Sugus: Vom Schweizer Kultbonbon zum globalisierten Erinnerungsstück
von DerSchneider
Die süsse Verpackung raschelt, der kleine, quadratische Block liegt auf der Zunge – und schon ist man zurückversetzt in eine Zeit, in der ein Fruchtbonbon mehr war als nur Zucker und Aroma. Sugus, das kleine Kaubonbon mit den bunten Papieren, gehört zu den wenigen Süsswaren, die über fast ein Jahrhundert hinweg eine bemerkenswerte kulturelle Bedeutung entfalten konnten. Was 1931 als Notlösung in der Krise begann, wurde zur Ikone – und steht heute exemplarisch für die Spannungen einer globalisierten Lebensmittelindustrie.
Einleitung: Der unwahrscheinliche Aufstieg eines Fruchtbonbons
Es ist eine jener Geschichten, die man kaum erfinden könnte: Eine Schokoladenfabrik in der Krise, ein Direktor auf Reisen, eine entdeckte Rezeptur aus Polen – und daraus entsteht eine der bekanntesten Süsswarenmarken der Welt. Sugus ist heute in über 30 Ländern erhältlich, vom südamerikanischen Argentinien über das europäische Belgien bis nach Vietnam und Thailand. In China und Hongkong trägt das Bonbon den Namen 瑞士糖, was wörtlich „Schweizer Zucker“ bedeutet – ein Hinweis auf die bis heute wirksame Herkunftsassoziation. Dabei ist die Verbindung zur Schweiz weit komplexer, als es die nostalgische Wahrnehmung nahelegt.
Historische Entwicklung
Die Geburtsstunde in der Krise
Die Geschichte des Sugus beginnt Ende der 1920er Jahre in einer für die Schokoladenindustrie schwierigen Zeit. Konsumgüter wie Kaffee und Kakao waren infolge weltwirtschaftlicher Verwerfungen rar und nahezu unerschwinglich geworden. Die renommierte Schokoladenfabrik Suchard in Neuenburg, gegründet 1825, suchte nach Alternativen, um das Überleben des Unternehmens zu sichern.
Der damalige Generaldirektor Hans-Conrad Lichti unternahm eine Recherchereise durch Europa und wurde in Krakau fündig. Dort stellte die polnische Niederlassung von Suchard bereits seit 1929 in Lizenz ein weiches Kaubonbon englischen Ursprungs her, das sich grundlegend von allem auf dem Markt verfügbaren unterschied. Das Produkt war weich, formbar und liess sich sowohl kauen als auch langsam im Mund zergehen lassen – eine damals neuartige Konsistenz.
Lichti erwarb die Lizenz für 500 Pfund Sterling zuzüglich einer Umsatzbeteiligung von sechs Prozent und überzeugte den Verwaltungsrat von der Idee. Bereits am 20. Mai 1931 findet sich der erste schriftliche Vermerk über das Produkt in den Protokollen der Direktionssitzung. Noch im selben Jahr kam das erste Sugus auf den Schweizer Markt.
Die Namensfindung als Markenstrategie
Der Name „Sugus“ ist kein Zufallsprodukt, sondern eine durchdachte Markenschöpfung. Er leitet sich vermutlich vom mittellateinischen sugus ab, das wiederum auf das lateinische sucus („Saft“) zurückgeht. Eine andere Deutung verweist auf das skandinavische suge mit einer Bedeutung ähnlich wie „saugen“ oder „lutschen“.
Entscheidend für den Erfolg war jedoch die praktische Dimension: Das Wort lässt sich von vorne und hinten gleich lesen, ist in vielen europäischen Sprachen leicht auszusprechen und die erste Silbe „Su“ erinnert an den Hersteller Suchard. Der Produktmanager Gaudenz Stricker brachte es 2006 auf den Punkt: „Das klingt exotisch und ist von Kindern leicht auszusprechen“. Eine frühe Meisterleistung der Markenpsychologie.
Materialität und Design: Die Ästhetik des Wiedererkennens
Das charakteristische Erscheinungsbild des Sugus war von Beginn an auf klare Wiedererkennbarkeit ausgelegt. Jedes Bonbon misst etwa zwei mal zwei Zentimeter bei einer Dicke von sieben Millimetern – ein kompaktes, handliches Format.
Das Farbkonzept erwies sich als genial einfach: Jeder Geschmack erhielt eine eigene Papierfarbe, sodass der Konsument ohne Lesekenntnisse sofort wusste, was ihn erwartete. Diese visuelle Kodierung reduzierte die kognitive Schwelle für den Kauf – insbesondere für Kinder, die eine zentrale Zielgruppe darstellten.
| Geschmacksrichtung | Farbe (historisch) | Farbe (heute) |
|---|---|---|
| Himbeere / Erdbeere | Rot | Rot |
| Ananas | Grün | Grün |
| Zitrone | Blau | Gelb |
| Orange | Orange | Orange |
Quelle: 20min.ch, 2006
Bemerkenswert ist die Umstellung des Zitronengeschmacks von blau auf gelb zu Beginn der 1990er Jahre sowie die Ablösung von Himbeere durch Erdbeere. Hier zeigt sich, dass selbst ikonische Marken Anpassungen vornehmen – oft mit geringerer öffentlicher Aufmerksamkeit als bei der jüngsten Rezepturaffäre.
