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Die 36 Strategeme als Werkzeug der Krisenentschlüsselung

Von DerSchneider

Einleitung

Christian Riecks Buch „Die 36 Strategeme der Krise“ ist kein Lehrbuch der Spieltheorie, und es gibt sich auch nicht als solches aus. Es ist ein schmales Bändchen von rund 150 Seiten, erstmals 2020 erschienen, in dem der Frankfurter Wirtschaftsprofessor und ausgewiesene Spieltheorie-Kenner eine alte chinesische Sammlung von Listtechniken aufnimmt und für moderne Krisensituationen fruchtbar zu machen versucht. Der Klappentext verspricht, der Schlüssel zum Verständnis von Krisen liege im Verständnis der sogenannten Strategeme: Wer ihre Muster erkenne, könne Entwicklungen frühzeitiger vorhersehen und daraus Nutzen ziehen – privat, im Beruf und an der Börse.

Wer das Buch gelesen hat, wird bestätigen: Rieck liefert keine tiefschürfende spieltheoretische Formalisierung. Was er liefert, ist eine sensibilisierende Lektüre. Der Leser soll lernen, hinter die Kulissen zu schauen, Naivität abzulegen und die Mechanik von Täuschung, Ablenkung und strategischer Positionierung zu durchschauen. Die 36 Strategeme dienen dabei als strukturierendes Gerüst. Sie stammen aus der chinesischen Tradition, werden dem General Tan Daoji (gestorben 436 nach Christus) zugeschrieben und sind um das Jahr 1500 in einem anonymen Traktat schriftlich überliefert worden. Ihre Anwendung auf wirtschaftliche und soziale Konflikte der Gegenwart ist der eigentliche Transfer, den Rieck unternimmt.

Dabei ist eine Einschränkung wichtig: Riecks Buch ist in Rezensionen wiederholt als handwerklich nachlässig kritisiert worden – fehlende Überleitungen, gelegentlich schlampige Edition, keine durchgängige spieltheoretische Modellierung. Es ist kein akademisches Werk, sondern ein praxisorientierter Leitfaden zur Bewusstseinsbildung. Wer es als solchen liest, wird reichlich profitieren; wer eine systematische Theorie erwartet, wird enttäuscht.

Im Folgenden werden alle 36 Strategeme in ihrer traditionellen Bedeutung erklärt – als das, was sie sind: Muster der List, der Täuschung, der Positionierung und des Rückzugs. Zu jedem Strategem wird ein veranschaulichendes Beispiel gegeben. Eine wohlwollende Erklärung bedeutet nicht, jede dieser Techniken zu empfehlen. Es bedeutet, sie in ihrer jeweiligen Logik zu verstehen, um sie im Krisenfall erkennen und gegebenenfalls parieren zu können.

Die sechs Gruppen und ihr innerer Aufbau

Die chinesische Überlieferung ordnet die 36 Strategeme in sechs Sechsergruppen. Diese Ordnung ist nicht beliebig, sondern folgt einer groben Logik der Situation: Die ersten drei Gruppen (Strategeme 1–18) sind für vorteilhafte Lagen gedacht, die letzten drei (Strategeme 19–36) für nachteilige oder unübersichtliche Situationen. Wer das Buch als Nachschlagewerk nutzt, tut gut daran, sich diese Grobstruktur zu vergegenwärtigen, bevor er einzelne Kapitel aufschlägt.

GruppeStrategemeGrundsituation
Siegesstrategeme1–6Man ist im Vorteil, aber der Gegner ist noch nicht entscheidend geschwächt
Feindstrategeme7–12Man ist dem Gegner ebenbürtig, der Ausgang ist offen
Angriffsstrategeme13–18Man ist überlegen und kann zum entscheidenden Schlag ausholen
Chaosstrategeme19–24Die Lage ist verworren, mehrere Akteure ringen um Vorteile
Nebeneinander-Strategeme25–30Mehrere gleichrangige Akteure müssen koordiniert oder ausmanövriert werden
Rückzugsstrategeme31–36Man ist in der schwächeren Position und muss Schaden begrenzen

Die Strategeme im Einzelnen

Gruppe I: Siegesstrategeme (1–6)

1. Den Kaiser täuschen und das Meer überqueren.
Die Grundidee: Eine ungewöhnliche oder riskante Handlung wird in einen vertrauten, harmlosen Rahmen gekleidet, sodass der Betroffene die Tragweite nicht erkennt. Die Legende berichtet von einem Kaiser, der in ein Haus am Meer eingeladen wurde, das sich als Schiff entpuppte, als das Meer bereits überquert war.
Beispiel: Ein Unternehmen führt eine „harmlose“ interne Schulung durch, die tatsächlich dazu dient, die Belegschaft auf eine bevorstehende umfassende Umstrukturierung vorzubereiten. Die Mitarbeiter erkennen nicht, dass sie bereits auf dem „Schiff“ sind, bis die Umstrukturierung abgeschlossen ist.

