Die Pille und der Preis
Was der Milzbrand-Herbst 2001 über Patente, Profit und Prinzipien verriet
1. Der Prolog – Als das weiße Pulver nach Amerika kam
Es ist der 4. Oktober 2001, drei Wochen nach dem Tag, der die Welt veränderte. Drei Wochen nach dem Rauch, dem Staub, den einstürzenden Türmen. Amerika ist noch im Schock, als in den Redaktionsräumen des Sun-Tabloids in Boca Raton, Florida, ein seltsamer Briefumschlag auftaucht. Robert Stevens, Foto-Redakteur, 63 Jahre alt, öffnet ihn. Drei Tage später liegt er auf der Intensivstation. Die Diagnose: Milzbrand. Inhalationsmilzbrand. Die tödlichste Form. Die, gegen die es fast kein Zurück gibt .
Am 8. Oktober ist Robert Stevens tot. Der erste Mensch, der in den USA seit 25 Jahren an Milzbrand stirbt. Nicht auf dem Schlachtfeld, nicht im Labor – am eigenen Schreibtisch.
Was jetzt folgt, ist eine Panik, die sich langsam, aber unaufhaltsam ausbreitet. Briefe mit feinem, weißem Pulver tauchen auf. Im Büro des Mehrheitsführers im Senat, Tom Daschle. Im Büro von Senator Patrick Leahy. In den Redaktionen der großen Fernsehsender. Das weiße Pulver rieselt aus Kuverts, rieselt auf Teppiche, rieselt in die Lungen von Postangestellten, die nichts ahnen. Zuerst sind es fünf Infizierte, dann zehn, dann mehr. Zwölf Menschen erkranken schwer, fünf sterben .
Und im ganzen Land, in jeder Apotheke, an jedem Küchentisch, fällt ein Name: Cipro. Ciprofloxacin. Das einzige Antibiotikum, das von der US-Arzneimittelbehörde FDA ausdrücklich für die Behandlung von Inhalationsmilzbrand zugelassen ist . Ein Name wie eine Litanei. Cipro, Cipro, Cipro.
Die Nachfrage explodiert. Nicht nur bei der Regierung, die einen nationalen Vorrat anlegen will. Auch bei ganz normalen Menschen. In den Apotheken kosten die Tabletten vier bis fünf Dollar pro Stück, manchmal mehr . Die Regierung zahlt vor den Anschlägen 1,77 Dollar pro Tablette – für Großabnehmer ein hoher Preis, aber das ist der Preis des Monopols .
Denn Cipro hat nur einer: Bayer. Der deutsche Konzern hält das Patent. Und Patente, das weiß jeder, der schon mal versucht hat, ein Ersatzteil für einen alten Staubsauger zu finden, sind keine Belohnung. Sie sind ein Monopol. Ein staatlich verliehenes Monopol. Und in diesem Herbst, in diesem Amerika voller Angst, wird dieses Monopol zur Zerreißprobe.
Wem gehört das Leben, wenn der Tod im Briefkasten liegt? Und was ist ein Leben wert – in Dollar, in Cent, in Prinzipien?
2. Der Mensch – Klaus Grohe und die Nacht, in der das Molekül entstand
Bevor wir über Patente reden, über Preise und über Politik, müssen wir über einen Mann reden. Einen Chemiker. Einen, der nachts nicht schlafen konnte. Einen, der gegen seine eigene Firma kämpfen musste, um ihr das zu geben, was sie später retten würde.
Klaus Grohe. Jahrgang 1934, geboren in Ludwigshafen am Rhein. Studium der Chemie in Würzburg, Promotion 1964 über Pyridinderivate – eine Arbeit, die heute nur noch Spezialisten verstehen, die aber zeigt, worum es ihm ging: um die Struktur, um das Innenleben, um die Frage, wie man Moleküle baut, die in der Natur nicht vorkommen, aber trotzdem wirken .
1965 tritt er in das Wissenschaftliche Hauptlaboratorium der Bayer AG in Leverkusen ein. Ein junger Chemiker, voller Ideen. Sein erster Gang führt ihn zu seinem Chef, dem großen Otto Bayer (der übrigens nicht mit dem Konzern verwandt war, aber dessen Namen trug). Grohe sagt: „Ich möchte eigenen Ideen nachgehen.“ Das ist kein Größenwahn. Das ist das Programm eines Mannes, der verstanden hat, dass die großen Entdeckungen nicht am Fließband entstehen, sondern in den stillen Stunden, wenn alle anderen längst schlafen .
