Weniger, aber besser: Die Braun-Story – Vom Frankfurter Radiopionier zum globalen Designphänomen

Die Geschichte der Firma Braun ist weit mehr als die Chronik eines Elektrogeräteherstellers. Sie ist eine deutsche Erzählung von Erfindergeist, Zerstörung und Wiederaufbau, vor allem aber von einer kulturellen Vision, die das Gesicht des modernen Produktdesigns für immer verändern sollte. Aus einer Frankfurter Hinterhofwerkstatt entstand in der Nachkriegszeit ein Unternehmen, dessen Name bis heute für eine einzigartige Symbiose aus technischer Präzision und ästhetischer Reduktion steht – ein Erbe, das bis nach Cupertino zu Apple reicht und uns auch im Zeitalter der Globalisierung und Nachhaltigkeit etwas zu sagen hat.

Einleitung: Mehr als nur Rasierer

Wenn heute der Name Braun fällt, denken die meisten an silberne Rasierer oder stabiles Küchenzubehör aus der Drogerie. Doch diese Alltagswahrnehmung erfasst nur einen Bruchteil dessen, was Braun einst war und immer noch bedeutet. Die eigentliche Geschichte der „deutschen Firma Braun“ ist die Geschichte einer der einflussreichsten Designschmieden des 20. Jahrhunderts. Hier wurde nicht einfach Industriedesign betrieben; hier wurde eine Philosophie geformt. Der berühmte Dieter Rams, dessen Name untrennbar mit der Braun-Ära verbunden ist, prägte dafür den Satz: „Weniger, aber besser“. Dieser Grundsatz avancierte zum Leitmotiv einer ganzen Produktkultur, die Funktionalismus nicht als karg, sondern als befreiend begriff .

Um dieses Phänomen zu verstehen, müssen wir tief in die Unternehmensgeschichte eintauchen, die Netzwerke zur legendären Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) beleuchten und den schwierigen Spagat nachvollziehen, den die Marke heute zwischen ihrem historischen Erbe und den Zwängen eines globalisierten Konzerns meistern muss.

I. Die Pionierjahre: Vom Riemenverbinder zum Volksempfänger (1921-1945)

Die Geburtsstunde von Braun schlug 1921, als der Ingenieur Max Braun im Frankfurter Stadtteil Bockenheim eine kleine Apparatebauwerkstatt eröffnete . Sein erstes patentiertes Produkt, der Treibriemenverbinder „Trumpf“, zielte noch auf die industrielle Fertigung ab. Doch Max Braun erkannte früh das Potenzial eines neuen Massenmediums: des Radios. Schon 1923 bastelte er an seinem ersten Rundfunkempfänger .

Die 1930er-Jahre wurden zum ersten großen Sprung nach vorn. 1933, im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten, begann Braun mit der Serienproduktion von Röhrenradios. Modelle mit klangvollen Namen wie „Mozart“ oder „Edelsuper“ fanden ihren Weg in die deutschen Wohnzimmer . Max Braun erwies sich als Tüftler mit Weitblick. Er war einer der Ersten, der Radio und Plattenspieler zu einer einzigen Musiktruhe kombinierte und damit das Konzept der Unterhaltungselektronik als Möbelstück vorantrieb. Die Kofferradios der späten 30er-Jahre, wie das Modell „BKS 36“, waren technische Meisterleistungen und Statussymbole zugleich . Bereits 1934 entwarf Max Braun das erste Firmenlogo mit dem charakteristischen hochgezogenen „A“, ein Markenzeichen, das in modernisierter Form bis heute Bestand hat .

Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine Zäsur. Das Unternehmen wurde auf Rüstungsproduktion umgestellt, fertigte Funkgeräte und Steuerungstechnik. 1944 wurden beide Frankfurter Werke durch Bombenangriffe nahezu vollständig zerstört . Vom Erfolg der Vorkriegsjahre blieb nur Schutt.

II. Die Ulmer-Connection und die Geburt des Braun-Designs (1950er-1960er)

Die wahre Sternstunde von Braun begann nach dem Krieg. Aus den Trümmern des Frankfurter Werks krochen 1945 nicht nur Überlebende, sondern auch die Produktion von Taschenlampen mit Handaufzug namens „Manulux“ – ein pragmatisches Produkt für eine finstere Zeit, von dem über drei Millionen Stück verkauft wurden . 1950 folgte mit dem „Multimix“ der erste Küchenmaschine und ein großer Wurf im Bereich der Haushaltsgeräte .

