Die Sprache der Sicherheit: Eine umfassende Betrachtung der Festigkeitsklasse 8.8 bei Schrauben

1. Einleitung: Wenn Zahlen über Leben und Tod entscheiden

Auf dem Kopf einer unscheinbaren Schraube prangen zwei Ziffern, getrennt durch einen Punkt: 8.8. Für den Laien wirkt diese Kennzeichnung kryptisch, für den Ingenieur ist sie ein Versprechen – und eine Verpflichtung. Diese kleine Prägung ist das Ergebnis jahrzehntelanger Normungsarbeit und internationaler Abstimmung. Sie ist der Ausweis einer Schraube, ihr Lebenslauf und ihr Leistungsversprechen in einem.

Die Festigkeitsklasse 8.8 ist die am weitesten verbreitete Güteklasse für mechanische Verbindungselemente im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und im Bauwesen . Sie markiert die Schwelle zur Hochfestigkeit und verkörpert das optimale Verhältnis von Belastbarkeit, Verarbeitbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Wer die Bedeutung dieser Ziffern versteht, erkennt die Sprache der Sicherheit, die in jeder verschraubten Konstruktion spricht.

Dieser Artikel zeichnet die Geschichte dieser Kennzeichnung nach, entschlüsselt ihre mathematische Logik, ordnet sie in das internationale Normengefüge ein und zeigt ihre praktische Bedeutung in verschiedenen Anwendungsbereichen auf. Denn kaum ein anderes Bauteil ist so allgegenwärtig und wird gleichzeitig so sehr unterschätzt wie die Schraube mit der Kennzahl 8.8.

2. Die Geschichte der Festigkeitskennzeichnung: Vom nationalen Regelwerk zum Weltstandard

2.1 Die Anfänge der industriellen Normung in Deutschland

Die Wurzeln der Festigkeitsklassen reichen tief in die deutsche Industriegeschichte des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Mit der zunehmenden Mechanisierung und dem Wachstum der Automobilindustrie entstand ein dringender Bedarf nach einheitlichen Qualitätskriterien für Verbindungselemente. Das 1917 gegründete Deutsche Institut für Normung (DIN) übernahm hier eine Vorreiterrolle.

Bereits in den 1930er Jahren entwickelten deutsche Ingenieure erste Systeme zur Klassifizierung von Schraubenfestigkeiten. Bezeichnungen wie „8G“ oder „10K“ tauchten in technischen Zeichnungen auf und waren Vorläufer des heutigen Systems . Die Grundidee war ebenso einfach wie genial: Die Festigkeit einer Schraube sollte auf einen Blick erkennbar sein, ohne aufwändige Tabellen oder Werkstoffprüfungen.

Die deutsche Industrie erkannte früh, dass die Sicherheit einer Schraubverbindung nicht nur vom Material, sondern auch von der Wärmebehandlung und der Fertigungspräzision abhängt. Die Einführung von Festigkeitsklassen ermöglichte es, Schrauben unterschiedlicher Hersteller vergleichbar zu machen – eine Voraussetzung für die arbeitsteilige Fertigung in der wachsenden Maschinenbauindustrie.

2.2 Der Weg zur Internationalisierung: Die Rolle der ISO

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs der internationale Handel rasant. Deutsche Maschinen wurden weltweit exportiert, amerikanische Fahrzeuge rollten über europäische Straßen. Dabei zeigte sich ein grundlegendes Problem: Eine Schraube nach deutscher DIN-Norm passte nicht unbedingt zu einer Mutter nach amerikanischer ANSI-Norm – und selbst wenn sie passte, war unklar, welche Belastung sie tatsächlich aushielt.

1947 wurde die International Organization for Standardization (ISO) gegründet mit dem Ziel, technische Handelshemmnisse abzubauen. Die Vereinheitlichung von Gewinden und Festigkeitsklassen stand dabei ganz oben auf der Agenda . Das bewährte deutsche System der zweistelligen Festigkeitsklassen wurde als Grundlage für die internationale Normung übernommen und weiterentwickelt.

Die entscheidende Norm heißt heute ISO 898-1 mit dem vollständigen Titel: „Mechanische Eigenschaften von Verbindungselementen aus Kohlenstoffstahl und legiertem Stahl – Teil 1: Schrauben mit festgelegten Festigkeitsklassen – Regelgewinde und Feingewinde“ . In Deutschland ist diese Norm als DIN EN ISO 898-1 übernommen, in China als GB/T 3098.1, in Japan als JIS B 1051 . Das System ist damit wahrhaft global.

Die Norm wird regelmäßig überarbeitet und an den Stand der Technik angepasst. Die Ausgabe von 2013 brachte Präzisierungen bei den Prüfverfahren, die Fassung von 2020 integrierte neue Erkenntnisse über das Verhalten von Schrauben bei erhöhten Temperaturen . Die grundlegende Logik der Kennzeichnung blieb jedoch über Jahrzehnte stabil – ein Zeichen für die Qualität des ursprünglichen Konzepts.

2.3 Von der nationalen zur europäischen Normung

Mit der Gründung der Europäischen Union und der Schaffung des europäischen Binnenmarktes gewann die Harmonisierung technischer Normen zusätzliche Dynamik. Das Europäische Komitee für Normung (CEN) übernahm die ISO-Normen als europäische Normen (EN). So wurde aus der deutschen DIN-Norm die DIN EN ISO 898-1 .