In den 1970er Jahren forscht Grohe an einer neuen Klasse von Antibiotika, den Fluorchinolonen. Die Idee: Penicillin und seine Verwandten greifen die Zellwand der Bakterien an. Aber Bakterien sind lernfähig. Sie werden resistent. Also muss man sie woanders packen. An einer Stelle, die sie nicht einfach verändern können. Grohes Ziel: die Gyrase, ein Enzym, das die bakterielle DNA aufwickelt und entwindet. Wenn man die Gyrase blockiert, kann sich das Bakterium nicht mehr vermehren. Es stirbt, ohne dass man es töten muss .
Das Forschungsmanagement bei Bayer findet das interessant, aber nicht prioritär. Man setzt auf andere Projekte, auf andere Wirkstoffe. 1975 wird Grohe strafversetzt. Von der Pharma- in die Pflanzenschutz-Forschung. Offiziell: aus Gründen der Organisation. Inoffiziell: weil er nicht lockerließ. Weil er unbequem war. Weil er weiter an seinen Chinolonen forschte – heimlich, nebenher, in den Pausen.
Die Akten, die heute im Bayer-Archiv liegen, schweigen dazu. Aber Grohe hat es nie vergessen. In Interviews Jahre später wird er davon erzählen, mit einer leisen Bitterkeit, die nie ganz verschwindet.
Am 15. April 1981, einem Datum, das man sich merken sollte, gelingt ihm der Durchbruch. In einem Labor, in dem er offiziell gar nicht mehr forschen sollte, synthetisiert er Ciprofloxacin. Ein Molekül, das eine Fluor-Gruppe trägt – daher der Name Fluorchinolone – und eine spezielle Ringstruktur, die es besonders wirksam macht. Drei Tage später folgt Enrofloxacin für die Tiermedizin .
Die Patentschrift, die er damals einreicht, ist ein trockenes Dokument. Formeln, Verfahren, Ansprüche. Patentnummer: DE 3142854. Anmeldedatum: 28. Oktober 1981. Erteilt: 1983. Aber hinter diesem Papier steht ein Mann, der sechs Jahre lang gegen die eigene Firma kämpfen musste, um ihr das zu geben, was sie später retten würde .
1983 kommt Ciprofloxacin unter dem Namen Ciprobay auf den Markt. Es wird eines der weltweit meistverkauften Antibiotika. Ein Blockbuster. Ein Milliardengeschäft. Und Klaus Grohe? Der forscht weiter, bekommt Auszeichnungen, wird 1997 in den Ruhestand verabschiedet. Kein großer Bahnhof, wie er sagt. Kein Festakt. Erst auf seine Beschwerde hin gibt es doch noch ein wissenschaftliches Symposium. Eine späte Geste .
2001, im Herbst der Angst, als sein Molekül plötzlich in aller Munde ist, sitzt Klaus Grohe längst in seinem Ruhestand. Er sieht die Bilder im Fernsehen, hört die Diskussionen über Patente und Preise. Er gründet mit seiner Frau Eva eine Stiftung, um junge Chemiker zu fördern. Später bekommt er das Bundesverdienstkreuz. Aber der bittere Nachgeschmack bleibt. Ein Erfinder, der vergessen wurde, bis sein Produkt zur Rettung gebraucht wurde .
3. Das Problem – Die Pille und das Monopol
Kommen wir zurück in den Oktober 2001. Die USA stehen vor einem logistischen Albtraum. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) empfehlen Cipro als Mittel der Wahl gegen Inhalationsmilzbrand. Empfehlen heißt: Wer infiziert ist oder infiziert sein könnte, muss 60 Tage lang zweimal täglich eine Tablette nehmen. Das sind 120 Tabletten pro Person. Für eine Million Menschen: 120 Millionen Tabletten .
Bayer produziert. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. In Pittsburgh, in Leverkusen, in Connecticut. Die Anlagen laufen heiß. Im September 2001, vor den Anschlägen, liefert Bayer 50 Millionen Tabletten – mehr als doppelt so viel wie im Monat zuvor . Aber es reicht nicht. Es kann nicht reichen. Denn die Nachfrage ist nicht nur groß. Sie ist unendlich.
Und dann kommt die Politik ins Spiel.
Kanada macht den Anfang. Die Regierung in Ottawa erklärt, dass sie das Patent von Bayer nicht anerkennt. Nicht im Prinzip, aber im konkreten Fall. Ein nationaler Notstand, sagt man, erlaubt es, Zwangslizenzen zu erteilen. Das heißt: Der Staat erlaubt einem anderen Hersteller, das Medikament zu kopieren, ohne den Patentinhaber zu fragen. Gegen eine angemessene Vergütung, aber ohne sein Einverständnis .
