Zwei Welten, eine Herausforderung: Warum China beim Stromnetz vorprescht und Deutschland sich müht
Von DerSchneider
Kaum ein Technologievergleich offenbart die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Philosophien moderner Industriepolitik so deutlich wie der Blick auf die Stromnetze in China und Deutschland. Während der deutsche „SuedLink“ – das größte Gleichstromvorhaben des Landes – nach mehr als zehn Jahren Planung endlich die letzten Genehmigungen erhält, hat China bereits seit 2019 seine 1.100-Kilovolt-(kV)-Gleichstromtrassen im Regelbetrieb. Dies ist nicht einfach ein technologischer Wettlauf, sondern ein Lehrstück über Planungskultur, politischen Willen und die Frage, was „Effizienz“ wirklich bedeutet.
Die Ausgangslage: Zwei Länder, zwei komplett unterschiedliche Probleme
Um die Unterschiede zu verstehen, muss man sich zunächst die geografischen und politischen Rahmenbedingungen beider Länder vor Augen führen.
China steht vor einem logistischen Problem von historischem Ausmaß: Die großen Wasserkraftwerke im Westen, die gigantischen Solarparks in der Wüste Gobi und die Windparks im Norden des Landes liegen tausende Kilometer von den Industriezentren und Megacities an der Ostküste entfernt. Peking, Shanghai, Guangzhou – diese Städte verschlingen Unmengen an Energie. Der Transport dieser riesigen Strommengen über Distanzen von oft mehr als 2.000 Kilometern ist die Kernherausforderung. Die Lösung war die Entwicklung der Ultrahochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (UHGÜ) mit 1.100 kV. Diese Technologie erlaubt es, gewaltige Leistungen von bis zu 12 Gigawatt über mehr als 3.000 Kilometer mit vergleichsweise geringen Verlusten zu transportieren. Ein Verlust von nur etwa 5 Prozent über diese Entfernung ist für klassische Wechselstromsysteme schlicht unerreichbar.
Deutschland hingegen hat ein anderes Erbe. Das Netz ist historisch als dichtes Verbundsystem mit 380 kV Wechselstrom gewachsen, ausgelegt für die relativ kurzen Distanzen innerhalb Europas. Die deutsche Energiewende hat diese Struktur jedoch radikal überfordert. Der im Norden, vor allem in Schleswig-Holstein und auf der Nordsee, erzeugte Windstrom muss in die industriellen Zentren des Südens transportiert werden – nach Bayern und Baden-Württemberg, wo die großen Autokonzerne und Maschinenbauer sitzen. Daher entstand die Idee von „SuedLink“ – einer Gleichstromverbindung von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg mit einer Spannung von 525 kV und einer Leistung von je 2 GW pro Leitungstrang. Ein paralleles Projekt ist der „SuedOstLink“, der Strom aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt nach Bayern bringen soll.
Die Technik im Detail: Ein Blick unter die Haube
Die Unterschiede sind nicht nur geografisch, sondern vor allem technisch. Ein direkter Vergleich der technischen Kennzahlen zeigt, wie unterschiedlich die Maßstäbe sind:
Diese Tabelle zeigt deutlich: Für Chinas Verhältnisse ist die 1.100-kV-Technik die bei Weitem effizienteste Lösung. Ein deutsches 1.100-kV-System wäre für die deutschen Distanzen technischer Overkill – viel zu teuer und für die kurzen Wege ungeeignet. Die höheren Kosten für die Konverterstationen und die Isolierung würden sich niemals amortisieren.
Die deutsche Wirklichkeit: Ein Kraftakt mit Hindernissen
Die Crux liegt nicht im technologischen Können, sondern in der Umsetzung. Deutschland beherrscht die HGÜ-Technik – Unternehmen wie Siemens Energy zählen zu den weltweit führenden Anbietern in diesem Bereich. Die Verzögerung ist hausgemacht und hat mehrere Ursachen:
1. Das Planungsverfahren: Ein Fünf-Stufen-Modell mit viel Raum für Widerspruch
Der deutsche Netzausbau folgt einem festgelegten, aber extrem aufwändigen Verfahren, das in fünf Schritten abläuft:
- Szenariorahmen: Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) erstellen eine Prognose, wie sich Energieerzeugung und -verbrauch entwickeln. Die Bundesnetzagentur genehmigt diesen Rahmen.
- Netzentwicklungsplan (NEP): Die ÜNB stellen auf Basis des Szenariorahmens einen Plan auf, wie das Netz ausgebaut werden muss. Auch dieser wird von der Bundesnetzagentur bestätigt.
- Bundesbedarfsplangesetz: Der Deutsche Bundestag beschließt auf Basis des NEP per Gesetz, welche konkreten Projekte umgesetzt werden müssen. SuedLink und SuedOstLink stehen in diesem Gesetz.