2. Wei belagern, um Zhao zu retten.
Statt den bedrängten Verbündeten direkt zu entsetzen, greift man ein empfindliches Ziel des Angreifers an, das dieser nicht preisgeben kann. Die Belagerung der Hauptstadt von Wei zwang dessen Armee, den Angriff auf Zhao abzubrechen.
Beispiel: Ein Softwareunternehmen wird von einem großen Konkurrenten auf seinem Kernmarkt angegriffen und reagiert nicht mit Preisnachlässen zur Verteidigung, sondern kündigt plötzlich eine „Free-for-Life“-Version für den empfindlichsten Markt des Konkurrenten an. Der Konkurrent muss seine Ressourcen zurückziehen, um diesen Markt zu verteidigen, und der Druck auf den Kernmarkt des Softwareunternehmens lässt nach.

3. Mit dem Messer eines anderen töten.
Man bedient sich eines Dritten, um eine unangenehme Aufgabe zu erledigen, ohne selbst die Hände schmutzig zu machen. Das kann ein Verbündeter sein, ein Stellvertreter oder eine institutionalisierte Instanz.
Beispiel: Ein kleiner Hersteller wird von einem großen Händler unter Druck gesetzt und veranlasst indirekt über einen Branchenverband eine Untersuchung der Kartellbehörde gegen die Praktiken des Händlers, anstatt selbst direkt zu konfrontieren.

4. Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten.
Kräfteverhältnisse sind nicht statisch. Wer seine Ressourcen schont, während der Gegner sich verausgabt, verbessert seine Position ohne eigenes Zutun.
Beispiel: Ein Investor hält während eines Marktabschwungs Barmittel und kauft nicht in Panik. Wenn andere Marktteilnehmer aufgrund von Liquiditätsdruck zwangsweise verkaufen müssen, kann er qualitativ hochwertige Vermögenswerte zu niedrigen Preisen erwerben.

5. Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen.
Die Notlage eines anderen wird zur eigenen Vorteilsnahme genutzt. Das ist moralisch fragwürdig, aber real. Riecks Anliegen ist nicht, diese Technik zu empfehlen, sondern ihre Erkennung zu ermöglichen.
Beispiel: Wenn ein Konkurrent aufgrund eines Produktskandals in eine Krise gerät, verstärkt ein anderes Unternehmen sofort seine Marketingausgaben, um dessen Kunden abzuwerben.

6. Im Osten lärmen, im Westen angreifen.
Ablenkung durch Scheinaktivität. Der Gegner wird an einem Punkt gebunden, während der eigentliche Stoß an anderer Stelle erfolgt.
Beispiel: Ein Technologieunternehmen kündigt auf einer Produktkonferenz öffentlich ein „revolutionäres“ neues Produkt an, während es gleichzeitig still und leise eine Übernahme eines Konkurrenten im Kerngeschäft abschließt.

Gruppe II: Feindstrategeme (7–12)

7. Aus einem Nichts etwas erzeugen.
Eine Illusion wird so lange aufrechterhalten, bis sie Realität wird – oder bis der Gegner darauf hereinfällt. Die Grenze zur Lüge ist fließend.
Beispiel: Ein Startup-Unternehmen verfügt nicht über die entsprechenden Fähigkeiten, zeigt aber auf seiner Website großformatig „Partnerschaften“ mit mehreren namhaften Unternehmen (die tatsächlich nur einmalige Kontakte waren), um bei Investoren den Eindruck von Stärke zu erwecken.

8. Sichtbar die Holzstege reparieren, heimlich nach Chencang marschieren.
Eine offene, harmlose Tätigkeit dient als Deckmantel für ein verborgenes Vorhaben.
Beispiel: Ein Autohersteller gibt öffentlich bekannt, dass er sich „auf die Elektrifizierung konzentriert“, während seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung intern heimlich an einem wasserstoffbetriebenen Prototyp arbeitet.