Diese Mehrfachkennzeichnung zeigt die verschiedenen Ebenen der Normung:

  • ISO: Weltweite Gültigkeit
  • EN: Europäische Harmonisierung
  • DIN: Nationale Übernahme in Deutschland

Für den Anwender bedeutet dies: Eine Schraube mit der Kennzeichnung 8.8, gefertigt nach DIN EN ISO 898-1, ist in Tokio genauso einsetzbar wie in Toronto oder Toulouse. Die mechanischen Eigenschaften sind identisch, die Prüfverfahren standardisiert, die Qualitätsanforderungen weltweit vergleichbar.

Diese internationale Vereinheitlichung war ein langer Prozess, der erst in den 1990er Jahren weitgehend abgeschlossen werden konnte. Ältere Fachleute erinnern sich noch an die Verwirrung, als plötzlich „ISO 4014“ statt „DIN 931“ auf den Verpackungen stand – bei identischer Geometrie und Festigkeit . Die Umstellung war ein Triumph der Vernunft über nationale Eigenheiten.

3. Das Geheimnis der Zahlen: Was 8.8 wirklich bedeutet

3.1 Die mathematische Logik hinter dem Punkt

Die Festigkeitsklasse einer Schraube wird durch zwei Zahlen ausgedrückt, die durch einen Punkt getrennt sind. Dies ist kein Dezimaltrenner, sondern ein symbolischer Bruchstrich zwischen zwei unterschiedlichen Aussagen.

Die erste Zahl (vor dem Punkt) gibt 1/100 der Nennzugfestigkeit in Megapascal (MPa) an. Bei der Klasse 8.8 bedeutet dies: 8 × 100 = 800 MPa Nennzugfestigkeit .

Die zweite Zahl (nach dem Punkt) steht für das Verhältnis von Streckgrenze zur Zugfestigkeit, multipliziert mit 10. Bei 8.8 bedeutet dies: (8 × 8) × 10 = 640 MPa Streckgrenze. Oder anders ausgedrückt: Die Streckgrenze beträgt 80% der Zugfestigkeit .

Diese einfache Berechnung erlaubt es jedem Techniker, ohne Tabellenwerk sofort die wesentlichen Festigkeitskennwerte einer Schraube zu ermitteln:

  • Zugfestigkeit Rm = erste Zahl × 100 MPa
  • Streckgrenze Re (bei 8.8: Dehngrenze Rp0,2) = erste Zahl × zweite Zahl × 10 MPa

Für die Klasse 8.8 ergibt sich also:

  • Zugfestigkeit Rm,nom = 800 MPa
  • 0,2%-Dehngrenze Rp0,2,nom = 640 MPa

Die Norm fordert allerdings Mindestwerte, die teilweise leicht über diesen Nennwerten liegen. Für die Klasse 8.8 beträgt die mindestens erforderliche Zugfestigkeit tatsächlich 800 MPa (für d ≤ 16 mm) bzw. 830 MPa (für d > 16 mm), die Mindestdehngrenze 640 MPa (für d ≤ 16 mm) bzw. 660 MPa (für d > 16 mm) .

3.2 Zugfestigkeit und Streckgrenze: Zwei unterschiedliche Konzepte

Um die Bedeutung dieser Zahlen vollständig zu erfassen, muss man die beiden Grundgrößen der Festigkeitslehre verstehen:

Die Zugfestigkeit (Rm) ist die maximale mechanische Spannung, die ein Werkstoff unter Zugbelastung ertragen kann, bevor er versagt. Sie markiert den Punkt, an dem die Schraube zerreißt. Bei einer 8.8er Schraube liegt diese Grenze bei mindestens 800 N pro Quadratmillimeter Querschnittsfläche . Eine M10-Schraube (Kerndurchmesser ca. 8,16 mm, Querschnitt ca. 52,3 mm²) kann also theoretisch eine Last von etwa 41.800 Newton tragen – das entspricht einer Masse von über 4 Tonnen.

Die Streckgrenze (Re) – bei höherfesten Schrauben spricht man von der Dehngrenze (Rp0,2) – ist die Spannung, bei der eine bleibende Verformung auftritt. Bei der 8.8er Schraube liegt diese Grenze bei 640 MPa . Wird diese Belastung überschritten, dehnt sich die Schraube dauerhaft – sie wird länger und dünner, ohne in ihre ursprüngliche Form zurückzukehren. Bei weiterer Belastung folgt schließlich der Bruch.

Die Differenz zwischen Streckgrenze und Zugfestigkeit ist der Verformungsbereich, in dem sich die Schraube plastisch verformt, bevor sie versagt. Diese Verformbarkeit ist ein wichtiges Sicherheitsmerkmal: Sie kündigt ein drohendes Versagen durch sichtbare Dehnung an, bevor der katastrophale Bruch eintritt. Bei der Klasse 8.8 beträgt dieser Sicherheitsbereich etwa 20% der Zugfestigkeit.