- Bundesfachplanung: Die Bundesnetzagentur legt auf übergeordneter Ebene einen Trassenkorridor fest, in dem die Leitung verlaufen soll.
- Planfeststellung: Dies ist der letzte und detaillierteste Schritt. Die Behörde prüft den genauen Verlauf, die Umweltverträglichkeit und alle Einwände von Bürgern und Verbänden. Erst am Ende steht der Planfeststellungsbeschluss.
Während in China die Planung per Dekret von oben erfolgt, ist der deutsche Prozess ein demokratischer Aushandlungsprozess. Die Bürger haben ein Recht auf Einsichtnahme in alle Pläne und können Einwendungen erheben. Diese Beteiligung ist ein hohes Gut, kostet aber immense Zeit.
2. Der Erdkabelzwang: Teuer, aber landschaftsschonend
Ein entscheidender Unterschied ist die Entscheidung für Erdkabel. Während China seine Ultrahochspannungsleitungen fast ausschließlich als Freileitungen über die weiten, dünn besiedelten Landstriche führt, hat sich Deutschland für einen gesetzlichen Erdkabelvorrang entschieden (§ 3 Bundesbedarfsplangesetz). Das bedeutet: SuedLink und SuedOstLink werden fast vollständig unter der Erde verlegt.
Das hat zwei Konsequenzen:
- Die Akzeptanz: Erdkabel verschandeln die Landschaft nicht und stoßen daher auf deutlich weniger Widerstand in der Bevölkerung.
- Die Kosten: Erdkabel sind um ein Vielfaches teurer als Freileitungen. Die Kosten für SuedLink werden auf etwa 10 Milliarden Euro geschätzt, für SuedOstLink und die Erweiterung auf rund 11 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Entschädigungen für Grundstückseigentümer, die bei Erdkabeln deutlich höher ausfallen als bei Freileitungen – bis zu 35 Prozent des Verkehrswerts der betroffenen Fläche können hier als Entschädigung anfallen.
3. Der Bau: Ein Tunnelriese unter der Elbe
Die Bauarbeiten selbst sind ein logistischer Kraftakt. Für die Querung der Elbe wird ein riesiger Tunnelbohrer eingesetzt, der 190 Meter lang ist und 730 Tonnen wiegt. Er soll einen 5,2 Kilometer langen Tunnel unter dem Fluss graben, durch den die Kabel später verlegt werden. Die ersten Kabel für SuedLink werden seit 2024 verlegt – hergestellt vom italienischen Kabelriesen Prysmian mit einer modernen XLPE-Isolierung für die 525-kV-Gleichspannung. Die Inbetriebnahme von SuedLink ist für 2028 geplant, während SuedOstLink bereits seit 2023 im Bau ist.
Die chinesische Realität: Geschwindigkeit durch Zentralismus
In China funktioniert der Prozess fundamental anders. Es gibt keine jahrelangen Bürgerbeteiligungsverfahren und keine Klagen vor Verwaltungsgerichten, die den Bau um Jahre verzögern. Die Planung erfolgt zentralstaatlich, die Finanzierung wird aus einer Hand gesteuert. Das bedeutet:
- Entscheidungsgeschwindigkeit: Ein Projekt wird beschlossen und sofort umgesetzt.
- Einheitliche Technologie: China setzt auf eine einheitliche Technologieplattform (1.100 kV) für alle großen Fernübertragungen, was Skaleneffekte bringt.
- Kein Erdkabelzwang: Auf den weiten Strecken sind Freileitungen die kostengünstigere und schnellere Lösung.
Die versteckte Ebene: Die Systemintegration
Der Vergleich der Technologie allein greift jedoch zu kurz. Der eigentliche Unterschied liegt in der Art und Weise, wie die Länder ihre Stromsysteme steuern und integrieren. Deutschland hat hier ein durchdachtes, aber komplexes System:
Deutschland: Ein fein abgestimmtes Regelwerk
Deutschland hat eines der fortschrittlichsten Strommarktdesigns der Welt. Der Schlüssel liegt in der Balance zwischen verschiedenen Mechanismen:
- Flexible Regelenergie: Deutschland verfügt über einen hohen Anteil flexibler Kraftwerke (Gas, Pumpspeicher, Batterien), die Schwankungen ausgleichen können. 2024 betrug der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bereits 49 Prozent.
- Europäischer Verbund: Deutschland ist über mehr als 30 grenzüberschreitende Leitungen mit seinen Nachbarländern verbunden. Diese Vernetzung erlaubt es, überschüssigen Strom ins Ausland zu exportieren und bei Dunkelflauten einzuführen. Die Koppelleistung beträgt rund 21 GW, etwa 8 Prozent der deutschen Gesamtleistung.
