Die Welt des Essigs – Sorten, Herstellung, Gesetze und Kultur

Autor: DerSchneider


Einleitung

Essig ist das älteste Würzmittel der Menschheit – und das am meisten unterschätzte. Während Salz und Pfeffer auf jedem Tisch stehen, wird Essig oft vergessen, obwohl er eine ähnlich fundamentale Rolle spielt: Er ist die Säure, die Speisen ausbalanciert, die Fette schneidet, die Aromen hebt. Ohne Essig kein Salatdressing, keine Mayonnaise, keine eingelegten Gurken, kein Senf, keine Sauce Hollandaise, kein Chutney. Essig ist der stille Held der Küche.

Die Geschichte des Essigs ist so alt wie die der alkoholischen Gärung. Denn Essig entsteht, wenn Wein, Bier oder Apfelwein mit Sauerstoff in Kontakt kommen und Essigsäurebakterien den Alkohol in Essigsäure verwandeln. Der Name „Essig“ kommt vom althochdeutschen „ezzih“ (über lateinisch „acetum“) – was so viel heißt wie „sauer“ oder „scharf“ (verwandt mit Essig). Schon im alten Ägypten wurde Essig aus Datteln hergestellt, die Griechen und Römer nutzten Essig als Würzmittel, Konservierungsmittel und sogar als Reinigungsmittel.

In diesem Artikel tauchen wir ein in die saure Welt des Essigs. Als Lebensmittelhistoriker und Verfahrenstechniker beleuchte ich die verschiedenen Essigsorten, die Herstellungsverfahren, die gesetzlichen Regelungen und die kulinarische Bedeutung eines Produkts, das auch in der Industrie (Reinigung, Entkalkung) unverzichtbar ist – und das im Haushalt viel zu selten richtig eingesetzt wird.

1. Essigsorten – Von Balsamico bis Apfelessig

Die Welt des Essigs ist vielfältig. Grundsätzlich wird Essig aus jedem vergorenen alkoholischen Getränk hergestellt – aus Wein, Apfelwein, Bier, Reiswein, Honig, Fruchtsäften. Die Grundlage bestimmt den Geschmack.

1.1 Die wichtigsten Essigsorten im Überblick

EssigsorteGrundlage (alkoholisches Ausgangsgetränk)Herkunft / TraditionGeschmackSäuregehalt (Essigsäure)Typische Verwendung
WeinessigWein (Rotwein, Weißwein)Europa (Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien)Mild, weinartig, fruchtig (Rotweinessig) – heller, milder (Weißweinessig)5–6 %Salatdressings, Marinaden, Saucen (z.B. Béarnaise)
Apfelessig (Apfelweinessig)Apfelwein (Cidre)Mitteleuropa, USA (früher bei Farmen üblich)Fruchtig, säuerlich, leicht süßlich (nach Apfel)5 % (meist)Salatdressings (besonders zu Krautsalat, Nudelsalat), als Hausmittel (Apfelessig-Detox), Reiniger (Entkalker)
Balsamico-Essig (Aceto Balsamico, traditionell, g.U.)Traubenmost (kein Wein!), der gekocht, gereift wird – traditionell aus Modena, ItalienItalien (Modena, Reggio Emilia)Süß-säuerlich, dickflüssig, komplex6 % (traditionell)Dressing (mit Olivenöl), zu Erdbeeren, Parmesan, auf Risotto, zu gegrilltem Gemüse
Balsamico-Essig (günstig, industriell)Weinessig + Traubenmostkonzentrat + Karamell (für die Farbe)EU, ItalienSüßlich, wässrig, künstlich6 %Billig-Imitation (für Salate, wenn kein echter zur Hand)
Reisessig (japanisch, chinesisch)Reiswein (Sake, Shaoxing-ähnliches Getränk)Ostasien (Japan, China, Korea, Vietnam)Mild, leicht süßlich, weniger scharf als Weinessig4–5 %Sushi-Reis (Japan), Salate, Marinaden, asiatische Currys
Malzessig (Bieressig)Bier (Malzbier, Ale)Großbritannien (traditionell für Fish and Chips)Kräftig, malzig, würzig5–6 %Fish and Chips (in GB), zu Pommes, in Chutneys
Kräuteressig (Estragonessig, Basilikumessig, Knoblauchessig)Weinessig + frische oder getrocknete KräuterFrankreich (estragon), DeutschlandKräuterig, würzig5–6 %Zu Salaten, Fleisch, Fisch
Fruchtessig (Himbeeressig, Erdbeeressig, Zitronenessig)Fruchtsaft + Alkohol (oder Fruchtsaft + Weinessig)Modern (handwerklich)Fruchtig, säuerlich5–6 %Zu Desserts (Himbeeressig zu Vanilleeis), zu Salaten (mit frischen Beeren)
Honigessig (Methessig)Honig (Honigwein, Met)Historisch (griechisch, römisch)Süß-säuerlich, honigsüß5 %Salatdressings, Marinaden für Geflügel
Reinigungsessig (Haushaltsessig)Aus Weinessig (oder synthetischer Essigsäure)IndustrieSehr sauer, kein typischer Geschmack10–25 %Entkalken von Kaffeemaschinen, Wasserkochern, Reinigen von Flächen – nicht für den Verzehr geeignet (zu viel Säure, kann Schleimhäute reizen)