3.3 Die Tabelle der Festigkeitsklassen im Überblick

Die ISO 898-1 definiert ein ganzes Spektrum von Festigkeitsklassen für unterschiedliche Anwendungen :

KlasseMindest-Zugfestigkeit (MPa)Mindest-Streckgrenze/Dehngrenze (MPa)Typische Anwendung
4.6400240Leichte Befestigungen, Möbelbau
4.8420340Ähnlich 4.6, aber mit höherer Streckgrenze
5.6500300Maschinenbau mit mäßigen Anforderungen
5.8520420Höhere Vorspannung bei gleicher Zugfestigkeit
6.8600480Erhöhte Festigkeit bei begrenztem Bauraum
8.8800 (830 für d>16)640 (660 für d>16)Standard im Maschinenbau, Automobil, Stahlbau
9.8900720Höherfeste Alternative zu 8.8 bei gleichem Durchmesser
10.91040940Hochfeste Verbindungen, Motorenbau
12.912201100Extrem belastete Verbindungen, Rennsport, Luftfahrt

Die Klasse 8.8 nimmt in diesem Spektrum eine Mittelstellung ein. Sie bietet eine respektable Festigkeit von 800 MPa, bleibt aber ausreichend duktil (verformbar), um Toleranzen auszugleichen und Überlastungen durch Verformung anzuzeigen. Die Klassen 10.9 und 12.9 sind zwar deutlich fester, aber auch spröder und empfindlicher gegen Kerbwirkung und Wasserstoffversprödung .

Interessant ist die Unterscheidung bei der Klasse 8.8 nach dem Durchmesser: Für Schrauben über 16 mm Durchmesser gelten leicht erhöhte Mindestwerte (830 MPa Zugfestigkeit, 660 MPa Dehngrenze) . Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass größere Schrauben in der Regel höhere absolute Lasten übertragen müssen und die Wärmebehandlung bei größeren Querschnitten anspruchsvoller ist.

4. Werkstoff und Herstellung: Der Weg zur geforderten Festigkeit

4.1 Die richtige Stahlauswahl

Die Festigkeitsklasse 8.8 ist keine Materialangabe, sondern eine Eigenschaftsangabe. Das bedeutet: Unterschiedliche Stähle können durch geeignete Wärmebehandlung auf das Niveau 8.8 gebracht werden. Die Norm schreibt daher keine bestimmte Stahlsorte vor, sondern definiert die geforderten mechanischen Eigenschaften .

In der Praxis werden für Schrauben der Klasse 8.8 überwiegend Stähle mit mittlerem Kohlenstoffgehalt (ca. 0,30–0,50% C) oder niedriglegierte Stähle verwendet. Typische Werkstoffe sind:

  • C35 (1.0501): Ein Vergütungsstahl mit 0,32–0,39% Kohlenstoff
  • C45 (1.0503): Ein höhergekohlter Vergütungsstahl mit 0,42–0,50% Kohlenstoff
  • 40Cr (1.7045): Ein chromlegierter Vergütungsstahl für verbesserte Durchvergütbarkeit
  • 34CrMo4 (1.7220): Ein chrom-molybdän-legierter Stahl für höhere Anforderungen

Die Wahl des Ausgangsmaterials beeinflusst nicht nur die erreichbare Festigkeit, sondern auch die Durchvergütbarkeit bei größeren Abmessungen. Während eine M6-Schraube aus C45 problemlos auf 8.8-Niveau gebracht werden kann, stößt dieser Werkstoff bei M20 an seine Grenzen. Hier sind legierte Stähle erforderlich, die auch im Kern eine gleichmäßige Vergütungsstruktur gewährleisten .

4.2 Die Wärmebehandlung: Vergüten als Schlüsselprozess

Die geforderten mechanischen Eigenschaften der Klasse 8.8 werden durch eine Vergütung erreicht. Dieser Wärmebehandlungsprozess umfasst zwei Schritte:

1. Austenitisieren und Härten: Die Schrauben werden auf etwa 830–880°C erhitzt, sodass sich das Gefüge in Austenit umwandelt. Anschließend erfolgt ein schnelles Abkühlen (Abschrecken) in Öl oder einem Polymerbad. Dabei entsteht das sehr harte, aber spröde Gefüge Martensit .

2. Anlassen: Die gehärteten Schrauben werden erneut erhitzt, diesmal auf etwa 450–550°C. Durch dieses Anlassen wird das Gefüge entspannt, ein Teil der Sprödigkeit abgebaut und die gewünschte Kombination aus Festigkeit und Zähigkeit eingestellt. Die genaue Anlasstemperatur bestimmt die endgültige Festigkeit: Je höher die Temperatur, desto weicher (aber zäher) wird das Material .

Das Ergebnis dieser Wärmebehandlung ist ein vergütetes Gefüge, das die hohe Festigkeit des Martens mit der Zähigkeit angelassener Strukturen verbindet. Die Schraube erhält ihre charakteristische dunkle Oberfläche (durch die Oxidschicht), die oft als „brüniert“ oder „schwarz“ bezeichnet wird.

4.3 Qualitätssicherung und Prüfverfahren

Die Einhaltung der geforderten Festigkeitswerte wird durch umfangreiche Prüfungen sichergestellt. Die ISO 898-1 schreibt verschiedene Prüfverfahren vor :

Härteprüfung: Die einfachste und schnellste Kontrolle. Die Vickers-Härte (HV) muss bei 8.8er Schrauben zwischen 250 und 320 HV liegen . Da ein direkter Zusammenhang zwischen Härte und Zugfestigkeit besteht, kann hier bereits eine erste Einschätzung gewonnen werden.

Zugversuch: Die genaueste Methode. Eine genormte Probe oder die ganze Schraube wird bis zum Bruch gezogen. Gemessen werden Zugfestigkeit, Dehngrenze und Bruchdehnung .

Prüflastversuch: Eine praktische Prüfung für die Serie. Die Schraube wird mit einer definierten Prüflast (bei 8.8: 580 MPa) belastet. Sie darf sich dabei nicht bleibend verformen .

