Die Beute von Coyote Hill: Wie Steve Jobs den Computer befreite

Palo Alto, Dezember 1979. Der Himmel über den Ausläufern der Santa Cruz Mountains ist von der typischen bleiernen Farbe, die kalifornischen Wintern eine melancholische Schwere verleiht. Auf dem Coyote Hill Road, in einem langgestreckten, flachen Betonbau mit riesigen Terrassen, sitzen Männer auf bunten Sitzsäcken und starren auf Bildschirme, die so aussehen, als hätten sie ein Grafikdesigner gemalt – nicht ein Programmierer in einem stickigen Rechenzentrum. Draußen, im kalten Wind, hält ein Mietwagen. Drinnen, im Gebäude des Xerox Palo Alto Research Center, PARC genannt, tanzt einer.

Der Typ ist jung, vielleicht 24, mit Jeans und einem weichen Bart. Er trägt den klischeehaften Look eines Campus-Hippies, aber seine Augen sind die eines Jägers. Er heißt Steve Jobs. Neben ihm steht Bill Atkinson, der Grafiker unter den Apple-Ingenieuren, und drückt fast seine Nase an der Kathodenstrahlröhre eines Gerätes platt, das wie eine Anrichte aus der Zukunft aussieht: der Xerox Alto.

Larry Tesler, der Forscher am PARC, bewegt einen hölzernen Klotz mit drei metallenen Rädern über den Tisch. Auf dem Bildschirm bewegt sich ein kleiner Pfeil. Er klickt. Ein Fenster öffnet sich. Er klickt auf ein anderes. Es überlappt das erste. Er markiert Text, schneidet ihn aus und fügt ihn woanders ein – in einer Schriftart, die genau so aussieht wie das, was später auf dem Papier stehen wird. WYSIWYG – What You See Is What You Get.

Jobs ist nicht mehr im Raum. Er tanzt. Er springt umher, fuchtelt mit den Armen und ruft immer wieder: „Warum tut ihr nichts damit? Das ist das Größte, was ich je gesehen habe! Das ist revolutionär!“ 

Die Forscher auf den Sitzsäcken lächeln nachsichtig. Sie haben gerade einen Verrückten aus Cupertino im Haus. Sie ahnen nicht, dass sie in diesem Moment zusehen, wie ihnen das 20. Jahrhundert gestohlen wird. Oder besser: wie ihnen die Beute abgenommen wird, die sie selbst nie zu heben wagten.

1. Der Prolog – Die Szene

Es riecht nach Kaffee, kalter Zigarettenasche und dem Ozongeruch eingeschalteter Röhrenmonitore. Die Atmosphäre im PARC ist legendär: keine Hierarchien, keine Management-Vorgaben, nur brillante Köpfe, die auf Sitzsäcken lĂĽmmeln und ĂĽber die Zukunft der Informatik philosophieren. Bob Taylor, der Leiter des Labors, hat die Crème de la Crème der ARPA-Networks-Forscher zusammengetrommelt – Männer, die vorher fĂĽr Douglas Engelbart gearbeitet hatten, der schon in den 60ern die Maus erfand . Hier, in diesem Nirgendwo am Rande von Stanford, ist das gelungen, wovon Rechenzentren träumen: Die Maschine ist nicht mehr nur ein Befehlskasten fĂĽr Lochkarten-Stanzer. Sie ist eine Zeichenfläche. Ein Desktop. Ein StĂĽck Papier, das lebt.

Doch fĂĽr Xerox, den Mutterkonzern im fernen Connecticut, der mit Kopierern Geld druckt wie eine Notenpresse, ist das alles nettes Spielzeug. Man lässt den TĂĽftlern auf dem HĂĽgel ihren Willen. Sie bauen den Alto, bauen Ethernet, bauen die erste Laserprint-Technik. Aber sie verkaufen nichts. Der Alto ist kein Produkt, er ist eine Machbarkeitsstudie. Rund 2000 dieser Maschinen werden gebaut und verschenkt – an Universitäten, an den Senat, an Freunde . Es ist der reine, unschuldige Erkenntnisgewinn. Das PARC ist das Alexandria der Moderne, nur dass die Bibliothekare keine Ahnung haben, wie man BĂĽcher verkauft.