1.2 Der Balsamico – König der Essige

Balsamico-Essig ist der teuerste Essig der Welt – und auch der komplexeste. Die traditionelle Herstellung (Aceto Balsamico Tradizionale di Modena, g.U. – geschützte Ursprungsbezeichnung) ist ein jahrhundertealtes Handwerk.

Traditioneller Balsamico (g.U.):

  • Grundlage: Traubenmost (kein Wein!), der eingekocht wird (auf etwa ein Drittel des Volumens). Die Trauben (z.B. Lambrusco, Trebbiano) werden in Italien angebaut (Provinzen Modena, Reggio Emilia).
  • Gärung: Der eingekochte Most wird in Holzfässer gefüllt (Eiche, Kastanie, Kirschbaum, Akazie) – dort gärt er langsam über Jahre (die Hefen und Essigsäurebakterien im Holz verwandeln den Restzucker in Essigsäure). Die Fässer sind (in der traditionellen Methode) ein Fass-Set (mehrere Fässer unterschiedlicher Holzarten). In jedem Fass reift der Essig ein Jahr, dann wird ein Teil in das nächstkleinere Fass umgefüllt (Solera-System – ähnlich wie bei Sherry). Die Reifezeit beträgt mindestens 12 Jahre (für „Affinato“, 25 Jahre für „Extravecchio“, manchmal 50 Jahre).
  • Geschmack: Dickflüssig (sirupartig), süß-säuerlich, komplexe Aromen (Feigen, Pflaumen, Holz, Vanille, Rosinen). Der traditionelle Balsamico wird in kleinen, charakteristischen Flaschen verkauft (100 ml, 250 ml), mit der Garantiebezeichnung „Aceto Balsamico Tradizionale di Modena“ (g.U.) – er ist teuer (50–200 Euro pro 100 ml).
  • Verwendung: Nicht zum Kochen! Nur zum Verfeinern von Speisen (träufeln Sie ein paar Tropfen auf Parmesan, auf Erdbeeren, auf ein Stück gegrillten Spargel, in die Cremesuppe – der Balsamico wird nicht erhitzt, da das Aroma verfliegt).