Kerbschlagbiegeversuch: Für Schrauben ab 16 mm Durchmesser ist auch die Zähigkeit bei tiefen Temperaturen (−20°C) nachzuweisen. Die Mindest-Schlagarbeit beträgt 27 J .

Diese Prüfungen werden nicht an jeder einzelnen Schraube durchgeführt, sondern im Rahmen der Werkszeugnisse stichprobenartig. Seriöse Hersteller dokumentieren die Ergebnisse in Abnahmeprüfzeugnissen nach EN 10204, die dem Kunden auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden.

5. Internationale Vergleichssysteme: Die Welt der Festigkeitsklassen

5.1 Das metrische ISO-System im globalen Kontext

Das ISO-System mit seiner Kennzeichnung durch zwei Zahlen (wie 8.8) ist heute weltweit verbreitet, aber nicht alleinige Norm. Insbesondere in Nordamerika haben sich parallele Systeme für Zollabmessungen entwickelt, mit denen das ISO-System kompatibel sein muss .

Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten internationalen Festigkeitsklassen und ihre ungefähren Entsprechungen :

ISO 898-1 (metrisch)SAE J429 (Zoll)ASTM (Zoll)Mindest-Zugfestigkeit (MPa)Typische Anwendung
4.6Grade 1A307400Leichte Konstruktionen
5.8Grade 2A307520Allgemeiner Maschinenbau
8.8Grade 5A325 (Stahlbau)800-830Standardanwendungen
10.9Grade 8A4901040Hochfeste Verbindungen
12.9Grade 8 (mit Einschränkung)1220Extrembelastungen

5.2 Das SAE-System: Grade-Klassen für Zollschrauben

Die Society of Automotive Engineers (SAE) hat mit der Norm SAE J429 ein Klassifizierungssystem für Zollschrauben geschaffen, das in Nordamerika weit verbreitet ist . Die Kennzeichnung erfolgt nicht durch Zahlen, sondern durch radiale Linien auf dem Schraubenkopf:

  • Grade 2: Keine Kennzeichnung (geringste Festigkeit, etwa 4.6 entsprechend)
  • Grade 5: Drei radiale Linien (entspricht etwa ISO 8.8) 
  • Grade 8: Sechs radiale Linien (entspricht etwa ISO 10.9) 

Die Grade-5-Schraube ist das amerikanische Pendant zur 8.8er Schraube. Sie wird aus mittelgekohltem Stahl gefertigt, vergütet und erreicht eine Mindestzugfestigkeit von 120 ksi (ca. 827 MPa) . Im Automobilbau und Maschinenbau ist sie der dominierende Standard für mittlere bis hohe Belastungen.

5.3 Das ASTM-System: Spezifikationen für den Stahlbau

Die American Society for Testing and Materials (ASTM) hat spezielle Normen für strukturelle Anwendungen entwickelt :

  • ASTM A325: Hochfeste Strukturschraube für Stahlbau (entspricht etwa ISO 8.8, aber mit spezifischen Anforderungen an Kerbwirkung und Duktilität) 
  • ASTM A490: Höherfeste Strukturschraube (entspricht etwa ISO 10.9)

A325-Schrauben werden durch drei radiale Linien gekennzeichnet, A490-Schrauben durch drei radiale Linien plus den Buchstaben „A“ . Diese Schrauben sind speziell für vorgespannte Verbindungen im Stahlbau konzipiert und unterliegen strengeren Anforderungen an die Gleichmäßigkeit der mechanischen Eigenschaften.

5.4 Regionale Normen: GB/T in China, JIS in Japan

Auch andere Industrienationen haben eigene Normenfamilien entwickelt, die jedoch zunehmend mit ISO harmonisiert werden :

  • China: GB/T 3098.1 (identisch mit ISO 898-1)
  • Japan: JIS B 1051 (identisch mit ISO 898-1)
  • Deutschland: DIN EN ISO 898-1 (identisch mit ISO 898-1)

Diese Harmonisierung erleichtert den internationalen Handel enorm. Eine nach chinesischer GB/T-Norm gefertigte Schraube der Klasse 8.8 ist in ihren mechanischen Eigenschaften identisch mit einer nach deutscher DIN-Norm gefertigten Schraube. Die Globalisierung der Warenströme wäre ohne diese Vereinheitlichung undenkbar.

6. Die Edelstahl-Alternative: Wenn 8.8 nicht ausreicht

6.1 Das andere System: ISO 3506 für nichtrostende Stähle

Ein häufiges Missverständnis betrifft die Anwendung der Festigkeitsklassen auf Edelstahlschrauben. Die Kennzeichnung „8.8“ gilt nur für Schrauben aus Kohlenstoffstahl und legiertem Stahl . Für nichtrostende Stähle gilt ein völlig anderes System nach ISO 3506 .

