SPQR 2.0? Römische Dekadenz als Mahnung für die Führungskultur im Dax
Wenn heute über den Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert wird, fällt oft ein historisches Schlagwort: die römische Dekadenz. Einst Sinnbild für den Niedergang eines Weltreiches durch Maßlosigkeit, Korruption und den Verlust von Gemeinwohlorientierung, dient der Begriff zunehmend als Analogie für Fehlentwicklungen in der deutschen Wirtschaftselite . Doch wie weit trägt der Vergleich? Ein Blick auf die aktuellen Gehälter, die Führungsstrukturen und das Verhalten der Dax-Konzerne offenbart durchaus beunruhigende Parallelen zum spätrömischen Imperium – aber auch signifikante Unterschiede.
Die Anatomie der Dekadenz: Vom Rom der Kaiser zu den Dax-Vorständen
Der Niedergang Roms war kein plötzliches Ereignis, sondern ein schleichender Prozess, der durch innere Zerrüttung, wirtschaftliche Schieflagen und eine entfremdete Elite beschleunigt wurde . Diese historischen Bruchlinien lassen sich eins zu eins auf die Gegenwart übertragen.
1. Die unermessliche Kluft zwischen Arm und Reich
Im alten Rom klaffte eine immer größere Lücke zwischen einer kleinen, superreichen Oberschicht und der breiten Masse der Bevölkerung. Diese Entwicklung wiederholt sich heute in den Vorstandsetagen der Dax-Konzerne. Während einfache Arbeitnehmer um Reallohnverluste kämpfen, haben sich die Managergehälter von jeder realwirtschaftlichen Vernunft abgekoppelt.
Die Zahlen sind eindeutig: Im Jahr 2024 verdiente ein durchschnittlicher Dax-Vorstand rund 3,8 Millionen Euro . Die Vorstandsvorsitzenden der Spitzenkonzerne kassieren deutlich mehr. Allen voran SAP-CEO Christian Klein mit atemberaubenden 19 Millionen Euro, gefolgt von Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius (12,7 Mio. Euro) und dem Doppelverdiener Oliver Blume (VW/Porsche) mit 10,6 Millionen Euro .
Besonders perfide ist die Explosion der Gehaltsstruktur. So verdiente die Vorstandsriege von Adidas das 95-fache eines durchschnittlichen Mitarbeiters . Diese Schere erinnert an die spätrömischen Latifundienbesitzer, deren schier unermesslicher Reichtum in keinem Verhältnis mehr zu den verarmten Pächtern und Sklaven stand.
2. Maßlosigkeit und Selbstbedienung
Wo Dekadenz ist, da ist auch die Maßlosigkeit nicht weit. Das System der Vorstandsvergütungen ist ein Paradebeispiel für diese Entwicklung. Nur noch 32 Prozent der Bezüge sind fix, der Rest sind kurzfristige Boni und langfristige Aktienpakete . Diese Konstruktion zwingt Manager zwar zum Denken in Quartalszahlen, belohnt aber oft nicht den nachhaltigen Unternehmenserfolg, sondern geschickte Finanzakrobatik oder Aktienrückkaufprogramme, die den Kurs kurzfristig treiben.
So war der Mega-Bonus von SAP-CEO Klein weniger einem operativen Wunder geschuldet, sondern vielmehr dem Umstand, dass der Aktienkurs des Softwareherstellers seit 2020 um 126 Prozent gestiegen war . Dies erinnert an die römischen Prokonsuln, die ihre Provinzen ausplünderten, um sich in Rom selbst ein Denkmal zu setzen – der Unternehmenserfolg wird maximal kurzfristig zelebriert, der langfristige Niedergang jedoch oft eingeleitet.
3. Elitäre Abkapselung und fehlende Diversität (außer beim Geld)
Im alten Rom führten die Generäle und Senatoren ihre Privatarmeen und betrachteten das Reich als ihre Beute. Heute führen Manager ihre Konzerne oft wie eigene Fürstentümer – und schotten sich ab. Zwar wird Diversität großgeschrieben, in der Realität sieht es jedoch düster aus.
