Von der Gießerei zur Geisterstadt: Der Aufstieg und Fall der AG WeserAuthor: DerSchneider

Schiffe aus Eisen – sie prägten über ein Jahrhundert lang das Gesicht Bremens. Kein Unternehmen stand dabei so sehr für industriellen Ehrgeiz, maritime Macht und sozialen Zusammenhalt wie die Actien-Gesellschaft „Weser“ – im Volksmund liebevoll die „Aksch“ oder „Akschen“ genannt. Was 1843 als kleine Eisengießerei an der Weser begann, entwickelte sich zur größten Werft der Region, einem Global Player, dessen Stapelläufe Weltnachrichten waren. Dieser Artikel zeichnet die gesamte Geschichte des Konzerns nach: von den Anfängen über die goldenen Jahrzehnte bis zum bitteren Ende 1983. Er beleuchtet die Besitzer, listet die gebauten Schiffe, erklärt die Spezialisierung und analysiert den tiefen Riss, den der Untergang in die regionale Identität riss – und wie das Werftgelände heute aussieht. Use Akschen, wie die Arbeiter ihre Werft nannten, ist untrennbar mit Bremen verwoben. Ihre Geschichte ist eine Mahnung und ein Vermächtnis zugleich.


Von Waltjen & Leonhard zur Actien-Gesellschaft (1843–1872)

Die Wurzeln der AG Weser reichen tiefer als die offizielle Gründung von 1872. Am 8. November 1843 gründeten Johann Carsten Hinrich Waltjen und Heinrich Leonhardt auf der ehemaligen Stephani-Kirchweide (heute Teil der Überseestadt) die Eisengießerei und Maschinenbau-Anstalt Waltjen & Leonhard. Das Programm der Firma war weit gefasst: „Alles was sich aus Eisen fertigen läßt“ – von Heizungen und eisernen Gartenmöbeln über Brücken, Wendeltreppen, Schleusentore bis hin zu kompletten Dampfmaschinen und Kesseln.

Der Einstieg in den Schiffbau erfolgte 1847. Unter der Baunummer 1 entstand der eiserne Seitenraddampfer „Roland“, ein Schlepp- und Passagierboot, das über 50 Jahre im Einsatz war und später sogar Seebäder nach Norderney und Wangerooge bediente. 1857 folgte mit der „Werra“ der erste Auftrag für den Norddeutschen Lloyd (NDL), 1865 der erste seetüchtige Passagierdampfer „Nordsee“. Ein bedeutender Meilenstein war 1871 der Bau der ersten drei Torpedoboote für die Kaiserliche Marine – der Einstieg in den Rüstungssektor, der die Werft über Jahrzehnte prägen sollte.

Nach Leonhardts Ausscheiden (der keinen Schiffbau betreiben wollte) firmierte das Unternehmen kurzzeitig als C. Waltjen & Co., bevor 1872 ein Konsortium aus 17 bremischen Großkaufleuten, Reedern und Bankiers das Ruder übernahm. Sie wandelten den Betrieb in eine Aktiengesellschaft um: die Actien-Gesellschaft „Weser“ war geboren. Ziel war die Errichtung einer bremischen Großwerft – und dieses Ziel sollte erreicht werden.

Aufstieg zur Großmacht: Die Ära der Deschimag und des Kriegsschiffbaus (1872–1945)

Mit der Gründung der AG Weser begann eine Ära des beispiellosen Wachstums. Die ersten Großaufträge kamen von der Kaiserlichen Marine – Kanonenboote, Torpedoboote und bald auch Kreuzer sorgten für eine rasche Expansion. Um die Jahrhundertwende verlegte die Werft ihren Standort nach Gröpelingen an die Einfahrt zum Überseehafen. Die Beschäftigtenzahl wuchs von etwa 500 (1905) auf über 4000 beim Bau des Großkreuzers „Gneisenau“ (1908)1910 zählte die Belegschaft bereits 6000 Mitarbeiter.

Der Erste Weltkrieg markierte einen ersten Höhepunkt der Rüstungsproduktion: Zwischen 1914 und 1918 entstanden auf der AG Weser 86 U-Boote (davon drei für Österreich) und sechs weitere Kriegsschiffe. Die Belegschaft wuchs auf 8200 Mann an. Doch der Krieg forderte seinen sozialen Preis: 1913, 1916 und 1917 kam es zu massiven Streiks, die von der aufkeimenden linken Bewegung auf der Werft getragen wurden.