Edelstahlschrauben werden nach ihrer Stahlgruppe und ihrer Festigkeitsklasse bezeichnet, zum Beispiel A2-70 oder A4-80 :

  • Der Buchstabe (A, C, F) steht für die Gefügeart: A = austenitisch (am häufigsten), C = martensitisch, F = ferritisch
  • Die Ziffer (2, 3, 4, 5) bezeichnet die Legierungsart: 2 = Chrom-Nickel-Stahl (z.B. 304), 4 = Chrom-Nickel-Molybdän-Stahl (z.B. 316)
  • Die Zahl nach dem Bindestrich (50, 70, 80) steht für 1/10 der Mindestzugfestigkeit in MPa

6.2 Festigkeitsvergleich: Edelstahl versus 8.8

Die folgende Tabelle zeigt die gebräuchlichsten Edelstahl-Festigkeitsklassen im Vergleich zur 8.8 :

BezeichnungMaterialMindest-ZugfestigkeitMindest-DehngrenzeVergleich zu 8.8
A2-70304 (V2A)700 MPa450 MPaUnter 8.8-Niveau (geringere Dehngrenze)
A4-80316 (V4A)800 MPa600 MPaDehngrenze etwas niedriger als 8.8
C1-110Martensitischer Edelstahl1100 MPa820 MPaÜber 8.8-Niveau, aber weniger korrosionsbeständig

Die A4-80 kommt der 8.8 am nächsten: gleiche Zugfestigkeit (800 MPa), aber eine etwas geringere Dehngrenze (600 MPa statt 640 MPa) . Dies liegt an der unterschiedlichen Verfestigungscharakteristik austenitischer Stähle.

Wichtig: Edelstahlschrauben der Klasse A2-70 oder A4-80 sind nicht ohne weiteres durch 8.8er Schrauben ersetzbar und umgekehrt. Die unterschiedlichen Dehngrenzen und das abweichende Verformungsverhalten (Austenit verfestigt stark) führen zu anderen Vorspannkräften bei gleichem Anzugsmoment. Zudem neigen Edelstahlschrauben zum Fressen (Kaltverschweißen), weshalb sie mit speziellen Gleitmitteln (z.B. Molykote) montiert werden müssen .

7. Anwendungen: Wo die 8.8 zu Hause ist

7.1 Allgemeiner Maschinenbau

Die 8.8er Schraube ist das „Arbeitspferd“ des Maschinenbaus. In Motoren, Getrieben, Pumpen und Gehäusen findet sie sich zuhauf . Sie verbindet Gehäusehälften, sichert Lagerdeckel, fixiert Sensoren und hält Verkleidungen.

Ihre Beliebtheit verdankt sie einem ausgewogenen Eigenschaftsprofil:

  • Ausreichende Festigkeit für die meisten Maschinenbauanwendungen
  • Gute Duktilität für den Toleranzausgleich
  • Unempfindlichkeit gegen Kerbwirkung (im Vergleich zu 10.9/12.9)
  • Wirtschaftlichkeit durch standardisierte Fertigungsprozesse
  • Weltweite Verfügbarkeit

Bei der Auslegung von Schraubverbindungen im Maschinenbau wird in der Regel nur ein Bruchteil der theoretischen Tragfähigkeit ausgenutzt. Sicherheitsfaktoren von 1,5 bis 2 gegen die Streckgrenze sind üblich, um Betriebslasten, Montageungenauigkeiten und Alterungseffekte abzudecken.

7.2 Automobilindustrie

Im Fahrzeugbau sind 8.8er Schrauben allgegenwärtig . Sie finden sich an:

  • Motorbaugruppen: Zylinderkopfhauben, Ölwannen, Steuergehäuse
  • Fahrwerk: Querlenker, Stabilisatorlager, Federbeinstützen
  • Karosserie: Sitzbefestigungen, Gurtsysteme, Anbauteile

Besonders anspruchsvoll sind Fahrwerksschrauben, die dynamischen Dauerbelastungen ausgesetzt sind . Hier muss die 8.8er Schraube nicht nur statische Festigkeit bieten, sondern auch Ermüdungsfestigkeit unter wechselnden Lasten. Die Norm ISO 898-1 enthält daher auch Anforderungen an die Kerbschlagarbeit, die ein Maß für die Zähigkeit und damit die Ermüdungsbeständigkeit ist .

Die Automobilindustrie arbeitet mit strengen Qualitätsvorgaben. Hersteller müssen oft IATF 16949 (die Automobilversion der ISO 9001) zertifiziert sein und PPAP (Production Part Approval Process) dokumentieren . Jede Charge wird zurückverfolgbar gemacht, jedes Prüfzeugnis archiviert.

7.3 Stahlbau und Konstruktionen

Im Stahlbau kommen 8.8er Schrauben für tragende Verbindungen zum Einsatz, allerdings mit besonderen Anforderungen . Die europäische Norm EN 1993 (Eurocode 3) regelt die Bemessung von Stahlbauten und definiert, wann Schrauben der Klasse 8.8 verwendet werden dürfen.

Für vorgespannte Verbindungen, bei denen die Schrauben mit definierter Vorspannkraft angezogen werden, gelten zusätzliche Regeln. Hier ist die EN 14399 maßgeblich, die hochfeste planmäßig vorspannbare Schraubenverbindungen für den Metallbau beschreibt.

Im Stahlbau müssen Schrauben oft große Kräfte übertragen und gleichzeitig montagefreundlich sein. Die 8.8er Schraube bietet hier einen guten Kompromiss: Sie ist fest genug für schlanke Konstruktionen, aber noch verformbar genug, um Spannungsspitzen durch Montageungenauigkeiten auszugleichen.

7.4 Alltägliche Anwendungen

Auch außerhalb der Industrie begegnet uns die 8.8er Schraube täglich:

  • Fahrräder: Schaltwerkbefestigungen, Sattelstützenklemmen, Vorbauverschraubungen
  • Möbel: Verbindungselemente für Stahlrohrmöbel, Beschläge
  • Haushalt: Waschmaschinen, Herde, Küchengeräte
  • DIY: Hochwertige Schrauben aus dem Baumarkt für Heimwerkerprojekte

Allerdings ist Vorsicht geboten: Nicht jede Schraube, die im Baumarkt als „hochwertig“ beworben wird, erfüllt tatsächlich die Norm. Ungennzeichnete Schrauben haben oft nur die Festigkeitsklasse 4.6 oder 4.8 und sind für sicherheitsrelevante Anwendungen ungeeignet .