Kanada bestellt 900.000 Tabletten beim kanadischen Generika-Hersteller Apotex. Kostenpunkt: etwa 63 Cent pro Stück. Fast ein Dollar weniger als Bayers Preis für die US-Regierung. Apotex hat die Tabletten nicht entwickelt. Sie kopieren nur. Aber das Gesetz erlaubt es – bei nationalem Notstand .
In den USA wird der Druck noch größer. Senator Charles Schumer, Demokrat aus New York, ein Mann, der weiß, wie man Schlagzeilen macht, fordert öffentlich, dem kanadischen Beispiel zu folgen. „Wenn wir die Zahl der Hersteller erhöhen, haben wir mit größerer Wahrscheinlichkeit genug vorrätig“, sagt er. Eine Logik, die jedes Kind versteht .
Die Verbraucherschützer ziehen nach. Sie verklagen Bayer. Die Vorwürfe: Illegale Preisabsprachen, Ausnutzung des Marktmonopols, Verhinderung von billigen Nachahmermedikamenten. In einer Zeit, da ganz Amerika Angst hat, stößt es vielen bitter auf, dass ein deutscher Konzern satte Gewinne einfährt, während die Postangestellten sterben .
Und dann ist da noch die Heuchelei. Die Welt erinnert sich plötzlich an etwas, das sie lieber vergessen hätte. Jahrelang haben die USA Entwicklungsländer daran gehindert, billige AIDS-Medikamente herzustellen. Jahrelang haben sie auf ihren Patentrechten beharrt, während in Afrika Millionen an AIDS starben. Und jetzt, wo der Milzbrand vor der eigenen Haustür liegt, ist auf einmal alles anders. Jetzt ist der Notstand da. Jetzt darf man Patente brechen .
Ein niederländischer EU-Abgeordneter, Erik Meijer, stellt im November 2001 eine Anfrage an die EU-Kommission. Er fragt, ob die Kommission nicht auch finde, dass die amerikanisch-kanadische Aufregung einen zynischen Beigeschmack habe. Wenn man in reichen Ländern Patente brechen dürfe, warum dann nicht in armen? Die Antwort der Kommission ist vorsichtig, diplomatisch, aber sie sagt etwas Entscheidendes: Ja, Zwangslizenzen sind erlaubt. Und jedes Land darf selbst entscheiden, was ein nationaler Notstand ist .
4. Das Herzstück – Der Wert des Monopols
Um zu verstehen, was hier wirklich passiert, muss man in die Paragrafen des Patentrechts schauen. Und in die Ökonomie.
Ein Patent ist, wie gesagt, kein Belohnungszettel. Es ist ein staatlich verliehenes Monopol. Für 20 Jahre darf der Inhaber anderen verbieten, seine Erfindung zu nutzen. Auch wenn sie es besser könnten. Auch wenn sie es billiger könnten. Auch wenn Menschen sterben.
Der Ökonom Sir Arnold Plant hat das einmal auf den Punkt gebracht: „Während das Privateigentum in der Regel der Erhaltung knapper Güter dient, ermöglichen Patentrechte die Schaffung einer Knappheit, die sonst nicht aufrechterhalten werden könnte.“ Übersetzt: Patente machen Dinge künstlich knapp, damit der Erfinder Geld verdienen kann.
Bayer konnte den Preis hochhalten, weil es keine Konkurrenz gab. Und es gab keine Konkurrenz, weil der Staat sie verbot.
Die Kritiker vom Ludwig von Mises Institute, einer libertären Denkfabrik, sprachen damals von einer „erfundenen Knappheit“. In Indien, wo Bayers Patent nicht galt (oder nicht anerkannt wurde), kostete eine Tablette Cipro umgerechnet etwa 20 Cent. In den USA das Zehnfache. Der Unterschied: das Patent .
Aber so einfach ist es nicht. Denn ohne Patente hätte Klaus Grohe vielleicht nie die Freiheit gehabt, jahrelang an einer Idee zu forschen, die sein Management nicht wollte. Vielleicht wäre das Molekül nie entdeckt worden. Vielleicht hätte ein anderer es entdeckt, vielleicht auch nicht. Die Geschichte ist voll von Erfindern, die ohne Konzernmacht Großes leisteten. Aber sie ist auch voll von Ideen, die in Schubladen verschwanden, weil keiner Geld damit verdienen konnte.