Und dann kommt der Junge aus Cupertino, der noch nie etwas gebaut hat, aber genau weiĂź, wie man es verkauft.

2. Der Mensch – Der Dieb mit der Vision

Steve Jobs war zu diesem Zeitpunkt bereits Millionär. Die Apple-IPO stand kurz bevor, die Aktie wĂĽrde im nächsten Jahr durch die Decke gehen. Jobs hatte Xerox eine Hand gereicht: 100.000 Aktien fĂĽr eine Million Dollar – ein Schnäppchen fĂĽr Xerox, wenn man bedenkt, was die Papiere bald wert sein wĂĽrden. Aber Jobs wollte kein Geld. Er wollte, dass Xerox sein „Kimono öffnet“ . Er wollte ins Innere des Tempels.

Man muss sich das klarmachen: Jobs war kein Ingenieur. Er hat nie eine Platine entworfen, nie einen Compiler gebaut. Wozniak war der Techniker. Jobs war der Leser. Er hatte eine fast krankhafte Fähigkeit, das Gute zu erkennen und das GroĂźartige daraus zu destillieren. Später wird er Picasso zitieren: „Gute KĂĽnstler kopieren. GroĂźe KĂĽnstler stehlen.“  Das ist keine Rechtfertigung fĂĽr Kleptomanie. Das ist eine Design-Philosophie.

Denn was Jobs in diesem Raum auf dem Sitzsack sah, war nicht die perfekte Lösung. Es war die beste Lösung, die falsch gebaut wurde.

3. Das Problem – Die goldene Kugel und der Dreifach-Klick

Das Problem der Xerox-Maus: Sie war ein Wunderwerk der Ingenieurskunst – und ein absolutes Desaster fĂĽr den Alltag. Sie kostete 300 Dollar in der Herstellung, hatte drei Tasten und fiel nach zwei Wochen auseinander. Die Mechanik war filigran: Ein präzise gelagerter Kugellager-Mechanismus sorgte fĂĽr sanften Lauf, aber wehe, es gab KrĂĽmel auf dem Tisch. Oder Fussel. Oder SchweiĂź. Dann streikte das Ding. Und drei Tasten? Ein normaler Mensch wusste nicht, wo er die Finger lassen sollte. Was war primär? Was war sekundär? Welche Taste drĂĽckt man zum Löschen? Die Ingenieure des PARC bauten fĂĽr sich selbst. FĂĽr Genies. Nicht fĂĽr meine GroĂźmutter. Nicht fĂĽr den Sekretär. Nicht fĂĽr den „Normalen“.

Das Problem war nicht die Technologie. Das Problem war die Vorstellungskraft, wie ein normaler Mensch mit dieser Technologie umgehen wĂĽrde. Xerox dachte, sie bauten Werkzeuge fĂĽr Denker. Jobs wusste: Wir bauen Werkzeuge fĂĽr Leute, die nur denken wollen, nicht bedienen.

4. Der Bau / Die Funktionsweise – Wie man aus Unterarm-Deo eine Revolution macht

Dean Hovey, ein junger Designer der Firma, die später IDEO werden sollte, bekam den Anruf von Jobs nur wenige Tage nach dem PARC-Besuch. Jobs kam direkt zur Sache, kein Hallo, kein Smalltalk. Nur eine Ansage: „Du musst eine Maus bauen. Aber nicht so eine ScheiĂźe, wie ich sie bei Xerox gesehen habe. Unser Ding kostet in der Herstellung maximal 15 Dollar. Es hält ein paar Jahre. Und es muss auf meinen Bluejeans und auf meiner Resopal-Platte funktionieren.“ 

Hovey stand da, völlig überfordert. Was war eine Maus? Er fuhr los – zur nächsten Drogerie, Walgreens an der Ecke Grant und El Camino in Mountain View. Er wanderte durch die Gänge und suchte nach Dingen mit Kugeln. Und dann wurde ihm klar: Deo-Roller. Diese billigen, runden Kugeln aus Plastik, die sich in jeder Richtung drehen lassen, angetrieben vom Achselschweiß der Nation. Er kaufte alle Deos, die er finden konnte. Dazu einen Butter-Dish, diese kleinen Butterdosen.