8. Montage und Praxis: Was der Anwender wissen muss

8.1 Das richtige Anzugsmoment

Die Vorspannkraft einer Schraube ist entscheidend für die Sicherheit der Verbindung. Sie wird durch das Anzugsmoment gesteuert, wobei etwa 90% des aufgewendeten Drehmoments in der Gewindereibung und unter dem Kopf verloren gehen – nur 10% erzeugen tatsächlich Vorspannung .

Für 8.8er Schrauben gibt es genormte Anzugsmomente, die von der Gewindegröße, der Reibungszahl und der Oberflächenbeschaffenheit abhängen. Als Faustformel für geölte, verzinkte Schrauben der Klasse 8.8 gelten:

GewindeAnzugsmoment (ca.)
M610 Nm
M825 Nm
M1050 Nm
M1285 Nm
M16210 Nm

Diese Werte sind Richtgrößen. Die exakten Werte müssen der Herstellerangabe oder einschlägigen Tabellen entnommen werden .

Zu geringes Anziehen führt zu mangelnder Vorspannung. Die Verbindung kann sich unter Last lösen, die Schraube wird auf Scherung statt auf Zug belastet – ein häufiger Grund für Schraubenbrüche.

Zu starkes Anziehen überlastet die Schraube. Wird die Streckgrenze überschritten, verformt sich die Schraube bleibend. Im Extremfall reißt sie beim Anziehen oder versagt später unter Betriebslast.

8.2 Drehmomentverfahren und Genauigkeit

In der Praxis werden verschiedene Verfahren zum Anziehen angewendet :

Drehmomentgesteuertes Anziehen: Das gebräuchlichste Verfahren. Mit einem Drehmomentschlüssel wird ein vorgegebenes Moment aufgebracht. Die erzielte Vorspannkraft unterliegt jedoch Streuungen von ±20–30% wegen der Reibungseinflüsse.

Drehwinkelgesteuertes Anziehen: Präziser, aber aufwändiger. Die Schraube wird zunächst mit einem geringen Moment angezogen, dann um einen definierten Winkel weitergedreht. Dadurch wird die Streuung auf etwa ±10% reduziert.

Streckgrenzengesteuertes Anziehen: Das genaueste Verfahren. Sensoren erfassen den Anstieg des Drehmoments über den Drehwinkel und stoppen, sobald die Streckgrenze erreicht wird. Dies erfordert elektronische Drehmomentschlüssel und wird vor allem in der Industrie eingesetzt.

Für den Heimwerker und Handwerker ist das drehmomentgesteuerte Anziehen mit einem kalibrierten Drehmomentschlüssel das Mittel der Wahl. Wichtig: Drehmomentschlüssel sollten regelmäßig überprüft werden, da sie mit der Zeit an Genauigkeit verlieren.

8.3 Schmierung und Oberflächenbehandlung

Die Reibung in Gewinde und unter dem Schraubenkopf beeinflusst das Verhältnis von Drehmoment zu Vorspannkraft entscheidend. 8.8er Schrauben werden meist mit einer Oberflächenbeschichtung geliefert :

  • Galvanisch verzinkt (blau oder gelb): Korrosionsschutz für Innenräume, Reibungszahl etwa 0,12–0,18
  • Feuerverzinkt: Für Außenanwendungen, dicke Schicht, höhere Reibung
  • Geölt: Leichter Korrosionsschutz, niedrige Reibung
  • Dacromet / Geomet: Moderne, chromatfreie Beschichtungen mit gutem Korrosionsschutz und definierter Reibung 

Bei der Montage sollte die Oberfläche so belassen werden, wie sie vom Hersteller kommt. Zusätzliches Öl oder Fett verändert die Reibungszahl und damit die Vorspannkraft bei vorgegebenem Drehmoment.

Eine Ausnahme bilden Edelstahlschrauben, die wegen ihrer Neigung zum Fressen mit Molybdändisulfid (MoS2) -Paste geschmiert werden müssen . Diese Paste gehört aber nicht auf 8.8er Stahlschrauben, da sie die Reibungsverhältnisse unkontrolliert verändert.

8.4 Sicherung gegen Lösen

Schraubenverbindungen können sich durch Vibrationen, dynamische Belastungen oder Temperaturwechsel lösen. Für 8.8er Schrauben stehen verschiedene Sicherungsmöglichkeiten zur Verfügung:

Formschlüssige Sicherung: Splinte, Sicherungsbleche, Kronenmuttern – mechanische Barrieren gegen Verdrehen.

Kraftschlüssige Sicherung: Durch hohe Vorspannkraft wird die Schraube so stark gedehnt, dass sie wie eine Feder wirkt und Relativbewegungen verhindert. Dies ist die effektivste Methode, erfordert aber korrektes Anziehen.

Stoffschlüssige Sicherung: Schraubensicherungslacke (z.B. Loctite) füllen die Gewindespalte aus und härten aus. Sie sind für 8.8er Schrauben gut geeignet, erschweren aber die Demontage.

Selbstsichernde Muttern: Muttern mit Nyloneinsatz (Nyloc) oder verformtem Gewinde bieten zusätzlichen Halt . Sie können mehrfach verwendet werden, verlieren aber mit jeder Demontage an Sicherungswirkung.