9. Das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten.
Abwarten, bis der Konflikt zwischen anderen Akteuren sich erschöpft hat, und dann die günstige Gelegenheit nutzen.
Beispiel: Zwei große Plattformunternehmen führen einen subventionsintensiven Preiskampf, und ein drittes Unternehmen verzichtet bewusst auf die Teilnahme am Preiskampf, sondern wartet ab, bis beide Seiten erhebliche Verluste erlitten haben, und tritt dann mit einem differenzierten Produkt in den Markt ein.

10. Hinter dem Lächeln den Dolch verbergen.
Freundlichkeit als Tarnung für feindliche Absichten. Die Strategie ist so alt wie die Menschheit und in Verhandlungen besonders gefährlich, weil sie das Vertrauen des Gegenübers gezielt missbraucht.
Beispiel: In geschäftlichen Verhandlungen zeigt sich eine Seite äußerst kooperativ und wohlwollend, doch der vorgelegte Vertragsentwurf enthält mehrere versteckte Klauseln, die die Haftung einseitig verteilen.

11. Der Pflaumenbaum verdorrt anstelle des Pfirsichbaums.
Ein kleiner Verlust wird bewusst in Kauf genommen, um einen größeren Schaden abzuwenden.
Beispiel: Ein Unternehmen opfert freiwillig einen kleinen Geschäftsbereich (den „Pflaumenbaum“), um eine kartellrechtliche Prüfung der Behörden für sein Kerngeschäft (den „Pfirsichbaum“) zu vermeiden.

12. Mit leichter Hand das Schaf wegführen.
Eine sich bietende Gelegenheit wird ohne Zögern ergriffen. Der Unterschied zu Strategem 5 liegt im Grad der aktiven Ausnutzung: Hier geht es um das beiläufige Mitnehmen eines Vorteils, der sich unerwartet ergibt.
Beispiel: Ein Vertriebsmitarbeiter entdeckt bei einem Kundentermin, dass der Kunde ein dringendes Bedürfnis nach einem Produkt hat, das das eigene Unternehmen zufällig auf Lager hat, und schließt noch am selben Tag einen Zusatzauftrag ab.

Gruppe III: Angriffsstrategeme (13–18)

13. Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen.
Durch gezielte, begrenzte Aktionen wird die Reaktion des Gegners getestet, um seine Stärke, Position und Absichten zu erkunden.
Beispiel: Ein Unternehmen bringt in einer kleineren Stadt ein Testprodukt auf den Markt, um zu beobachten, wie der Hauptkonkurrent reagiert (Preissenkungen? Ignorieren? Nachahmung?), bevor es landesweit expandiert.

14. Für die Rückkehr der Seele einen Leichnam ausleihen.
Man bedient sich einer totgeglaubten Autorität, Tradition oder Institution, um eigene Ziele zu legitimieren. Im Krisenfall können das alte Markennamen, überkommene Regelungen oder auch nur der Verweis auf vergangene Größe sein.
Beispiel: Ein neues Unternehmen benutzt einen seit langem stillgelegten, aber in der Region sehr bekannten Markennamen, um das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen – obwohl zwischen dem neuen und dem alten Unternehmen keinerlei tatsächliche Verbindung besteht.

15. Den Tiger vom Berg in die Ebene locken.
Der Gegner wird aus einer Position der Stärke herausgelockt, in der er unangreifbar wäre.
Beispiel: Ein Herausforderer bietet dem Marktführer eine „Kooperationsmöglichkeit“ in einem Randbereich an und lockt ihn so aus seinem Stammgeschäft heraus; während der Marktführer abgelenkt ist, greift der Herausforderer dessen Kernmarkt an.

16. Will man etwas fangen, muss man es zunächst loslassen.
Wer den Gegner in die Enge treibt, riskiert einen verzweifelten Gegenstoß. Wer ihm scheinbar einen Ausweg lässt, kann ihn in eine Falle locken.
Beispiel: Ein Unternehmen verklagt einen Konkurrenten wegen angeblicher Patentverletzung nicht sofort, sondern „lässt ihn gewähren“, bis der Konkurrent sein gesamtes Marketingbudget für die Markteinführung des fraglichen Produkts ausgegeben hat, und reicht dann Klage ein, um den Konkurrenten in eine aussichtslose Lage zu bringen.

17. Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen.
Ein kleiner Köder wird ausgelegt, um einen wertvollen Gewinn zu erzielen.
Beispiel: Ein Softwareunternehmen bietet eine dreimonatige kostenlose Testversion an (der „Backstein“), um den Kunden an das Produkt zu gewöhnen; nach Ablauf der Testversion schließt der Kunde einen langfristigen kostenpflichtigen Vertrag ab (der „Jadestein“).

18. Will man eine Räuberbande unschädlich machen, muss man deren Anführer fangen.
Das Zentrum der gegnerischen Macht wird ausgeschaltet, um die Peripherie zur Aufgabe zu zwingen.
Beispiel: Bei der Bekämpfung von Produktpiraterie reicht ein Unternehmen nicht gegen jeden einzelnen Verkäufer Klage ein, sondern konzentriert sich auf die Verfolgung des Herstellers, der die Quelle der Piraterie ist.

Gruppe IV: Chaosstrategeme (19–24)

19. Das Brennholz unter dem Kessel wegnehmen.
Man entzieht dem Gegner die Grundlage seiner Stärke, statt ihn direkt anzugreifen.
Beispiel: Ein Unternehmen untergräbt die Position eines Konkurrenten nicht durch Preiskämpfe, sondern indem es dessen einzigen Zulieferer für Schlüsselkomponenten exklusiv bindet.

20. Das Wasser trüben, um die Fische zu ergreifen.
Unübersichtlichkeit wird gezielt erzeugt oder ausgenutzt, um im Trüben eigene Vorteile zu erlangen.
Beispiel: Während einer chaotischen Übernahmeschlacht um ein Unternehmen kauft ein Dritter still und leise dessen wertvolle Tochtergesellschaften oder Patente auf, bevor der Ausgang der Übernahme feststeht.

21. Die Zikade wirft ihre goldglänzende Hülle ab.
Man erweckt den Anschein, weiterhin präsent und handlungsfähig zu sein, während man sich in Wahrheit bereits zurückzieht oder umpositioniert.
Beispiel: Ein Unternehmen gibt weiterhin öffentlich bekannt, dass „die Produktion normal läuft“, während es intern bereits die Belegschaft abbaut und Anlagen veräußert – die „Hülle“ bleibt bestehen, der „Kern“ ist bereits verschwunden.

22. Die Türe schließen und den Dieb fangen.
Dem Gegner wird die Fluchtmöglichkeit abgeschnitten, bevor der entscheidende Schlag erfolgt.
Beispiel: Wenn ein Unternehmen entdeckt, dass ein Mitarbeiter Geschäftsgeheimnisse stiehlt, ergreift es nicht sofort Maßnahmen, sondern sammelt systematisch Beweise und kündigt erst dann, wenn der Mitarbeiter nicht mehr fliehen kann, und erstattet Anzeige.

23. Sich mit dem fernen Feind verbünden, um den nahen Feind anzugreifen.
Allianzen werden nach geographischer oder strategischer Nähe geschlossen: Der entfernte Akteur ist weniger bedrohlich als der unmittelbare Rivale.
Beispiel: Ein regionaler Einzelhändler verbündet sich mit einer großen Online-Plattform, um gemeinsam gegen einen stärkeren lokalen Konkurrenten vorzugehen – obwohl die Plattform langfristig ebenfalls eine Bedrohung darstellt.

24. Vorgeben, durch Yu zu marschieren, um Guo anzugreifen.
Ein Transit- oder Durchgangsrecht wird erbeten, um den Nachbarn zu überfallen, sobald die Truppen durchgezogen sind.
Beispiel: Ein Unternehmen gewährt einem „Partner“ Zugang zu seinem Vertriebsnetz (der „Weg“), und der Partner nutzt diesen Zugang, um direkt Kunden abzuwerben und das Unternehmen zu schwächen.

Gruppe V: Nebeneinander-Strategeme (25–30)

25. Die Balken stehlen und gegen morsche Stützen austauschen.
Die innere Struktur eines Systems wird ausgehöhlt oder durch Schwächeres ersetzt, während die äußere Form erhalten bleibt.
Beispiel: Ein Unternehmen ersetzt still und leise seine Kernlieferanten durch billigere, aber unzuverlässigere Anbieter, während die Produktqualität nach außen hin unverändert erscheint – bis eines Tages die Lieferkette zusammenbricht.

