

Einleitung

Kaum ein Kleidungsstück ist so aufgeladen mit sozialer, historischer und politischer Symbolik wie die Krawatte – im Deutschen liebevoll „Schlips“ genannt – und ihre nahe Verwandte, die Fliege. Auf den ersten Blick lediglich ein schmales Stück Stoff um den Hals, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung ein komplexes Geflecht aus Machtdemonstration, Zugehörigkeit, Nonkonformismus und manchmal auch purer Rebellion. Während der Schlips jahrhundertelang als unverzichtbare Rüstung des bürgerlichen Mannes galt, erlebt er heute eine tiefgreifende Sinnkrise. Die Frage, ob das Tragen oder Nichttragen einer Krawatte ein Zeichen setzt – und wenn ja, welches –, führt mitten ins Herz gegenwärtiger Debatten über Hierarchie, Authentizität und den Wandel der Arbeitswelt.

Dieser Artikel beleuchtet die Herkunft von Schlips und Fliege, analysiert, wer sie aus welchen Gründen trug und trägt, und fragt nach der rebellischen Geste des „No Tie“. Dabei wird deutlich: Die Geschichte des Schlipses ist auch eine Geschichte des sozialen Auf- und Abstiegs, der Geschlechterrollen und des stillen Widerstands.

Herkunft: Vom kroatischen Söldner zum europäischen Dandy

Die Ursprünge der Krawatte liegen nicht, wie oft vermutet, im französischen Königshaus, sondern auf den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Kroatische Söldner im Dienste Frankreichs trugen markante, farbige Halstücher aus Baumwolle oder Seide, die sie locker um den Hals knoteten – ein praktisches Kleidungsstück, das den Kragen der Uniform zusammenhielt und zugleich als Schweißband diente. Der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. war von diesem Accessoire so angetan, dass er es ab etwa 1650 in seinen Hofstaat einführte. Aus dem kroatischen hrvat (Kroate) wurde über das französische cravate schließlich das deutsche Krawatte.

Die Fliege (auch Bow Tie) entwickelte sich etwas später. Im 19. Jahrhundert, als der steife Vatermörder-Kragen aufkam, begannen elegante Herren, das Halstuch nicht mehr nur zu schlingen, sondern zu einer kompakten Schleife zu binden. Die heutige Form – zwei symmetrische Bögen – wurde um 1880 populär und blieb bis heute vor allem mit akademischen, künstlerischen und berufsständischen Milieus verbunden.

Wer trug Schlips und Fliege aus welchem Grund? Eine historische Tabelle

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Trägergruppen, deren Motive und die gesellschaftliche Symbolik zusammen:

Epoche / ZeitraumTrägergruppeHauptmotiveSymbolik & Zeichen
1650–1789Adel, hohe Militärs, reiches BürgertumNachahmung des Königshofs (Ludwig XIV.), StandesdünkelMacht, Reichtum, Französische Hofkultur
19. JahrhundertBürgerliche Männer (Ärzte, Anwälte, Kaufleute), Dandys (z. B. Beau Brummell)Distinktion vom arbeitenden Volk, Professionalisierung, ÄsthetizismusSeriosität, Selbstdisziplin, bürgerliche Tugenden
1870–1914Industrielle, Banker, höhere Beamte, aber auch junge Künstler (Fliege)Einhaltung strenger Kleiderordnungen („frock coat“, „morning dress“)Konformität, Klassenbewusstsein; bei Künstlern: Gegenentwurf zur Spießbürgerlichkeit
1920–1950Angestellte, Verkäufer, Büroangestellte („White Collar“)Angleichung an die Oberschicht, Professionalisierung der MittelschichtRespektabilität, Fleiß, wirtschaftlicher Aufstieg
1950–1980Manager, Politiker, Diplomaten, aber auch Subkulturen (z. B. Rockabilly, Mods)Pflicht im Geschäftsleben, Corporate Identity; Subkulturen: ironische AneignungAutorität, Vertrauenswürdigkeit; bei Subkulturen: Stilbewusstsein gegen Massengeschmack
1990–2020Kreativberufe, Start-up-Gründer, aber auch traditionelle Berufe (Rechtsanwälte, Bestatter)Abgrenzung vom „Spießer“ oder bewusste TraditionspflegeIndividualismus, Flexibilität oder retro-Chic
Heute (2020er)Gemischt: von Bankern über Lehrer bis zu Hipstern und LGBTQ+-CommunitiesFreiwilligkeit, persönlicher Ausdruck, seltener ZwangVieldeutig: von Macht zu Ironie, von Seriosität zu Queerness

Die historische Entwicklung zeigt eine stetige Verschiebung: Was einst hart erkämpftes Privileg des Adels war, wurde über das Bürgertum zur Pflichtuniform der Angestellten – und wandelt sich heute zunehmend zu einer frei wählbaren Stiloption, deren Bedeutung stark vom Kontext abhängt.

