Pan Tau: Ein Gentleman aus einer anderen Zeit
Es war die Stunde des geteilten Europas. Während an der innerdeutschen Grenze Stacheldraht und Beton die Welt in zwei feindliche Blöcke spalteten, flimmerte ein stiller Zauberer in die Wohnzimmer des Ostens wie des Westens – und verband, was politisch nicht zusammengehören durfte. Die Rede ist von Pan Tau, jener ebenso rätselhaften wie liebenswürdigen Figur in Melone und Frack, die zwischen 1970 und 1978 Kinder auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gleichermaßen verzauberte. Ihre Geschichte ist weit mehr als eine nostalgische Kindheitserinnerung; sie ist ein Lehrstück über die Macht populärer Kultur als Brücke im Kalten Krieg.
Die ungewöhnliche Geburt eines Klassikers
Die Wurzeln der Serie reichen bis ins Jahr 1966 zurück. Der italienische Filmproduzent Carlo Ponti – seinerzeit Ehemann von Sophia Loren – beauftragte das tschechoslowakische Filmstudio Barrandov mit einem Pilotfilm für eine internationale Kinderserie. Heraus kam ein kurzer Film über einen stummen Herrn mit Zaubermelone, der sich klein und wieder groß machen konnte, Kinder und Tiere mochte und mit moderner Technik sympathisch überfordert war. Der Film trug den Titel Pan Tau tritt auf.
Zwei Jahre später, 1968, folgte die Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Truppen – ein Trauma für die tschechoslowakische Gesellschaft, das auch das kulturelle Leben nachhaltig prägte. Regisseur Jindřich Polák (1925–2003) notierte später: „Die Okkupation der Tschechoslowakei durch die Sowjets im Jahr 1968 hatte auch in den kulturellen Bereich tief eingegriffen.“ In dieser Atmosphäre der sogenannten „Normalisierung“ griff der Westdeutsche Rundfunk (WDR) Pontis Idee auf. Der damalige WDR-Kinderprogrammchef Gert K. Müntefering suchte Mitte der 1960er Jahre händeringend nach Alternativen zu den dominierenden amerikanischen Serien, japanischen Zeichentrickfilmen und skandinavischen Produktionen – und fand sie im Osten.
So entstand die bis heute ungewöhnliche Konstellation einer deutsch-tschechoslowakischen Koproduktion zwischen dem WDR, den Prager Filmstudios Barrandov und dem tschechoslowakischen Fernsehen ČST – in einer Zeit, in der die Bundesrepublik die kommunistische Tschechoslowakei diplomatisch nicht einmal anerkannte (Hallstein-Doktrin).
Die Schöpfer: Ota Hofman und Jindřich Polák
Das kreative Rückgrat der Serie bildete das Duo Ota Hofman (1928–1989) und Jindřich Polák. Hofman, seit 1955 Dramaturg für Kinderfilme bei Barrandov, war einer der renommiertesten tschechischen Drehbuchautoren seiner Zeit. Polák, der Regisseur, teilte mit ihm nicht nur die Arbeit, sondern auch eine tiefe Verbundenheit mit dem Genre des phantastischen Kinderfilms.
Gemeinsam schufen sie nicht nur Pan Tau, sondern auch andere Kultserien wie Luzie, der Schrecken der Straße und Die Besucher – letztere eine Science-Fiction-Persiflage, die ebenfalls als deutsch-tschechoslowakische Koproduktion realisiert wurde. Ihre Arbeitsweise war von einer bemerkenswerten Freiheit geprägt: Innerhalb des sozialistischen Kulturbetriebs gelang es ihnen, Geschichten zu erzählen, die sowohl den ideologischen Vorgaben genügten als auch subversive Lesarten zuließen – eine Kunst des „Schreibens zwischen den Zeilen“, die in der tschechischen Kultur eine lange Tradition hat.
Die Figur: Ein Gentleman der Pantomime
Pan Tau – tschechisch „Herr Tau“ – ist eine komplexe Figur, die bewusst mit den Erwartungen an einen klassischen Helden bricht.
Äußere Erscheinung
- Eleganter schwarzer Anzug (Stresemann) mit weißer Nelke im Knopfloch
- Unverwechselbare Melone
- Immer dabei: ein Regenschirm
Fähigkeiten
- Zauberei: Eine bestimmte Bewegung an der Melone genügt, um Dinge erscheinen zu lassen, sich zu verwandeln oder zu fliegen.
- Unsichtbarkeit: Für Erwachsene ist Pan Tau meist unsichtbar – eine kluge dramaturgische Entscheidung, die die kindliche Perspektive ins Zentrum rückt.
- Stummheit: In den ersten 26 von 33 Episoden spricht er kein Wort. Seine Kommunikation erfolgt ausschließlich über Mimik und Gestik.
Besonderheit der späten Folgen
Ab der dritten Staffel (den letzten sieben Folgen) erhält Pan Tau eine Sprechrolle – eine Entscheidung, die bei Puristen nicht unumstritten ist. Damit verliert die Figur einen Teil ihres rätselhaften Charmes, gewinnt aber an narrativer Flexibilität.