26. Die Akazie schelten, dabei auf den Maulbeerbaum zeigen.
Kritik wird an einem Adressaten geübt, während eigentlich ein anderer gemeint ist. Die indirekte Warnung soll den eigentlichen Adressaten treffen, ohne dass dieser öffentlich genannt werden muss.
Beispiel: Ein Manager kritisiert in einer Besprechung öffentlich „bestimmte Mitarbeiter, die bei Projekten nicht kooperieren“, ohne Namen zu nennen, während alle Anwesenden wissen, dass die betreffende Person im Raum sitzt.

27. Verrücktheit mimen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Man gibt sich harmlos, verwirrt oder unzurechnungsfähig, um nicht als Bedrohung wahrgenommen zu werden.
Beispiel: Ein Unternehmen gibt sich in einer Marktnische bewusst „klein“ und „unfähig“, um die Wachsamkeit großer Konkurrenten zu vermeiden, und wartet auf den richtigen Moment, um mit voller Kraft vorzustoßen.

28. Auf das Dach locken, um dann die Leiter wegzuziehen.
Der Gegner wird in eine Position gelockt, aus der es kein Entkommen gibt, weil der Rückweg abgeschnitten wird.
Beispiel: Ein Unternehmen lädt einen Konkurrenten zu einer „Branchenkooperation“ ein und lockt ihn so in ein Joint Venture; nachdem der Konkurrent erhebliche Ressourcen investiert hat, zieht sich das einladende Unternehmen zurück und lässt den Konkurrenten mit den Investitionen allein.

29. Dürre Bäume mit künstlichen Blüten schmücken.
Stärke wird vorgetäuscht, wo keine ist. Attrappen, Scheinblüten, leere Hüllen – das Muster ist im Krisenfall besonders verlockend, weil es kurzfristig Zeit verschafft, aber langfristig die Glaubwürdigkeit zerstört.
Beispiel: Ein Unternehmen präsentiert auf einer Messe einen auffälligen Messestand und beeindruckende „Erfolgszahlen“, während das tatsächliche Produkt noch nicht ausgereift ist – der „dürre Baum“ wird durch die „künstlichen Blüten“ verdeckt.

30. Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren.
Vom Reagierenden zum Agierenden werden. Wer in einer Krise nur auf die Handlungen anderer reagiert, bleibt schwach.
Beispiel: Ein Unternehmen tritt zunächst als Auftragshersteller für eine große Marke auf (die „Gast“-Rolle) und beginnt dann, eine eigene Marke aufzubauen, um schließlich selbst die „Gastgeber“-Rolle zu übernehmen.

Gruppe VI: Rückzugsstrategeme (31–36)

31. Die List der schönen Frau.
Einsatz von Attraktivität, Charme oder persönlicher Nähe, um eine einflussreiche Person zu beeinflussen oder Informationen zu gewinnen. Die Legende um Diaochan und Lü Bu ist das klassische Beispiel.
Beispiel: In der Wirtschaftsspionage wird manchmal eine Person mit guten zwischenmenschlichen Fähigkeiten und Attraktivität gezielt eingesetzt, um eine enge Beziehung zu einem Entscheidungsträger eines Zielunternehmens aufzubauen und so an vertrauliche Informationen zu gelangen.

32. Die List der offenen Stadttore.
Man zeigt offen die eigene Schwäche und hofft, dass der Gegner sie für eine Falle hält. Zhuge Liang soll mit fünftausend Soldaten eine Stadt gegen hundertfünfzigtausend Mann verteidigt haben, indem er die Tore öffnete und Zither spielte.
Beispiel: Ein Unternehmen zeigt in einer Verhandlung offen seine „Schwäche“ (z. B. begrenzte Liquidität) und erreicht dadurch, dass die Gegenseite dies für eine Verhandlungstaktik hält und übervorsichtig wird – tatsächlich ist die Schwäche real, aber die Gegenseite wagt aufgrund übermäßiger Vorsicht keinen entscheidenden Schritt.

33. Die List des Zwietrachtsäens.
Uneinigkeit unter den Gegnern wird gesät oder verstärkt, um sie gegeneinander auszuspielen.
Beispiel: Ein Unternehmen lanciert gezielt Informationen über einen seiner Konkurrenten, um eine bestehende Allianz zwischen zwei Konkurrenten zu erschüttern.