Der Schlips als Disziplinierungsinstrument

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Krawatte mehr als nur Mode. Sie war Teil einer umfassenden Zivilisierungsoffensive. Der Soziologe Norbert Elias hat in seinem Werk „Über den Prozeß der Zivilisation“ (1939) gezeigt, wie Kleiderordnungen dazu dienten, Triebe zu bändigen und Körper zu kontrollieren. Ein fester, korrekt geknoteter Schlips – oft ergänzt durch steifen Kragen und Weste – machte den Träger buchstäblich „unbequem“. Diese körperliche Einschränkung signalisierte Selbstbeherrschung und die Fähigkeit, sich in hierarchische Strukturen einzufügen.

Besonders deutlich wurde dies in englischen Public Schools und im preußischen Beamtentum. Dort galt: Ein Mann ohne Krawatte war kein vollwertiger Mann. Noch in den 1950er Jahren wurde in deutschen Banken und Versicherungen das Ablegen der Krawatte während der Arbeitszeit als disziplinarische Verfehlung gewertet.

Fliege: Zwischen Exzentrik und seriösem Amt

Die Fliege nahm stets eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zur langen Krawatte, die als „unauffällig“ und „konform“ galt, verlangte die Fliege eine gewisse Mut zur Asymmetrie. Sie wurde daher vor allem von Personengruppen getragen, die entweder außerhalb der bürgerlichen Norm standen oder bewusst eine Nische besetzten:

  • Akademiker und Wissenschaftler (besonders in Geistes- und Naturwissenschaften) nutzten die Fliege als Zeichen der Geistesabwesenheit und anti-modischen Haltung.
  • Künstler, Architekten, Musiker (z. B. Frank Zappa, Orson Welles) machten die Fliege zu einem Markenzeichen kreativer Nonkonformität.
  • Bestatter und Kellner wiederum trugen sie aus berufspragmatischen Gründen: Sie baumelt nicht, stört nicht und ist hygienischer.
  • Homosexuelle Männer in den 1950er–70er Jahren nutzten eine auffällig große, bunte Fliege manchmal als verdeckten Code („Lavendel-Fliege“).

In den letzten Jahren erlebt die Fliege ein kleines Revival als Accessoire bei Hochzeiten, in der Steampunk-Szene und bei jungen Männern, die sich bewusst vom „Langweiler-Schlips“ abgrenzen wollen.

Rebellion: Warum kein Schlips zu tragen ein Zeichen setzt

Spätestens seit den 1960er Jahren wird das Nichttragen einer Krawaffe zur bewussten Geste. Die Hippie-Bewegung lehnte jegliche Form bürgerlicher Uniformität ab – der schlipslose, offene Kragen wurde zum Symbol für Freiheit, Naturverbundenheit und Antiautoritarismus. In den 1970ern folgten die Punks mit zerrissenen T-Shirts und Sicherheitsnadeln, die die gesamte Idee des „ordentlichen Auftretens“ ins Lächerliche zogen.

Doch die eigentliche, nachhaltige Rebellion fand in den Chefetagen statt. Steve Jobs trug bekanntlich schwarzen Rollkragenpullover, Jeans und Turnschuhe – nie eine Krawatte. Damit setzte er ein Signal: Kreativität und Innovation gedeihen nicht in Zwangsjacken. Mark Zuckerberg und das gesamte Silicon Valley übernahmen diese Ästhetik. Der Hoodie im Vorstandsraum ist die heutige Antwort auf den steifen Schlips.

Die Rebellion gegen den Schlips hat mehrere Ebenen:

  1. Hierarchiekritik: Wer keine Krawatte trägt, verweigert die symbolische Unterwerfung unter eine Kleiderordnung, die von oben diktiert wird.
  2. Authentizität: Der offene Kragen gilt als ehrlicher, weniger verstellt. In einer Welt der Corporate-Speak-Phrasen soll die Kleidung „echt“ wirken.
  3. Komfort & Gesundheit: Mediziner weisen seit Jahren auf die negativen Auswirkungen enger Krawatten hin – von erhöhtem Augeninnendruck bis zu Durchblutungsstörungen im Gehirn. Eine Studie der Universität Schleswig-Holstein (2018) zeigte, dass das Tragen einer Krawatte den venösen Rückfluss aus dem Gehirn messbar reduziert.
  4. Geschlechterpolitik: Die klassische Krawatte ist ein reines Männeraccessoire. Feministische Kritik sah darin ein Symbol des Patriarchats. Frauen in Führungspositionen trugen in den 1980ern manchmal Krawatten als Zeichen der Gleichberechtigung – heute wird das Nichttragen eher als Befreiung von männlichen Konventionen gesehen.