Industrieller Balsamico (ohne g.U., billig):

  • Herstellung: Weinessig + Traubenmostkonzentrat (billige Alternative), oft versetzt mit Karamell (für die Farbe) und Verdickungsmitteln (Johannisbrotkernmehl, Guarkernmehl). Die Essigsäure-Bakterien werden nicht im Fass, sondern in großen Edelstahltanks gezüchtet (der Essig wird in wenigen Tagen hergestellt). Dann wird er mit Mostkonzentrat (gestißt) vermischt, um den süßen Geschmack zu erhalten.
  • Geschmack: Dünnflüssig, süßlich, weniger komplex (eher nach Karamell). Er wird meist als „Balsamico-Essig“ oder „Aceto Balsamico di Modena“ (ohne g.U.) verkauft, was keine geschützte Herkunft impliziert.
  • Preis: 2–10 Euro pro 250 ml – für den alltäglichen Salat völlig ausreichend, aber kein Vergleich zum traditionellen Balsamico.

1.3 Apfelessig – Der Allrounder aus der Natur

Apfelessig ist der vielseitigste Essig im Haushalt. Er besteht aus Apfelwein (Cidre), der zu Essig vergoren wurde. Er ist mild im Geschmack, fruchtig-säuerlich, und enthält ungefiltert die sogenannte „Mutter“ – die Essigmutter (eine schleimige, gallertartige Substanz, die aus Cellulose besteht, aber von vielen Verbrauchern fälschlich für gesundheitsfördernd gehalten wird). Ungefilterter Apfelessig (mit der trüben Suspension) wird oft als „natürlicher“ beworben – gesundheitliche Vorteile (wie die angebliche positive Wirkung von Apfelessig auf den Blutzucker) sind nicht wissenschaftlich belegt, aber die Essigmutter ist harmlos.

Apfelessig als Hausmittel (eine kleine Kritik): Apfelessig wird (insbesondere im Internet) als Wundermittel für alles angepriesen – zum Abnehmen, zur Entgiftung (Detox), zur Bekämpfung von Sodbrennen, zur Verbesserung des Hautbildes. Die wissenschaftliche Evidenz ist schwach. Apfelessig enthält zwar geringe Mengen an Mineralstoffen (Kalium, Kalzium) und Antioxidantien (Polyphenole), aber der Effekt auf den menschlichen Körper ist minimal. Die einzige gesicherte Wirkung: Apfelessig kann den Blutzuckerspiegel nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit leicht senken (laut einigen kontrollierten Studien). Er ist aber kein Ersatz für eine gesunde Ernährung. Und in zu hohen Dosen (unverdünnt getrunken) kann er die Speiseröhre reizen und Zähne schädigen (da die Säure den Zahnschmelz angreift).

2. Die Herstellung von Essig – Von der Gärung zur Essigsäure

Die Herstellung von Essig beruht auf der Essigsäuregärung (auch Oxidation genannt): Hefen wandeln Zucker in Alkohol um (erste Gärung, die alkoholische Gärung – das ergibt Wein, Bier, Cidre, etc.). Danach wird der Alkohol (Ethanol) durch Essigsäurebakterien (Acetobacter, Komagataeibacter) in Essigsäure umgewandelt (zweite Gärung).

Ökologie des Prozesses: Die Essigsäurebakterien benötigen Sauerstoff, um zu leben. Ohne Sauerstoff stoppt die Essigsäureproduktion.

2.1 Die beiden Hauptverfahren: Langsam und Schnell

VerfahrenTemperaturDauerSauerstoffzufuhrGeschmackTypische EssigsortenNachteile
Orleans-Verfahren (langsam, traditionell)25–30°C2–4 Monate (bis zu 1 Jahr bei bestimmten Sorten)Durch Belüftung des Fasses (die Essigoberfläche wird von Bakterien besiedelt, die von der Luft (Sauerstoff) angezogen werden)Sehr komplex, sortentypisch (mit Fruchtnoten)Apfelessig, Weinessig (traditionell), Balsamico (traditionell) – nur in kleinen MengenLangsam, teuer (nicht industriell einsetzbar)
Submersverfahren (schnell, industriell)30°C1–3 Tage (24–72 Stunden)Durch Einblasen von Luft (Sauerstoff) in den Essigbehälter (die Bakterien wachsen in der Flüssigkeit, die stark durchlüftet wird)Rein, neutral (weinig, alkoholisch) – nicht komplexWeinessig (billig), Apfelessig (industriell), Reisessig (industriell)Schnell, aber Geschmackseinbußen (die Sortenaromen gehen verloren)