Nach dem verlorenen Krieg und dem Versailler Vertrag, der Deutschland den U-Boot-Bau verbot, geriet die Werft in eine tiefe Krise. 1926 wurde die AG Weser Teil der neu gegründeten Deutschen Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft (Deschimag) – einem Zusammenschluss von acht deutschen Großwerften. Die Deschimag, mit Sitz in Bremen, bündelte Ressourcen und half, die schwierige Zeit zu überbrücken. Ein strahlender Lichtblick war der Bau des Schnelldampfers „Bremen“ für den NDL. Das Schiff mit 50.000 BRT lief unter der Baunummer 872 vom Stapel und errang 1929 auf seiner Jungfernfahrt nach New York das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung. Der Ruhm währte kurz: Die Weltwirtschaftskrise zwang die Werft 1929/30 zu massiven Entlassungen – von 12.000 auf nur noch 669 Beschäftigte.

In den 1930er Jahren begann die verdeckte Wiederaufrüstung. Über die Tarnfirma Ingenieurskantoor voor Scheepsbouw (I.v.S) in Den Haag hielt die AG Weser ihr U-Boot-Know-how am Leben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der offenen Aufrüstung der Wehrmacht folgten lukrative Marineaufträge. 1934 wurde die Weser-Flugzeugbau GmbH gegründet1941 übernahm der Krupp-Konzern die Aktienmehrheit an der Deschimag und damit faktisch die Kontrolle über die AG Weser. Die Werft wurde nun vollständig auf Kriegsschiffbau umgestellt. Bis 1945 produzierten die Hellinge rund 150 U-Boote (andere Quellen sprechen von 203 Schiffen, vorwiegend U-Boote) sowie Zerstörer, Torpedoboote und den Schweren Kreuzer „Prinz Eugen“ (dessen Bau jedoch auf die Germaniawerft in Kiel fiel).

Auf dem Höhepunkt des Krieges waren auf dem Gelände der AG Weser bis zu 18.500 Menschen beschäftigt – davon etwa 20 % ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Die Werft war ein Rädchen in der NS-Kriegsmaschinerie, was ihre Geschichte bis heute belastet.

Wiederaufbau und letzte Blüte: Die Tanker-Ära (1945–1975)

Nach der Kapitulation 1945 setzten die Alliierten die AG Weser auf die Demontageliste; der Schiffbau wurde verboten. Nur dank des unermüdlichen Einsatzes von Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen gelang 1948 der Erhalt der Werft – zunächst mit Schiffsreparaturen und einer kleinen Belegschaft1950 wurde das Schiffbauverbot aufgehoben, und am 10. Mai 1952 lief mit dem Frachtmotorschiff „Werratal“ (Baunummer 1265) das erste Nachkriegsschiff vom Stapel. Die Belegschaft wuchs rasant auf 6200 Mitarbeiter an.

Die 1960er Jahre waren geprägt von technologischen Sprüngen und der Konzentration auf einen Schiffstyp, der die Werft weltberühmt machen sollte: den Großtanker. Die Öl-Nachfrage schien unersättlich, die Weltwirtschaft boomte. 1968 investierte die AG Weser massiv in die Modernisierung: Der alte Großhelgen V wurde zum Helgen „Alfried“ umgebaut – 375 Meter lang, 66 Meter breit, überspannt von einem 780-Tonnen-Bockkran. Nun waren Schiffe mit einer Tragfähigkeit von bis zu 240.000 Tonnen möglich.

Die frühen 1970er Jahre waren die wirtschaftliche Blütezeit. 1969 bis 1974 lief eine Serie von Tankern der Esso-Serie mit 127.000 BRT vom Stapel1975/76 war die Werft mit 5500 Beschäftigten voll ausgelastet – Riesentanker mit bis zu 189.000 BRT verließen die Hellinge. In diesen Jahren hielt die AG Weser einen deutschen Marktanteil von fast 30 Prozent (entsprach 2,3 Prozent des Weltmarktes). Sie war die mit Abstand größte Werft Bremens und eine der größten Deutschlands.

Der Abstieg: Die Ölkrise, strukturelle Fehler und das Ende 1983

Doch der Tanker-Boom trug bereits den Keim des Niedergangs in sich. Die Ölkrise von 1973 ließ die Ölnachfrage einbrechen, der Tankermarkt kollabierte. Neue Aufträge blieben aus. Wie ein Sprecher der Esso später sagte: „Sie würde auf gar keinen Fall neue Schiffe in Auftrag geben“ – ein Schock für die Werft. Die AG Weser hatte sich zu einseitig auf Großtanker spezialisiert, eine strategische Fehlentscheidung, die sich nun rächte.