Heutige Träger: Welches Zeichen setzen sie?

Eine Umfrage des Allensbacher Instituts (2022) ergab, dass nur noch 38 % der deutschen Büroangestellten regelmäßig Krawatte tragen – 1990 waren es über 80 %. Die Träger von heute lassen sich grob in vier Gruppen einteilen:

  • Die Traditionalisten (Rechtsanwälte, Bestatter, Luxushotels): Sie tragen Schlips oder Fliege aus Berufspflicht oder um ein konservatives Image zu wahren. Ihr Zeichen: „Hier gelten noch Werte wie Respekt und Ordnung.“
  • Die Stilbewussten (Dandys, Modebegeisterte): Sie wählen Krawatte und Fliege bewusst als Accessoire, oft in ungewöhnlichen Farben oder Mustern. Ihr Zeichen: „Mode ist Ausdruck von Persönlichkeit, nicht von Unterordnung.“
  • Die Ironiker (Hipster, junge Kreative): Sie kombinieren Vintage-Krawatten mit T-Shirts oder Jeansjacken. Ihr Zeichen: „Wir haben die Codes durchschaut und spielen mit ihnen.“
  • Die Vermeider (Start-up-Gründer, ITler, viele Lehrer): Sie tragen grundsätzlich keine Krawatte. Ihr Zeichen: „Leistung zählt, nicht das Outfit – oder: Ich bin mein eigener Herr.“

Interessant ist die aktuelle Entwicklung in Politik und Justiz. Während im Deutschen Bundestag die Krawatte weiterhin die Regel ist (außer bei Grünen und Linkspartei), haben viele Richter in Zivilprozessen auf die Robe verzichtet – aber selten auf die Krawatte. Ein Zeichen von Würde? Oder von Beharren auf überholten Ritualen?

Fazit und Ausblick: Vom Zwang zur Wahl

Die Geschichte von Schlips und Fliege ist eine des steten Bedeutungswandels. Was als militärisches Praktik begann, wurde über den Königshof zum Adelsmerkmal, dann zur bürgerlichen Tugenduniform und schließlich zur Angestelltenpflicht. Heute, im postindustriellen Zeitalter, ist der Schlips weder tot noch allgegenwärtig. Er hat seinen Zwangscharakter weitgehend verloren und ist zu einem frei verfügbaren Zeichen geworden – mit vielen, teils widersprüchlichen Lesarten.

Die Rebellion gegen den Schlips ist in westlichen Gesellschaften weitgehend erfolgreich gewesen. In vielen Berufen gilt der offene Kragen als neuer Standard. Doch gerade deshalb könnte das gelegentliche Tragen einer sorgfältig ausgewählten Krawatte wieder an subversiver Kraft gewinnen – als Ausdruck von Nonkonformismus in einer uniformierten Casual-Welt. Wer heute im Jeans-Büro mit schwarzer Seidenkrawatte erscheint, setzt vielleicht das größere Statement als der Hoodie-Träger im Vorstand.

Die Zukunft wird zeigen, ob das Stück Stoff um den Hals endgültig ins Museum der Kleidungsgeschichte wandert oder sich – ähnlich wie der Bart oder die Hutmode – in regelmäßigen Zyklen zurückmeldet. Eines ist sicher: Solange Menschen soziale Unterschiede markieren wollen, werden sie ein Stück Stoff um den Hals binden – sei es als Schlips, Fliege oder etwas ganz Neues.

Quellen

  • Loschek, Ingrid (2005): Accessoires: Symbolik und Geschichte. München: Bruckmann.
  • Lehnert, Gertrud (2013): Mode, Männer, Macht: Eine Kulturgeschichte der Herrenkleidung. Berlin: Reimer.
  • Mentges, Gabriele (2005): Die Kultur der Krawatte. In: Kleidung und Identität in der Moderne. Frankfurt/M.: Campus.
  • Barthes, Roland (1967/1985): Die Sprache der Mode. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Elias, Norbert (1939/1997): Über den Prozeß der Zivilisation. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Allensbacher Institut für Demoskopie (2022): Berufsbekleidung in Deutschland – Eine Trendstudie. IfD-Report Nr. 12/2022.
  • Universität Schleswig-Holstein, Klinik für Neurologie (2018): Einfluss enger Krawatten auf die zerebrale Hämodynamik. In: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 115, S. 42–45.
  • FAZ.NET (2023): Der Niedergang der Krawatte. Warum Manager sie ablegen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2023.
  • Süddeutsche Zeitung Magazin (2021): Befreite Hälse. Wie die Krawatte aus der Arbeitswelt verschwindet. Heft 17/2021, S. 28–33.

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