Produktion und Episoden
Technische Daten
| Kategorie | Detail |
|---|---|
| Produktionszeitraum | 1969–1978 |
| Episoden | 33 + Pilot |
| Staffeln | 3 |
| Episodenlänge | 25–37 Minuten |
| Originalsprache | Tschechisch |
| Produktionsländer | ČSSR, BRD |
| Hauptproduktionsstätten | Filmstudios Barrandov (Prag) |
Die drei Staffeln
Die Serie durchlief eine bemerkenswerte Entwicklung. In der ersten Staffel (13 Folgen) steht die reine Zauberei im Vordergrund: Pan Tau hilft Kindern, indem er seine magischen Kräfte einsetzt. Die zweite Staffel (13 Folgen) führt eine Verwechslungskomödie ein – Pan Tau ähnelt einem verschollenen Familienvater namens Alfons Urban, was zu allerlei Missverständnissen führt. Die dritte Staffel (7 Folgen) markiert den Übergang zum Sprechfilm und zeigt Pan Tau in zunehmend skurrilen Abenteuern.
Der Kinofilm (1988)
Acht Jahre nach dem Ende der Serie folgte Pan Tau – Der Film, der die Geschichte melancholisch abschließt. Im Zentrum steht der alternde Schauspieler Rudolf Karásek, der einst Pan Tau spielte, heute aber dem Alkohol verfallen ist. Der Film reflektiert das Verhältnis von Schauspieler und Rolle, von Ruhm und Vergänglichkeit.
Das Nena-Video (1990)
Ein allerletzter Auftritt: 1990 war Otto Šimánek im Musikvideo zu Nenas Song „Du bist überall“ zu sehen – ein Cameo, der die Figur noch einmal in die frühen 1990er Jahre rettete, bevor der Schauspieler 1992 starb.
Auszeichnungen
Die Qualität der Serie wurde mehrfach gewürdigt:
| Jahr | Auszeichnung |
|---|---|
| 1970 | Nationales Kinderfilmfestival Gottwaldov |
| 1970 | Internationales Kinder- und Jugendfilmfestival Venedig |
| 1971 | Internationales Fernsehfestival Monte Carlo |
| 1974 | Silberner Bambi |
| 1976 | Adolf-Grimme-Preis |
Der Schauspieler: Otto Šimánek (1925–1992)
Die Identifikation von Schauspieler und Rolle ist bei Pan Tau so vollständig wie bei wenigen anderen Figuren. Otto Šimánek – ausgebildeter Pantomime, Schauspieler am Prager Stadttheater und später Lehrer für Mimik am Prager Konservatorium – brachte genau jene körperliche Präzision und Ausdruckskraft mit, die die Figur benötigte. Er starb am 8. Mai 1992 in Prag, nur wenige Monate nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges, den seine Figur so sanft überbrückt hatte.
Das Remake von 2020
Zum 50-jährigen Jubiläum der Erstausstrahlung produzierte die ARD ein 14-teiliges Remake. Die Grundidee blieb erhalten – ein stummer, eleganter Helfer in magischer Melone –, doch die Umsetzung unterschied sich in mehreren Punkten deutlich vom Original:
| Aspekt | Original (1970–1978) | Remake (2020) |
|---|---|---|
| Darsteller | Otto Šimánek (Tscheche) | Matt Edwards (Brite) |
| Handlungsort | Verschiedene Schauplätze | Westpark High School |
| Zielgruppe | Kinder allgemein | Jugendliche |
| Problemstellungen | Alltagsnöte | Mobbing, Clickbaiting, Rassismus, Klimawandel |
| Sprachliche Ausrichtung | Tschechisch/Deutsch | Englisch (mit deutschen Schauspielern) |
| Magieverständnis | Reaktiv, beobachtend | Aktiver, eingreifender |
Die Regisseurin Franziska Meyer Price begründete die Veränderungen: „Der alte Pan Tau war reaktiv, er stand oft da und hat sich Dinge lächelnd angeschaut. Das war damals auch sehr bezaubernd. Aber wir wollten, dass der heutige Pan Tau viel mehr agiert.“
Die Kritiken zum Remake fielen gemischt aus. Gelobt wurde der Versuch, die Figur in die Gegenwart zu holen; bemängelt wurde der Verlust jener spezifischen tschechoslowakischen Poesie und Understatement-Kunst, die das Original auszeichnete.
Ambivalenzen des Populären – Die Serie zwischen Ost und West
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Serie verdankt sich wesentlich der Konstanzer Soziologin Helena Srubar. In ihrer Dissertation Ambivalenzen des Populären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West (2008) analysiert sie die mehrdeutigen Bedeutungsschichten der deutsch-tschechoslowakischen Koproduktionen.