Die Belegschaft schrumpfte: 1978 nur noch 3000 Mitarbeiter (davon die Hälfte in Kurzarbeit), 1983 nur noch 2200. Das Land Bremen hatte seit 1975 bereits 200 Millionen DM in seine Werften gepumpt, was den Schuldenstand weiter verschlechterte. Die Bundesregierung machte Finanzhilfen zur Bedingung für ein umfassendes Zukunftskonzept. Nach zähen Verhandlungen einigten sich die Eigentümer (Krupp für die AG Weser, Thyssen-Bornemisza für den Bremer Vulkan) auf ein fatal zugespitztes Konzept: Die AG Weser sollte geschlossen werden, während der Bremer Vulkan, die Seebeckwerft und die Hapag-Lloyd-Werft fusionieren sollten.

Die Nachricht löste einen Schock aus. Am 19. September 1983 besetzten die Arbeiter die Werft. Sie wollten die modernste Werft Europas retten, wie sie argumentierten. Doch die Besetzung scheiterte. Bürgermeister Hans Koschnick, selbst ehemaliges Betriebsratsmitglied der AG Weser, sah keine Alternative. Am 14. Dezember 1983 lief das letzte Schiff vom Stapel: das Motorschiff „Ubena“ (20.360 BRT) für die Deutsche Afrika-Linie. Die Sektflasche brachten die Arbeiter selbst mit – es war kein Festtag. Am 31. Dezember 1983 schloss der Krupp-Konzern für immer die Tore. 2200 Menschen wurden entlassen.

Bedeutung für Bremen und der Verlust für die Region

Die AG Weser war nicht nur ein Arbeitgeber. Sie war ein identitätsstiftendes Unternehmen für die Stadtteile Gröpelingen, Walle und Findorff. Tausende Familien lebten direkt oder indirekt von der Werft. Die Werftarbeiter bildeten eine eigene soziale Schicht mit starkem Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich im plattdeutschen Begriff „Use Akschen“ (Unsere Aksch) ausdrückte. Der Verlust der Werft war ein kollektives Trauma, das Bremen bis heute verarbeitet.

Die wirtschaftlichen Folgen waren verheerend. Der Wegfall von 2200 direkten Arbeitsplätzen sowie der tausenden indirekten Arbeitsplätze in Zulieferbetrieben und Dienstleistungen ließ die Arbeitslosenquote im Raum Bremen sprunghaft ansteigen. Zudem gingen mit der Werft unschätzbares technisches Know-how und eine jahrzehntelange Schiffbautradition verloren. Die Region verlor eines ihrer industriellen Rückgrate. Der Schock der Werftschließung saß so tief, dass sich die Arbeiter im Oktober 1983 in der „Use Akschen“ – einem Arbeiterverein – organisierten, der bis heute die Interessen der ehemaligen Beschäftigten vertritt.

Vom Helgen zur Mall: Das Werftgelände damals und heute

Das ehemalige Werftgelände der AG Weser in Gröpelingen hat einen radikalen Wandel durchlaufen. Damals: Ein riesiges Industrieareal mit mehreren Hellingen, dem monumentalen Helgen „Alfried“, Kränen, Werfthallen und einer eigenen Infrastruktur für Tausende Arbeiter. Der Klang von Hämmern, das Blau von Schweißflammen, der Gestank von Öl und Farbe prägten den Stadtteil.

Heute: Das Areal ist Teil der Überseestadt, einem der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Auf dem ehemaligen Werftgelände befindet sich heute das Einkaufszentrum Waterfront Bremen, das 2008 eröffnet wurde. Zuvor war dort der Space Park – eine Mischung aus Freizeitpark und Shoppingcenter – nach nur zehn Monaten gescheitert. Die Waterfront hingegen hat sich etabliert: täglich kommen 23.500 Besucher. Die AG-Weser-Straße erinnert an die Geschichte. Nur wenige Relikte der alten Werft sind erhalten, etwa ein Schwimmkran oder das Feuerschiff „Weser“ (ex „Norderney“) – das heute als Museumsschiff in Wilhelmshaven vor sich hin dämmert. Der Verlust des industriellen Erbes ist allgegenwärtig, auch wenn die neuen Gebäude eine andere Nutzung signalisieren.