Doch der eigentliche Wendepunkt war der plötzliche Tod des Firmengründers Max Braun im Jahr 1951 . Seine Söhne Artur und Erwin übernahmen die Führung und leiteten eine Revolution ein, die weit über das Unternehmen hinausstrahlen sollte. Insbesondere Erwin Braun, den man heute als visionären Kulturunternehmer bezeichnen würde, sah in der Firma mehr als eine bloße Gewinnmaschine. Er verstand sie als kulturelles Projekt. Inspiriert von Vorbildern wie AEG oder Olivetti, wollte er eine ganzheitliche Unternehmenskultur schaffen, die von der Architektur der Fabrikhallen über das Kantinenessen bis hin zum letzten Schräubchen eines Produkts reichte .

Dafür holte er sich außergewöhnliche Köpfe ins Boot. 1953 engagierte er den Kunsthistoriker, Maler und Regisseur Fritz Eichler als Leiter der neu geschaffenen Abteilung für Formgestaltung . Eichler war der Katalysator. Er knüpfte den entscheidenden Kontakt zur 1953 eröffneten Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm. Diese Institution, getragen von dem antifaschistischen Impetus ihrer Gründer Inge Aicher-Scholl (der Schwester der von den Nazis hingerichteten Sophie Scholl), Otl Aicher und Max Bill, verstand Design als gesellschaftliche und wissenschaftliche Disziplin – fernab von kunstgewerblicher Dekoration .

Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine der fruchtbarsten Allianzen der Industriegeschichte. Der Ulmer Dozent Hans Gugelot entwickelte für Braun ein radikal neues Designsystem. Auf der Funkausstellung 1955 in Düsseldorf sorgte Braun für eine Sensation. Die von Gugelot gestalteten Geräte, wie das Radiogerät „G 11“ aus schlichtem Ahornholz, brachen mit allem, was bis dahin üblich war. Sie waren geometrisch, klar und verzichteten auf jede überflüssige Zierde . Parallel dazu entwarf Otl Aicher ein ebenso radikales visuelles Erscheinungsbild für die Messestände und die Werbung, das die Produkte in einen schwebenden, sachlichen Raum stellte . Zum ersten Mal in der deutschen Industriegeschichte wurden Produktdesign, Kommunikationsdesign und Architektur als Einheit gedacht.

III. Die Ikonen und der Meister: Rams, Gugelot und das „Schneewittchensarg“-Prinzip

Das berühmteste Resultat dieser Ulmer-Kronberger Symbiose war der legendäre „SK 4“, der 1956 auf den Markt kam. Entworfen von Hans Gugelot und einem jungen Architekten namens Dieter Rams, der 1955 zu Braun gestoßen war, handelte es sich um eine Kombination aus Radio und Plattenspieler . Sein Gehäuse bestand aus einem weißen Metallblech, die Bedienelemente waren klar angeordnet, und die Abdeckung des Plattenspielers war aus klarem Plexiglas. Wegen seiner schlichten, durchsichtigen Form und der kühlen Anmutung gab ihm die Bevölkerung rasch den Spitznamen „Schneewittchensarg“ . Der Spitzname verharmlost die revolutionäre Kraft des Geräts: Der SK 4 befreite die Unterhaltungselektronik von der pseudobarocken Gehäusekultur der 1950er-Jahre und erhob sie in den Rang ehrlicher Industriearchitektur.

Dieser Geist durchdrang das gesamte Unternehmen. Es wurden nicht nur Produkte gestaltet, sondern ganze Systeme gedacht. Die Geräte erhielten keine verträumten Namen mehr wie „Mozart“, sondern sachliche Buchstaben-Zahlen-Kombinationen . Die Farbpalette wurde auf Weiß, Schwarz und Grau reduziert. Jedes Detail, von der Schriftart bis zum Raster der Lautsprecherabdeckung, folgte einem inneren Ordnungsprinzip.