9. Grenzen und Risiken: Wann 8.8 nicht ausreicht

9.1 Temperaturgrenzen

Die mechanischen Eigenschaften der 8.8er Schraube sind nur im Bereich der Umgebungstemperatur (10°C bis 35°C) garantiert . Bei höheren Temperaturen verändern sich die Werkstoffkennwerte:

  • Bis etwa 200°C: Leichter Abfall der Festigkeit (ca. 10–15%), meist noch akzeptabel
  • 200–300°C: Deutlicher Festigkeitsabfall, Kriechen möglich
  • Über 300°C: Nicht zulässig, Gefahr des Spannungsabrisses

Für Hochtemperaturanwendungen (z.B. Abgasanlagen, Turbinen) sind spezielle warmfeste Stähle erforderlich, die nach anderen Normen spezifiziert werden.

Bei tiefen Temperaturen steigt die Sprödigkeit. Die Norm schreibt für Schrauben ab 16 mm Durchmesser einen Kerbschlagbiegeversuch bei −20°C vor, der eine Mindestzähigkeit von 27 J nachweist . Für extreme Kälte (z.B. Kryotechnik) sind Sonderwerkstoffe nötig.

9.2 Wasserstoffversprödung

Ein ernstes Risiko für hochfeste Schrauben ist die Wasserstoffversprödung . Dabei diffundiert atomarer Wasserstoff in das Gefüge und führt zu verzögerten Sprödbrüchen – oft Stunden oder Tage nach der Montage.

Besonders gefährdet sind:

  • Schrauben ab Festigkeitsklasse 10.9 (bei 8.8 geringeres Risiko, aber nicht ausgeschlossen)
  • Galvanisch beschichtete Schrauben (Wasserstoff kann beim Beizen und Verzinken aufgenommen werden)
  • Schrauben unter hoher Dauerzugbelastung

Maßnahmen gegen Wasserstoffversprödung:

  • Vermeidung von Beizprozessen bei der Oberflächenbehandlung
  • Ausheizen (Baking) nach der Beschichtung bei etwa 200°C für mehrere Stunden 
  • Verwendung alternativer Beschichtungen (Dacromet, Geomet)
  • Bei 8.8er Schrauben ist das Risiko geringer, aber nicht vernachlässigbar 

9.3 Korrosionsbeständigkeit

8.8er Schrauben aus Kohlenstoffstahl haben nur eine begrenzte Eigenkorrosionsbeständigkeit. Sie sind auf Oberflächenschutz angewiesen :

  • Verzinkung (5–8 µm): Ausreichend für trockene Innenräume
  • Verzinkung mit Passivierung (gelb/blau): Besserer Schutz, kurze Freibewitterung möglich
  • Feuerverzinkung (50–100 µm): Für Außenanwendungen, Stahlbau
  • Dacromet/Geomet: Moderne, chromatfreie Systeme mit gutem Korrosionsschutz

In aggressiven Umgebungen (Meeresklima, Chemieanlagen) sind Edelstahlschrauben (A4) oder Schrauben mit speziellen Beschichtungen erforderlich . Auch der Kontakt mit unterschiedlichen Metallen (z.B. Aluminium, Kupfer) kann Kontaktkorrosion auslösen, bei der das unedlere Metall angegriffen wird .

10. Zukunftsperspektiven: Wohin entwickelt sich die Schraubentechnik?

10.1 Ultrahochfeste Schrauben

Die Entwicklung geht zu immer höheren Festigkeiten. Während 8.8 seit Jahrzehnten der Standard ist, werden heute Schrauben mit Zugfestigkeiten über 1600 MPa angeboten . Diese „Ultrahochfesten“ Schrauben ermöglichen:

  • Gewichtsreduktion durch kleinere Abmessungen
  • Höhere übertragbare Kräfte bei gleichem Bauraum
  • Neue Konstruktionsmöglichkeiten in Leichtbauanwendungen

Allerdings steigen mit der Festigkeit auch die Anforderungen an die Fertigungspräzision und die Empfindlichkeit gegen Kerben und Wasserstoff. Die Anwendung erfordert spezielles Know-how.

10.2 Intelligente Schrauben

Forscher arbeiten an „intelligenten Schrauben“, die ihren Spannungszustand selbst überwachen können . Durch integrierte Sensoren (Dehnungsmessstreifen, Piezoelemente) oder magnetische Verfahren können sie:

  • Die aktuelle Vorspannkraft messen und überwachen
  • Überlastungen oder Ermüdungsfortschritt melden
  • Drahtlos Daten an Wartungssysteme senden

Diese Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, könnte aber für sicherheitskritische Anwendungen (Brücken, Windkraftanlagen, Luftfahrt) enormes Potenzial haben.

10.3 Fortschrittliche Beschichtungen

Die Oberflächentechnik entwickelt sich rasant. Moderne Beschichtungen bieten:

  • Verbesserten Korrosionsschutz (Salzsprühtests über 2000 Stunden) 
  • Definierte Reibungszahlen für präzises Anziehen
  • Chromatfreiheit aus Umweltschutzgründen
  • Selbstheilende Effekte bei Beschädigungen

Besonders Dacromet und Geomet haben sich als Alternativen zur galvanischen Verzinkung etabliert . Sie sind frei von Wasserstoffversprödungsrisiko und bieten hervorragenden Korrosionsschutz.