Die Expansion: Vom Schweizer Produkt zum globalen Phänomen
Die internationale Expansion begann überraschend früh. Bereits in den 1940er Jahren wurden Sugus nach Südamerika, Afrika und Asien exportiert. Die geplanten Expansionen in den 1940er Jahren wurden durch den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Rohstoffknappheiten gebremst. Nach Kriegsende nahm das Wachstum jedoch Fahrt auf. In den 1950er Jahren expandierte Sugus in verschiedene Länder, und 1960 folgte der erfolgreiche Eintritt in weitere europäische Märkte.
Besonders bemerkenswert ist die kulturelle Verankerung in Spanien. Ein schwarz-weisser Werbespot aus den späten 1970er Jahren, in dem ein Junge seinen Busfahrer mit Sugus bezahlt, wurde zum kollektiven Erinnerungsanker einer ganzen Generation. Solche emotionalen Verknüpfungen sind das, was eine Süssware von einem beliebigen Konsumprodukt zu einem kulturellen Artefakt erhebt.
Die wahren Erfinder: Ein polnisches Erbe
Eine der grössten Unschärfen in der Sugus-Erzählung betrifft die Frage der Herkunft. Sugus wird gemeinhin als „Schweizer Original“ vermarktet – und das ist nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Die eigentliche Rezeptur stammt aus Krakau, wo die Suchard-Niederlassung in Lizenz ein ursprünglich englisches Kaubonbon produzierte.
Lichti selbst gab in einem Interview von 1951 zu Protokoll: „Unsere Zweigniederlassung Suchard in Krakau (…) stellte seit 1929, in Lizenz, ein Bonbon englischen Ursprungs her, das absolut anders war als alles, was es auf dem Markt gab.“
Die Schweiz lieferte also weniger die Erfindung als vielmehr die industrielle Skalierung, das Marketing und den Markennamen. Diese Verschiebung ist nicht ungewöhnlich in der Industriegeschichte – der Mythos der authentischen Herkunft ist oft ebenso wirksam wie die tatsächliche Produktionsstätte.
Die Rezeptur: Zwischen Geheimnis und Offenbarung
Das Rezept des Sugus war offiziell ein Betriebsgeheimnis – und das aus gutem Grund. Es besteht aus einer Mischung von Zucker, Glukosesirup, gehärtetem Palmfett, Gelatine, Citronensäure, konzentrierten Fruchtsäften (nur 0,5 Prozent des Gesamtvolumens), Aromen, Emulgatoren wie Lecithin und verschiedenen Farbstoffen.
Die geringe Menge an tatsächlichem Fruchtsaft – lediglich ein halbes Prozent – ist ein bemerkenswerter Hinweis darauf, wie sehr der Geschmack eines Sugus von Aromen und der Textur bestimmt wird, nicht von der Frucht selbst. Das Bonbon verspricht Frucht, liefert aber primär Zucker und Textur.
Die Gelatine war lange Zeit ein zentraler Bestandteil, der die charakteristische Konsistenz ermöglichte. Sie wurde jedoch mit der jüngsten Rezeptänderung durch modifizierte Stärke ersetzt – ein Schritt, der eine der grössten Kontroversen in der Geschichte der Marke auslösen sollte.
Der lange Abschied von der Schweiz: Besitzerwechsel und Produktionsverlagerung
Die Geschichte der Markenbesitzer ist eine Chronik der fortschreitenden Internationalisierung. Sie lässt sich in einer übersichtlichen Tabelle darstellen:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1931 | Markteinführung in der Schweiz durch Suchard |
| 1990 | Übernahme von Suchard durch Kraft Foods |
| 1993 | Verlagerung der Produktion von Neuenburg nach Frankreich |
| 2004 | Verkauf des Süssigkeitengeschäfts an Wrigley |
| 2005 | Sugus wird Teil der Wrigley Company |
| 2008 | Wrigley wird von Mars Incorporated übernommen |
Quellen: 20min.ch, 2025; Wikipedia
Mit der Produktionsverlagerung nach Frankreich 1993 endete die Ära des in der Schweiz hergestellten Sugus – noch bevor die Marke den Besitzer wechselte. Das heute im Handel erhältliche Sugus wird in Reims produziert, wo seit Jahrzehnten Süsswaren für verschiedene internationale Marken hergestellt werden.
Kulturelle Bedeutung: Mehr als nur ein Bonbon
Die Aufnahme von Sugus in das Kulinarische Erbe der Schweiz durch das gleichnamige Patrimoine culinaire ist mehr als eine Randnotiz. Sie ist die offizielle Anerkennung eines Produkts, das über den reinen Konsum hinausgewachsen ist.