34. Das Strategem der Selbstverstümmelung.
Man fügt sich selbst Schaden zu, um Vertrauen zu gewinnen oder einen größeren Vorteil zu erlangen. Das ist die riskanteste aller Techniken, weil der eigene Schaden real ist und der erhoffte Gewinn spekulativ bleibt.
Beispiel: Um das Vertrauen eines wichtigen Kunden zu gewinnen, opfert ein Unternehmen freiwillig einen Teil seiner Marge (den „eigenen Schaden“) und baut so eine langfristige Beziehung auf, die weitaus wertvoller ist.

35. Die Strategem-Verkettung.
Mehrere Strategeme werden miteinander kombiniert, sodass sie sich gegenseitig verstärken. In komplexen Krisen ist die isolierte Anwendung eines einzelnen Musters selten ausreichend.
Beispiel: Zuerst wird mit „Im Osten lärmen, im Westen angreifen“ (Nr. 6) die Aufmerksamkeit abgelenkt, dann mit „Heimlich nach Chencang ziehen“ (Nr. 8) das eigentliche Ziel erreicht, und schließlich mit „Das offene Stadttor“ (Nr. 32) der Gegner eingeschüchtert, sodass er nicht wagt, nachzufassen.

36. Rechtzeitiges Weglaufen ist das Beste.
Wenn der Kampf aussichtslos ist, ist der Rückzug die vernünftigste Option. Das ist keine Schande, sondern strategische Klugheit.
Beispiel: Ein Unternehmen erkennt, dass ein Markt langfristig unrentabel ist, und zieht sich rechtzeitig zurück, anstatt weiterhin Verluste zu akkumulieren, um Ressourcen für aussichtsreichere Bereiche zu schonen.

Fazit und Ausblick

Riecks Buch ist, bei allen Schwächen in der formalen Aufbereitung, ein nützliches Werk der Sensibilisierung. Es lehrt nicht, Krisen „zu gewinnen“, sondern sie zu lesen. Die 36 Strategeme sind dabei kein Kochbuch, sondern ein Vokabular. Wer ihre Muster kennt, erkennt sie schneller, wenn sie gegen ihn verwendet werden – und kann abwägen, ob und wann ihre Anwendung für ihn selbst vertretbar ist.

Die kritische Frage, die das Buch nicht systematisch beantwortet, ist die nach der ethischen Grenze. Nicht jedes Strategem ist moralisch gleichwertig. Zwischen dem Abwarten einer günstigen Gelegenheit (Strategem 4) und dem Ausnutzen einer fremden Notlage (Strategem 5) liegt ein qualitativer Unterschied. Rieck zeigt die Muster, aber die Bewertung bleibt dem Leser überlassen. Das ist einerseits die Stärke des Buches – es belehrt nicht –, andererseits eine Leerstelle, die der Leser selbst füllen muss.

Ein weiterer Punkt verdient Beachtung: Die meisten Strategeme beschreiben Täuschung und List. Ihre Anwendung kann in bestimmten Kontexten – etwa in vertraglichen Beziehungen – gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstoßen. Der eigentliche Wert des Buches liegt im Erkennen von Strategemen, nicht in deren Anwendung. Wer die Muster durchschaut, ist nicht verdächtiger, sondern wachsamer. Ob das ausreicht, um das Buch zu rechtfertigen, muss jeder Leser für sich entscheiden.


Quellen

  • Rieck, Christian: Die 36 Strategeme der Krise – erfolgreich werden, wenn andere scheitern. Eschborn: Christian Rieck Verlag, 2020 (Auflage 1); 2021 (Auflage 1.04, 152 Seiten). ISBN 978-3-924043-73-5.
  • Wikipedia: „36 Strategeme“. Online: de.wikipedia.org/wiki/36_Strategeme (abgerufen am 30.10.2026). Grundlage für die traditionellen Bedeutungen der Strategeme 1–6, 28–33.
  • Wikisource: „Sechsunddreißig Strategeme“, chinesischer Originaltext mit der traditionellen Sechsergruppierung. Online: zh.wikisource.org (abgerufen am 30.10.2026).
  • Von Senger, Harro: 36 Strategeme für Manager. München/Wien: Carl Hanser Verlag, 2004. (Standardwerk zur westlichen Rezeption; im vorliegenden Artikel nicht direkt zitiert, aber als Hintergrund herangezogen.)

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