Orleans-Verfahren (historisch, nach der französischen Stadt Orleans benannt, wo Essig im 17. Jahrhundert im großen Stil produziert wurde): Die Essigflüssigkeit wird in Fässer oder offene Bottiche gefüllt. Auf der Oberfläche bildet sich eine schleimige Schicht (die Essigmutter) – die Essigsäurebakterien. Die Flüssigkeit wird regelmäßig belüftet (um die Bakterien zu füttern). Nach einigen Monaten ist der Essig fertig.

Submersverfahren (Acetator): Die Flüssigkeit (Wein, Apfelwein, etc.) wird in einen großen Edelstahltank gepumpt. Unter starkem Rühren (Einblasen von Sauerstoff) vermehren sich die Bakterien explosionsartig. Der Alkohol wird innerhalb weniger Tage in Essigsäure umgewandelt. Das Verfahren ist effizient, aber das Aroma leidet (die Bakterien zerstören viele Aromastoffe). Der Essig wird dann filtriert, pasteurisiert (um die Bakterien abzutöten) und abgefüllt.

2.2 Die Essigmutter – Was ist das?

Die Essigmutter ist der gallertartige, schleimige Film, der sich an der Oberfläche eines langsam vergorenen Essigs bildet. Es handelt sich um einen Biofilm aus Essigsäurebakterien, die in einer Matrix aus Cellulose (die sie selbst produzieren) eingebettet sind. Wenn Sie einen Essig selbst ansetzen (z.B. aus Apfelwein), benötigen Sie einen Starter mit Essigmutter (ein Schuss bereits vergorenen Essig). Dieser „starter“ enthält die lebenden Bakterien, die den neuen Ansatz infizieren.

Die Essigmutter ist harmlos, essbar (sie schmeckt nach nichts, ist zäh – lieber nicht mitessen). Im ungefilterten Apfelessig ist die Mutter fein verteilt (trübt den Essig) – das ist ein Zeichen für traditionelle, langsame Herstellung (ungespritzter, nicht pasteurisierter Essig). Im Supermarkt sind die meisten Essige jedoch filtriert, klar, pasteurisiert (keine aktive Mutter enthalten).

2.3 Synthetische Essigsäure – Der billige Verwandte

Es gibt auch Essigsäure, die nicht durch Fermentation, sondern durch chemische Synthese hergestellt wird (aus Erdgas oder Methanol). Diese synthetische Essigsäure ist identisch mit der natürlichen Essigsäure (chemisch: CH3COOH). Sie wird in der Industrie verwendet (Reinigungsessig, für Konserven, für technische Zwecke). Für den menschlichen Verzehr darf (in der EU) synthetische Essigsäure nicht als „Essig“ verkauft werden (nur als „essigsäurehaltiges Würzmittel“ oder „Haushaltsessig“). In vielen anderen Ländern wird billiger Essig aus synthetischer Essigsäure hergestellt – das schmeckt unangenehm (nicht fruchtig, nur sauer). In Deutschland sind die meisten Essige echter Essig (fermentiert). Prüfen Sie die Zutatenliste: „Essig aus Weinessig“ oder „Apfelessig“ ist in Ordnung. „Essig aus Essigsäure, Wasser“ ist synthetisch (meiden).

3. Die Rechtslage für Essig

In der EU ist Essig durch die Essig-Richtlinie (RL 2001/112/EG) – die in Deutschland durch die Essigverordnung umgesetzt wird – geregelt.