ZurĂĽck in seinem winzigen BĂĽro, das eigentlich nur ein Schlafzimmer war, mit einer Werkstatt auf dem flachen Dach, begann das Basteln. Er goss Epoxidharz in den Metalldeckel eines Marmeladenglases, schmierte Vaseline auf eine Stahlkugel und drĂĽckte sie ins Harz. Als es hart wurde, hatte er eine Pfanne, in der die Kugel perfekt lief, ohne zu verkanten .

Die eigentliche Genialität lag in der Abtastung. Bei Xerox stützten aufwendige Kugellager die Kugel und übertrugen die Bewegung auf Rollen. Zu viel Reibung, zu komplex. Hoveys Team erkannte: Die Kugel muss frei schweben. Sie darf nur an zwei Punkten berührt werden – exakt auf der Mittellinie. Dort, wo die Rotationskräfte am geringsten sind. So entstand der klassische Aufbau: Zwei kleine, geschlitzte Rollen (für X- und Y-Achse), die von der Kugel gedreht werden, und eine dritte, federnde Rolle, die die Kugel nur gegen die Abtastrollen drückt. Einfach. Robust. Billig.

Und die Tasten? Jobs entschied sich gegen die drei Knöpfe der Xerox-Maus. Ein Knopf. Einer. Die BegrĂĽndung war radikal einfach: „Lernen, eine Maus zu bedienen, ist schwer genug. Ein Knopf ist simpel. Der ganze Rest sind Optionen, die in der Software liegen.“  Es war diese Reduktion aufs Wesentliche, die das PARC nie verstand.

5. Das Herzstück – Die eine Idee, die alles verändert

Aber das HerzstĂĽck der Geschichte, das eigentliche Genie, sitzt nicht in der Maus. Es sitzt im Zusammenspiel von Bildschirm und Hand. Das HerzstĂĽck ist die direkte Manipulation.

Im PARC sahen sie Icons. Sie hatten Fenster. Sie hatten Menüs. Aber wenn man auf ein Icon klickte, erschien oft ein Pop-up-Menü. Man musste einen Befehl auswählen. Im Grunde war es immer noch ein Kommandozeilen-Denken, nur versteckt hinter einer niedlichen Grafik.

Apple, angefĂĽhrt von Atkinson und einem Team, das sich als „Piraten“ fĂĽhlte, entwickelte das Konzept weiter. Die bahnbrechende Idee, die nicht aus PARC stammte, war Drag-and-Drop . Die Idee, dass man ein Icon – sagen wir, das Symbol eines Dokuments – mit der Maus anfassen, ĂĽber den Bildschirm ziehen und auf einem Ordner-Icon ablegen kann, um es dort zu speichern. Das war keine Simulation von Arbeit. Das war Arbeit, die sich anfĂĽhlte, als wĂĽrde man einen Zettel in eine Schublade legen. Es war intuitiv. Es war körperlich. Es war menschlich.

Bruce Horn, ein junger Programmierer, der noch am PARC gearbeitet hatte, bevor er zu Apple kam, schrieb den Finder des Macintosh. Er implementierte genau diese Idee: Dateien als physische Objekte, die man bewegen kann. „Die Idee der direkten Manipulation von Dateien stammt von der Mac-Gruppe“, schrieb er später in seinen Memoiren auf folklore.org . Das war der Quantensprung. Nicht die Kopie, sondern die Weiterentwicklung. Xerox zeigte die TĂĽr. Apple ging hindurch und baute das Haus.