Dieter Rams, der über vier Jahrzehnte (bis 1995) die Designabteilung leitete, destillierte diesen Ansatz schließlich in seinen berühmten „Zehn Thesen für gutes Design“, die bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben :

  1. Gutes Design ist innovativ.
  2. Gutes Design macht ein Produkt nützlich.
  3. Gutes Design ist ästhetisch.
  4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
  5. Gutes Design ist unaufdringlich.
  6. Gutes Design ist ehrlich.
  7. Gutes Design ist langlebig.
  8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
  9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
  10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

Diese Prinzipien wurden in Produkten wie dem Weltempfänger „T 1000“ (1963), der wie ein präzises Instrument wirkte, oder dem kompakten Audio-System „studio 2“ manifest. Ihre Form folgte nicht nur der Funktion, sie machte die Funktion erst verständlich und die Bedienung intuitiv.

IV. Der amerikanische Traum und seine Folgen: Von Gillette zu P&G

Das Fundament dieser Design-Ära war jedoch das Familienunternehmen. 1962 wandelte man die Firma in eine Aktiengesellschaft um, doch die Brüder Braun hielten die Fäden in der Hand . 1967 kam dann der Einschnitt, der bis heute nachwirkt: Der US-amerikanische Rasierklingen-Hersteller Gillette übernahm die Braun AG . Für Braun bedeutete dies den Zugang zum riesigen US-Markt und finanzielle Sicherheit. Die Designabteilung blieb zunächst unangetastet, und die 1970er- und 1980er-Jahre waren weiterhin geprägt von ikonischen Entwürfen, etwa von Dietrich Lubs, der den legendären Reisewecker „AB 312“ gestaltete .

Doch der Eigentümerwechsel war ein schleichender Paradigmenwechsel. Wo einst die Brüder Braun eine „Balance“ der Abteilungen und eine kulturelle Vision propagierten, rückten nun zunehmend betriebswirtschaftliche Kennzahlen und Shareholder-Value in den Vordergrund. Gillette, und später der Konsumgigant Procter & Gamble (P&G), der Gillette 2005 übernahm, hatten ein anderes Verständnis von Marke . Design wurde weniger als kultureller Auftrag, sondern mehr als Instrument der Markendifferenzierung und Wertschöpfung gesehen.

Kritiker beklagen, dass unter der Ägide von P&G die klare, asketische Linie des Braun-Designs zunehmend verwässert wurde. Die Produkte, vor allem im Bereich der Rasierer, wurden verspielter, farbiger und orientierten sich stärker an modischen Trends – ein klarer Bruch mit Rams‘ Prinzip der Langlebigkeit und Unaufdringlichkeit . Braun konzentrierte sich fortan fast ausschließlich auf Körperpflege (Rasur, Haarentfernung, Mundpflege). Die einst so vielfältige Produktwelt der Haushaltsgeräte, Radios und Küchenmaschinen schien zu verkümmern.

V. Die Spaltung der Marke: De’Longhi als Hüter der Küche?

Doch die Geschichte nimmt eine weitere Wendung. 2012 entschied sich P&G, die Markenrechte für den Bereich der Haushalts-Kleingeräte (Küchenmaschinen, Mixer, Kaffeemaschinen, Bügeleisen) langfristig an den italienischen Hersteller De’Longhi zu lizenzieren . Die Marke Braun selbst blieb zwar im Besitz von P&G, doch De’Longhi erhält nun dafür, dass sie Produkte unter dem Namen Braun entwickelt, produziert und vertreibt.

Diese Aufspaltung ist ein in der Industriegeschichte seltener, aber folgenreicher Vorgang. Seit 2012 gibt es faktisch zwei Braun-Welten: die Braun persönlicher Pflege von P&G (Rasierer, Zahnbürsten) und die Braun Haushaltsgeräte von De’Longhi . Interessanterweise beruft sich gerade De’Longhi heute sehr offensiv auf das historische Braun-Erbe. Auf den Webseiten von „Braun Household“ wird die Designgeschichte mit Dieter Rams und den zehn Prinzipien zelebriert, es wird ein virtuelles Museum präsentiert und die eigene Produktentwicklung in diese Tradition gestellt .

Man kann dies als geschicktes Marketing werten, das das kulturelle Kapital der Marke für sich nutzt. Oder als Versuch, die einstige Design-DNA in einem Unternehmen zu bewahren, das zumindest im Bereich der Küchengeräte wieder an die Ära der Langlebigkeit anknüpft – etwa mit Stabmixern, die als kompromisslos und funktional beworben werden . Die aktuellen Qualitätsversprechen und Kundenstimmen über jahrzehntelang genutzte Küchenmaschinen auf der Braun-Haushaltsseite sind ein direktes Echo der Rams’schen Philosophie .