Die Kernregeln:

RegelInhalt
DefinitionEssig ist ein Lebensmittel, das durch Essiggärung aus alkoholhaltigen Flüssigkeiten (Wein, Apfelwein, Bier, etc.) hergestellt wird. Synthetische Essigsäure darf nicht als „Essig“ bezeichnet werden.
MindestsäuregehaltFür Lebensmittelessig (Speiseessig) mindestens 5 % Essigsäure (in der Trockenmasse). Für Haushaltsessig (Reinigung) ist der Gehalt höher (10–25 %), er darf nicht als Lebensmittel gekennzeichnet sein.
BezeichnungDie Bezeichnung muss die Ausgangsflüssigkeit erkennen lassen: „Weinessig“, „Apfelessig“, „Reisessig“, „Balsamico-Essig“ (wenn aus Traubenmost, nicht aus Weinessig + Mostkonzentrat, wobei das umstritten ist). „Weißweinessig“ (aus Weißwein) und „Rotweinessig“ (aus Rotwein) sind ebenfalls erlaubt.
Balsamico (geschützte Ursprungsbezeichnung)„Aceto Balsamico Tradizionale di Modena“ (g.U.) ist streng geschützt (Herstellung nur in Modena/Reggio Emilia, mit traditioneller Methode). „Aceto Balsamico di Modena“ (g.g.A. – geschützte geografische Angabe) ist die billigere Alternative (darf maximal 10 % Mostkonzentrat enthalten, Rest Weinessig – sie wird nicht im Fass gereift).
HerkunftsangabeFür Weinessig, Apfelessig, etc. ist die Herkunft (z.B. „Hergestellt in Italien“, „Aus französischem Wein“) freiwillig, aber nicht verpflichtend (außer bei geschützten Ursprungsbezeichnungen).

4. Essig in der Küche – Verwendung & Tipps

Essig ist der direkte Partner von Öl. Die klassische Vinaigrette (Salatdressing) besteht aus 1 Teil Essig, 3–4 Teilen Öl, Salz, Pfeffer, Senf – emulgiert. Aber Essig kann so viel mehr.

VerwendungBeschreibungBeispiel
SalatdressingMit Öl emulgiert, mit Kräutern, Senf – vielseitigVinaigrette (Weißweinessig+Öl+Pfeffer+Salz)
MarinierenDie Säure (Essig) dringt in Fleisch oder Gemüse ein, zarte Fasern, würztFleisch (Fleisch in Essigmarinade, z.B. Balsamico-Hähnchen), Fisch (Saure Marinade – mit Essig, Öl, Kräutern)
Einlegen (Conservieren)Essig konserviert (durch die Säure werden Keime abgetötet). Gemüse oder Früchte werden in Essig, Wasser, Zucker eingelegt – das ergibt Pickles, Relishes.Eingelegte Gurken (Gewürzgurken), eingelegte Zwiebeln (in Essig), eingelegte Chillies, eingelegte Tomaten – beliebt in der Konserve.
Kochen (Säure als Geschmacksträger)Ein Schuss Essig (Wein- oder Apfelessig) in Suppen, Eintöpfe, Saucen – hebt die Aromen hervor, sorgt für Frische und Balancierung.In eine kräftige Gulaschsuppe, in ein Ragout (Fleisch), in die Sauce Hollandaise (der Essig stabilisiert die Emulsion)
Zu SüßspeisenBalsamico passt zu Erdbeeren, Vanilleeis (träufeln). Himbeeressig zu Eis, Obstsalaten.Balsamico-Erdbeeren, mit Zucker, mit Basilikum – ein Klassiker der italienischen Küche.
BackenEssig mit Backpulver gemischt erzeugt CO₂ – lustigerweise eine chemische Reaktion, die als Backtriebmittel wirkt. (Für einen Kuchen, der schnell aufgehen soll, kein Hefegebäck.)Manche Rezepte für vegane Kuchen (Eiersatz) nutzen Essig (mit Backpulver).

5. Essig als Reinigungsmittel – Die andere Seite

Haushaltsessig (10–25 % Essigsäure) ist ein hervorragendes Reinigungsmittel – weil die Säure Kalk (Kalziumcarbonat) auflöst, Fette löst, Keime abtötet.

