Von der Lederstadt in die Welt: Rowentas Weg vom Offenbacher Start-up zur globalen Marke
von DerSchneider
Der Name Rowenta ist untrennbar mit Haushaltsgeräten verbunden – doch die Wurzeln der Marke liegen in Offenbach am Main. Die Geschichte von Rowenta ist ein Lehrstück der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Sie erzählt vom Aufstieg eines kleinen Zulieferbetriebs zum Weltkonzern, vom Technologiepionier der Nachkriegszeit bis zur Herausforderung durch die Globalisierung.
Die Wurzeln: Ein Start-up im Offenbach des 19. Jahrhunderts
Im Jahr 1884 gründet der erst 24-jährige Robert Weintraud gemeinsam mit den Partnern Heyne und Aulmann die Firma „Weintraud & Comp.“ in Offenbach am Main. Das Unternehmen beginnt als typisches Kind seiner Zeit: ein Zulieferbetrieb für die ortsansässige Lederwarenindustrie, der zunächst Gürtelschnallen und Beschläge herstellt. Doch Weintraud, der einer alteingesessenen Offenbacher Unternehmerfamilie entstammt, erkennt früh das Potenzial neuer Märkte. Unter seiner Führung erweitert sich das Portfolio rasch um Schreibutensilien, Rauchergarnituren, Lampen und Uhren.
Ein entscheidender Schritt erfolgt im Dezember 1909: Das Unternehmen wird in „Weintraud & Co. GmbH“ umbenannt, und Weintraud meldet eine neue Marke beim Kaiserlichen Patentamt an. Der Name „Rowenta“ – ein Akronym aus RObert WEiN****Traud – soll die Identifikation des Gründers mit seinen Produkten symbolisieren. Noch heute trägt die Marke diesen personalen Kern in sich.
Der Markenschutz wird sukzessive ausgeweitet, bereits 1913 beantragt Rowenta Schutz für elektrische Heiz-, Koch- und Wärmeapparate – ein Beleg für Weintrauds Weitblick. Ab 1915 beginnt die Produktion von elektrischen Brotröstern, darunter der Typ E 5003, der zu den ersten Toastern in Deutschland gehört. Das erste elektrische Bügeleisen folgt 1919, 1921 kommen zwei Lockenstabmodelle und zwei Reisebügeleisen hinzu. In den frühen 1920er-Jahren umfasst das Sortiment bereits Kaffeemaschinen, Wasserkocher und Gastronomiegeräte, die sich schnell zu Verkaufsschlagern entwickeln.
Die Innovationsschmiede: Bügeleisen und andere Weltneuheiten
Rowenta schreibt Technikgeschichte – insbesondere in der Wäschepflege. 1949 stellt das Unternehmen das erste Bügeleisen mit Temperaturregler und Thermostat vor, eine kleine Revolution für die Haushalte der jungen Bundesrepublik. 1957 folgt die nächste Weltneuheit: ein Dampfbügelautomat, der die Arbeit weiter vereinfacht.
Doch die Innovationskraft beschränkt sich nicht auf Bügeleisen. 1972 präsentiert Rowenta die Filterkaffeemaschine KG-22 – schlichtes Design, schnelle Zubereitung, ein großer Erfolg. In acht Jahren werden über eine Million Exemplare verkauft. 1976 kommt der „Bully“ auf den Markt, der erste Nass- und Trockensauger des Unternehmens. 1974 erhält das Logo ein markantes neues Element: Der letzte Buchstabe „A“ wird als stilisiertes Bügeleisen gestaltet – ein deutlicher Verweis auf das Kernprodukt der Marke.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Meilensteine zusammen:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1884 | Gründung der Weintraud & Comp. in Offenbach |
| 1909 | Anmeldung der Marke „Rowenta“ |
| 1915 | Produktionsbeginn des ersten elektrischen Toasters |
| 1919 | Erstes elektrisches Bügeleisen |
| 1949 | Erstes Bügeleisen mit Temperaturregler und Thermostat |
| 1957 | Erste Dampfbügelautomat |
| 1959 | Eröffnung des Zweigwerks in Erbach im Odenwald |
| 1972 | Einführung der Filterkaffeemaschine KG-22 |
| 1974 | Neues Logo mit stilisierter Bügeleisen-Form |
Der Wandel: Von Offenbach in die Welt
Die Expansion setzt früh ein. 1959 eröffnet Rowenta das erste Zweigwerk in Erbach im Odenwald, das über Jahrzehnte eines der modernsten Bügeleisenwerke Europas bleibt. Gleichzeitig wächst das Unternehmen international. 1963 endet die Ära als Familienunternehmen: Die US-amerikanische Sunbeam Corporation übernimmt Rowenta – der Start in die internationale Expansion. Niederlassungen entstehen in Frankreich, Österreich, Italien, den Niederlanden, Großbritannien, Belgien, Spanien und den USA.