10.4 Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft

Die Schraubenindustrie stellt sich auch den Herausforderungen der Nachhaltigkeit:

  • Energieeffiziente Fertigungsprozesse (Wärmebehandlung mit optimierten Zyklen)
  • Recyclingfähigkeit: Stahlschrauben sind zu 100% recycelbar
  • Langlebigkeit: Hochwertige Schrauben wie 8.8 tragen durch lange Lebensdauer zur Ressourcenschonung bei
  • Rückverfolgbarkeit: Transparente Lieferketten werden zunehmend gefordert

11. Zusammenfassung und Fazit

Die Festigkeitsklasse 8.8 ist weit mehr als eine willkürliche Zahl auf einem Schraubenkopf. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Normungsarbeit, ein international verstandenes Qualitätsversprechen und der weltweit am weitesten verbreitete Standard für mechanische Verbindungselemente.

Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:

  1. Bedeutung: Die erste Ziffer (8) steht für 1/100 der Zugfestigkeit (800 MPa), die zweite (8) für das Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit (80%), woraus sich eine Dehngrenze von 640 MPa ergibt .
  2. Geschichte: Das System entstand in Deutschland, wurde über ISO internationalisiert und ist heute als DIN EN ISO 898-1 weltweit gültig .
  3. Internationale Entsprechungen: Der 8.8 entsprechen SAE Grade 5 (drei Linien) im Zollsystem und ASTM A325 im amerikanischen Stahlbau .
  4. Abgrenzung zu Edelstahl: Edelstahlschrauben folgen einem eigenen System (ISO 3506) mit Bezeichnungen wie A2-70 oder A4-80 .
  5. Anwendungen: Die 8.8 ist das Arbeitspferd in Maschinenbau, Automobilindustrie, Stahlbau und unzähligen Alltagsanwendungen .
  6. Grenzen: Bei extremen Temperaturen, aggressiver Korrosion oder höchsten Festigkeitsanforderungen stößt die 8.8 an ihre Grenzen – hier sind Sonderwerkstoffe gefragt .

Für den Ingenieur, Konstrukteur, Handwerker und qualitätsbewussten Heimwerker bleibt die 8.8 die erste Wahl, wenn es um zuverlässige, wirtschaftliche und weltweit verfügbare Verbindungselemente geht. Die kleine Prägung auf dem Schraubenkopf ist ein stiller Garant für Sicherheit – in jeder Maschine, in jedem Fahrzeug, in jedem Bauwerk.

Wer das System der Festigkeitsklassen versteht, erkennt die Sprache der Sicherheit. Und wer sich an die Regeln hält – richtige Auswahl, korrekte Montage, regelmäßige Prüfung –, kann sich auf diese Sprache verlassen. Denn am Ende hängt oft mehr an einer Schraube, als man denkt.

12. Quellenangaben und weiterführende Literatur

Normen und technische Regeln

  1. DIN EN ISO 898-1:2013-05, Mechanische Eigenschaften von Verbindungselementen aus Kohlenstoffstahl und legiertem Stahl – Teil 1: Schrauben mit festgelegten Festigkeitsklassen – Regelgewinde und Feingewinde 
  2. DIN EN ISO 3506-1:2020-08, Mechanische Eigenschaften von Verbindungselementen aus korrosionsbeständigen nichtrostenden Stählen – Teil 1: Schrauben mit festgelegten Stahlsorten und Festigkeitsklassen 
  3. SAE J429:2014, Mechanical and Material Requirements for Externally Threaded Fasteners 
  4. ASTM A325-14, Standard Specification for Structural Bolts, Steel, Heat Treated, 120/105 ksi Minimum Tensile Strength 
  5. EN 1993-1-8:2010, Eurocode 3: Bemessung und Konstruktion von Stahlbauten – Teil 1-8: Bemessung von Anschlüssen

Fachliteratur und Online-Quellen

  1. Optimas Solutions: Mechanische und physikalische Eigenschaften von Bolzen, Schrauben und Stehbolzen aus Kohlenstoff- und legiertem Stahl. Online unter: optimas.com (abgerufen April 2024) 
  2. Wikipedia: Festigkeitsklasse. Online unter: de.wikipedia.org/wiki/Festigkeitsklasse (abgerufen 2024) 
  3. gdchuanghe.com: Welche Schrauben gelten als hochfest? Online unter: gdchuanghe.com (August 2024) 
  4. chinajinrui.net: Klassifizierung und Analyse von Edelstahlschraubenmaterialien. Online unter: de.chinajinrui.net (März 2025) 
  5. zjzrqc.com: Hochfestigkeitsschrauben für die Automobilaufhängung. Online unter: de.zjzrqc.com (April 2025) 
  6. Praktiker.de: Produktinformationen zu DIN 961 8.8 und ISO 4014 8.8 Schrauben. Online unter: praktiker.de (2022) 
  7. Motorradfrage.net: Expertenbeitrag zu Edelstahlschrauben von Nutzer YaPeKe. Online unter: motorradfrage.net (2010) 
  8. Misumi Technical Information: Stählerne Schrauben/Muttern Festigkeitsklassen. Online unter: techinfo.misumi.com.cn (2022) 

Weiterführende Empfehlungen

Für vertiefende Studien empfehlen sich die einschlägigen Lehrbücher der Verbindungstechnik sowie die Richtlinien des VDI (Verein Deutscher Ingenieure), insbesondere:

  • VDI 2230: Systematische Berechnung hochbeanspruchter Schraubenverbindungen (Blatt 1 und 2)

Diese Richtlinie bietet ein umfassendes Berechnungsverfahren für Schraubenverbindungen und ist das Standardwerk für Ingenieure in Konstruktion und Berechnung.

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