Weitere lesenswerte Aspekte

  • Technologische Vorreiterrolle: Die AG Weser führte die Maierform ein, eine spezielle Rumpfform zur Steigerung von Seetüchtigkeit und Wirtschaftlichkeit.
  • Das „Blaue Band“: Der Schnelldampfer „Bremen“ holte 1929 das Blaue Band, ein prestigeträchtiger Rekord.
  • Der Arbeiterverein „Use Akschen“: Er ist mehr als ein Traditionsverein. Er bewahrt die Erinnerung, pflegt Kontakte und setzt sich für die Belange ehemaliger Werftarbeiter ein. Sein Name ist zum geflügelten Wort für die Werft selbst geworden.
  • Zwangsarbeit: Die dunkle Seite der Erfolgsgeschichte. Tausende Zwangsarbeiter mussten unter unmenschlichen Bedingungen auf der Werft schuften – ein Kapitel, das lange verdrängt wurde.
  • Die Besetzung 1983: Ein mutiger, aber letztlich erfolgloser Kampf der Arbeiter um ihre Arbeitsplätze – ein Symbol für den Niedergang der deutschen Schwerindustrie.

Wichtige Kennzahlen der AG Weser im Überblick

KategorieDetail
Gesamtzahl Schiffeca. 1.400
U-Boote (beide Weltkriege)ca. 150–200 (verschiedene Quellen)
Marineeinheiten gesamt146 für Kaiserliche Marine, 196 für Kriegsmarine
Größtes gebautes SchiffTanker der Esso-Serie (127.000 BRT) und Helgen für 240.000 tdw
Höchste Beschäftigtenzahlca. 18.500 (1942–44)
Beschäftigte 1975 (Hochphase)5.500
Beschäftigte 1983 (Schließung)2.200

Technische Spezialisierung im Wandel der Zeit

ZeitraumSpezialisierung
1843–1870Eisengießerei, Maschinenbau, Brücken, erste Dampfschiffe
1871–1918Kriegsschiffe (Torpedoboote, Kanonenboote, Kreuzer), später massiver U-Boot-Bau für Kaiserliche Marine
1919–1932Zivilschiffe (Frachter, Passagierschiffe), Schnelldampfer „Bremen“, Überleben in der Krise
1933–1945Fast ausschließlich Rüstung: U-Boote, Zerstörer, Flugzeugbau (Weser-Flugzeugbau)
1945–1955Reparaturen, Wiederaufbau, Frachtschiffe
1955–1975Frachtschiffe, zunehmend Großtanker für Ölgesellschaften
1975–1983Letzte Jahre mit Restaufträgen, Abwicklung

Fazit und Ausblick: Ein Erbe, das nachwirkt

Die Geschichte der AG Weser ist ein Lehrstück über die Chancen und Risiken der Industrialisierung, über globalen Wettbewerb, technologischen Wandel und politische Entscheidungen. Aus einer kleinen Gießerei entstand ein Weltkonzern, der Zehntausende ernährte, bevor er an strukturellen Fehlern und weltwirtschaftlichen Umwälzungen zerbrach. Die Schließung war nicht nur das Ende eines Unternehmens, sondern ein tiefer Einschnitt in die Bremer Identität.

Das Gelände an der Weser hat sich verwandelt. Aus den Werfthallen ist ein Einkaufszentrum geworden. Doch die Erinnerung an die „Akschen“ lebt weiter – in den Köpfen derer, die dort arbeiteten, im Arbeiterverein „Use Akschen“ und in den wenigen Schiffen, die noch an die einstigen Großtaten erinnern. Die AG Weser ist Geschichte. Aber eine Geschichte, die uns mahnt, nicht zu vergessen, wovon eine Region lebt – und wie schnell sie alles verlieren kann.


Quellen

  • Wikipedia: AG Weser (deutsch und englisch)
  • Universität Bremen, Hafenblog: „Aufstieg & Untergang der AG Weser“
  • Geschichtswerkstatt Gröpelingen: „Geschichte der AG Weser“ (PDF)
  • Weser-Kurier: „Bremen: Die Geschichte der Werft AG Weser in Bildern“; „Zehn Jahre Waterfront“
  • Deutschlandfunk: „Werftschließung – Bremer Schiffbau schlägt leck“
  • buten un binnen: „Wie unsere Werften wurden, was sie sind“
  • Website der „Use Akschen“: Schiffe der AG „Weser“
  • Spiegel-Online (1978): „Werften: Auf dem trockenen“

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