12 – Ladestationen für Elektrofahrzeuge: Teil 722 verstehen
Autor: DerSchneider
Einleitung: Die Wallbox ist keine Steckdose
Elektromobilität ist im Kommen – und mit ihr die private Wallbox. Doch die Installation einer Ladestation ist nicht trivial: Es drohen Gleichfehlerströme aus dem Fahrzeugakku, hohe Dauerströme und spezielle Anforderungen an den Fehlerschutz. Die VDE 0100-722 regelt seit 2016 (aktualisiert 2021) die Errichtung von Ladestationen für Elektrofahrzeuge.
Dieser Artikel erklärt, welche Wallbox wo erlaubt ist, welcher RCD vorgeschrieben ist, wie die Leitungsdimensionierung aussieht und welche Fallstricke es gibt.
1. Anwendungsbereich von Teil 722
- Ladestationen für Elektrofahrzeuge (auch E-Bikes, E-Roller)
- Wechselstrom (AC) und Gleichstrom (DC)
- Private und öffentliche Ladepunkte (unterschiedliche Anforderungen)
Nicht für: Induktive Ladung (noch nicht abschließend geregelt).
2. Die große RCD-Diskussion – Typ B oder Typ A + DC-Erkennung?
Das Problem: Im Fehlerfall kann aus dem Fahrzeugakku ein glatter Gleichfehlerstrom (DC) in die AC-Seite fließen. Ein Typ-A-RCD erkennt diesen nicht – er würde versagen.
Die Norm VDE 0100-722 bietet zwei Lösungen:
| Lösung | Beschreibung | Kosten |
|---|---|---|
| RCD Typ B | Erkennt auch glatte Gleichfehlerströme | teuer (ca. 200–300 €) |
| RCD Typ A + DC-Fehlerstromerkennung (z. B. EV-RCD) | Typ A übernimmt Wechsel-/pulsierende Fehler, ein zusätzliches Gerät erkennt DC ≥ 6 mA und schaltet ab | günstiger (ca. 100–150 €) |
Praxistipp: Viele Hersteller von Wallboxen integrieren die DC-Erkennung bereits. Lesen Sie die Datenblätter. Ein reiner Typ A ohne DC-Erkennung ist nicht zulässig.
3. RCD-Pflicht – auch bei fest angeschlossenen Wallboxen
Anders als bei normalen Geräten (wo Festanschluss ohne Steckdose manchmal keinen RCD erfordert) gilt für Wallboxen: Immer ein RCD mit den obigen Eigenschaften.
- Bei AC-Wallboxen (Typ 2 Stecker, 11 kW oder 22 kW) → RCD Typ B oder Typ A + DC-Erkennung.
- Bei DC-Wallboxen (Gleichstromlader, z. B. 50 kW) → sind eigene Vorschriften nach VDE 0100-722 und VDE 0122, meist mit integrierten Schutzmaßnahmen.
4. Leitungsdimensionierung und Lastmanagement
Wallboxen laden mit hohen Strömen (11 kW = 16 A dreiphasig, 22 kW = 32 A dreiphasig). Das belastet die Hausanschlussleitung stark.
- Leitungsquerschnitt: 5×10 mm² für 22 kW über 20 m, 5×6 mm² für 11 kW (abhängig von Länge und Verlegeart).
- Absicherung: LS C16 (für 11 kW) oder C32 (für 22 kW).
- Selektivität zum Hausanschluss prüfen (Hauptsicherung meist 35 A – bei 22 kW und gleichzeitigem Herd, Wärmepumpe wird es eng).
Lastmanagement (Energiemanagementsystem) ist nicht zwingend, aber bei 22 kW oft notwendig, um die Hauptsicherung nicht zu überlasten. VDE-AR-N 4100 der Netzbetreiber verlangt bei 22 kW häufig eine Zustimmung und ein Lastmanagement.
5. Besonderheiten bei öffentlichen Ladepunkten
Für öffentlich zugängliche Ladepunkte (Supermarkt, Parkhaus) gelten zusätzliche Anforderungen:
- Zugang für Rollstuhlfahrer (Mindesthöhe der Bedienelemente)
- Beleuchtung der Ladestation
- Schutz gegen Vandalismus (Gehäuse IK-Code)
- Protokollierung der Ladevorgänge (Eichrecht) – das fällt aber nicht unter VDE 0100.
6. Prüfung von Wallboxen nach VDE 0100-600
Zusätzlich zu den Standardprüfungen:
- RCD-Test mit dem entsprechenden Prüfstrom (auch DC-Anteil, wenn das Gerät kann – viele Standard-RCD-Prüfer können kein DC; dann nur AC/ pulsierend testen, DC-Erkennung separat prüfen)
- Funktionsprüfung der Kommunikation (CP/PP-Signale) – optional, aber sinnvoll
- Isolationswiderstand der DC-Seite (nur bei DC-Wallboxen)
7. Typische Fehler bei Wallbox-Installationen
| Fehler | Folge |
|---|---|
| Typ AC-RCD verwendet | Erkennung von Gleichfehlerströmen nicht möglich – Personenschutz aufgehoben |
| Keine DC-Fehlerstromerkennung bei Typ A | Wie oben |
| Leitungsquerschnitt zu klein (z. B. 5×2,5 mm² für 22 kW) | Kabelbrandgefahr |
| Kein Lastmanagement bei überlastetem Hausanschluss | Hauptsicherung fliegt bei gleichzeitigem Herd + Wallbox |
| Wallbox an ungeeignetem Stromkreis (z. B. hinter einem RCD, der schon mit anderen Verbrauchern belegt ist) | RCD kann durch Summe der Schutzleiterströme auslösen |
Checkliste für die Praxis
- Ist der RCD korrekt gewählt (Typ B oder Typ A + DC-Fehlerstromerkennung)?
- Leitungsquerschnitt und LS nach Last und Länge dimensioniert?
- Besteht Selektivität zum Hausanschluss (Hauptsicherung mindestens 1,6× Nennstrom der Wallbox)?
- Ist bei 22 kW ein Lastmanagement vorhanden (falls erforderlich)?
- Wurde eine Netzbetreiber-Anfrage gestellt (bei 22 kW oft Pflicht)?
- RCD-Prüfung durchgeführt – einschließlich DC-Erkennung (nach Herstellervorgabe)?
Fazit und Ausblick
Wallboxen sind keine gewöhnlichen Steckdosen. Der Fehlerschutz mit RCD Typ B oder Typ A + DC-Erkennung ist das zentrale Thema. Daneben kommen Lastmanagement und ausreichende Leitungsdimensionierung. Wer diese Punkte beachtet, installiert sicher und zukunftsfest.
Im nächsten Artikel (13) widmen wir uns einem sensiblen Bereich: „Medizinisch genutzte Räume: Teil 710 als Sonderfall“.
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