VI. Die Gegenwart: Zwischen Kulturerbe und globalem Markt

Was ist also die „deutsche Firma Braun“ heute? Rechtlich ist sie eine Tochter von P&G mit Sitz in Kronberg, die Personalpflegeprodukte entwickelt und fertigt, die oft in Deutschland „entwickelt“ und streng geprüft werden . Der neue Braun Series 9 Pro+ Rasierer, vollständig in Deutschland entwickelt und gefertigt, steht für diese Linie: High-Tech-Ingenieurskunst made in Germany, die sich im globalen Premium-Segment behauptet .

Parallel dazu lebt die Designseele in der von De’Longhi geführten Haushaltssparte weiter, die sich auf die klassischen Küchenprodukte konzentriert. Und in einem kleinen Museum im hessischen Kronberg, der „BraunSammlung“, werden fast 1000 Exponate gehütet, die die Entwicklung vom Riemenverbinder bis zum Designklassiker dokumentieren – ein Ort der Erinnerung und der Kontinuität .

Der Einfluss von Braun ist jedoch nicht auf die eigenen Produkte beschränkt. Er ist unsichtbar, aber allgegenwärtig. Kaum ein Industriedesigner, der sich nicht auf Dieter Rams beruft. Besonders offensichtlich ist die Schuld, die Apple bei Braun hat. Die klare Typografie, die reduzierten Bedienoberflächen, die Materialität der ersten iMacs und iPods – all das atmet den Geist von Rams und der Ulmer Schule. Jonathan Ive, der langjährige Apple-Designchef, hat den Einfluss von Braun nie verhehlt. Der iPod von 2001 etwa ähnelt in seiner Gestaltung frappierend dem Braun T3 Taschenradio von 1958 .

Fazit und Ausblick: Design als Haltung

Die Geschichte der deutschen Firma Braun ist ein Lehrstück über die Macht von Haltung. Sie zeigt, dass Industriekultur nicht im Elfenbeinturm entsteht, sondern dann, wenn Unternehmervision, technisches Können und gestalterische Radikalität eine Allianz eingehen. Die Nachkriegsära von Braun bewies, dass ein Unternehmen mit seinen Produkten zur ästhetischen Erziehung einer ganzen Gesellschaft beitragen kann.

Heute, im Zeitalter von Nachhaltigkeit und Ressourcenknappheit, erleben die Prinzipien von Dieter Rams eine Renaissance. Die Forderung nach Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Ehrlichkeit von Produkten ist lauter denn je. Braun – sowohl bei P&G als auch bei De’Longhi – versucht, daran anzuknüpfen, indem es auf Qualitätstests und Langlebigkeit setzt . Ob dies gelingt, wird die Zukunft zeigen. Die Herausforderung bleibt, die Spannung zwischen wirtschaftlichen Interessen eines globalen Konzerns und der kulturellen Verantwortung einer Marke mit einem solchen Erbe auszuhalten.

Doch eines ist gewiss: Die Impulse, die von einer kleinen Frankfurter Werkstatt ausgingen, haben die Welt verändert. Braun hat uns gelehrt, dass ein Rasierer oder eine Kaffeemaschine mehr sein kann als ein bloßes Werkzeug – nämlich ein stiller, verlässlicher Begleiter, der durch seine Klarheit unser Leben ein Stück weit ordentlicher und schöner macht. Und das ist ein Vermächtnis, das weit über jedes einzelne Produkt hinausweist.


Quellen

  • Wikipedia: Braun (Elektrogeräte) 
  • Braun Household: About Braun 
  • Braun Household: Sustainable Design 
  • nd-aktuell.de: Firma Braun: Von Mozart zum Schneewittchensarg 
  • brigitte.de: Qualität, die jeden Tag überzeugt 
  • De’Longhi Newsroom: Klein, kraftvoll, kompromisslos: der neue Braun MultiQuick 3 
  • (Ergänzend: Die 10 Prinzipien des guten Designs nach Dieter Rams, vielfach dokumentiert u.a. in Vitra Design Museum Ausstellungen und Publikationen

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