- Das Balancing-Unit-Prinzip: Das System der „Balancing Units“ (Bilanzkreise) ist ein zentraler Mechanismus. Jeder Stromhändler und jeder große Erzeuger muss einem Bilanzkreis angehören. Er muss seinen Stromverbrauch und seine Erzeugung im Voraus exakt prognostizieren. Weicht er ab, muss er teure Ausgleichsenergie kaufen – ein starker Anreiz für genaue Prognosen, die für die Integration von Wind- und Sonnenstrom essenziell sind.
- Die „Redispatch 2.0“-Regelung: Dies ist eine ausgeklügelte Mechanik, um Netzengpässe zu vermeiden. Wenn eine Leitung überlastet ist, werden Kraftwerke vor dem Engpass heruntergefahren und dahinter hochgefahren – ein massiver Eingriff, der aber im Interesse der Netzstabilität notwendig ist.
China: Aufholjagd mit anderen Mitteln
China hingegen steht vor einer anderen Herausforderung. Die Wind- und Solarkapazitäten wachsen so rasant, dass das Netz kaum hinterherkommt. Die Probleme sind bekannt:
- Regional unterschiedliche Entwicklung: Während die Megacities an der Küste Strom in Hülle und Fülle brauchen, wird im Westen immer mehr Ökostrom produziert.
- Fehlende flexible Kraftwerke: Im Vergleich zu Deutschland gibt es in China einen höheren Anteil an unflexiblen Kohlekraftwerken.
- Noch nicht vollständig ausgereifte Märkte: Die Strommärkte in China sind weniger ausdifferenziert. Die Preisspannen sind enger, was den Anreiz für Investitionen in flexible Speicher verringert.
China setzt daher nicht nur auf die Übertragungstechnik, sondern auch auf massive Investitionen in die Intelligentisierung des Netzes – mit Künstlicher Intelligenz, um Erzeugung und Verbrauch besser zu prognostizieren. Die Zahl der chinesischen Patente in diesem Bereich übersteigt inzwischen die der EU.
Fazit: Zwei unterschiedliche Philosophien der Effizienz
Die Frage „Was ist besser?“ lässt sich nicht absolut beantworten. Es ist ein Vergleich von zwei grundverschiedenen Systemen.
Die chinesische Lösung ist für ihre Bedürfnisse die bei Weitem effektivste: Sie überbrückt gigantische Distanzen mit einem Minimum an Verlusten, gestützt auf politischen Willen und finanzielle Power. Die deutsche Lösung ist für ihre Verhältnisse „effizienter“, wenn man die Akzeptanz der Bevölkerung, den Wert von Landschaftsschutz und die Komplexität eines integrierten europäischen Marktes als Erfolgskriterien mit einbezieht. Der jahrelange Stillstand beim Netzausbau gefährdet jedoch die Energiewende – hier hätte Deutschland von der chinesischen Geschwindigkeit lernen können, ohne die dortigen demokratischen Defizite zu übernehmen. Die Zukunft wird zeigen, ob die nun genehmigten Trassen rechtzeitig fertig werden, um den Anschluss nicht auch bei der Integration von KI in die Netzsteuerung zu verlieren.
Quellen:
- Deutscher Bundestag. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der AfD-Fraktion: Kosten und Leistungsfähigkeit der Nord-Süd-Stromtrasse. Drucksache 21/2519, 3. November 2025. [Dokument des Bundestags]
- Zhang Lei, Sun Shining, Wang Zelei. (Vergleich der Netzentwicklung in China und Deutschland sowie Referenzanalyse für den Aufbau eines neuen inländischen Stromsystems). Changcheng Securities Co., Ltd., 24. Dezember 2025. [Analyse eines chinesischen Wertpapierunternehmens]
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. „Fragen und Antworten zum Netzausbau“ (Stand 12. Mai 2025). [Offizielle FAQ der Bundesregierung]
- ZDF. „Ein Bohr-Gigant für die Energiewende – Der Weg zu einem neuen Elbtunnel“. 20. Januar 2025. [Beitrag des ZDF]
- Digital Energy Storage Network(Studie zum deutschen Strommarkt und daraus resultierende Erfahrungen für die Entwicklung in China). 26. April 2025. [Analyse eines chinesischen Fachportals]
- Netzausbau.de. „Planfeststellung“ (Informationen zum Verfahren). [Offizielle Informationsplattform der Bundesnetzagentur]
- Windkraft-Journal. „Prysmian beginnt mit der Kabelverlegung für TenneTs SuedLink-Projekt in Deutschland“. 23. Oktober 2024. [Fachartikel über den Baufortschritt]
- TenneT. „SuedOstLink“ (Projektbeschreibung auf der Unternehmenswebsite).
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