In der Schweiz selbst waren die Zahlen beeindruckend: Rund 300.000 Sugus wurden täglich konsumiert, was jährlich bis zu 800 Tonnen entspricht. Diese schiere Menge spricht für die tiefe Verankerung im Alltag. Sugus war nicht nur ein Bonbon – es war eine Konstante in den Brotdosen von Schulkindern, ein kleines Mitbringsel für Nachbarn, ein Trostpflaster für kleine und grosse Wehwehchen.
In Spanien erreichte die Marke ebenfalls Kultstatus, während in Asien die Assoziation mit der Schweiz – dem Inbegriff von Qualität und Reinheit – bis heute wirkt. Diese multiplen kulturellen Verankerungen sind das eigentliche Phänomen: Eine Süssware, die über nationale Grenzen hinweg ähnliche emotionale Resonanzen erzeugt.
Die aktuelle Kontroverse: Rezeptwechsel und öffentlicher Aufruhr
Was sich geändert hat
Anfang 2025 nahm Mars Wrigley eine weitreichende Veränderung an der Sugus-Rezeptur vor – und kommunizierte sie nur am Rande. Die neuen Sugus sind:
- glutenfrei
- vegetarisch (keine Gelatine mehr, stattdessen modifizierte Stärke)
- in einem neuen Verpackungsformat (überlappende Enden statt des klassischen Eindrehens)
Quelle: 20min.ch, 2025
Der Aufschrei der Fans
Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Der Online-Süsswarenhändler Sweets.ch registrierte über 500 Beschwerde-E-Mails und fast 200 negative Facebook-Kommentare – zu 100 Prozent kritische Rückmeldungen.
Die Kritikpunkte im Wortlaut:
„Nun ist aber Schluss! Diese Produktveränderung ist schlichtweg eine Katastrophe!“
„Die Verpackung ist eine Katastrophe und auch geschmacklich hat das nichts mehr mit einem Sugus zu tun.“
Besonders die neue Verpackung wird als Rückschritt empfunden: „Das Papier klebt richtig fest“ – ein Problem, das die Benutzerfreundlichkeit massiv beeinträchtigt.
Wirtschaftliche Folgen
Die wirtschaftlichen Auswirkungen waren dramatisch. Sweets.ch verzeichnete einen Nachfragerückgang „praktisch auf null“ und nahm das Produkt aus dem Sortiment. Auch Detailhändler wie Coop und Migros bestätigten deutliche Rückgänge beim Verkauf.
| Händler | Reaktion |
|---|---|
| Sweets.ch | Produkt aus Sortiment genommen, Verkauf „praktisch auf null“ |
| Coop | „Mehrere enttäuschte Reaktionen“, deutlicher Nachfragerückgang |
| Migros | „Negative Kundenrückmeldungen“, deutlicher Nachfragerückgang |
Quelle: Bluewin.ch, 2025
Mars Wrigley verteidigte die Änderung als Anpassung „an die Wünsche der Konsumentinnen und Konsumenten sowie an Nachhaltigkeitsziele“ und betonte, das Geschmacks- und Texturerlebnis bleibe „selbstverständlich erhalten“. Diese Behauptung steht im eklatanten Widerspruch zu den Rückmeldungen der Kunden.
Kontroversen und Konflikte: Zwei unabhängige Affären
Es wäre fahrlässig, die 2025er Rezeptur-Kontroverse mit einem anderen Konflikt zu verwechseln, der denselben Namen trägt – aber eine völlig andere Branche betrifft. Die sogenannten „Sugus-Häuser“ beim Zürcher Hauptbahnhof sind farbige Wohngebäude, die ihren Spitznamen aufgrund ihrer lebhaften Fassaden erhielten. 2024 wurden über hundert Mietparteien dieser Häuser nach einer Massenkündigung mit dem Verlust ihrer Wohnungen konfrontiert.
Diese begriffliche Überschneidung ist ein gutes Beispiel für die Art von Unschärfe, die in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder auftritt. Die beiden „Sugus“-Affären haben nichts miteinander zu tun – sie teilen nur einen Namen. Die eine betrifft Süsswaren, die andere Wohnungsnot. Die eine ist eine Frage von Geschmack und Rezeptur, die andere von Mietrecht und Immobilienpolitik.
Quellen
Die folgenden Quellen wurden für diesen Artikel verwendet. Sie sind sämtlich öffentlich zugänglich und wurden im Rahmen der Recherche ausgewertet.
- 20min.ch: Sugus: Das Fruchtbonbon mit Sentimentalitäts-Bonus (2006)
- 20min.ch: Sugus unter Druck: Mars Wrigley verändert Rezept und Kunden reagieren negativ (2025)
- Ara.cat: ¿Quién inventó los Sugus? La historia del caramelo de una generación (2026)
- Bluewin.ch: Sugus schmecken plötzlich anders – Kunden reagieren empört (2025)
- Cinco Días (El País): Sugus, el caramelo que nació como alternativa al chocolate (2016)
- Patrimoine culinaire suisse: Sugus
- Tages-Anzeiger: Neues Sugus-Rezept empört Fans – die Nachfrage bricht ein (2025)
- Wikipedia: Sugus
- Wikipédia (französisch): Sugus
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