Tornax 1927: Zwischen Größenwahn und Ingenieurskunst – Der Aufstieg eines deutschen Luxusmotorrads
Autor: DerSchneider
Kaum ein Jahrzehnt steht so sehr zwischen Glanz und Elend wie die 1920er-Jahre. Nach der Hyperinflation von 1923 folgte eine kurze, aber intensive Phase der wirtschaftlichen Erholung – eine Zeit des technischen Aufbruchs, des wachsenden Konsums und einer neu entfachten Leidenschaft für das Individuelle. In diese Ära fällt die Geburt unzähliger Motorradmarken, insbesondere in Deutschland, wo über 500 Hersteller um die Gunst der Fahrer buhlten . Die meisten dieser Namen sind zu Recht vergessen, denn es handelte sich oft um „Hinterhofschrauber“, die zugekaufte Teile montierten .
Doch es gab einige, die mehr wollten. Eine dieser Marken war Tornax aus Wuppertal-Barmen. Gegründet am Weihnachtstag 1925 von Ernst Wewer und einem Herrn Schmidtmann, nahm das Unternehmen am 2. Januar 1926 die Produktion auf . Während andere mit kleinen Hubräumen und einfacher Technik begannen, zielte Tornax von der ersten Stunde an auf das Luxus- und Sportsegment. Der Blick ins Jahr 1927, dem zweiten Produktionsjahr, offenbart einen Hersteller, der mit Hochdruck daran arbeitete, sich an der Spitze der deutschen Motorrad-Elite zu etablieren – getrieben von exklusiven Motoren aus England und einem unbändigen Willen zum Sieg. Dieser Artikel beleuchtet die akribische Archäologie eines frühen Tornax-Modells, die Strategie eines Nischenanbieters in einer turbulenten Zeit und die fatalen politischen Weichenstellungen, die diese Ära der High-End-Fertigung brutal beenden sollten.
Das Herzstück von 1927: Zwei Modelle für die schnelle Zunft
Im Produktionsjahr 1927 konzentrierte sich Tornax auf zwei Hauptmodelle, die klar zwischen sportlichem Roadster und tourentauglicher Kraftmaschine unterschieden:
Das Modell I/27
Angetrieben von einem 550 ccm JAP-Seitenventil-Motor (Side Valve/SV), leistete dieser Roadster 14 PS . Mit diesem Modell sprach Tornax den erfahrenen Fahrer an, der Wert auf eine zuverlässige, durchzugstarke Maschine legte – typisch für die britische Schule des Motorradbaus jener Zeit, wo die Ventilsteuerung noch simpel und robust war.
Das Modell II/27
Das Spitzenmodell war die II/27. Sie nutzte das bewährte 600 ccm JAP-Seitenventil-Triebwerk, das bereits im Vorjahr im Debütmodell I/26 zum Einsatz kam und 15 PS mobilisierte (spätere Versionen der Baureihe steigerten die Leistung auf bis zu 18 PS) . In einer Zeit, in der 500 ccm bereits als „großer Hubraum“ galten, war die 600er eine Ansage. Sie signalisierte den Anspruch, sich nicht im Massenmarkt zu verlieren, sondern die Rolle des deutschen Gegenparts zu britischen Luxusmarken wie Brough Superior oder Sunbeam zu spielen.
| Modell | Hubraum | Motor-Typ | Leistung | Zielgruppe |
|---|---|---|---|---|
| Tornax I/27 | 550 ccm | JAP SV (Seitenventil) | 14 PS | Sportlicher Roadster |
| Tornax II/27 | 600 ccm | JAP SV (Seitenventil) | 15+ PS | Luxus-Tourenmaschine |
Exklusivität aus England: Die JAP-Connection
Die Verwendung von JAP-Motoren (J. A. Prestwich Industries Ltd.) war in den 1920ern kein Alleinstellungsmerkmal, aber Tornax hob diese Partnerschaft auf ein neues Niveau. JAP-Motoren waren berühmt für ihre hervorragende Verarbeitung, Langlebigkeit und Leistungsfähigkeit . Ernst Wewer gelang jedoch das Kunststück, den Hersteller zu Sonderlieferungen zu bewegen: Die an Tornax gelieferten 600 ccm-Aggregate waren intern anders konfiguriert und leisteten mehr als die Standardtriebwerke, mit denen die Konkurrenz beliefert wurde . Besonders prestigeträchtig war die Exklusivität des 600er OHV-Motors (obenliegende Ventile), den JAP zeitweise nur an Tornax lieferte . Das war ein kluger Schachzug: Tornax bezog zwar zu, aber schuf technische Alleinstellungsmerkmale, die man sonst nur von Herstellern mit eigener Motorenfertigung kannte.