1988 folgt der nächste Einschnitt: Die französische Groupe SEB, Weltmarktführer im Bereich der Elektrokleingeräte, übernimmt Rowenta. Die Marke wird in den Konzern integriert, der heute auch Namen wie Tefal, Krups, Moulinex und WMF umfasst.
Der Niedergang des deutschen Produktionsstandorts
Doch während die Marke international wächst, schrumpft die deutsche Produktion. 1997 wird die Produktion in Offenbach eingestellt, die Gebäude werden abgerissen. Der Stammsitz in der Waldstraße, über Jahrzehnte das Herz des Unternehmens, verschwindet vom Stadtbild. 2004 erinnert nur noch eine nach der Marke benannte Straße im neuen Gewerbegebiet an die einstige Industrieikone.
Auch der Standort Erbach gerät unter Druck. Die zunehmende Globalisierung führt zur schrittweisen Verlagerung der Produktion günstigerer Geräte nach China. 2005 wird die Beschäftigtenzahl in Erbach fast halbiert. 2022 schließt das Werk endgültig – das Ende der Bügeleisenproduktion in Deutschland. Die deutsche Tochtergesellschaft Rowenta Werke GmbH wird aufgelöst.
Ein vergleichbarer Wandel vollzieht sich bei der Konzernzentrale: Die Groupe SEB Deutschland GmbH, der deutsche Ableger des französischen Mutterkonzerns, verlässt Offenbach und zieht nach Frankfurt.
Die Gegenwart: Eine Marke ohne Produktion in Deutschland
Heute ist Rowenta eine Marke der Groupe SEB, die weiterhin weltweit Haushaltsgeräte vertreibt – von Dampfbügelstationen über Staubsauger und Haartrockner bis hin zu Luftreinigern. Die Produktion findet jedoch nicht mehr in Deutschland statt. Das Sortiment wird zunehmend auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: 2012 führt Rowenta die Eco-Intelligence-Linie ein, die den Energieverbrauch bei gleichbleibender Leistungsfähigkeit reduzieren soll, und geht dafür eine Partnerschaft mit dem WWF ein.
Quellen
- Rowenta – Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Rowenta
- Robert Weintraud – Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Weintraud
- ROWENTA – Unsere Geschichte. https://www.rowenta.de/unsere-geschichte
- Unsere Geschichte (Rowenta Schweiz). https://www.rowenta.ch/de/unsere-geschichte
- Wie Rowenta zur Weltmarke wurde. Bild, 6. Februar 2026. https://www.bild.de/leben-wissen/wohnen-living/wie-rowenta-zur-weltmarke-wurde-698210e348913c2281394455
- Rowenta hat Offenbach verlassen. OP Online, 18. Juni 2015. http://www.op-online.de/offenbach/seb-gruppe-offenbach-verlassen-zieht-nach-frankfurt-5120361.html
- Hausgeräte aus Hessen: Heiße Eisen made in Germany. VDI Nachrichten, 13. Dezember 2013. https://www.vdi-nachrichten.com/wirtschaft/konjunktur/hausgeraete-aus-hessen-heisse-eisen-made-in-germany/
- Hausgeräte: Rowenta dampft Produktion von Bügeleisen ein. Welt, 13. Februar 2009. https://www.welt.de/wirtschaft/article3199395/Hausgeraete-Rowenta-dampft-Produktion-von-Buegeleisen-ein.html
- Rowenta’s History: 100+ Years of Innovation and Engineering Excellence. https://www.rowentausa.com/blog/post/rowenta-history-100-years-innovation
- About Rowenta | Precision, Innovation & Sustainable Design. https://www.rowentausa.com/about-us
- Our History (Rowenta). https://www.rowenta.com/our-history/
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