AnwendungVorgehenVorsicht
Entkalken von Kaffeemaschine, WasserkocherMit Wasser (1:1) verdünnen (10–15 % Essig), in das Gerät geben, aufkochen (bei Wasserkocher), bei Kaffeemaschine den Kreislauf laufen lassen, dann mehrfach mit klarem Wasser nachspülen.Nicht in Aluminium (der Essig löst Aluminium). Auch nicht in Kaffeemaschinen mit Aluminiumteilen.
Entkalken von Armaturen (Duschkopf, Wasserhahn)Mit einer Plastiktüte (Essig füllen), den Duschkopf oder Hahn darin einweichen (über Nacht).Wie oben.
FensterreinigungEinen Schuss Essig (10 ml) in Wasser (500 ml) geben – reinigt Glas, entfernt Schlieren.Nicht auf Marmor (der Essig greift Marmor an).
SchimmelbekämpfungUngemischter Essig (10 % oder mehr) auf den Schimmel (Bad, Fugen) sprühen – die Säure tötet die Sporen ab.Essig kann empfindliche Farben angreifen, also an einer unauffälligen Stelle testen.

6. Tabellarische Übersichten

6.1 Essigsorten und ihre charakteristischen Aromen

EssigsorteAromaprofilSäuregehalt (typisch)FarbeTrübung (ungefiltert)Typische Begleiter
WeißweinessigLeicht, fruchtig, blumig, mild5 %HellgelbKlarSalatdressing (feiner Salat), Fisch, Geflügel
RotweinessigKräftig, tanninbetont, würzig5–6 %RotbraunKlarMediterrane Gerichte, Fleisch, Lamm
ApfelessigFruchtig (grüner Apfel), säuerlich5 %Bernstein (golden)Ungefiltert = trübKrautsalat, Nudelsalat, Hausmittel
Balsamico (industriell)Süß-säuerlich (Karamell)6 %DunkelbraunKlarSalatdressing, Grillgemüse
Balsamico (traditionell)Dickflüssig, süß-säuerlich (Feige, Pflaume, Holz)6 %Sehr dunkel (dunkelbraun)Klar (dickflüssig)Parmesan, Erdbeeren, Risotto, Dessert
ReisessigMild, leicht süßlich, weich4 %Farblos (hellgelb)KlarSushi-Reis, asiatische Marinaden
MalzessigMalzig, kräftig5–6 %DunkelbraunKlarFish and Chips, Pommes

6.2 Säuregehalt verschiedener Essige im Vergleich

EssigsorteTypischer Säuregehalt (% Essigsäure)Als Entkalker geeignet?Zum Verzehr geeignet?
Weinessig (5 %)5Nein (zu niedrig)Ja
Apfelessig (5 %)5NeinJa
Balsamico (6 %)6NeinJa
Haushaltsessig (10 %)10Ja (1:1 verdünnt)Nein (zu aggressiv)
Reinigungsessig (25 %)25Ja (pur oder verdünnt) – aber Vorsicht! Unverdünnt greift es die Oberflächen an.Nein (nicht zum Verzehr)

7. Die Zukunft des Essigs

7.1 Die handwerkliche Essig-Renaissance

In den letzten Jahren erlebt handwerklich hergestellter Essig (nach dem Orleans-Verfahren) eine Renaissance. Kleine Brennereien, Manufakturen (z.B. in Deutschland, Österreich, Schweiz) stellen hochwertigen Essig in kleinen Mengen her – aus lokalen Früchten (Apfelessig aus regionalen Äpfeln, Weinessig aus heimischen Trauben). Diese Essige sind teurer, aber geschmacklich weitaus komplexer als die Supermarkt-Massenware. Verbraucher, die Wert auf Qualität legen (und bereit sind, 8–15 Euro für eine 250-ml-Flasche zu zahlen), werden diese schätzen.