Srubar identifiziert drei zentrale Diskursstränge, die in den Serien angelegt sind:
1. Der sozialistische Diskurs
Die Serien sind unverkennbar Produkte des sozialistischen Kulturbetriebs. Kapitalismuskritik – mitunter recht plump – ist in vielen Episoden präsent, etwa wenn gierige Geschäftsleute oder bornierte Staatsdiener vorgeführt werden. Der Wohlstand des Westens wird mit Skepsis betrachtet.
2. Der nationale Diskurs
Das stärkste Erzählmuster ist jedoch ein nationales: die Perspektive des „kleinen tschechischen Menschen“. Es ist die Welt eines sympathischen Kleinbürgers, der sich auf seine Arbeit und sein Privatleben konzentriert, schlitzohrig ist und mit den Zumutungen der großen Welt auf seine Weise fertig wird. Dieser Lebensentwurf – egalitär, fleißig, bescheiden – erwies sich als überraschend anschlussfähig an den sozialistischen Wertekanon, war aber auch im Westen verständlich und beliebt.
3. Der oppositionelle Diskurs
Die spannendste Dimension ist die subversive: Pan Tau als eine Figur, die alle Autoritäten in Frage stellt. Die sozialistischen Staatsdiener werden in den Kinderfilmen regelmäßig als überfordert, spießig oder lächerlich dargestellt. Kinder sind die eigentlichen Helden, die mit Hilfe des Zauberers die Ordnung der Erwachsenen auf den Kopf stellen. Wie die Süddeutsche Zeitung es formulierte: „Der Respekt vor der Staatsgewalt war nicht sonderlich ausgeprägt im tschechoslowakischen Kinderfernsehen der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre.“
Interessant ist, dass diese subversiven Botschaften von den Machern selbst keineswegs immer bewusst intendiert waren. Vielmehr wurden sie von den tschechischen Zuschauern – geschult im Lesen zwischen den Zeilen – in den Filmen entdeckt. Was in Prag als unverfängliche Unterhaltung durch die Zensur kam, wurde in den Wohnzimmern als stiller Widerstand gelesen.
Pan Tau als „tschechisch-deutscher Erinnerungsort“
Die Serie erlangte eine kulturhistorische Bedeutung, die weit über ihre reine Unterhaltungsfunktion hinausreicht. Sie gehört zu den wenigen kulturellen Artefakten, die in beiden deutschen Staaten sowie in der Tschechoslowakei gleichermaßen populär waren und bis heute als positiver Bestandteil von Kindheitserinnerungen gelten.
Helena Srubar bezeichnet Pan Tau daher als einen „tschechisch-deutschen Erinnerungsort“ – eine gemeinsame Referenz, die Generationen diesseits und jenseits der ehemaligen Grenzen verbindet. Dass 1989 Menschen in Leipzig, Berlin und Prag auf die Straße gingen und „Wir sind ein Volk“ riefen, mag auch damit zu tun haben, dass sie mit denselben Helden aufgewachsen waren – mit Pan Tau, der Märchenbraut und den Besuchern.
Fazit: Ein stiller Zauberer mit großer Wirkung
Rückblickend zeigt sich: Pan Tau war mehr als eine Kinderserie. Sie war eine kulturpolitische Brücke im Kalten Krieg, ein Experiment grenzüberschreitender Fernsehkooperation und ein Meisterwerk der Vieldeutigkeit, das unterschiedlichste Lesarten zuließ – ohne jemals didaktisch zu werden.
Die Figur des stummen Gentleman mit Melone und Regenschirm hat Generationen geprägt, weil sie eine Sehnsucht bediente: die Sehnsucht nach einer Welt, in der nicht Stärke, Gewalt oder Konsum zählen, sondern Einfühlungsvermögen, Fantasie und die Fähigkeit, Probleme auf leise, elegante Weise zu lösen. In einer Zeit, in der laute Helden mit geblähten Hemdbrüsten die Bildschirme beherrschten, war Pan Tau die sanfte Alternative – und vielleicht gerade deshalb so erfolgreich.
Quellen
- Srubar, Helena (2008): Ambivalenzen des Populären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West. UVK Konstanz. ISBN 978-3-86764-047-3.
- Wikipedia (deutsch/tschechisch/englisch): Pan Tau, Ota Hofman, Jindřich Polák, Otto Šimánek (verschiedene Versionen)
- Süddeutsche Zeitung (08.11.2018): Mit Hirn, Charme und Melone
- Radio Prag (25.08.2003): „Pan Tau“-Regisseur Polak gestorben
- H-Soz-Kult (27.06.2008): Rezension zu: H. Srubar: Ambivalenzen des Populären
- Der Spiegel (02.06.2009): Helden meiner Kindheit: Schabernack mit Luzie und Pan Tau
- Landesecho.cz (02.10.2020): Pan Tau auf neuen Abenteuern
- fernsehserien.de (Episodenguide)
- IMDb (Plot Summary: Pan Tau – Der Film, 1988)
- Web.archive.org (Pan Tau – archivierte Wikipedia-Seite)
Kommentar abschicken