Die Frage ist nicht: Patent ja oder nein? Die Frage ist: Was passiert, wenn das Monopol auf ein lebensrettendes Medikament trifft – und die Welt brennt?
5. Die Verhandlung – Der Preis der Angst
Am 24. Oktober 2001, nach tagelangen Verhandlungen, gibt es eine Einigung. Gesundheitsminister Tommy Thompson und Helge Wehmeier, der Chef der US-Niederlassung von Bayer, stehen gemeinsam vor den Kameras. Sie verkünden einen Deal .
Bayer liefert 100 Millionen Tabletten Cipro zum Preis von 95 Cent pro Stück. Das ist fast die Hälfte des bisherigen Preises von 1,77 Dollar. Die US-Regierung spart damit 95 Millionen Dollar. Weitere 100 Millionen Tabletten sollen zu 85 Cent geliefert werden, die dritten 100 Millionen zu 75 Cent. Insgesamt genug, um 12 Millionen Menschen zu behandeln – wenn auch nur für 60 Tage .
Wehmeier sagt: „Bayer ist vollständig verpflichtet, die USA in ihrem Kampf gegen Bioterrorismus zu unterstützen.“ Die Männer und Frauen von Bayer, sagt er, seien zu 100 Prozent engagiert, dieses lebenswichtige Antibiotikum pünktlich zu liefern .
Dazu gibt es eine Spende: zwei Millionen Tabletten kostenlos. Und ein Versprechen: Man werde auch nach Kanada zu diesem Preis liefern. Kanada zieht daraufhin seine Patentaufhebung zurück. Die 900.000 Tabletten von Apotex wandern nicht in den Regierungsvorrat. Bayer hat gewonnen. Oder?
Die Konkurrenz schläft nicht. Johnson & Johnson beantragt bei der FDA die Zulassung seines Antibiotikums Levaquin (Levofloxacin) für die Milzbrand-Behandlung. Und bietet der Regierung bis zu 100 Millionen Tabletten kostenlos an. Bristol-Myers Squibb und GlaxoSmithKline ziehen nach. Auch sie haben Antibiotika, auch sie könnten helfen. Aber sie brauchen die Zulassung der FDA. Und die braucht Zeit .
Plötzlich geht es nicht mehr nur um Bayers Monopol. Es geht um die Frage, ob die Konkurrenz überhaupt liefern darf. Und die FDA, sonst ein Bollwerk gegen Billigimporte, wird zum Spielball der Politik.
Am Ende einigt man sich. Bayer bleibt der Hauptlieferant, aber unter massivem Preisdruck. Die anderen Konzerne bieten ihre Mittel an, falls Bayer nicht liefern kann. Ein System der gegenseitigen Kontrolle. Eine Art sozialistische Planwirtschaft im Herzen des Kapitals.
6. Das Ende – Die Heuchelei des Westens
Aber die Geschichte ist nicht zu Ende. Sie fängt gerade erst an.
Denn im November 2001, nur wenige Wochen nach dem Cipro-Deal, findet in Doha, Katar, die vierte Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) statt. Auf der Tagesordnung: das TRIPS-Abkommen, das Abkommen über handelsbezogene Rechte an geistigem Eigentum. Und die Frage, ob Entwicklungsländer in Notfällen Zwangslizenzen erteilen dürfen .
Die USA blockieren. Sie wollen, dass die Ausnahmeregelung nur für eine Liste eng definierter Krankheiten gilt. AIDS, Tuberkulose, Malaria. Aber nicht für alles. Nicht für das, was die Länder selbst für einen Notstand halten. Die EU macht einen Kompromissvorschlag. Die Entwicklungsländer und Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen sind empört. Sie fragen: Warum gilt der nationale Notstand für euch, aber nicht für uns? Warum durftet ihr Bayers Patent brechen – und wir dürfen keine AIDS-Medikamente kopieren?
Die Antwort ist einfach und zynisch zugleich: Weil ihr arm seid. Weil ihr keine Lobby habt. Weil eure Patienten nicht in Washington anrufen können.
Das Deutsche Ärzteblatt schreibt dazu einen bitteren Kommentar: „Während in der WTO das Gezerre um Patentrechte und Absatzmärkte – immerhin ein Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Pharmaindustrie auf dem afrikanischen Kontinent – weitergeht, bleiben Millionen Aidskranke unbehandelt, weil sie arm sind – Risiken und Nebenwirkungen des Welthandels“ .
