11 – Baustromverteiler und temporäre Anlagen nach Teil 704

Autor: DerSchneider

Einleitung: Strom auf Zeit mit besonderen Risiken

Baustellen sind keine normalen Elektroinstallationen. Feuchtigkeit, Staub, mechanische Beanspruchung, wechselnde Belegung und oft ungeschultes Personal erhöhen die Gefahr von Stromunfällen. Die VDE 0100-704 legt fest, wie temporäre Anlagen für Bau- und Abbrucharbeiten sicher zu errichten sind – von der Hauptverteilung bis zur letzten Verlängerungsleitung.

Dieser Artikel behandelt die speziellen Anforderungen an Baustromverteiler, die Pflicht zu RCDs, die Schutzarten und die Prüfung.

1. Anwendungsbereich von Teil 704

Teil 704 gilt für:

  • Temporäre Anlagen auf Baustellen (Hoch-, Tief-, Straßenbau)
  • Abbruchstellen
  • Veranstaltungsbaustellen (z. B. Messen, Zirkus) – wenn sie länger als eine Woche dauern? (Nein, eigentlich für Bauarbeiten, aber sinngemäß auch für temporäre Veranstaltungen)

Nicht für: dauerhafte Anlagen in Gebäuden, auch nicht für Heimarbeitsplätze.

2. Schutz gegen elektrischen Schlag auf Baustellen

Basisschutz (gegen direktes Berühren) muss besonders robust sein:

  • Mindest-Schutzart IP44 für Verteilerschränke (spritzwassergeschützt)
  • Bei extremen Bedingungen (Schlamm, Regen) IP55 oder höher

Fehlerschutz – hier die wichtigste Besonderheit:

  • Jeder Endstromkreis (Steckdosen, Beleuchtung, Geräteanschlüsse) muss mit einem RCD mit IΔn ≤ 30 mA abgesichert sein.
  • Ausnahme: Stromkreise, die von einer Fachkraft beaufsichtigt werden? Die Norm lässt keine Ausnahmen. Praktisch: 30 mA für alle.

Zusätzliche Anforderung: Die RCDs müssen den Typ A (oder höher) haben – Typ AC ist unzulässig wegen elektronischer Lasten (Bohrmaschinen mit Drehzahlsteuerung).

3. Baustromverteiler – Aufbau und Anforderungen

Ein typischer Baustromverteiler (nach DIN VDE 0100-704 und DIN VDE 0100-530) besteht aus:

KomponenteAnforderung
Hauptschalterallpolig, abschließbar (gegen unbefugtes Einschalten)
Vorsicherung (z. B. NH oder LS)Dem Kurzschlussstrom angepasst
RCDs30 mA, Typ A (oder B bei Frequenzumrichtern)
Leitungsschutzschalter (LS)Für jeden Endstromkreis, Charakteristik C (höhere Kurzschlussfestigkeit)
SteckdosenNach VDE 0620, mit Berührungsschutz, oft mit Klappdeckel (Schutzart IP44)
GehäuseMindestens IP44 (spritzwassergeschützt), aus isolierendem Material (Kunststoff) oder geerdetem Metall

Praxistipp: Baustromverteiler müssen als solche gekennzeichnet sein („Baustromverteiler“) und eine Prüfplakette (DGUV V3, jährlich) tragen.

4. Leitungen und Kabel auf Baustellen

  • Verlegeart: Nur für Baustellen zugelassene Gummischlauchleitungen (H07RN-F) oder ähnlich robust.
  • Keine Verlängerungsleitungen im Dauerbetrieb – wenn möglich, feste Verlegung in Kabelbrücken.
  • Überfahrschutz: Kabel müssen vor Quetschung geschützt sein (Kabelbrücken, Überfahrschutzprofile).
  • Isolationsfehler durch mechanische Beschädigung sind häufig – daher tägliche Sichtprüfung.

5. Prüfungen auf Baustellen (nach Teil 704 und BetrSichV)

PrüfartHäufigkeitWer
Sichtprüfung (auf Schäden, lose Verbindungen, Schutzart)Täglich vor BenutzungBenutzer (wenn eingewiesen) oder Elektrofachkraft
Wiederkehrende Prüfung (Messungen: RCD, Isolationswiderstand, Schleife)Mindestens alle 12 Monate (oft 3–6 Monate bei rauen Bedingungen)Elektrofachkraft
Prüfung nach Änderung oder InstandsetzungSofortElektrofachkraft

Die Dokumentation der wiederkehrenden Prüfung ist zwingend (Prüfbuch).

6. Typische Fehler auf Baustellen

FehlerFolge
Verwendung von handelsüblichen Innenraum-Verteilern (IP20)Wassereintritt → Kurzschluss, Personengefahr
RCD vom Typ AC (ältere Verteiler)Versagen bei pulsierenden Gleichfehlerströmen (z. B. defektes Bohrgerät)
Keine tägliche SichtprüfungBeschädigte Leitungen werden nicht erkannt
Verlängerungsleitungen in PfützenErhöhtes Risiko für Fehlerströme
Mehrfachstecker (Steckerleisten) hintereinander gestecktÜberlast, Kontaktprobleme, kein RCD-Schutz (wenn nicht in Verteiler integriert)

Checkliste für die Praxis

  • Baustromverteiler: Schutzart mindestens IP44? Gehäuse unbeschädigt?
  • RCDs: Alle Endstromkreise mit IΔn ≤ 30 mA, Typ A (oder B)? Auslösezeit geprüft?
  • Leitungen: Nur Gummischlauchleitungen (H07RN-F)? Keine Quetschungen, Schnitte?
  • Sind Verlängerungsleitungen so kurz wie möglich (max. 50 m empfohlen)?
  • Liegt ein gültiges Prüfprotokoll (nicht älter als 12 Monate) vor?
  • Erfolgt eine tägliche Sichtprüfung durch den Bauleiter oder Elektrofachkraft?
  • Ist der Hauptschalter abschließbar (gegen unbefugtes Einschalten während Wartung)?

Fazit und Ausblick

Baustellen sind Hochrisikobereiche. Teil 704 verlangt eine deutliche Verschärfung gegenüber normalen Installationen: RCD 30 mA für alle Endstromkreise, robuste Gehäuse, regelmäßige Prüfungen. Wer sich daran hält, vermeidet die häufigsten Baustellenunfälle.

Im nächsten Artikel (12) wenden wir uns der Zukunftstechnologie zu: „Ladestationen für Elektrofahrzeuge: Teil 722 verstehen“.

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