7.2 Essig als Gesundheitsgetränk – Der neue Trend

Apfelessig wird als „Wellness-Getränk“ vermarktet – verdünnt mit Wasser (1–2 Esslöffel auf 250 ml) vor den Mahlzeiten getrunken. Die Behauptungen (Gewichtsverlust, Blutzuckersenkung) sind wissenschaftlich nicht ausreichend bewiesen, aber einige Studien zeigen einen kleinen Effekt auf die Blutzuckerkontrolle nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten. Der Trend wird bleiben, aber man sollte (wie immer) die Erwartungen nicht zu hoch schrauben.

7.3 Neue Aromen – Fruchtessige als kulinarische Entdeckung

Die Nachfrage nach neuen, innovativen Essigen wächst – z.B. Himbeeressig (fruchtig, säuerlich), Pfirsich-, Mango-, Chili-, Knoblauch-, Estragon-, Zitronenessig. Diese sind in Feinkostläden und online erhältlich.

7.4 Essig und Nachhaltigkeit (Lebensmittelrettung)

Essig ist ein ideales Produkt, um Lebensmittel (z.B. altes Brot, überreife Früchte, die nicht mehr frisch verkauft werden können) zu verwerten – Äpfel für Apfelessig, Weinreste für Weinessig (ein Winzer würde ohnehin seinen eigenen Wein dafür verwenden, nicht die Reste). Aber es gibt Initiativen, die unverkäufliche Früchte (krumme, mit Druckstellen) in Essig verwandeln. Das ist sinnvoll und reduziert Food Waste. Ein Trend, der sich hoffentlich durchsetzt.

Fazit: Der Sauerstoff des Geschmacks

Essig ist der Sauerstoff der Küche – er öffnet die Aromen, er hellt auf, er deutet an, dass eine Speise nicht nur süß und fettig sein sollte, sondern auch eine frische, lebendige Säure benötigt. Wenige Tropfen Essig in einer Suppe, in einer Sauce, in einem Eintopf, im Salatdressing – das ist der Unterschied zwischen gut und großartig.

Wir haben gesehen, dass Essig mehr ist als ein saurer Aufguss. Er ist das Produkt einer zweiten Fermentation, die die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. Er verbindet die Welt: Wein aus Europa, Apfelwein aus New England, Sake aus Japan – sie alle werden durch Essigsäurebakterien in Essig verwandelt. Und er ist ein unverzichtbarer Helfer im Haushalt (Reinigung, Entkalkung, Konservierung).

Die Zukunft des Essigs wird zweigleisig sein: die günstige Industrie-Massenware für den Alltag – und die handwerkliche, hochwertige Nische für Feinschmecker. Beide werden ihre Daseinsberechtigung haben. Aber eines sollten wir alle tun: öfter mal den Essig zücken, statt nur zum Salzstreuer zu greifen.

Oder wie der Koch sagen würde: „Wenn das Gericht fade schmeckt, fehlt entweder Salz oder Säure. Meistens ist es die Säure.“

Guten Appetit!

Quellen

  • Essigverordnung (Deutschland) (in der Fassung der Verordnung über Essig, 2001)
  • EU-Richtlinie 2001/112/EG – über Essig
  • Consortium of Aceto Balsamico Tradizionale di Modena (für die traditionelle Balsamico-Produktion)
  • Bundesverband der Essig- und Senfindustrie – Jahresbericht
  • Lebensmittelklarheit (Verbraucherzentralen) – Fälle zu Balsamico-Bezeichnungen
  • EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) – Essigsäure in Lebensmitteln

Kategorien

  • im-herz
  • alltagsphaenomene

Schlagworte

Essig Herstellung Fermentation, Apfelessig Balsamico Unterschied, Essigsorten Küche, Essigverordnung Rechtslage, Essig Reinigung Entkalker, Aceto Balsamico Tradizionale g.U., Haushaltsessig Verwendung

Kommentar abschicken