Die Doha-Erklärung, die schließlich verabschiedet wird, ist ein Fortschritt. Sie bekräftigt, dass jedes Mitglied das Recht hat, Zwangslizenzen zu erteilen und die Gründe dafür selbst festzulegen. Aber die Umsetzung dauert Jahre. Und bis heute ist der Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten in Entwicklungsländern ein Problem .
7. Der Epilog – Was bleibt?
Klaus Grohe ist heute über 90 Jahre alt. Er lebt im Ruhestand, aber seine Stiftung fördert junge Chemiker. 2005 bekam er das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. 2001, im Jahr der Krise, erhielt er die Otto-Bayer-Medaille für sein Lebenswerk .
Wenn er über Bayer spricht, klingt immer noch eine leise Bitterkeit mit. Forscher müsste man ermutigen, nicht entmutigen, sagt er. Und dass bei Bayer heute zu viel über Management nachgedacht wird und zu wenig über Erfindungen.
Die Milzbrand-Anschläge von 2001 wurden nie ganz aufgeklärt. Der Täter, ein Armee-Wissenschaftler namens Bruce Ivins, nahm sich 2008 das Leben, bevor er verurteilt werden konnte. Die Briefe, das weiße Pulver, die Angst – sie sind Geschichte.
Ciprofloxacin ist längst ein Generikum. Die Patente sind ausgelaufen. Man bekommt es für ein paar Euro in der Apotheke. Aber es ist nicht mehr das Mittel der ersten Wahl. Die FDA hat 2016 die Anwendung eingeschränkt, weil die Nebenwirkungen schwerwiegend sein können. Sehnenrisse, Nervenschäden, psychotische Störungen – all das kann vorkommen . Ein Rote-Hand-Brief von 2019 warnte Ärzte davor, Fluorchinolone bei einfachen Infektionen einzusetzen .
Das Medikament, das 2001 als Retter gefeiert wurde, ist heute ein Risiko. Die Bakterien haben gelernt, damit umzugehen. Und die Welt hat gelernt, dass es keine einfachen Lösungen gibt.
Aber die Frage bleibt: Wem gehört das Leben?
Die freie Marktwirtschaft sagt: Dem, der es erfunden hat. Der Erfinder sagt: Mir, aber ich will, dass es hilft. Der Politiker sagt: Dem Volk, besonders wenn es wählen geht. Der Patient sagt: Mir. Jetzt.
Klaus Grohe hat einmal eine kleine Menge seines selbst synthetisierten Cipro genommen, als er eine Zahnwurzelentzündung hatte. Es wirkte. Er hatte drei Tage lang keinen Geschmackssinn, aber die Entzündung war weg. Ein Erfinder, der sein eigenes Medikament testet. Ein Konzern, der seinen Erfinder vergisst. Eine Regierung, die Patente bricht oder auch nicht – je nachdem, wie laut die Lobbyisten schreien. Und dazwischen: eine Pille, die Leben rettet.
Die Maschine, das Medikament, das Patent – das sind nur Buchstaben. Der Mensch ist das Wort.
Und wenn du jetzt dein nächstes Antibiotikum nimmst, denk dran: Irgendwo hat jemand nachts nicht schlafen können, damit es wirkt. Und irgendein Anwalt hat dafür gesorgt, dass es teuer bleibt. So lange, bis die Welt mal wieder brennt.
Quellen
Die Erinnerungen an Klaus Grohe und seine Auseinandersetzungen mit Bayer sind in den Wikipedia-Artikeln und Chemie-Portalen dokumentiert – nüchterne Fakten, hinter denen ein ganzes Forscherleben steht .
Die Preisverhandlungen zwischen Bayer und der US-Regierung wurden vom Manager Magazin und der British Medical Journal bis ins Detail verfolgt – man kann die Anspannung in den Zahlen noch heute spüren .
*Die Heuchelei des Westens im Vergleich zur AIDS-Politik thematisierte das Deutsche Ärzteblatt im März 2003 – ein Text, der an Schärfe bis heute nichts verloren hat .*
Die Anfrage des EU-Abgeordneten Erik Meijer und die Antwort der Kommission zeigen, wie schnell aus nationaler Panik globale Prinzipien werden – und wie schnell sie wieder vergessen sind .
*Der Tagesspiegel-Kommentar vom Oktober 2001 bringt die liberale Position auf den Punkt: Ein Erfolg gegen Bayer wäre eine Niederlage für die Zukunft der Innovation – ein Argument, das man kennen muss, auch wenn man es nicht teilt .*
Kommentar abschicken