6. Das Ende – Triumph und Tragödie

Xerox zog sich zurück. Sie brachten 1981 die Xerox Star Workstation auf den Markt – ein technisch beeindruckendes, aber teures und langsames System fürs Büro. Es floppte. Das Management in Connecticut hatte nie verstanden, was für ein Juwel sie da im Garten hatten. 1983 kam der Apple Lisa, direkt beeinflusst vom PARC-Besuch, aber immer noch viel zu teuer (10.000 Dollar). Auch ein Flop.

Und dann, 1984, der Macintosh. Die erste Superbowl-Werbung („1984“), das kleine graue Gehäuse, der Preis von 2.495 Dollar – und diese eine Maus. Der Macintosh war nicht perfekt. Er war langsam, hatte nur 128 Kilobyte RAM und keine Festplatte. Aber er hatte die Idee. Alan Kay, der Vordenker des PARC, der später zu Apple wechselte, meckerte: „Ein Honda mit einem Ein-Gallonen-Tank“ . Aber er räumte auch ein: Die Art, wie Apple die Ideen aufnahm, war richtig.

Die Tragödie? Xerox verklagte Apple später wegen Urheberrechtsverletzung. Und verlor. Die Richter sahen, dass Apples Umsetzung eigenständig genug war. Mehr noch: Sie sahen, dass die Ideen der grafischen Oberfläche selbst eine längere Geschichte hatten, die bis zu Engelbart und Vannevar Bush zurückreichte. Man kann das Wetter nicht patentieren, nur eine bestimmte Art, es zu messen.

7. Der Epilog – Was bleibt?

Was bleibt, ist mehr als die Geschichte vom groĂźen Diebstahl. Es ist die Geschichte vom Unterschied zwischen Erfinden und Erschaffen.

Xerox PARC erfand die Zukunft. Aber sie hatten kein GefĂĽhl fĂĽr den Menschen, der diese Zukunft betreten wĂĽrde. Sie bauten fĂĽr sich selbst. FĂĽr die 100 Genies auf dem HĂĽgel.

Jobs und sein Team – die TĂĽftler, die Poeten, die Musiker, die in die Computerbranche abgewandert waren  â€“ sie bauten fĂĽr den Typen, der gerade den Keller betritt und seinen Staubsauger reparieren will. FĂĽr die Sekretärin, die einen Brief schreiben muss. FĂĽr das Kind, das zum ersten Mal ein Bild malt.

Der Forscher Larry Tesler, der Steve Jobs damals die Maus zeigte, war so beeindruckt von dem tanzenden Jungen, dass er sieben Monate später selbst zu Apple wechselte . Er sagte später: „Steve wollte, dass du groĂźartig bist. Und er zwang dich dazu, etwas GroĂźartiges zu schaffen.“ 

Heute ist das PARC an SRI International verschenkt worden – ein Forschungsinstitut, das einst Siri entwickelte . Xerox hat es aufgegeben. Die Bibliothek ist geschlossen. Die BĂĽcher sind verteilt.

Aber wenn du heute deine Hand auf eine Maus legst – oder deinen Finger auf ein Smartphone-Display – dann spürst du noch immer diese eine Dezembersekunde 1979. Den Moment, als ein Hippie aus Cupertino in einem sterilen Forschungsbau zu tanzen begann, weil er in einer Maschine die Seele des Menschen sah. Er nahm sich, was er brauchte. Aber er gab uns allen dafür die Freiheit, die Maschine nie wieder als Feind zu sehen. Nur als Werkzeug. Als Verlängerung unserer Hand.

Die Quellen dieser Geschichte liegen verstreut: in den Archiven der Stanford University, die die Geschichte der PARC-Besuche minutiös dokumentieren ; in der mĂĽndlichen Ăśberlieferung von Dean Hovey, der in seinem improvisierten BĂĽro auf dem Dach mit Deo-Rollern spielte; und in den Patenten, die Apple später anmeldete und die zeigen, dass der Unterschied zwischen einem guten und einem groĂźartigen Dieb manchmal nur eine Frage der Reduktion ist – vom Dreifach-Klick zum einfachen, befreienden Klick.

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