Die „Schweizer Käse“-Strategie: Qualität durch Spezialisierung
Tornax reproduzierte dabei das typische deutsche Produktionsmodell der 1920er Jahre, das man als „Baukasten-Prinzip“ bezeichnen könnte, das aber weniger negativ als „Netzwerk der Besten“ beschrieben werden sollte. Die Wuppertaler Firma war ein Fertiger, weniger ein reiner Hersteller. Die Wertschöpfung lag in der Konstruktion, der Entwicklung des Fahrwerks und der präzisen Endmontage. Ein Blick auf die Zuliefererliste des Jahres 1927 liest sich wie ein „Who is Who“ der deutschen Industrielandschaft:
- Gabel: Tiger-Werke, Köln
- Tanks: Spillner, Köln
- Bremsen (200 mm): Pränafa, Solingen (im Klingenstadt Solingen wusste man, wie man Stahl härtet)
- Getriebe: Hermes-Getriebebau aus Wuppertal (löste 1927 den bisherigen Lieferanten Burman ab)
Diese Arbeitsteilung erlaubte es Tornax, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Geometrie des Rahmens, die Abstimmung von Fahrwerk und Motor, sowie die Qualitätskontrolle. Das Ergebnis war kein Billiggefährt, sondern ein hochpreisiges Produkt, dessen Gegenwert heute im Bereich von 20.000 Euro und mehr liegen würde . Es war die Antithese zur Massenmotorisierung, die später durch DKW oder BMW angestrebt wurde.
Ruhm auf der grünen Hölle: Der Sieg auf dem Nürburgring 1927
Die beste Werbung für exklusive Motorräder war der Rennsport. Und hier schrieb Tornax 1927 ein kleines Stück Motorsportgeschichte. Anlässlich der Eröffnung der Nordschleife des Nürburgrings – einer der mythischsten Rennstrecken der Welt – stellte Tornax ein Werks-Team. Der Erfolg war durchschlagend: Tornax gewann das Eröffnungsrennen in der 750er-Solo-Klasse .
Eingesetzt wurde dabei nicht die handelsübliche 600er, sondern ein aggressiveres Aggregat: ein 750 ccm JAP-V-Motor . Dieser Sieg war mehr als eine Randnotiz. Er etablierte den Markennamen im kollektiven Gedächtnis der motorbegeisterten Öffentlichkeit und bewies, dass die feine Abstimmung der Tornax-Fahrwerke auch unter härtesten Bedingungen (die Eifel war damals noch weit unwegsamer als heute) Bestand hatte. Es war der Durchbruch zur ersten Liga.
Der Schatten, der über Wuppertal fiel: Das Verbot von 1934
Doch die glorreichen Tage des Jahres 1927 sollten nicht von Dauer sein. Das Geschäftsmodell „Importmotor + deutsches Fahrwerk“ hatte eine Achillesferse: die Abhängigkeit vom Ausland. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung ab 1933 verschärfte sich der protektionistische Kurs drastisch. 1934 verbot die Regierung den Import ausländischer Komponenten . Für einen Hersteller wie Tornax, dessen Kern – die Motoren – ausschließlich aus London kam, bedeutete dies eine existenzielle Zäsur.
Wewer musste radikal umsteuern. Die Briten wurden durch die Produkte der Columbus Motorenbau AG aus Bad Homburg ersetzt, die unter dem Dach von Horex firmierte . Modellreihen wie der „Universal“ mit 600 ccm Columbus-Seitenventil-Motor waren der pragmatische, aber technisch weniger attraktive Versuch, das Überleben zu sichern. Zwar gab es einen letzten Höhepunkt mit dem 800 ccm „Tornado“-Parallel-Twin (basierend auf dem Horex S8 Motor), doch der Dornröschenschlaf der Hochphase war vorbei. Dieses Verbot markiert den Punkt, an dem die Techarchäologie besonders schmerzhaft wird: Ein effizientes, globalisiertes Geschäftsmodell (ähnlich wie wir es heute wieder schätzen) wurde durch Abschottung und Autarkiezwang zerstört.
Fazit: Die schwarze Josephine als wehmütiger Abgesang
Trotz des Verbots und des Krieges verschwand Tornax nicht sofort. Nach dem Wiederaufbau 1948 gelang mit Modellen wie der Z-250 „Schwarze Josephine“ (mit Zweitakt-Parallel-Twin von ILO) ein versöhnlicher, wenn auch technisch anders gelagerter Spätruhm . Als jedoch in den 1950ern das Wirtschaftswunder einsetzte, wechselten die Kunden lieber zum VW Käfer. 1955 stellte Tornax die Produition ein – nicht in Konkurs gehend, aber im Stillen verschwindend .
Die Betrachtung des Jahres 1927 zeigt ein deutsches Unternehmen auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, das modernste Prinzipien der Fertigung (Netzwerkkompetenz) mit höchster Ingenieurskunst verband. Die Maschinen aus Wuppertal waren keine Motorräder für jedermann, sondern Statussymbole für Kenner. In einer Zeit wiedererstarkender Protektionismus-Debatten ist die Geschichte von Tornax eine eindringliche Mahnung: Technologische Exzellenz ernährt sich oft von internationaler Offenheit. Der erzwungene Rückzug ins Nationale kostete Tornax nicht nur seine Seele, sondern am Ende auch seine Existenz.
Quellen
- Encyclopædia Britannica: J. A. Prestwich and Co. | JAP engine
- Wikipedia: Tornax
- RP Online: Tour in die Motorrad-Historie (2010)
- Car & Classic: 1938 Tornax U60 For Sale
- Motot.net: Tornax
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