Die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) bescheinigt den Dax-Konzernen zwar eine bessere Unternehmensführung, bemängelt aber weiterhin eklatante Defizite: Frauen sind in Führungsebenen unterhalb des Vorstands massiv unterrepräsentiert . Und wenn Frauen es doch ganz nach oben schaffen, wie Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp, ist dies noch immer eine Schlagzeile wert . Die Gehaltsunterschiede sind frappierend: Weibliche Vorstandsmitglieder verdienten 2024 durchschnittlich 3,28 Millionen Euro und damit 24 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (4,02 Mio. Euro) . Eine neue, selbsternannte „Senatskaste“ formiert sich – vornehmlich weiß, männlich und abgeschottet von der Lebensrealität der Belegschaft.
Die aktuellen Gehälter: Ein Abbild des Niedergangs oder des Aufschwungs?
Interessant ist der Widerspruch in der aktuellen Datenlage. Während die einen Studien einen Anstieg der Gehälter um drei Prozent auf durchschnittlich 3,8 Millionen Euro vermelden , sprechen andere (wie die EY-Studie) von einem Rückgang um drei Prozent auf 2,57 Millionen Euro für einfache Vorstände . Dieser statistische Effekt erklärt sich vor allem durch die unterschiedliche Zusammensetzung der Stichproben.
Fakt ist jedoch: Die Schere innerhalb der Chefetagen öffnet sich. Während der Durchschnitt der Vorstände stagniert oder leicht sinkt, schießen die Spitzengehälter der CEOs durch die Decke. Die Top-Verdiener knacken immer neue Rekorde und entfernen sich in ihrer Bezahlung nicht nur von der Belegschaft, sondern auch von ihren eigenen Vorstandskollegen .
Der Leviathan und die Konzerne: Eine toxische Symbiose?
Im antiken Rom wurde der Staat zunehmend zu einem Selbstbedienungsladen der Mächtigen. Politikwissenschaftler wie Peter Sloterdijk warnen davor, dass diese Entwicklung auch in modernen Demokratien zu beobachten ist . Ökonomen wie Peter Seppelfricke zeichnen ein düsteres Bild einer „deutschen Dekadenz“, in der eine ineffiziente Politik und mächtige Unternehmen eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden – zulasten des Bürgers und Anlegers .
Diese Symbiose zeigt sich heute in der Diskussion um Subventionen, Lobbyarbeit und die Besetzung von Aufsichtsräten. Die Dax-Konzerne profitieren von staatlichen Rettungsschirmen und Förderprogrammen, während sie gleichzeitig Rekordgewinne einfahren und ihre Manager üppig entlohnen. Diese Doppelmoral – Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren – ist ein klassisches Merkmal einer dekadenten Spätphase des Kapitalismus.
Fazit: Noch ist es nicht so spät wie in Rom
So verlockend die Parallele zur römischen Dekadenz auch ist, sie hinkt an einer entscheidenden Stelle: Das Weströmische Reich ging unter, weil es irgendwann keine Kontrollmechanismen mehr gab. Der Dax hingegen unterliegt strengen Transparenzregeln, und Institutionen wie die DVFA oder Aktionärsvertreter (DSW) üben durchaus Kritik an der mangelhaften Vergleichbarkeit der Gehälter oder der fehlenden Nachhaltigkeitsorientierung .
Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack. Wenn die Vorstände der Dax-Konzerne weiterhin Gehälter beziehen, die in keinem Verhältnis zur Leistung und schon gar nicht zum Wohlstand der Belegschaft stehen, droht die Entfremdung zwischen Kapital und Arbeit endgültig unüberbrückbar zu werden. Die „römischen Verhältnisse“ in den Chefetagen sind kein Mythos – sie sind eine reale Gefahr für den sozialen Frieden und die langfristige Stabilität der Marktwirtschaft. Der Unterschied zu Rom ist nur: Wir haben noch die Chance, die Kurve zu kriegen, bevor die „Barbaren“ vor den Toren stehen.
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